Portraits & Interviews

Interview mit Almyra Bartkeviciute-Weigel

Almyra Bartkeviciute-Weigel

Ich habe die litauische Künstlerin Almyra Bartkeviciute-Weigel in ihrem Studio in Neukölln besucht, wo einige ihrer Kunstwerke  zu sehen sind. Viele davon sind allerdings noch in Litauen, wo sie zwei große Ausstellungen hatte.

Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Nach meinem Abitur habe ich in Kaunas, in Litauen, ein  Studium für Grafikdesign an einer Berufsfachschule begonnen. Ich habe in den Jahren studiert, als es noch keine Computer gab, ich musste also auch Kalligraphie mit der Hand schreiben. Wir haben damals alles mit der Hand geschrieben, ich erinnere mich heute mit so viel Nostalgie daran. Nach Abschluss dieser Ausbildung musste ich dann arbeiten. Ich habe eine Anstellung in einer Modefabrik gefunden und dort als Grafikdesignerin gearbeitet. Parallel dazu wollte ich schon studieren, es gab allerdings in Kaunas, dem Ort wo ich wohnte, keine große Auswahl. Es gab nur in drei Berufen die Möglichkeit eines Studiums – Textilkunst, Keramik und Innendesign. Ich fand Textilkunst interessant. Und irgendwie hatte ich schon immer das Interesse an den verschiedenen Materialien und Stoffen. Ich habe mit einem Abendstudium angefangen und nach zwei Jahren wurde das in ein ganz normales Studium umgewandelt

Ich habe mich während des Studiums schon vor der Wendezeit sehr für experimentelle Dinge interessiert. Wir haben sehr viel gelernt und uns mit den verschiedenen Techniken, die in den Rahmen der Textilkunst fallen, beschäftigt, darunter auch Weberei und Malerei und am Ende haben wir viel experimentiert mit verschiedensten Materialien.

Schon während ihres Studiums haben Sie ein Stipendium für eine Sommerakademie in Salzburg erhalten, das war damals etwas ganz Außergewöhnliches.

Ich habe mein Studium nach der Wendezeit abgeschlossen. Das war eine interessante Zeit. Wir waren völlig  abgeschnitten von der ganzen Welt und plötzlich gab es eine Möglichkeit, sich für ein Stipendium in Salzburg, in Österreich, zu bewerben, da Salzburg und Vilnius durch eine lange Städtepartnerschaft verbunden waren. Ich hatte das Glück, als einzige Studentin der Kunstakademie in Kaunas, das Stipendium zu bekommen. Das war im vorletzten Jahr meines Studiums – als ich zurückkam, musste ich mein Studium zu Ende machen. Dieser Aufenthalt in Österreich war damals schon etwas ganz Außergewöhnliches für mich, fast ein großer Kulturschock. Das war schon ein riesig großer Unterschied für mich als Persönlichkeit – alles was ich in Österreich gesehen habe.

Ich war nur zwei Monate weg, als ich zurückkam, musste ich mein Diplom machen. Und ich brauchte ein bisschen Zeit, meine Eindrücke aus Salzburg zu verarbeiten. Das war in Österreich ein ganz anderes Leben als das, was wir in Litauen aus der Sowjetzeit gewohnt waren. Auch im Kunstbereich die vielen Möglichkeiten und Materialien – was es da alles an neuem gab. Ich habe gesehen, dass sehr, sehr viel möglich ist.

Wie ging es nach dem Studium weiter?

Ich habe nach meinem Abschluss eine Arbeitsstelle an der gleichen Akademie in Kaunas bekommen, an der ich auch studiert habe. Am Anfang habe ich Textilkunstgeschichte unterrichtet. Ich war Assistentin, mit Textilkunstgeschichte musste ich anfangen. Aber dann hatte ich noch eine Möglichkeit, mich in Salzburg etwas länger aufzuhalten – ein halbes Jahr. Ich habe dort viel nach Literatur gesucht, denn wir hatten damals in Litauen nicht so viele verschiedene Fachbücher. Manche Bücher in Litauen waren auf Russisch, aber weitere fremdsprachliche Literatur gab es nicht viel.
Das ist ganz komisch, wenn man jetzt die Zeiten vergleicht. Heute sind die Bücherregale voll, damals jedoch habe ich für mein Lehrprogramm der Textilkunstgeschichte die Bücher noch in Österreich gefunden. Ich habe kopiert, Dias gemacht und die Texte übersetzt. Ich konnte noch wenig Deutsch und musste sehr, sehr hart arbeiten. Ich wollte für die Studenten ein aktuelles, „frisches“ Unterrichtsprogramm vorbereiten und es gab viel zu tun. Später habe ich dann nicht nur Textilkunstgeschichte unterrichtet, sondern auch praktische Disziplinen, alles was im Studium wichtig war.

Im Jahr 2001 sind Sie dann nach Berlin umgezogen und engagieren sich dort stark für die litauische Textilkunst.

Zwar lebe ich geografisch hier in Berlin, aber ich habe noch sehr viele und intensive Verbindungen zu litauischer Textilkunst und Textilkünstlern. Im Laufe der Jahre haben wir hier in Deutschland einige Ausstellungen mit litauischer Textilkunst kuratiert. Ich wollte die Textilkunst aus Litauen immer auch gerne in anderen Ländern zeigen.

Angefangen hat das alles  im Jahr 2005, dazu gibt es eine Vorgeschichte. Kurz nach meinem Umzug nach Berlin gab es im Jahr 2001 eine sehr schöne Ausstellung im Körnerpark hier in Berlin mit Batiken aus der Sammlung von Rudolf Smend aus Köln. Damals war ich ganz begeistert nicht nur von den ausgestellten Objekten, sondern auch von der wunderbaren Galerie im Körnerpark. Ich kam sofort auf die Idee nachzufragen, ob es möglich wäre, litauische Textilkunst dort auszustellen. Das Kulturamt Neukölln als Träger der Galerie war diesem Vorschlag gegenüber sehr aufgeschlossen  und 2005 hat dann die erfolgreiche und sehr gut besuchte Ausstellung „Die junge Textilkunst aus Litauen“ stattgefunden. Ein Jahr später habe ich Natacha Wolters kennengelernt und mit ihrer Unterstützung begonnen, Ausstellungen litauischer Studenten zu organisieren. Im Jahr 2006 haben wir dann erstmalig an der TEXTILE ART BERLIN teilgenommen.

Erzählen Sie von Ihrer eigenen Arbeit.

Seit etwa  9 Jahren habe ich dieses Atelier. Eine sehr produktive Zeit gab es gleich  in den Jahren 2006/2007. Damals hatte ich das Glück, vom litauischen Kultusministerium ein Stipendium zu bekommen. Ich habe an einem Projekt mit dem Titel „Schürze“ gearbeitet und während dieses Projekts für mich selbst sehr viele Erfahrungen gesammelt. Insbesondere konnte ich meine Arbeitstechniken stark weiterentwickeln.

Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich sehr viel experimentiert habe. Ich wollte mit allen möglichen Materialien arbeiten, die nicht nur zum Textilbereich gehören. Es war für mich anfangs schwer zu sagen, zu welchem Kunstbereich ich hier in Deutschland gehöre. In Litauen war man sehr an dieser experimentellen Textilkunst interessiert und wollte einen eigenen Weg finden. Wir waren nicht nur für die Textilwirtschaft ausgebildet worden, sondern auch dafür Kunst für Ausstellungen zu produzieren. Ich habe also sehr viel experimentiert – auch beispielsweise mit Spaghetti, mit den verschiedensten Materialien, die überhaupt nicht zum Textilkunstbereich gehören. Bei der Arbeit mit Spaghetti habe ich auch die Heißklebetechnik entdeckt. Später sind sie kaputt gegangen oder die Ratten haben sie auf dem Dachboden aufgefressen. Das war ein zu kurzlebiges Material, ich wollte etwas anderes finden. Mich hat in der Kunst immer die Durchsichtigkeit fasziniert. Alles ist leicht – mir gefällt Durchsichtigkeit im Leben allgemein. Ich habe versucht, die Strukturen, die ich mit Spaghetti gestaltet habe, nachzubilden und dabei die Heißklebepistole entdeckt. Das ist jetzt 25 Jahre her. In dem  Projekt „Schürze“ habe ich die Technologie, die ich selbst für mich entwickelt habe, in Kleidungsstücke umgesetzt. Das war meine Lieblingstechnik.

Vor ca. 4 Jahren habe ich begonnen, mich anderen Techniken zuzuwenden, wobei der experimentelle Charakter meiner Arbeit erhalten geblieben ist. Jetzt im Moment bin ich zu ganz traditionellen Materialien zurückgekehrt, wie Zeitungen und Papier, wobei ich die hieraus entstandenen Arbeiten keinesfalls als traditionell bezeichnen würde.

Sie hatten in diesem Jahr zwei große Ausstellungen in Kaunas und in Vilnius?

Ja, groß in wortwörtlichem Sinn, da ich in beiden Städten geradezu riesenhafte Räume zur Verfügung hatte. Ich habe sehr viel mit Zeitungen gearbeitet, ganze Wände zum Beispiel mit Zeitungspapier verkleidet, aber auch Raumobjekte und Bilder auf Leinwand geschaffen.
Wesentlicher Bestandteil dieser Ausstellungen war jeweils auch eine Performance des Tanztheater „Aura“ aus Kaunas.

Diese wirklich riesig großen Ausstellungen hatten für mich als Künstlerin eine sehr große Bedeutung. Es war wie ein neues Leben, wie eine Renaissance. In der Bibel steht an einer Stelle, dass der Mensch ein zweites Mal geboren werden sollte. So habe ich das bei mir persönlich erlebt und dann auch in meinem Beruf. Dieser Sommer war für mich sehr wichtig. Ich hatte den Mut, das zu machen, was ich früher nicht konnte. Zum Beispiel die Performance des Tanztheater „Aura“ in die Ausstellungen zu integrieren. Das Projekt hieß „Bewölkt mit Aufhellungen“. Mich hat dieser Titel bei den Arbeiten inspiriert, die ich während der Vorbereitung gemacht habe. Diese Aufhellungen kommen immer vor in der Natur und genauso im Menschen. Wenn wir Probleme haben, kommen mit der Hoffnung und dem Glauben die Aufhellungen.

Womit arbeiten Sie im Moment?

Im Moment arbeite ich weiter mit Zeitungspapier und auch mit Stofffäden. Das ganze Projekt hat angefangen mit den Erinnerungen an meine Oma: Ich erinnere mich daran, dass sie Wollknäuel auf zerknittertem Zeitungspapier aufgerollt hat. So bin ich zum Thema Medien und Zeitungen, Fäden und Textilien gekommen. Es hat mir ein so breites Feld eröffnet. Diese Zeitung – man versteckt die ganzen Informationen durch die Fäden und zwar solange, bis die Knäuel wieder abgerollt werden. Wenn du etwas Faden nimmst für dein Kleid oder strickst und nähst und dann findest du die alte Information wieder in den neuen Zeiten und diese Information hat plötzlich eine ganz andere Wirkung. Es gibt in Litauen einen Tanz in der Volkskultur, der heißt „Faden, Faden wickel dich auf…“. Dabei drehen sich Tänzer in einer Spirale. Ich habe so schöne Verbindungen gefunden zwischen den Medien, also den Zeitungen, die da drin versteckt sind, den Fäden, den Menschen, dem Leben der Menschen. Es sind sehr viele Berührungspunkte. Diese Idee hat mich inspiriert – dieses Alte aus der Volkskultur Gekommene. So ist dieses Projekt auch entstanden.

Ich habe eine Installation mit kleinen Knäueln, die an einer Wand hängen, geschaffen. Dazu habe ich bebilderte Zeitungsseiten mit Fäden umwickelt. Das ist auch für mich selbst eine interessante Arbeit – manche Stellen in der Zeitung sind versteckt und bei anderen kann man mehr entdecken. Ich habe darüber Fäden gespannt und dann umwickelt, genau so wie auf einem Knäuel. Nur die Gesichter habe ich offen gelassen, man kann hier die Gesichter sehen.

Auch das hier ist interessant. 16 Seiten dieser litauischen Zeitung habe ich mit weißen Fäden zugedeckt. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich ins Flugzeug steige und nach längerer Zeit wieder nach Vilnius in Litauen fliege, habe ich Sehnsucht nach der Heimat. Dann bekomme ich die Zeitung in die Hand und die Zeitung ist voll mit negativen Informationen. Darin steht wirklich sehr viel Negatives. Ich wollte das einfach zudecken. Das wirkt sehr steril und weich und weiß – man muss das aus der Nähe sehen.

Was planen Sie für die kommenden Jahre?

Ich warte hoffnungsvoll auf Zusagen. Ich habe mich für ein paar größere Ausstellungen beworben. Natürlich möchte ich mit diesen neuen Objekten weiterarbeiten. Ich würde gerne  eine Möglichkeit finden, sie hier in Deutschland zu präsentieren. In Litauen war das nur ein Anfang. Ich will weiter mit Zeitungspapier arbeiten. Ich möchte die Technik mit diesen Zeitungsschnüren weiterentwickeln, vielleicht mit größeren Formaten. Dann Installationen mit diesen Blasen, da kann man auch noch viel mehr machen, mehr aus dem Raum kommen, nicht nur so flach bleiben. Diese ganze Serie ist noch nicht am Ende angekommen – wobei manchmal sehne ich mich schon wieder nach neuen Sachen.

Ich war wie festgeklebt an der Heißklebertechnik, mit der ich früher gearbeitet habe. Es war für mich sehr schwer, das loszulassen. Das war die große Liebe. Man muss sich trennen und denkt, was soll ich jetzt für mich finden?

Es gibt auch eine schöne Vorgeschichte zu diesen Zeitungsfäden. Ich habe angefangen, nur mit normalen Fäden zu arbeiten, diese Knäuel zu drehen. Dann war ich im Sommer mit der Familie am Meer und es war für mich ein bisschen zu lange. Ich wollte eigentlich schon wieder arbeiten, nicht nur Strandurlaub haben. Ich hatte dort aber nichts. Dann habe ich angefangen, aus Zeitungspapier Schnüre zu drehen und auf Leinwand aufzukleben. So ist ein Zyklus von Bildern aus verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften entstanden. Jedes Bild ist ganz anders. Da sieht man schon, wie das jeweilige Papier einer Zeitung die Bilder beeinflusst charakterisiert. Manches ist farbiger, manche Oberfläche ist ruhiger.

In dem anderen Werk habe ich gezielt nur Papierschnüre aus Werbebroschüren genutzt. Zum Beispiel dieses Orange oder ein bisschen Rot ist von Media Markt und irgendetwas noch von Real oder von anderen Läden, die etwas Farbiges haben.  Da sieht man auch, dass das Papier von unterschiedlicher Qualität ist. Die Frankfurter Allgemeine hat so ganz schönes, feines Papier und es wirkt auch so ein bisschen heller und bläulich. Nur ein bisschen im Vergleich zum Beispiel mit der Berliner Zeitung. Wenn man dann die Fäden so nebeneinander hat, dann sieht man schon die Nuancen im Unterschied. Nicht alle Zeitungen bzw. Zeitschriften lassen sich gut verarbeiten. Am besten kann man einfaches Papier für diese Technik nehmen.

Werden Sie auch in 2015 wieder bei der TEXTILE ART BERLIN dabei sein?

Ja, ich werde wieder dabei sein. Ich kuratiere jedes Mal die Ausstellung der Studenten aus Litauen. Jetzt gerade sind wir bei den Überlegungen, was wir wieder ausstellen. Es ist schon interessant. Es kommen immer viele Besucher, oft auch immer die gleichen, die ganze Kommunikation – ich mag das.

2014 waren die gewebten sitzenden Damen von einer litauischen Künstlerin aufsehenerregend.

Die Künstlerin heißt Laima Oržekauskienė, sie ist eine  meiner Professorinnen. Es ist unglaublich, was sie macht. Sie ist eine große Dame, eine Pionierin. Sie hat sehr viel für die Textilkunst getan. Sie hat an sich selbst und auch an andere einen sehr hohen Anspruch.

In Litauen gibt es eine alte textile Tradition.

Ich hatte immer das Gefühl, in Litauen  ist diese Textiltradition tiefer. Meine Großmutter hatte einen riesig großen Webstuhl zu Hause. Es gab mehrere Räume, aber ein Raum war fast voll mit diesem riesigen Webstuhl. Sie hat alles gewebt, es war eine große Familie. Sie hat für die Kinder die Kleider gewebt, sie hat auch alle häuslichen Textilien, wie Tischdecken und Bettwäsche, selbst gewebt. Die nächste Generation, meine Mutter, hat auch noch gewebt, aber nicht mehr so sehr viel. Und heutzutage gibt es nur die Schulen, wo man dann das lernen kann. Aber zu Hause haben nur noch einige wenige Webstühle.

Herzlichen Dank, ich freue mich auf Ihre nächste Ausstellung!