Portraits & Interviews

Interview mit Gabriele Kluge

Portrait

Bei der TEXTILE ART BERLIN habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder die gestrickten Kunstwerke von Gabriele Kluge und ihren Schülerinnen bewundert.  Aus der Ferne betrachtet wirken die gestrickten Bilder wie gewebt. Höchste Zeit, Frau Kluge zu interviewen und nach ihrer Strickmethode zu fragen.

Auf meine Eingangsfrage, wann sie zuerst mit dem Stricken in Berührung gekommen sei, antwortet sie mir, sie erinnere sich gar nicht. Ihre Mutter und ihre Großmutter hätten es ihr wohl schon als ganz kleines Mädchen beigebracht. In der Schule habe sie es sicherlich nicht gelernt. Dort habe es zwar Handarbeitsunterricht gegeben, da sei aber nur eine Schürze genäht worden. Da muss ich lachen, denn genauso ging es mir selbst auch: im Handarbeitsunterricht wurde von Hand eine Schürze genäht, die ich nie getragen habe, Frau Kluge ihre im Übrigen auch nicht.

Ich frage Frau Kluge, ob sie eine textile oder künstlerische Ausbildung erhalten habe. 1972 oder 73 habe sie in Berlin bei Helga Graupner eine Ausbildung in künstlerischer Textilgestaltung absolviert. 1975 sei sie beruflich bedingt nach Schwerin umgezogen und habe dort ihre Ausbildung bei Christiane Dreyer, einer Bildweberin fortgesetzt. Bis zur Wende habe sie in Schwerin gelebt. In dieser Zeit habe sie verschiedene Gruppen geleitet, darunter eine Modegruppe. Von 1980 bis 1989 habe sie in Schwerin Leiter für künstlerisches Volksschaffen ausgebildet. Wo immer sie gewohnt habe, habe sie Gruppen gegründet.

Ihren besonderen Stil hat Frau Kluge unter ganz besonderen Bedingen entwickelt. Sie erzählt, sie sei Anfang 1989 schwer an einer Hepatitis erkrankt. Sie habe in der Quarantänestation im Krankenhaus lange Wochen liegen müssen und bekam von den Ärzten den Rat, ihren Kopf anzustrengen, denn die Hepatitis könne auch das Gehirn belasten. Sie habe überlegt, was an Handarbeit in einem Krankenhausbett in Frage kommen könnte. „Mir fiel ein, was am kurzweiligsten ist, ist Bilderweben, wir hatten in Schwerin ja eine sehr gute Weberausbildung bekommen. Ich dachte mir, ich würde gerne Bilder weben, das wird nämlich überhaupt nicht langweilig. Aber natürlich ging in einem Krankenhausbett ein Webrahmen nicht, auch kein kleinerer.“ Sie habe deshalb ihren Mann gebeten, ihr Garn und Stricknadeln mitzubringen. Beim Bilderweben werde doch der Schussfaden nicht quer durch die ganze Breite der Kette geschossen, sondern es werde mit dem Schussfaden nach oben gearbeitet, als wolle man stopfen. Sie habe sich gedacht, das müsste doch beim Stricken mit verkürzten Reihen nachzubilden sein. Das sei der Ursprung gewesen. „Ich wollte im Grunde genommen keine neue Stricktechnik entwickeln, ich wollte das Bilderweben simulieren und wenn Sie sich die Strickbilder angucken, dann ist das auch so.“ Wenn man die Strickbilder mit etwas Abstand betrachte, dann dächten viele, es sei gewebt. Bei dieser Art zu stricken sei vieles besser als beim Weben. Es sei möglich, die Richtung zu wechseln, also vertikale an horizontale Reihen anzustricken.

Sie habe mit Hilfe von riesigen Bögen Rasterpapiers, auf denen früher Kreuzstichmuster entwickelt wurden, aufgeschrieben, wo sie gestrickt habe. Allerdings habe das Zeichnen länger gedauert als das eigentliche Stricken. Das dauerte ihr zu lange und sie suchte nach einer anderen Methode. Sie habe zunächst Fäden und Büroklammern zu Hilfe genommen, heute würden ganz normale Sicherheitsnadeln verwendet, die die Zeichnung abgelöst hätten. Das Besondere bei dieser Art des Strickens sei, erzählt sie: „Wir nehmen eine Spielregel in unseren Kopf, die auf mathematischen Folgen und Reihen beruht.“ Das Stricken sei eine ganz rhythmische Sache. „Dieser Rhythmus ist wie eine Musik, wie eine Melodie, die ich in meinen Kopf nehmen kann. Ich schreibe sie mir auf einem winzigen Zettel auf und kann damit aber riesige Bilder stricken.“ Es gebe keine Anleitungen wie in normalen Strickheften. Es sei wichtig, ein Stückchen Abstand zu nehmen. Zwar werde der „genetische Kode“, wie sie es nennt, selbst entworfen, dann aber dann werde etwas Abstand genommen, sozusagen eine Beobachterstellung eingenommen und gesagt, das ist der Kode und den mache ich jetzt einfach.
Der Begriff Strickrausch stamme nicht von ihr, sagt Frau Kluge. Eine Kursteilnehmerin habe es so genannt, weil es so spannend sei.

Die Strickrauscherinnen stricken nicht – wie sonst üblich – nach festen Anleitungen, jede Arbeit sei anders. Jede habe quasi einen genetischen Kode entworfen und stricke danach. Die Arbeiten seien daher auch nicht kopierbar. „Gelegentlich müssen wir lachen, wenn auf Ausstellungen Leute kommen und sagen, ach, das sind ja nur verkürzte Reihen, komm, wir gehen nach Hause und ich zeige Dir das. Aber das geht so nicht. Wir können ja noch nicht einmal unsere eigenen Arbeiten kopieren.“

„Wir stricken mit Garn-Melierungen, das heißt, dass ich vier oder fünf ganz dünne Industriefäden zusammennehme und damit stricke. Unterschiedliche Farben. Beim nächsten Feld wechsle ich vielleicht nur eine Farbe aus. Das ist eine ganz feine Nuancierung. Wir sagen im Grund dem Auge, misch dir das im Gehirn. Die Pointilisten haben Ähnliches in der Malerei gemacht. Sie haben ganz feine Pünktchen in intensiven Farben nebeneinandergesetzt, um eine andere Farbwirkung zu erzielen als beim Einfärben. Wenn ich vier oder fünf Fäden in der Hand halte, kann ich, wenn sie nebeneinanderliegen, mir noch nicht vorstellen, wie es aussehen wird, wenn es verstrickt ist.“ Auch das mache es sehr spannend. Meist werde eine ganz dünne Baumwolle verwendet mit einer Lauflänge von 1700 Meter auf 100 Gramm.

Auf die Frage, ob auch sie auch mit der Strickmaschine stricke, antwortet Frau Kluge, sie habe vor vielleicht 30 Jahren einmal mit einer Maschine gestrickt, seither aber nicht mehr. Man könne damit auch nicht im Wohnzimmer beim Fernsehen arbeiten, denn der Lärm des Geräts störe beim Krimi. Handstricken sei dagegen Erholung. Zahlreiche Teilnehmerinnen in ihren Gruppen, die teilweise anstrengende Berufe hätten, strickten zur Entspannung. Wenn man nämlich nach einer Vorlage arbeite, die jemand anderes entworfen habe, müsse man ja versuchen, sich in dessen Gedankenwelt zu versetzen. „Viele sagen, dass sie ihre eigenen Gefühle, ihre eigenen sinnlichen Wahrnehmungen mit einstricken. Bei bestimmten Bildern weiß ich genau, wo ich es gestrickt habe, dass ich einen Kaffee getrunken habe und dass das Meer gerauscht hat.“ Wer etwas länger dabei sei, komme in eine Art der Tiefentspannung. Bei Kursen komme es vor, dass 12 Frauen in einem Kurs beisammensäßen und es werde nicht gesprochen. Nicht, weil Reden nicht erwünscht sei, sondern weil jede in ihrer eigenen Welt sei.

Frau Kluge berichtet, es laufe ganz viel über das Internet. Man könne sich mithilfe der vorhandenen Technik sehen und könne das Gestrickte in Echtzeit – auch vergrößert – am Bildschirm ansehen. Mit der heutigen Technik sei künstlerische Arbeit sehr gut möglich. Viele meinen, man müsse zusammensitzen. Das müsse man auch gelegentlich, um sich persönlich kennenzulernen. Die Dinge, die in Onlinekursen entstünden, seien besser, da mehr Zeit sei. In einem Live-Kurs gebe es nur eine bestimmte festgelegte Zeit, in der alles aufgenommen und verarbeitet werden müsse. Online sei mehr Zeit. Kursteilnehmerinnen könnten auch mitten in der Nacht Lehrvideos anschauen. In Kürze starte ein neuer Kurs. Da werde man sich einmal in der Woche zu einer bestimmten Zeit im Internet treffen. Es könnten sich dabei alle persönlich mit einem Live-Bild sehen. Lösungen für Probleme könnten in der ganzen Gruppe gesucht werden, sie als Kursleiterin müsse die Antworten nicht vorgeben. „Wir nutzen sozusagen die Schwarmintelligenz aus“, sagt Frau Kluge.

Auf die Frage, ob auch Bekleidung mit dieser Methode gestrickt werde, antwortet Frau Kluge, die große Stärke ihrer Methode seien die Bilder. Es sei einfacher, ein Bild zu stricken als Bekleidung, denn das Bild müsse nicht passen, nur der richtige Rahmen müsse gesucht werden. Die Ausstellung bei der Textile Art Berlin 2018 werde das Thema „Entwicklungslinien“ haben. Genau das solle an einigen Beispielen gezeigt werden. Der Prototyp stamme meist von ihr, dann entstünden Bilder und im Nachgang könne auch Bekleidung dazu entstehen. Man könne zum Beispiel dickeres Garn nehmen, in der Mitte des Gestrickten ein Loch lassen und schon habe man einen Poncho.

Ich habe auf Frau Kluges Website von Strickreisen gelesen und frage sie danach. Sie erzählt, sie und ihre Strickerinnen seien zehn Wochen im Jahr unterwegs, nach Gran Canaria, Ahrenshoop und Bad Hofgastein. 2018 gehe es zum ersten Mal nach Osttirol.
Seit vielen Jahren gebe es im Übrigen beginnend am Freitag nach Himmelfahrt in Berlin-Schmöckwitz die „Strickrauschtage“. Da gebe es unter anderem eine Ausstellung und einen Wettbewerb. Es gebe einen Preis für gestrickte Kunst und einen für die beste Gebrauchskunst. Alle brächten ihre Arbeiten mit. Bei allen Veranstaltungen kämen Teilnehmerinnen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich und der Schweiz; zu der Veranstaltung in Bad Hofgastein sei sogar eine Dame aus den USA angereist.

Frau Kluge wird bei der Textile Art Berlin einen Workshop zum Thema „Einführung in die KlugeStrickart mit Diagonalstrick plus Drei-Knäuel-Methode“ geben.