Portraits & Interviews

Interview mit Birgit Vogler

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Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Textilem. Wie hat das angefangen?

Die Beschäftigung mit einfachen textilen Arbeiten begann für mich in der Grundschule. Gefördert von meiner Lehrerin, durfte ich nach kurzer Zeit Stickarbeiten ausführen, die für die meisten aus meiner Klasse noch zu schwierig waren. Meine Grundschullehrerin hat somit den Grund gelegt und mein Interesse geweckt.  Besondere Anregung zu Hause gab es nicht, meine Mutter strickte zwar Strümpfe für die AWO, intensiver wurde die Begegnung mit Stoff bei meiner Tante, sie hatte eine Nähmaschine, an der ich die ersten Nähversuche machen durfte. Neben Mustersticken habe ich früh mit dem Stricken begonnen, erst für meine Puppen, später für die kleinen Nichten. Als Teenager habe ich dann begonnen, für mich zu arbeiten.
Freies gestalterisches Arbeiten begann in den 70er Jahren mit Makramee, intensiviert durch Kurse an dem von Beatrijs Sterk gegründeten Workshop in Hannover.
Nachdem Makramee sich gestalterisch ins Kunstgewerbe zurückgezogen hatte, habe ich mich dem Weben zugewandt. An einem Hochwebrahmen konnten Arbeiten entstehen bis zu einer Größe von 130×90 cm. Auf der gespannten Kette entwickelte sich das Bild ohne Fachwechsel. Mit den Fingern habe ich die Kettfäden aufgefächert und den Schussfaden von Hand durchgefädelt. In den meisten Fällen habe ich die Formen mit Filzstift auf die Kette gezeichnet, Bis zum Abschluss war die Arbeit vollständig sichtbar.

Irgendwie war aber das Arbeiten in der Fläche für mich nicht ganz zufriedenstellend, es gab verschiedene Versuche wenigstens von der Grundfläche aus nach vorn räumlich zu gestalten. Es wurden 20 Jahre Bildweben am Hochwebrahmen.

Wie sind Sie dann zum Filzen gekommen?

Auf Anregung von Frau Cohn fuhr im Juli 1994 eine Gruppe des Fachverbandes für Textilunterricht e.V. (Landesgruppe Schleswig-Holstein/ Hamburg) nach Lenzen an der Elbe zum Filzen. Bei hochsommerlicher Hitze, einer guten Einführung in die praktische Arbeit und einem interessanten Ambiente wurde ich folgenreich vom „Filzvirus“ infiziert.

Was ist das Besondere und Reizvolle am Filz?

Da hatte ich nun die Möglichkeit, problemlos körperhaft, dreidimensional zu gestalten. Die nahezu ungeordneten Wollfasern lassen sich zur Fläche, Hohlform und variationsreichen Fantasieformen zusammenfügen. Dauerte es 2-3 Monate bis ein größeres Webbild in der fast meditativen Arbeitsweise fertig wurde, konnte ich jetzt in wenigen Stunden ein Filzobjekt entstehen lassen. Vielleicht liegt es an meiner ersten Begegnung mit dem Filzen in Lenzen, dass für mich ausschließlich das nasse Filzen von Bedeutung ist. Ich arbeite schnell, bei größeren Objekten fast bis zur Erschöpfung. Nun fasziniert mich das Filzen als textile Gestaltungsform auch schon wieder 20 Jahre, die Kraft, mit der ich die ersten 15 Jahre filzen konnte, ist nicht mehr da, die Begeisterung für Filz ist ungebrochen.

Verwenden Sie eine besondere Wolle?

Ich arbeite überwiegend mit Merinowolle, vor allem, wenn es um tragbare Filzteile geht. Schals entstehen als Nunofilz in Verbindung mit Seide, selten Baumwollmull. Die Wolle, die ich verwende ist bereits gefärbt, ich kaufe sie im Kammzug bzw. Vlies.
Verglichen mit der Anfangszeit steht unterdessen eine reiche Farbpalette zur Verfügung.

Bitte beschreiben Sie einige Ihrer jüngeren Werke für uns.

Bei aller Begeisterung für das Körperhafte, filze ich natürlich auch flächig. Um die Wolle einer Lieferung auszuprobieren, habe ich mit einer kleinen Farbauswahl frei eine Fläche gefilzt. Die Farbflächen waren nicht scharf abgegrenzt, es entstand gewissermaßen ein farbiges „Wolkenbild“. Wie bei dem Kind, das im Sommergras liegt und in den Wolkenformen Wesen entdeckt, haben mich Wesen aus meiner gefilzten Fläche angeschaut. Ich musste also nur noch so weit Konturen sticken, damit andere Menschen diese seltsamen Gestalten auch sehen.

Sie hatten in den letzten Jahren regelmäßig einen Stand bei der Textile Art Berlin. Wie reagieren die Besucherinnen auf Ihre Werke?

Da ich seit 2005 regelmäßig bei der Textile Art Berlin bin, kann ich die Entwicklung gut beobachten. Zunächst war das Filzen noch nicht so verbreitet und die Arbeiten fanden große Beachtung. Meine farbigen Filzobjekte erregten großes Interesse. In den ersten Jahren war auch die Kaufbereitschaft wirklich gut, da viele der Besucherinnen nur wenig vom Filzen wussten. Im Laufe der Jahre wurde Filzen populärer, d.h. viele Besucherinnen hatten unterdessen Filzerfahrung. Das Interesse blieb, ebenso das Staunen über Objekte besonderer Art und Technik, aber hinsichtlich des Kaufs wurden die Besucherinnen zurückhaltender. Der Verkauf von nicht tragbaren Objekten ist schon eine Seltenheit. Da ich von meinen Filzarbeiten nicht leben muss, ist für mich die Teilnahme an der Textile Art Berlin immer noch ein Erlebnis.

Sie machen immer wieder Ausstellungen. Wo wird man Sie und Ihre Werke als Nächstes sehen?

In den letzten Jahren habe ich viel ausgestellt, vor allem das Jahr 2014 war voller Termine, so dass die Gestaltung neuer Arbeiten zu kurz gekommen ist. Bei den vielen Aufgaben rund um eine Ausstellung ist es schließlich auch eine Frage der Kraftreserven. Jetzt am 1. November bin ich beteiligt an einer Ausstellung in Tarp (Nähe Flensburg) zusammen mit 3 Kolleginnen: „Textile 4falt“. Der nächste Termin wird dann die Textile Art Berlin sein. Falls meine Bewerbung bei der Baltischen Miniaturtextil Triennale in Gdynia Erfolg hat, werde ich im Frühjahr in Gdynia dabei sein.

Die Textilkunst hat einen schweren Stand unter den Künsten. Worauf ist das Ihrer Meinung nach zurückzuführen?

Zunächst stimme ich Ihnen zu, was den schweren Stand betrifft. Doch es gibt meiner Meinung nach deutliche Unterschiede, denn in Polen und den skandinavischen Ländern ist Textilkunst im Bereich der bildenden Kunst durchaus gleichberechtigt zu Hause. In der bildenden Kunst gibt es zwar eine ganze Reihe Künstler, die mit textilen Materialien arbeiten. Die überwiegend von Frauen geschaffene Textilkunst wird bei uns häufig noch eher dem Kunsthandwerk zugeordnet. Möglicherweise ist die oft noch vorhandene Trennung zwischen Kunst und Kunsthandwerk bei uns in Deutschland ein Grund für diese Situation. Wenn in Stockholm ein namhaftes Museum zweitweise alle Räume für Sonderausstellungen des Bereichs der Textilkunst zur Verfügung stellt, macht das den Unterschied zu Deutschland sichtbar.
Bleibt zu hoffen, dass die für mich unbegründete Trennung zwischen Kunst und Kunsthandwerk bald aufgelöst wird, zumal die Arbeiten im Bereich Kunsthandwerk immer mehr reinen Objektcharakter bekommen.

Vielen Dank für das Interview!

Hier können Sie den Lebenslauf und die Ausstellungsbeteiligungen von Birgit Vogler als pdf-Datei herunterladen.