Portraits & Interviews

Interview mit der Direktorin des Museums Europäischer Kulturen, Prof. Dr. Elisabeth Tietmeyer

Elisabeth_Tietmeyer

Erzählen Sie mir etwas über Ihren persönlichen Werdegang, wie sind Sie dahin gekommen, wo Sie jetzt sind?

Ich persönlich finde Textilien sehr interessant. Sie sind wirklich mein Ding. Das hängt auch mit meiner Herkunft zusammen, meine Eltern hatten ein Textilgeschäft, ich habe das Interesse am Textilen quasi schon mit der Muttermilch eingesogen. Ich konnte eher häkeln als laufen, wenn ich das so sagen darf.

Ich habe in Münster von 1979 bis 1985 Ethnologie studiert, Europäische Ethnologie – damals hieß das noch Volkskunde – und Soziologie als Nebenfächer. Meine Magisterarbeit habe ich zum Thema „Frauen heiraten Frauen in Afrika“ geschrieben. Für die Promotion führte ich dann in Kenia, eine Feldforschung durch, um dieses Thema genauer zu untersuchen. Warum heiraten Frauen Frauen bei den Kikuyu in Zentralkenia?, war das Thema meiner Studie. Danach bin ich nach Münster zurückgegangen und habe beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe gearbeitet, sehr viel im volkskundlichen Bereich beim Westfälischen Heimatbund und später als Volontärin beim Westfälischen Museumsamt des Landschaftsverbandes. 1993 bin ich dann direkt nach Berlin gekommen. Dort habe ich die Abteilung „Europa“ des damaligen Museums für Völkerkunde – heute Ethnologisches Museum – übernommen mit der Zielvorgabe, diese Abteilung „Europa“ mit dem damaligen Museum für Volkskunde in Berlin zu einem neuen Museum zusammenzuführen. Das hieß, dass wir das Museum neu strukturieren, ihm ein neues Profil geben und es europäisch erweitern sollten. Das Museum für Volkskunde – früher für „Deutsche“ Volkskunde – war in seiner wissenschaftlichen Ausrichtung auf Alltagskultur in Deutschland bzw. den „deutschsprachigen Gebieten“ konzentriert. Da aber Kultur vor nationalen Grenzen keinen „Halt“ macht, blieb dem Museum für Volkskunde überhaupt nichts anderes übrig, als sich europäisch zu orientieren. So haben wir durch die Zusammenführung der Abteilung „Europa“ und des Museums im Jahr 1999 das Museum Europäischer Kulturen gegründet. Das wissenschaftliche Interesse galt nach wie vor der Alltagskultur, aber immer bezogen auf das neue von mir maßgeblich mitentwickelte Profil des Hauses, ausgerichtet auf das Thema der „Kulturkontakte“. Ab dem Zeitpunkt war ich stellvertretende Direktorin. Wir haben alle unsere Aktivitäten dann natürlich auf unser neues Profil bezogen; zum Beispiel entwickelten wir die Veranstaltungsreihe „Europäische Kulturtage“, bei denen sich in unserem Museum eine Region, ein Land, eine Stadt oder eine ethnische Gruppe aus Europa vorstellt. In diesem Jahr finden die 12. Kulturtage statt, auf denen sich die südschwedische Region Småland vorstellt. Wie bieten den Besuchern so die Möglichkeit, Europa Stück für Stück kennen zu lernen. Auch über dieses Format haben meinen Kolleginnen und ich in Europa sehr viele Netzwerke etabliert, die uns bei vielen Aktivitäten nützen. Mein Vorgänger Konrad Vanja hat zum Beispiel mit vielen polnischen Kollegen zusammengearbeitet. Als er Ende 2012 in den Ruhestand ging, wurde die Direktorenstelle ausgeschrieben, die ich dann letzten Endes erhielt. Das war eigentlich ein ganz gerader beruflicher Weg.

(Ich habe Frau Dr. Tietmeyer um ein Bild eines ihrer Lieblingsstücke gebeten, hier ein ganz besonderer Schal:

Der doppelschichtige Schal aus gelben Seidenbändern mit roten Querstreifen ist aus Zigarrenbanderolen gearbeitet, auf denen noch die Markennamen, wie „Flor Fina“, oder „Mikado“, zu erkennen sind. Die Herstellerin, Rosa Jäckel (1888–1980), Ehefrau eines Druckereiarbeiters in Berlin, erhielt jeden Sonntag, wenn dieser sich eine Zigarre gestattete, das Seidenbändchen. Diese sammelte sie und fügte sie zu einem Schal zusammen. Ihre Enkeltochter, Ingrid Münchenhagen, schenkte dieses persönliche Objekt dem Museum.)

Das Museum hat ganz großartige Sammlungen, besonders interessiert uns natürlich, was das Textile anbelangt. Sie haben auch ganz fantastische Ausstellungen gemacht, zum Beispiel mit Intarsien-Arbeiten, aber nicht nur das.

Die Vorvorgänger-Institution des Museums Europäischer Kulturen, das Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes – gegründet von Rudolf Virchow, hat mit dem Sammeln von Trachten aus Mönchsgut auf Rügen begonnen. Ziel des Museums war es, durch das Sammeln von Objekten die Erinnerung an die ländliche Kultur zu erhalten, von der man glaubte, sie sei durch die fortschreitende Industrialisierung im Untergang begriffen. Viele Museen in Europa sind aus diesem „Rettungsgedanken“ heraus entstanden. Trachten spielten in den Sammlungen eine besonders wichtige Rolle – nicht zuletzt wegen ihres pittoresken Charakters. Bis i die 1980er-Jahre wurden noch aktiv Trachten gesammelt, vor allem in der damaligen Abteilung Europa; sie stammten aus Mittelost- und Südosteuropa. Mit der Zusammenführung der beiden Institutionen zum Museum Europäischer Kulturen haben wir also eine große Trachtensammlung erhalten.

Insgesamt haben wir ca. 33.000 Textilien aller möglichen Couleur, Art und Funktion: Unter- und Oberbekleidung, Trachten, Teppiche, Läufer, Stickmustertücher – also alles, was man sich vorstellen kann. Ein großer Bereich der Alltagskultur vornehmlich Ende des 19. Jahrhunderts ist damit abgedeckt. Aber wir sammeln natürlich auch Textilien der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart. Wir möchten nämlich Kulturerbe für die Zukunft bewahren, das jetzt hergestellt bzw. kreiert wird. Wir haben zum Bespiel sehr viele Erinnerungstücher und das jüngste, das wir erworben haben, ist riesig, vier mal vier Meter groß; es wird als „Aids-Memorial-Quilt“ bezeichnet. Er erinnert an acht Menschen, die an Aids verstorben sind. Freunde und Verwandte der jeweiligen Toten haben die Rechtecke bearbeitet mit Erinnerungsstücken belegt und diese gemeinschaftlich zu einem großen Quilt zusammengesetzt. Diese besondere Form des Erinnerns wurde in den 1980ern in USA erfunden und ist dann nach Europa gekommen. Es gibt in Schweden, in den Niederlanden und der Schweiz viele Organisationen, die diese Quilts gemacht haben. Wir bekamen unseren Quilt von der niederländischen Stiftung „NAMEN Projekt“ geschenkt und haben ihn jüngst ausgestellt. Das sind Dinge, die wir aufgrund ihres Bezugs zur Gegenwart sammeln und wir setzen damit auch unsere Sammellinien fort.

Wie bewahren Sie das auf, wie verhindern Sie, dass etwas durch Motten, Staub, Licht etc. zu Schaden kommt?

Wir haben ein professionell geleitetes Textildepot. Unsere beiden Textilrestauratorinnen sorgen für die sachgemäße Lagerung der Objekte: in säurefreien Kartons und Papieren, Abdeckungsschutz mit Vlies etc. Ihre Arbeit besteht vor allem in der Prävention: Insektenfallen, Lavendeltücher etc. Bislang haben wir noch keine Motten gehabt. Falls aber anderer Insektenbefall einmal vorkommen sollte, werden die entsprechenden Textilien in Tiefkühltruhen schockgefroren. Große Objekte werden in der sog. Entwesungskammer im benachbarten Ethnologischen Museum behandelt. Sobald wir Objekte von außerhalb erhalten, wird mit ihnen ebenfalls so verfahren, bevor sie ins Depot kommen. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Selbstverständlich sind alle Objekte dunkel gelagert.

Das ganze Konzept in Bezug auf Restauration von Textilien hat sich ja grundlegend geändert. Es wird ja nicht mehr „wie neu“ gemacht, sondern es wird erhalten, was da ist.

Ganz genau, es wird erhalten, was da ist. Und falls man wirklich etwas ersetzen muss, dann wird es auch kenntlich gemacht. Man sieht also sofort, dass es ein Ersatz ist. Nur in den wenigsten Fällen stellt man ein defektes Textilobjekt wie ein Original wieder her.

Ich habe mir das auch schon einmal zeigen lassen – dass es dann auf eine Unterlage genäht wird, dort befestigt wird, also erhalten wird, was da ist. Das ist neu als Konzept, das gibt es noch nicht so lange?

Das gibt es schon einige Jahre, unsere Restauratorinnen haben das eigentlich immer so gehandhabt. Es gibt sehr fragile Objekte – mir fallen spontan zerstörte Perlgewebe ein. Entweder werden sie gesichert, dass die sie nicht weiter zerfallen oder das Gewebe wird mit anderen Perlen sichtbar nachgearbeitet.
Was plant denn das Museum an textilen Ausstellungen zum Beispiel in der nächsten Zeit?

Wir veranstalten einmal im Jahr den sogenannten „Textiltag“, das machen wir schon seit vielen Jahren. Dort zeigen Künstlerinnen und Künstler ihre Kreationen, aber auch ihre Techniken, die sie dann auch in Mini-Workshops vermitteln. Diese Mitmachaktionen sind wahnsinnig gut besucht. Vor allem auch, weil sie intergenerativ sind. Die Besucherinnen sitzen an den Tischen und lernen verschiedene textile Techniken. Die Vermittlerinnen sind Textilkünstlerinnen, von denen viele auch auf der jährliche Textile Art Berlin ihre Kreationen präsentieren. Das Fantastische ist, dass diese Künstlerinnen sich ehrenamtlich auf den Textiltagen in unserem Museum engagieren, weil sie diese Aktion wirklich sinnvoll finden und es ihnen ungeheuren Spaß bereitet. Wir kennen uns mittlerweile seit Jahren und treffen uns zu den unterschiedlichsten textilen Anlässen – wir sind eben eine große Familie, die das Textile verbindet. Den Textiltag machen wir also einmal im Jahr. Ansonsten planen wir zum Reformationsjubiläum 2017 unseren außergewöhnlichen Teppich von Anna Bump auszustellen, den sie zum 100jährigen Jubiläum der Reformation 1617 gestickt hatte. Außerdem haben wir gerade eine wunderbare Ausstellung hinter uns mit dem Titel „Textile Vielfalt“. Hier stellten wir Kunst und Kreationen der Landesgruppe Brandenburg vom Fachverband Textil e.V. ..Wissenschaft …Bildung … Forschung vor. Dies waren Arbeiten aus 60 Jahren, denn die Landesgruppe ist in den 1990er-Jahren aus einem der vielen Textilzirkel des „künstlerischen Volksschaffens“ in der DDR hervorgegangen. Das war wirklich eine fantastische, kleine Ausstellung von und mit sehr aktiven Frauen, die zusammen mit uns auch alle Veranstaltungen organisiert und durchgeführt haben. Dies war ganz in unserem Sinne. Wir wünschen uns, dass die Menschen aktiv an der Museumsarbeit teilhaben. Das heißt, sie stellen uns ihre Kreationen nicht nur zur Verfügung, sondern sie „machen“ die Ausstellung, indem sie das Konzept erstellen und wir bieten ihnen den Raum und die Möglichkeit der Koordination und organisieren das Ganze mit ihnen zusammen. Das war eine unglaublich engagierte und ansprechende Ausstellung, und einen schönen Katalog haben wir dazu auch noch veröffentlicht.

Ich war dort und da gab es eine Dame, die das alles mit Hingabe erläutert hat.

Das war Jutta Lademann, die leidenschaftliche Initiatorin des Ganzen; sie hatte die Entwicklung der Gruppe maßgeblich mitgeprägt. Ich habe selten einen so engagierten Menschen getroffen. Abgesehen davon hatte sie alle Objekte „im Kopf“, die sie zeigen wollte, und sie hat alles ganz fantastisch und wunderbar dokumentiert. Das ist für uns natürlich sehr wichtig, denn für die Bewahrung von Kulturerbe ist die Dokumentation unerlässlich, nicht nur den Objekten selbst, sondern auch von ihrer Präsentation. Aus der Dokumentation von Frau Lademann ist ein riesiges Buch geworden, das sie dem Museum geschenkt hat.

Da Sie so viele Trachten haben, ist nicht einmal eine große Trachtenausstellung geplant?

Ach wissen Sie, das mit den Trachten ist so eine Sache. Die Menschen hegen wenig Interesse dafür, zumindest in Berlin. Hin und wieder haben wir noch ein Imageproblem, denn es gibt Menschen, die unser Museum mit der traditionellen deutschen Volkskunde des 19. Jahrhundert verbinden, wenn sie Bauernmöbel, Trachten, Handarbeiten usw. sehen. Wir haben wirklich Mühe, gegen dieses Klischee anzukämpfen. In der Dauerausstellung „Kulturkontakte. Leben in Europa“ präsentieren wir einen Querschnitt aus unserer Sammlung unter der Fragestellung: „Was passiert, wenn Kulturen sich begegnen?“: Entweder sie vermischen sich oder sie grenzen sich voneinander ab, und das zeigen wir anhand ausgewählter Objekte. Dazu gehören natürlich auch Trachten oder Möbel – mit ihnen erläutern wir, wie regionale und lokale Identitäten visualisiert werden. Wir zeigen diese Objekte nicht mehr in mehr in positivistischer Manier nach dem Motto: „So hat man sich damals auf dem Land gekleidet“. Eigentlich kann sich dies kein Museum mehr leisten, weil die Realität viel komplizierter war und ist, als es ein Museum darstellen kann. Wir müssen die Dinge reflexiver betrachten – zum Beispiel als Quelle der Inspiration anbieten. Ein treffendes Ergebnis sieht man in unserer Dauerausstellung zum Thema „Was ist europäische Identität und was ist europäische Kultur?“ Da wir dies nicht mit unseren Objekten zeigen konnten, sprachen wir mit dem Berliner Modedesigner Stephan Hann. Mit ihm verbindet man fantastische Kleider aus recyceltem Material. Wir beauftragten ihn, „europäische Kostüme“ für einen Mann und eine Frau herzustellen. Er ließ sich natürlich von unserer großen Trachtensammlung inspirieren und hat fantastische Kreationen entwickelt, die jetzt in der Dauerausstellung zu sehen sind. Daran diskutieren wir dann mit unseren Besuchern, ob es eine europäische Kultur gibt – wenn ja, warum zeigt sie sich nicht in Objekten wie es bei regionaler oder lokaler Kultur der Fall ist. Jeder sieht natürlich, dass diese beiden „Europa-Trachten“ ein Kunstwerk sind – dabei stellen wir dann auch immer klar, dass die meisten Trachten, die man in Museen sieht, ebenfalls Erfindungen aus dem 19. Jahrhundert sind. Einige „Ewig-Gestrige“ wünschen sich die „schönen alten deutschen Trachten“ im Museum zurück. Natürlich könnten wir eine Trachtenausstellung zeigen, aber nur unter den eben genannten modernen Fragestellungen – die heile Welt ist passé.

Man wird dann gleich in so eine national-deutsche Ecke gestellt?

Wir haben viele Trachten aus Ostmitteleuropa – dieser Vorwurf wäre schon von daher nicht gerechtfertigt. Aber als was stellt man Trachten dar, wofür sollen die stehen? Und was sind „deutsche“ Trachten? Natürlich gibt es noch heute universitäre Forschungsprojekte zum Thema „Tracht“: Die Publikationen sind hoch interessant. Aber die Ergebnisse wären nur mit sehr viel Text in möglichen Ausstellungen zu vermitteln – da würden wir mit Sicherheit auf ein eher geringeres Interesse bei Besuchern stoßen, denn wer liest schon gerne viel in Ausstellungen!

Wird das Museum später in das neue Stadtschloss umziehen?

Nein, wird es nicht, weil die Museen der außereuropäischen Kulturen – das Ethnologische Museum und das Museum für asiatische Kunst – sich dort präsentieren sollen. Wir bleiben vorerst in Berlin-Dahlem. Geplant ist aber langfristig, dass wir zu den europäischen Kunstmuseen ans Kulturforum ziehen. Die Idee ist gut, weil das Museum Europäischer Kulturen mit seinem alltagskulturellen und gegenwartsorientierten Ansatz die Kunstmuseen gut ergänzen würde. Nur stellt sich uns die Frage, wann das umgesetzt werden soll. Dort wird gerade ein weiteres Kunstmuseum gebaut, da hat man jetzt wirklich ganz andere Pläne. Es gibt schon seit Jahren am Kulturforum ein weiteres freies Grundstück an der Tiergartenstraße neben dem Kunstgewerbemuseum, aber es muss auch der politische Wille vorhanden sein, noch ein neues Gebäude zu bauen. Den sehe ich zurzeit nicht – zumindest nicht die Dringlichkeit bei den Entscheidungsträgern. Es steht also noch in den Sternen, wann wir umziehen werden. Wir bleiben erst einmal in Dahlem und werden einige nach dem Umzug frei gewordene Räume belegen – an Ideen, Themen und Objekten fehlt es uns nicht, sie zu füllen. Schön wäre es, wenn andere Sammlungen oder europäisch orientierte Institute zu uns kämen, damit wir uns gegenseitig ergänzen, die Synergieeffekte nutzen und vor allem kooperieren könnten. Wenn wir alleine in dem großen Museumskomplex bleiben, werden wir es in Zukunft sehr schwer haben.

Vielen Dank für dieses Interview!