Portraits & Interviews

Interview mit Christine Bell

Christine

Für den Senior Experten Service (SES), Bonn hat Christine Bell bei fünf Einsätzen, zweimal in Kirgistan und dreimal in Tansania textile Projekte betreut. Christine ist beim SES gemeldet, wo ein Profil von ihr erstellt wurde. Als dann nach Expertinnen für textile Projekte gesucht wurde, wandte sich der SES an sie. Sie wird in Kürze für den SES zum vierten Mal nach Tansania reisen.  Sie erklärte mir:

„Der SES hat eine Datenbank mit Menschen, die bereits im Ruhestand und bereit sind, in Entwicklungsländern zu arbeiten. Praktisches Know-how ist gewünscht. Wir reden nicht von großen Projekten, sondern es sind Sachen wie z.B. die Buchhaltung, in einer Bäckerei arbeiten, in der Küche helfen und vielleicht sogar im Garten. Es gibt auch Projekte, bei denen es um Wasser geht – Wasser besser nutzen und einsetzen – oder um Einsätze in der Landwirtschaft. Es gibt sicher Ingenieurberufe, für die man auch sehr gerne Senioren holt.“

Wo war Dein erster Einsatz?

Mein allererster Einsatz für den SES war in Kirgistan, da habe ich mit Frauen in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet. Wir haben versucht, Projekte zu entwickeln und zu zeigen, was die Frauen, die in der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben, mit den Nähmaschinen noch machen können. Klamotten nähen können sie sehr gut. Es gibt noch sehr viele Dinge, die man lernen kann, zum Beispiel freies Maschinensticken oder Quilten, das wissen sie alles nicht. Das bringen wir ihnen bei.

Wir haben jetzt auch von Vlieseline wasserlösliche Proben bekommen und haben mit den Frauen Spitze oder Maschinenbilder gemacht. Diese Vliese gab es sogar im Handel, aber sie wussten nicht, was sie damit machen können. Wir stellen also diese Kenntnisse und Möglichkeiten vor. Im Sommer werden wir aber wahrscheinlich Patchwork machen, denn es gibt eine Patchworktechnik, nämlich Korak, die man in Zentralasien kennt. Die Frauen möchten aber gern unsere Techniken kennen lernen, unter anderem Paper Piecing.

In Tansania hast Du schon an zwei verschiedenen Standorten gearbeitet?

Beim ersten Einsatz in Tansania war ich auf der Lodge Hatari, die einmal Hardy Krüger gehört hat. Meine Aufgabe war, die Arbeit der Schneider dort zu verfeinern, ihnen ein bisschen zuzuarbeiten und letztendlich eine Modenschau vorzubereiten. Sie haben wenig Ausbildung – in Tansania ist es nicht unüblich, dass man sich mit einer Nähmaschine an eine Straßenecke setzt und sagt, ich bin ein Schneider. Es gibt natürlich Menschen, die tatsächlich eine Ausbildung haben, aber dort ist die Ausbildung anders. Es hat wenig z.B. mit Zuschneiden und Nähen zu tun, sondern einfach, wie bediene ich diese Nähmaschine. Da ist also immer einiges zu tun.
Diese Schneider sind eine gemischte Gruppe. Es hieß zwar, ich würde mit Frauen arbeiten, aber letztendlich waren es zwei Männer und drei Frauen.

Die Schneider leben in einem Dorf in der Nähe und kommen täglich zur Arbeit in die Lodge, ein Hotel. Sie müssen dort z.B. Bettwäsche reparieren und nähen Tischwäsche. Ich sollte die Schneider auf eine Modenschau vorbereiten, die der Öffentlichkeitsarbeit für die Lodge dienen sollte. Beim ersten Einsatz in dieser Lodge war ich drei Monate und beim zweiten Einsatz zwei Monate dort. Beim zweiten Einsatz war es meine Aufgabe, diese Kollektion tatsächlich soweit vorzubereiten, dass man sagen konnte, sie ist jetzt fertig. Und dann war ich bei der Modenschau in Daressalam auch dabei.

Wo war der zweite Einsatz in Tansania?

Beim zweiten Einsatz in Tansania war ich in einem Bildungszentrum, das von der Kirche getragen wird. Das ist ein Projekt aus Deutschland – eine Schule mit behinderten Kindern. Behinderung gilt in Tansania oft als Schande, so werden behinderte Kinder auch mal versteckt.
In diesem Zentrum gibt es die Möglichkeit, sich in mehreren Berufszweigen ausbilden zu lassen – es gibt eine Bäckerei, natürlich eine Schneiderei, eine Schlosserei, eine Schusterei und eine Tischlerei. Es gibt eine vierjährige Ausbildung. Bei den Schneidern war es so, dass es jemanden in Süddeutschland gibt, der Nähmaschinen sammelt, diese in Ordnung bringt und dann in Containern nach Tansania schickt. Und jeder, der diese vierjährige Ausbildung absolviert, bekommt am Ende dieser vier Jahre eine Nähmaschine geschenkt. Das bedeutet, dass man in sein Dorf zurückgehen und sofort in seinem Beruf arbeiten kann. Es gibt sowohl mechanische als auch elektrische Nähmaschinen. Bevorzugt werden natürlich mechanische Nähmaschinen, weil es oft Stromausfälle gibt. Und mit der mechanischen Maschine kann man immer arbeiten, solange es hell ist. Das war für mich interessant, denn ich musste das noch einmal lernen. Ich hatte das als Kind gemacht bei meiner Großmutter und jetzt kann ich wieder sehr, sehr gut auf einer mechanischen Maschine nähen.

Und ihr habt allerhand hübsche Ideen verarbeitet, ich habe schon von Kofferanhängern gehört, die sich gut verkaufen lassen.

Wir haben während meines ersten Einsatzes an diesem Zentrum Kofferanhänger gemacht und Coffee to go-Manschetten für die Tassen. Weil sie eine Bäckerei haben, bieten sie auch Kaffee an. Diese Manschetten haben wir so konzipiert, dass man sie auch als Armband tragen kann. Wir haben auch Schlüsselanhänger gemacht und aus gedrehten Fäden und Kordeln Schmuck hergestellt. Wir hatten eine ganze Menge Knöpfe gefunden, die in einem riesigen Karton waren und die haben wir jetzt zu Schmuck verarbeitet.

Die jetzige Einladung ist vom selben Bildungszentrum, aber es läuft etwas anders. Dieses Mal sollte ich einer Mitarbeiterin, einer Lehrerin dort, helfen, ihren Master zu machen. Sie soll innerhalb eines Jahres einen Laden aufmachen, um dort Produkte zu verkaufen. Wir sollen jetzt den Laden so weit organisieren, dass für Nachhaltigkeit gesorgt ist.
Wer kauft Eure Produkte?

Die Besucher in diesem Zentrum sind fast immer Europäer, die gerne etwas Afrikanisches haben wollen, aber sie können natürlich keine afrikanische Mode tragen, die in Größe 36 ist. Die Afrikaner selbst lassen allerdings fast immer ihre Klamotten nähen. Wir versuchen, eine Reihe von Projekten zu entwickeln, die man aus Stoffen vor Ort auch leicht nachmachen kann.

Woher kommen die Stoffe vor Ort?

Die Stoffe, die wir normalerweise benutzen,  sind von Vlisco dieser holländischen Firma, die für Afrika produziert. Manchmal haben wir auch Stoffe von der Elfenbeinküste, es gibt sehr viele chinesische Stoffe, die wir nicht nehmen, weil sie aus Polyester sind und ich finde diese nicht so tragbar. Aber es gibt heutzutage auch eine ganze Reihe chinesischer Stoffe, bei denen man nicht feststellen kann, ob es Polyester ist – wenn man nicht ein Streichholz benutzt und den Stoff anbrennen lässt. Die Stoffe sehen aus, als seien sie afrikanisch, das sind sie aber nicht.

Wir versuchen natürlich aus den Resten, die bei verschiedenen Projekten anfallen, auch weiterhin Schmuck zu machen. Da habe ich auch bereits eine Reihe von verschiedenen Projekten, die irgendeinen konkreten Nutzen besitzen. Nicht nur einfach irgendetwas, was hübsch ist. Das mag ich nicht gern, ich finde das auch nicht nachhaltig. Aber ich kann eine Anzahl von verschiedenen Vorschlägen einreichen, kann zeigen, was ich habe, und dann müssen wir uns etwas aussuchen.
Diesmal werden wir wahrscheinlich Lesezeichen machen, evtl. auch Puppen. Da würden wir ganz gern die Kinder in den Kursen motivieren, die auch schon ein bisschen nähen lernen. Man könnte schon so eine Art Lumpen-Puppe entwerfen. Eine Lumpenpuppe mit Lumpenklamotten.

Du sagst, man muss bei diesen Einsätze improvisieren können?

Es ist bei allen Einsätzen so, man muss improvisieren mit dem, was da ist. Das geht so weit, wenn die Nähmaschine kaputt geht, dann sagt man sich, o.k. wir bauen die Maschine auseinander. Wenn ein Teil kaputt ist, dann gehen wir in den Container, wo wir einige kaputte Nähmaschinen aufbewahren, und wir nutzen aus den kaputten Maschinen die Teile, die wir brauchen, um die Maschinen zu reparieren. Das ist in Afrika immer etwas problematisch, wenn eine Nähmaschine nicht funktioniert. Es gibt aber ein Allheilmittel und das heißt Öl, Öl, Öl und nochmals Öl, evtl. noch eine Nadel dazu.

Du fährst bei den Einsätzen immer zweimal hin?

Der SES sieht, wenn es machbar ist, gern, dass man zweimal geht. Dann kann man besser sehen, ob das, was man getan hat, tatsächlich Früchte getragen hat. Damit man sich besser einsetzen kann und die Dinge auch besser steuern kann. Man sieht, was in Vergessenheit geraten ist und wo noch ein bisschen mehr nachgeholfen werden muss.

Vielen Dank für das Interview!