Portraits & Interviews

Interview mit Helene Weinold

13 : 18 Hochformat

„Mandala-Malen mit Garnen“, eine Art Knopfmeditation nennt Helene Weinold die Herstellung von Posamentenknöpfen. Im kommenden Jahr, wird sie bei der TEXTILE ART BERLIN einen Workshop anbieten. Ich wollte unter anderem wissen, wie sie zu den Posamentenköpfen gekommen ist.

Sie sind von Beruf Journalistin, wie sind Sie zu den Posamentenknöpfen gekommen?

Kurz zu meiner Vita: Ich habe mein journalistisches Handwerk in einem klassischen Volontariat bei der Tageszeitung gelernt und dann Stationen als Ressortleiterin bei der Zeitschrift „Frau im Leben“ und als Chef vom Dienst bei „kraut & rüben“ durchlaufen. Mitte der 1990er Jahre habe ich das Programm für Handarbeitsbücher beim Augustus Verlag, einem Imprint des Weltbild Verlags aufgebaut.
Seit knapp 20 Jahren arbeite ich selbstständig in meinem eigenen Redaktionsbüro als Redakteurin, Lektorin und Übersetzerin. Kreativthemen machen den Schwerpunkt meiner Arbeit aus, weil es nur sehr wenige Redakteurinnen und Übersetzerinnen gibt, die sich auf dem Gebiet der klassischen Handarbeiten auskennen, also z.B. Strick- oder Häkelanleitungen druckreif übersetzen können.

Und nun zu den Knöpfen: Alte Handarbeits- und Handwerkstechniken liebe ich seit jeher. Deshalb habe ich begeistert zugesagt, als Monika Hoede, die Trachtenberaterin des Bezirks Schwaben, mich gebeten hat, ihr erstes Buch zum Thema „Posamentenknöpfe“ zu lektorieren. Monika Hoede forscht schon seit längerem auf diesem Gebiet. Sie hat an alten Trachten aus vielen Gegenden Deutschlands solche handgearbeiteten Knöpfe gefunden, deren Herstellungsweise untersucht und dokumentiert.
Um das Buch fachkundig lektorieren zu können, lernte ich bei Monika Hoede die Kunst der Knopfmacherei und war von Anfang an davon begeistert. 2016 habe ich zusammen mit Monika Hoede und zwei weiteren Knopfmacherinnen bei Knaur das Buch „Die ganze Welt der Knöpfe“ herausgebracht, das neben Anleitungen für Posamenten- und Zwirnknöpfe sowie Knöpfe aus anderen Materialien (z.B. auch aus Milch – sic!) viele Anregungen zur Verwendung der Knöpfe enthält.

Inzwischen habe ich auch das Knopfmacherzertifikat erworben, für das ich 99 Knöpfe in bestimmten Techniken vorweisen und eine fünfstündige Prüfung in Theorie und Praxis ablegen musste.

Was fasziniert Sie an dieser Form der Knopfmacherei?

Ich liebe diese meist symmetrischen Muster und das Spiel mit Farben. In meinem Nähzimmer, das gleichzeitig als Knopfwerkstatt dient, habe ich weit über hundert Knäuel Baumwollgarn in verschiedenen Farben und Farbnuancen, die ich für meine Knöpfe verwende. Einen Knopf sowohl farblich als auch in Größe und Muster genau auf ein bestimmtes Kleidungsstück, eine Tasche, einen Hut oder andere Accessoires abzustimmen, bereitet mir immer wieder Freude. Ganz abgesehen davon braucht man im Grunde nicht viel Material und Werkzeug, sodass ich eine Grundausstattung auch unterwegs immer dabei haben kann.

Die Herstellung von Knöpfen war einmal ein Handwerksberuf, erzählen Sie ein wenig über die Geschichte.

Die kleinen Kunstwerke, die wir heute als Posamentenknöpfe bezeichnen, nannte man früher „umsponnene Knöpfe“ im Unterschied zu den mit Stoff überzogenen Knöpfen. Sie wurden und werden aus Holzrohlingen und Garn hergestellt. Daneben fertigen heutige Knopfmacherinnen und Knopfmacher auch sogenannte Zwirnknöpfe an, deren einfache Variante wir von alter Bettwäsche oder Trachtenhemden kennen. Eine ähnliche Technik ist in England als „Dorset Buttons“ bekannt.

Die Knopfmacherei entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert als zünftiges Handwerk und erreichte ihre Blüte im 18. Jahrhundert. In Augsburg wurde bereits 1710 eine Knopfmacherzunft gegründet. Die Lehrzeit war nach heutigen Begriffen ausgesprochen lang: Vor 1726 dauerte in Augsburg die Lehrzeit vier bis fünf Jahre – je nachdem, ob Lehrgeld gezahlt wurde oder nicht – und erhöhte sich ab 1726 um ein weiteres Jahr. Gesellen mussten vier Jahre auf Wanderschaft gehen, bevor sie die Meisterprüfung ablegen konnten. Ende des 19. Jahrhunderts ging die Nachfrage nach Posamentenknöpfen bedingt durch Industrialisierung und Mode stark zurück, gewinnt aber seit einigen Jahren auch durch das Engagement von Monika Hoede und weiteren modernen Knopfmacherinnen wieder immer mehr Freunde. Dabei steht weniger die praktische Notwendigkeit als die Freude am kreativen Gestalten im Vordergrund.

Erzählen Sie von Ihrem Projekt im Jahr 2015, als Sie jeden Tag (mindestens) einen handgearbeiteten Knopf gezeigt haben.

Die Idee entstand, weil ich seit Jahren praktisch jeden Tag bis weit in den Abend hinein in meinem Redaktionsbüro vor dem Rechner sitze. Ich wollte mich einfach einmal am Tag mit etwas anderem beschäftigen. Weil mich die Knopfmacherei so begeistert, habe ich mir Ende 2014 selbst die Aufgabe gestellt, ein Jahr lang täglich einen Knopf zu gestalten – und ihn auf Facebook zu zeigen, um auch wirklich durchzuhalten, denn dann einen Tag auszulassen, wäre mir sehr peinlich gewesen.
Mein Ziel war eine Art „Knopf-Tagebuch“: Wann immer es sich anbot, habe ich ein Ereignis des Tages aufgegriffen und verarbeitet. Das konnte der Geburtstag einer Freundin sein, aber auch ein öffentliches Ereignis wie ein Heimsieg des FC Augsburg (ein Knopf in den Augsburg-Farben), die Euro-Krise in Griechenland (mit einer Drachmenmünze in einem Zwirnknopf) oder das erschütternde Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion, bei der ja lauter Journalistenkollegen ums Leben gekommen sind. Damals habe ich einen komplett schwarzen Knopf angefertigt. Ich habe aber auch Beobachtungen auf Reisen verarbeitet, beispielsweise die Fensterrosette im Straßburger Münster, auf Wunsch eines Bekannten das Geocacher-Logo nachempfunden und einem Brautpaar, dessen Hochzeit ich fotografiert habe, einen romantischen Herzchenknopf gewidmet.

Anfangs haben nur einige Freundinnen und Freunde das Projekt wahrgenommen, aber im Laufe des Jahres sind auch immer mehr Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus England, Frankreich und den USA darauf aufmerksam geworden. Manchmal kamen sogar besorgte Anfragen, wenn gegen zehn Uhr abends immer noch kein Knopf im Internet stand: „Alles in Ordnung? Geht’s dir gut?“ Das hat mich zum Durchhalten angespornt, auch wenn ich manchmal meinen „Knopf des Tages“ erst nach Mitternacht fertiggestellt und dann im Schein der Wohnzimmerlampe mit dem Handy fotografiert habe, um ihn noch zu veröffentlichen.
Außerdem wurden die Medien auf das Projekt aufmerksam. Unter anderem haben die Augsburger Allgemeine, die Zeitschrift „Handmade Kultur“ und der Bayerische Rundfunk ausführlich darüber berichtet.
Hier kann jeder, der mag, sich alle Knöpfe des Jahres 2015 noch einmal anschauen:
https://www.facebook.com/media/set/?set=a.780994741989260.1073741833.100002362239403&type=1&l=1fa15eb550
Übrigens hat die Profi-Posamentiererin und Knopfmacherin Gina Barrett aus England die Challenge „One Button a Day“ übernommen und ihrerseits 2016 jeden Tag einen Knopf auf Facebook gezeigt. So verbinden die Knöpfe auch Menschen über Ländergrenzen hinweg.

Warum nennen Sie es „Mandala-Malen mit Garnen“?

Das Ausmalen von Mandalas und anderen Bildern gilt ja seit einiger Zeit als besonders entspannungsfördernd. Ich kann damit nicht viel anfangen. Aber die Symmetrie der Knöpfe, die rhythmische Bewegung beim Wickeln und der kreative Umgang mit Garnen und Farben hat auch mich eine ähnlich entspannende Wirkung – nur mit dem Unterschied, dass ich am Ende einen oder mehrere Knöpfe habe, die ich wiederum für andere Projekte verwenden kann. Für mich ist das eine Art „Knopfmeditation“.

Was inspiriert Sie zu einem neuen Muster?

Ganz einfach gesagt: die alten Muster. Ich habe, wie die meisten Knopfmacherinnen, mit Reproduktionen der Knöpfe begonnen, die an alten Trachten gefunden wurden. Dazu gehören der Sternknopf und der Glatte Knopf, aber auch viele Knöpfe, die nach ihren „Fundorten“ benannt wurden: der Staphorster, der Augsburger, der Krumbacher oder der Ottobeurer Knopf, aber auch der Schwälmer Hutknopf, ein besonders attraktives Modell, mit dem die Menschen in der hessischen Schwalm die Krempe ihrer Hüte befestigten.
Wenn ich an einem Knopf arbeite, entstehen ganz von selbst Ideen für Varianten und neue Muster. Was passiert wohl, wenn ich hier nach jeder Runde die Farbe wechsle? Wie lassen sich Motive einsticken? Ich habe angefangen, Münzen oder metallene Trachtenknöpfe einzubinden, und Magneten in Zwirnknöpfe integriert, sodass ich sie als „Nadelkissen“ verwenden kann.

Sie geben Ihre Technik in Kursen weiter, kommt das gut an?

Ja, sehr gut. Weil mir die Arbeit in meinem Redaktionsbüro – unter anderem für die Zeitschriften „The Knitter Deutschland“ und „filzfun“, aber auch für mehrere Buchverlage – nicht allzu viel Zeit übrig lässt, gebe ich nicht ständig Workshops und Kurse. Aber 2017 war ich mit meiner Knopfwerkstatt unter anderem auf dem Wollefest in Leipzig, bei den „Augsburger Textilmotten“ im Textilmuseum tim, zusammen mit Monika Hoede auf dem Museumstag im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld und bei Workshops in Pfaffenhofen an der Ilm und in Rischgau bei Wertingen. Die Kurse bereiten übrigens nicht nur den Teilnehmern Freude, sondern auch mir selbst.
Deshalb freue ich mich darauf, die alte Handwerkskunst der Posamentenknopfmacherei 2018 auf der Textile Art Berlin und bei der Nadel & Faden in Osnabrück weitergeben zu können. Für das Wollefest in Leipzig sind Zwirnknopf-Workshops geplant.

Buchtipp:
Monika Hoede/Sabine Krump/Sandra-Janine Müller/Helene Weinold
Die ganze Welt der Knöpfe
Knaur Verlag, München 2016
ISBN 978-3-426-64651-9
16,99 € (D)

Helene Weinold

www.facebook.com/knopfwerkstatt