Portraits & Interviews

Interview mit Guido Nosari

guido

Der italienische Künstler Guido Nosari ist vom 4. Januar bis 31. März in Berlin der Artist in Residence der Organisation Momentum.
Sein neues Projekt heißt: Ein Tallit für die Neue Synagoge in Berlin
http://momentumworldwide.org/?s=Guido

Natacha Wolters und Claudia Eichert-Schäfer haben ihn zu seinem Projekt befragt.

Wie würden Sie Ihr Projekt beschreiben?
Guido Nosari:  Ich wurde als internationaler Künstler von der Organisation Momentum eingeladen. Ich bin seit dem 6. Januar hier und bleibe wahrscheinlich bis Ende März/Anfang April. Dann soll die Eröffnung in der Neuen Synagoge sein. Die Residency von Momentum ist eigentlich ein Forschungsprojekt mit dem Titel: Die Implikationen der Dekontextualisierung meiner Praxis. Dann habe ich aber der Stiftung Neue Synagoge Berlin einen symbolischen Dialog zwischen verschiedenen religiösen Traditionen im Dom der Neuen Synagoge vorgeschlagen. Ich liebe die Arbeit mit meinen Händen, meinem Körper.

Seit vorgestern bis Ende  März arbeite ich jeden Tag von 7 oder 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends im Dom der Neuen Synagoge. Der Dom ist rund und hat einen Durchmesser von etwa 20 Metern. Da nähe ich. Mein Projekt betrifft den Dialog zwischen verschiedenen Traditionen. Und für mich erfolgt dieser Dialog durch Fäden, durch Nähen und Häkeln, das ist meine visuelle Vorstellung  von Dialog. Am Rand des Runds unter der Kuppel des Doms habe ich Punkte angebracht, die in die Richtung weisen, wo die Kirchen und Gebetsstätten aller Glaubensrichtungen in Berlin liegen. Und von diesen Punkten aus beginne ich mit dem Faden zu häkeln, um alle Punkte zu verbinden und so ein symbolisches Netz zu schaffen. Nach diesem ersten Teil des Projekts, der darin besteht, alle Punkte zu verbinden, beginne ich, den Boden mit verschiedenen Stoffen zu bedecken. Damit schaffe ich einen einzigartigen Teppich, um damit symbolisch die Schatten der Erinnerung in der Neuen Synagoge mit einer Art von Tallit, also einem Gebetsmantel, zu bedecken. Ich verwende vor allem blauen Faden, denn in der jüdischen Tradition hat die Farbe Blau eine Verbindung mit dem Himmel und mit Gott. Ich denke, wenn man einen Dialog zwischen den Religionen aufnehmen will, dann muss an erster Stelle der Respekt  für die Traditionen der anderen stehen und der Versuch, sie zu verstehen. Und ich glaube, wenn  man sie verstehen will, muss sich in sie hinein versetzen. Ich habe diesen riesigen Tallit geschaffen, um damit für Dialog zu beten. Ich will gar nicht mit Worten für einen Dialog eintreten, dafür bin ich nicht der Richtige. Ich schaffe diesen Raum, um allen zu zeigen, dass es einen Raum geben kann, in dem ein Dialog möglich ist.

Am 22. März wird der Kunstsalon in der Neuen Synagoge die Ausstellung eröffnen. Da Anfang April  der Dom wieder für die Öffentlichkeit geöffnet wird, soll die Decke dann unter der Kuppel aufgehängt werden und eine Art Himmel sein. Darüber werden Lampen installiert und das Licht wird durch alle leeren Stellen der Decke auf den Boden scheinen. Natürlich muss dazu alles fest zusammenhalten.

Ohne Nathalie  Wolters wäre mein Projekt gar nicht möglich gewesen. Die Residency von Momentum ist eigentlich forschungsorientiert. Die Leute von Momentum sind Profis, sie haben viele Kontakte. Aber sie kennen den Wert von Handarbeit nicht. Den kennt nur, wer damit lebt. Ohne Nathalie wäre ich immer noch dabei,  Stoffe zu suchen. Die Leute von Momentum verstehen viel von Philosophie, auf ihrem Gebiet sind sie wirklich gut. Aber sie wollen lieber über die Idee sprechen.

Später soll die Decke auch an einem anderen Ort in der Stadt gezeigt werden und hoffentlich auch in Italien und vielleicht in Österreich. Und das aus zwei Gründen: Erstens soll allen Menschen gezeigt werden, dass ein Raum für einen Dialog möglich ist. Der zweite Grund ist eher theoretischer Natur, denn der Raum, in dem Menschen leben, ist für mich immer von einer Decke bedeckt. Diese Decke besteht aus Bedeutungen. Jedes Ding, auf das wir blicken, erinnert uns an etwas. Wir bedecken alles, wir bedecken die ganze Erde mit einer riesigen Decke der Bedeutungen, denke ich. Deshalb soll die Decke auch anderswo gezeigt werden. Jedes Ding kann zu einem Raum der Bedeutung werden.

Sie sind ja Maler und sie verbinden Ihre Malerei mit textilen Elementen?
Guido Nosari: Ich brauche das! Wenn ich male, dann drücke ich mich aus, in jeder Hinsicht. Und wenn ich mich so ausdrücke, dann habe ich das Gefühl, ich verliere mich, als stünde ich mitten im Chaos.  Deshalb muss ich anfangen zu nähen, um mich an etwas Reales zu knüpfen. An etwas, das die Zeit als einen Raum, als eine rituelle Bewegung hat. Wenn ich male, kann ich mich bewegen, wie ich will. Vielleicht malt man am besten, wenn man sich bewegt wie ein Verrückter. Aber wie ich das sehe, muss man die Stoffe, die Materialien respektieren, irgendwie rettet mich das, bindet mich an die Realität. Ich habe die Leinwände, auf denen ich male, immer als Inseln auf einem endlosen Meer voller Monster  gesehen. Aber man kann sich auf die Inseln retten.

In Italien gibt es ziemlich viele Künstler, die mit Textilem arbeiten. Aber ich denke, dass sie Textiles auf dekorative Weise in ihren Arbeiten einsetzen. Ich mache etwas anderes. Für mich ist ein Faden vielleicht schon genug. In Italien ist es aber wirklich schwer, jemanden zu finden, der das textile Medium um dieses Mediums willen und nicht als Teil anderer Arbeiten erforscht. Das ist zumindest mein Eindruck.

Ich versuche, Papier und Stoff zu verbinden. Ich versuche, die Linien der Zeichnung vielleicht mit den Nahtlinien der Nähmaschinen zu verbinden. Das kann sehr einfach, aber auch sehr schwierig sein. Das hängt stark davon ab, wie intensiv man sich Forschung widmet. Der Forschung gilt gerade meine ganze Liebe.

Seit wann arbeiten sie mit textilen Elementen auf Ihren Bildern?
Guido Nosari: Mit 17 lebte ich bei meiner Großmutter und sie hat ihr Leben lang mit Textilien gearbeitet. Dann starb sie. Da gab es eine wichtige Nacht in meinem Leben. In dieser Nacht war mir wirklich kalt, aber nicht körperlich kalt, da fror etwas in mir. Ich hatte das Bedürfnis, mich mit etwas zu bedecken, was wichtiger war als Kleidung. Deshalb habe ich etwas geschaffen, was meine Seele und nicht meinen Körper bedeckt. Mein Körper wird sterben. In dieser Nacht habe ich verstanden, dass ich mich vielleicht durch Textilien retten könnte, durch das Ritual, durch die Bedeckung. Ich frage mich aber, ob ich nur versuche, der Realität zu entkommen. Vielleicht werde ich mir diese Frage bis zum Ende stellen. Ich versuche, sie ganz intensiv zu lösen.
In vielen Traditionen ist der Mensch durch Textilien mit Gott verbunden. Ich habe die Dong in Korea, die Griots in Afrika studiert. In all diesen Traditionen gibt es eine Form von Treppe, die durch das Textile, durch Stoffe gebaut wird. Das ist ein wirklich archaischer Teil dieser Tradition.

Es ist bekannt, dass in nahezu allen Traditionen das Textile mit der Erforschung des Himmels verbunden ist. Sie sahen den Himmel als viele verschiedene Räume an, die nur durch Fäden getrennt waren. Wenn in einer Tradition die Arbeit mit Textilem immer intensiver wurde, dann deshalb, weil diese Menschen eine andere Vorstellung vom Himmel  entwickelt hatten.

Haben Sie auch schon Kleinformate gearbeitet?
Guido Nosari: Ich fertige viele Portraits. Die Portraits mache ich mit Mixed Media, mit Ölfarben, Aquarellfarben etc. Aber dann habe ich in den Portraits etwas entdeckt, das von mir kam, das ist nicht gut. Und ich möchte die Menschen nicht mit etwas Schlechtem abbilden. Deshalb repariere ich die Portraits mit textilen Materialien. Ich möchte nicht, dass die Portraitierten leiden. Es ist nicht gut, wenn man immer jemanden in seinem Studio hat, der einen leidend  von einer Leinwand aus ansieht.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Guido Nosari: Vor allem möchte ich verstehen. Ich bin keine materielle Person. Ich habe eigentlich nur meine Kunst im Kopf, das ist schon viel im täglichen Leben. Ich habe viele Projekte im Kopf, aber sie ändern sich ständig. Ich habe kein Vertrauen in die Zukunft, ich vertraue nur auf die Gegenwart, in eine ruhige nichtdimensionale Zeit.

Mein nächstes Projekt ist natürlich die Textile Art Berlin im Juni, wo ich eine Ausstellung zeige. Nathalie Wolters und ich haben schon die Stücke ausgewählt, die ich aus Mailand mitbringe. Bei den meisten Arbeiten geht es um Gärten und das Paradies. Beides hängt für mich zusammen. Die Werke sind 3,5 m hoch. Auf den Arbeiten sind viele, viele Blumen aus Stoff. Das sind die erste und die zweite Serie von Arbeiten mit Stoffen. In gewisser Weise sind sie intensiver.
Ein weiteres Projekt ist eine Ausstellung in Kansas City, USA. Außerdem ist eine Ausstellung in einer Galerie in Mailand geplant. Vielleicht gibt es auch eine Ausstellung in einem Museum in Madrid. Das ist alles aber noch nicht sicher.

Guido Nosari hat eine Website: http://guidonosari.wix.com/madre