Portraits & Interviews

Interview mit der Malerin, Modedesignerin und Sammlerin Wang Lan

Wang Lan

Die chinesische Künstlerin Wang Lan wird bei der TEXTILE ART BERLIN 2017 am 24. und 25. Juni 2017 zwei Workshops geben: Chinesische Tuschmalerei und Kalligraphie sowie Chinesische Stickerei – Techniken und Symbole. Ich konnte sie besuchen und interviewen.

Wang Lan ist in der sehr bergigen Provinz Guizhou im äußersten Südwesten Chinas mit Wurzeln in der Miao‐Kultur aufgewachsen. In Guizhou gibt es 16 verschiedene Minderheiten, die Miao sind die zahlenmäßig größte. Schon als kleines Kind habe sie Stricken gelernt. Da die Familie vor allem während der Kulturrevolution sehr wenig Geld gehabt habe, sei es beispielsweise nicht möglich gewesen, ihr eine Puppe zu kaufen. Also habe sie sich selbst eine Puppe und deren Kleider genäht.

Sie hat an der Kunsthochschule des Minoritäteninstituts der Provinz Guizhou klassische Tuschemalerei studiert. Ich frage sie, ob es schwierig gewesen sei, dort einen Studienplatz zu bekommen. Sehr, sehr schwierig, sagt Wang Lan mir. Beim ersten Versuch habe es nicht geklappt, es hätten nur ein paar Punkte gefehlt. Sie habe dann eine Weile in einer Druckerei gearbeitet und sich nebenher in Kursen weitergebildet. An der Kunsthochschule in Shanghai habe sie später ebenfalls Tuschemalerei studiert.

1997 sei sie nach Deutschland gekommen und habe sich an der Kunsthochschule Kassel für den Studiengang Textildesign eingeschrieben. Damals hätten sich dort über 1000 junge Menschen beworben. Sie habe das Glück gehabt, als eine von 24 einen Studienplatz zu bekommen. Im letzten Studienjahr habe sie bei einer neuen Professorin Mode studiert. Sie habe sich stark auf Plissee konzentriert, denn das sei eine Tradition bei den Miao gewesen.

In Deutschland habe sie versucht, diese Art des Plissees mit Polyesterstoff herzustellen. Ihre Abschlussarbeit an der Kunsthochschule in Kassel haben aus Plisseekleidern bestanden. In diesem Rahmen habe sie eine richtige Modenschau gemacht, zu der sehr viel Publikum gekommen sei. Plissierte Kleidungsstücke von Wang Lan können Sie in diesem YouTube-Video sehen, das bei der TEXTILE ART BERLIN gedreht wurde https://youtu.be/Sq1PNzxkp74

Wang Lan hat bis 2006 in Modefirmen in Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und Berlin gearbeitet. Jetzt verkauft sie ihre eigene, vorwiegend aus edlen Stoffen hergestellte Kollektion in zwei Boutiken in Berlin.

Ab Ende Februar werden vier Teile aus der Trachtensammlung von Wang Lan im Nordwestdeutschen Museum für IndustrieKultur in Delmenhorst gezeigt.  Sie wird dort auch acht ihrer Stickereibilder ausstellen.

Das Nordwestdeutsche Museum für IndustrieKultur präsentiert vom 26. Februar bis 20. August mit „Von Schmetterlingen und Drachen“ eine Ausstellung mit textilen Schätzen südchinesischer Bergvölker. Neben Wang Lan stellen auch die Sammler Friedhelm Petrovitsch und Ferdinand Aichhorn Stücke aus ihren Sammlungen aus. Mehr Informationen dazu erhalten Sie hier.

Die Miao leben heute unter anderem in Laos, Burma, Indonesien und Thailand, die meisten allerdings an der südlichen chinesischen Grenze. Sie leben immer in den Bergen, nie in der Stadt. Sie bauten früher selber Baumwolle an, sie webten, färbten, nähten und bestickten ihre Bekleidung. Heute allerdings sei das leider nicht mehr der Fall.

Bei den Miao wurden die Plisseeröcke in einem 49 Tage dauernden Verfahren plissiert. Zuerst werden die kleinen Falten von Hand gelegt, das allein dauerte Tage. Dann wurde der Stoff zusammengepresst, verschnürt, beschwert und gedämpft. Das wurde erst aufgeschnürt, wenn der Stoff von selbst getrocknet war, deshalb dauerte es so lange. In der Regel wurde Plissee auch nicht im Sommer hergestellt, denn da arbeiteten die Leute auf den Feldern. Wird heute noch ein Rock auf diese Weise hergestellt, ist es extrem teuer, wie Wang Lan bei ihrem letzten Besuch bei den Miao feststellen musste. Bei Festen würden dort heute drei Viertel aller Frauen eher Konfektionskleidung aus der Fabrik tragen. Die Kleidung sei nicht mehr aus Baumwolle und die Stickereien seien mit der Maschine gemacht. Nur die Alten trügen heute noch die handgefertigte Tracht.

Jedes Gebiet habe seine eigene Tracht. In Tongren beispielsweise würden die Frauen nur bestickte Hosen tragen, in Guizhou-Südost dagegen würden sehr lange und sehr kurze Röcke getragen. Die kurzen Röcke seien schon eher Miniröcke. In einem Gebiet würde der glänzende Baumwollstoff genannt Liangbo verwendet. Damit der Stoff glänze, werde er mit einem Sud aus Pflanzen und Rinde behandelt. Der Stoff werde gefärbt und lange geschlagen, dieses Verfahren werde immer wiederholt.

Ich frage Wang Lan, was das Besondere an der Stickerei der Miao sein. Sie holt etwas aus und erklärt, die Miao hätten eine eigene Sprache, aber keine eigene Schrift. Die Stickereien erzählten häufig eine Geschichte in Bildern. Jedes Motiv sei ein Symbol und habe eine eigene Bedeutung. Die Miao glaubten zum Beispiel, ihr Volk stamme von einem Schmetterling ab. Der Schmetterling stehe auch für Schönheit und der Vogel für Freiheit. Auch der Drache, eigentlich ein chinesisches Symbol, komme vor, aber in anderer Form; so habe ein Vogel beispielsweise einen Drachenschwanz, ein Hund ein Drachenmaul. Auch eine Blume stehe für Schönheit. Andere Motive wie eine Wellenlinie bedeuteten Wasser oder Fluss. Die Miao hätten mangels eigener Schrift ihre Geschichte mündlich oder mit der Stickerei weitergegeben. In Kriegszeiten seien Informationen und Botschaften aufgestickt worden.

Diese Tracht stammt aus dem Südosten Chinas. Die Jacke ist reich mit Silber bestickt. Je mehr Silber, desto reicher sei die Familie, erklärt Wang Lan.

Wang Lan gibt zahlreiche Kurse z.B. in Tuschemalerei. Des Weiteren unterrichtet sie Kinder, zum Beispiel in einer AG für kreatives Arbeiten.