Portraits & Interviews

Interview mit Bärbel Ambrus

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Die Architektin Bärbel Ambrus bot bei der TEXTILE ART BERLIN 2016 unter anderem Stoffe, die künstlerisch orientiert sind an den 1920er Jahren. Ihre Großmutter Alice Klank/Schedone arbeitete in den 1920er Jahren in Berlin im Bereich Flächen- und Textildesign sowie nach 1945 als Dozentin. Seit 2005 bereitet Bärbel Ambrus ihr textiles, kreatives Erbe auf.

Würden Sie ihre künstlerische Ausbildung und Laufbahn beschreiben?

Ein Leben ohne Kunst ist für mich unvorstellbar. Der Wunsch, selbst einen gestaltenden Beruf zu ergreifen bzw. künstlerisch tätig zu sein, bestand zeitig. Glücklicherweise ist mir seit vielen Jahren beides möglich. In meiner Tätigkeit möchte ich auch nicht zwischen „Design-Arbeit“ und „Kunst“ trennen, denn beides bereichert einander.
Als ausgebildete Architektin (Bauhaus-Universität Weimar, mit Vertiefung und Diplom am Künstlerischen Bereich) kann ich fundiertes gestalterisch-darstellerisches Rüstzeug und umfassende theoretische & praktische Kenntnisse nutzen. Ich habe langjährige Erfahrungen in Design- und Architekturbüros, im Bereich Grafikdesign und Ausstellungs-Gestaltung. Dies ermöglicht mir, 2D- und 3D-Themen, Fläche und Raum zu verbinden. Bei der Gestaltung visueller und räumlicher Lösungen gehen die Arbeitsfelder oft ineinander über, abhängig von Materialität, Dimension und inhaltlichem Anspruch.
Sehr anregend, fördernd und prägend war für mich meine Großmutter, Alice Klank/Schedone, eine Berliner Flächendesignerin und Textil-Dozentin. Inzwischen bereite ich ihr kreatives Erbe auf und entwickle eigene textile Designs.

Was sind Ihre bevorzugten künstlerischen Ausdrucksmittel?

In meinen künstlerischen grafischen Arbeiten arbeite ich gern inspirativ, denn ein Thema oder Motiv erfordert oft eine ganz individuelle Umsetzung und dazu ein eigenes Mittel. So nutze ich verschiedene Hoch- und Tiefdrucktechniken, Feinliner und Tusche, aber auch experimentelle Techniken. Ich sehe mich vorrangig als Zeichnerin. Ob luftiges Aquarell oder markante Radierung – meine Sicht und Darstellung sind meist skizzenhaft. Sie vermitteln den Eindruck leicht hingeworfener Fiktion, setzen jedoch ein geschultes Auge und geübte Darstellungstechnik voraus. Alles beruht auf Kreativität, viel Übung und dem fachlichen bzw. handwerklichen Vermögen, die Ideen mit den geeigneten Mitteln umzusetzen.
Dazu begleitet mich auch seit der Ausbildungszeit die Fotografie und seit etlichen Jahren ergänzt das Textilthema mein Portfolio – die kreativen Übergänge sind fließend.
Weitestgehend überschneiden und befruchten sich bei allem meine beiden Berufsfelder Grafik und Architektur – sie ergeben eine collagenhaft-konstruktive Bildauffassung. Gebautes und Landschaften werden zu Grafik und klaren Strukturen. Volumen und Körper lösen sich auf in reduzierte Formen, Farben, Flächen und Linien. Oder umgekehrt: Naturnähe und Erleben werden zu meditativen Verdichtungen, zu Schichtungen von Raum, Zeit und Inhalt.

Was inspiriert sie?

Für mich ist das Spannungsfeld Architektur & Grafikdesign sowohl Herausforderung als auch Inspirationsquell, insbesondere das Verhältnis und die Wandelbarkeit von Raum und Fläche.
Im Textilen reizt mich das experimentelle Arbeiten mit traditionellen Techniken sowie auch hier das Collagenhafte zur Umsetzung in zeitgemäße Kreationen.
Das treffende Bauhaus-Credo Less is more bedeutet für mich nicht Ignoranz oder Oberflächlichkeit sondern Konzentration und Reduktion, das Wesen der Dinge zu erfassen, das Nötige, die Essenz zu erhalten. Durch diese Sichtweise kann ich überraschende Motive und Neuinterpretationen schaffen, für Grafik und Foto, aber auch für Design. Neue Kontexte wirken anregend und der Blick des Betrachtenden wird geschärft für die Details unserer Umwelt. Nur Unterwegssein – als lokale, temporäre und persönliche Bewegung bringt diese Aufmerksamkeit, auch für die Dinge am Wegesrand. Und Offenheit für Neues, die Suche nach Möglichkeiten, Gedankenspiele und handwerkliche Neugier ergeben wiederum kreative Umsetzungen und grafische Vielfalt. Was bleibt also von unserer Bewegung? Was erzeugt Spuren, hinterlässt Abbilder und Strukturen, was weist den Weg? Solche Fragestellungen motivieren für Bildumsetzungen.

Ihre Großmutter war Stoffdesignerin, würden Sie mir dazu etwas erzählen?

Meine Großmutter Alice Klank/Schedone arbeitete in den 1920er Jahren in Berlin im Bereich Flächen- und Textildesign sowie nach 1945 als Dozentin. Seit 2005 bereite ich ihr textiles, kreatives Erbe auf.
Alice Klank (1906–1985) studierte an der Höheren Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie Berlin (heute HTW). Ihre heute noch erhaltenen Entwürfe aus den Zwanziger Jahren zeugen vom damaligen Zeitgeist. Dieser war einerseits geprägt von Reduktions-Bestrebungen im Sinne von Bauhaus und Neuer Sachlichkeit (was als internationale Moderne bis heute weiter besteht) und suchte andererseits in Überschneidungen der zeitgenössischen „Ismen“ seinen Ausdruck. Die Arbeiten von Alice Klank lassen sich mit den besten Schöpfungen der bekannten Designer in eine Reihe stellen und faszinieren mit femininem Feinsinn sowie expressiver Form- und Farbkraft.
Es ist ein Wunder, dass Alice Klanks großformatige, handgezeichnete und -gemalte Blätter Krieg und wechselhafte, oft entbehrungsreiche Zeiten überdauert haben. Im Jahr 2011 konnte ich eine Auswahl der Entwürfe, ergänzt durch handgearbeitete textile Exponate und erstmals gedruckte Dessins, in einer umfangreichen Ausstellung in Berlin präsentieren. Auch heute sind die neu gedruckten Musterstoffe zeitlos schön – dabei eindeutig erkennbar aus den „Goldenen Zwanzigern“ – und lassen sich vielseitig für Innenraum-Gestaltungen, im Bereichen Wohntextilien, Mode und Accessoires verwenden. Die Beschäftigung hiermit führte mich zur Entwicklung eigener Kreationen, die Bezug zu meinen Arbeitsfeldern Architektur und Grafik haben.

Sie bedrucken jetzt selbst Stoff, z.B. Leinen und Seide, lassen Sie sich da von den Arbeiten Ihrer Großmutter inspirieren? Entwickeln Sie ihre Muster weiter? Kreieren Sie eigene Muster?

Genauer gesagt: Ich lasse Stoffe drucken. Angefangen habe ich 2011, aus Anlass der von mir initiierten Ausstellung, mit den fantastischen 1920er Dessins meiner Großmutter. Ihre überlieferten expressionistischen Stoff-Entwürfe existierten ja bis dahin nur auf dem Papier. In der Druckerei nach gut 100 Jahren die fertigen Stoffe in Empfang zu nehmen, das war sehr bewegend. Vor kurzem konnte ich endlich die einheimische Produktion besichtigen. Das ist ein gutes Gefühl, zu wissen, wo und wie meine Produkte erzeugt werden. Mir ist die regionale und vertrauensvolle Zusammenarbeit besonders wichtig. Das wissen auch meine Kunden zu schätzen. Heute können die Entwürfe von Alice Klank in feinen Qualitäten wie Leinen und Seide, aber auch Polster- und Kleidungsstoffe geordert werden. Im Angebot sind Kleinserien, Einzelstücke und individuelle Anfertigungen für Kleidung, Accessoires und Raumdesign. Ich produziere – ganz nachhaltig – auf Bestellung: herrliche, authentische Dessins der Goldenen Zwanziger, das ist sehr exklusiv.
Das ganze schöne Textilthema begleitet mich inzwischen seit vielen Jahren: sowohl das rein Stofflich-Haptische und die Hand-Arbeit, als auch Theorie und Hintergrundwissen zu Techniken und Materialien, zur Ausbildung und Entwicklung von Textilberufen bis hin zu Modehistorie und Designanwendungen. Der Einstieg war also die Aufarbeitung des großmütterlichen Erbes. Dies gestaltet sich übrigens bei den empfindlichen historischen Original-Entwürfen nicht ohne umfangreichen zeitlichen, handwerklichen und finanziellen Aufwand. Da ich selbst eine künstlerische Ausbildung erhalten hatte, konnte ich den Wert des Erbes und seiner Erzeugung ermessen und vertiefen. Es begeisterte mich bald so sehr, dass ich eigene Entwürfe fertigte – auch dies hat wiederum Bezug zu meinen beiden Tätigkeitsfeldern Architektur und Grafik, geht es doch um die Umsetzung von grafischen Designs und textilen Kreationen für Körper und Raum. Meine Inspirationen hierfür sind – wie oben beschrieben – sehr vielfältig.

Wohin wollen Sie sich künstlerisch entwickeln? Was sind Ihre Pläne für die nächste Zukunft?

Mit meinen grafischen und künstlerischen Arbeiten werde ich es halten wie bisher, die meisten entstehen ganz ungeplant, inspirativ. Gelegentlich beteilige ich mich auch an Ausstellungen, Wettbewerben oder Kunstmärkten und aktiv als Mitglied im Graphik Collegium Berlin.
Was meine textilen Ambitionen betrifft: Architekten sind kreative Wesen und haben zu allen Zeiten gern neben den baulichen auch andere Dinge gestaltet. Meist waren das Interieurs und Einbauten bis hin zu Tapeten, Möbeln und Wohntextilien. Besonders bekannt wurden die „Gesamtkunstwerke“ Henry van de Veldes, der Besteck und Teppiche und auch die Kleider seiner Gattin kreierte. Dieses Übergreifende interessiert mich, denn ein Gebäude ist ja nicht nur die sogenannte „dritte Haut“ des Menschen, die unmittelbar auf sein Leben, sein Wohlsein einwirkt – umgekehrt kann auch ein Gebäude zur Inspiration werden für angewandtes Design, was sich wieder dem Menschen annähert, also wieder zu Kleidung und Wohnraumaccessoir wird. Hier sehe ich auch als Architektin künftig ein weites Betätigungsfeld für mich, dieses ästhetische Wirkungsgefüge noch stärker auszuloten.
Und nicht zuletzt – die Teilnahme an der Modenschau bei der Textile Art Messe 2016 war eine erfreuliche Erfahrung, die mir auch weitere Ansätze für neue Ideen bietet.
Mein Angebot wird hier also weiterhin aus den beiden Komplexen bestehen:
1920 Textile Tradition – Design der Zwanziger Jahre unter dem Label Alice Musterland
2020 Textile Zukunft – Kreationen für Körper und Raum aus dem Ambiente Design Atelier

Ich lade herzlich dazu ein, sich über aktuelle Entwicklungen und Termine unter www.feinliner.de zu informieren.

Vielen Dank für das Interview!