Portraits & Interviews

Interview mit Karla Sachse

Portrait

Im Künstlerhof Roofensee in Menz habe ich im Sommer eine sehr schöne Ausstellung mit bemalten Kleidungsstücken der Berliner Künstlerin Karla Sachse gesehen. Sie war so freundlich, mir ein Interview zu geben.

Bitte erzählen Sie mir, wie die künstlerische Betätigung angefangen hat.

Ich wusste mit elf Jahren, dass ich Lehrerin werden sollte/wollte. Ich habe dann Kunstpädagogik studiert, schon in der Studienzeit künstlerisch gearbeitet und danach die ersten Ausstellungen und Projekten in Angriff genommen. Nach der Geburt meines Sohnes 1981 bin ich ganz kurz in die Schule gegangen, wo nach 2 Jahren mein politischer Kredit verbraucht war. Danach war ich bis kurz nach der Wende freischaffend. Dann habe ich eine Schule sozusagen auf Kunst programmiert – die Kurt-Schwitters-Schule, die bis heute künstlerische Werkstätten besitzt, teilweise noch immer von KünstlerInnen (mit Honorarvertrag) betreut. Dort habe ich bis zum Juli unterrichtet – und parallel meine Ausstellungs- und Projektarbeit weitergeführt. Jetzt bin ich wieder ganz frei für die Kunst.

Sie haben künstlerisch sehr Verschiedenes gemacht. Ich habe über das Kaninchenfeld gelesen.

Das ist gar nicht so weit entfernt von hier. Es markiert den ehemaligen Grenzübergang Chausseestraße. Ich konnte mehrere Arbeiten im öffentlichen Raum realisieren. Es sind zumeist Erinnerungsorte. Ich habe aber auch Erfahrungen als Jurymitglied und als Vorprüferin. Ein anderer, ganz großen Bereich der Kommunikation war Visuelle Poesie und Mail-Art, die mich zu Ostzeiten mit der Welt verbunden haben und dies über verschiedene Kontakte immer noch tun.

Visuelle Poesie, was stelle ich mir darunter vor?

Das sind Arbeiten, die mit Texten und mit Buchstaben umgehen, sie in eine bildhafte Form ‚übersetzen’. Es hat z.B. viele Jahre lang auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz Kunst statt Werbung gegeben (was zu Ostzeiten natürlich nicht so hieß, weil es gar keine Werbung gab). Ein Projekt hatte den Titel Warum gerade ich?. Dafür habe ich in 36 verschiedenen Schriftarten (griechisch, hebräisch, indisch, arabisch usw.) Ich auf einzelne Tafeln gedruckt und diese mit Fäden verbunden: alle schreiben Ich, es sieht ganz verschieden aus und dennoch sind alle miteinander verbunden. Dies ist nur ein Beispiel.
Der dritte Hauptteil meiner Arbeit ist die Verwandlung gebrauchter Materialien, die aus einem anderen Kontext kommen. So habe ich aus Zeitungspapierstreifen organische Formen geflochten, die Elemente des menschlichen Körpers andeuten. Sie sind wie ganz normale Körbe geflochten – nur als Webmaterial verwende ich Zeitungspapierröllchen. Die Technik habe ich in Thailand im Dschungel gelernt.
Jedes Objekt gehört zu einem Ort, an dem ich war. So flocht ich zum Beispiel in Glasgow während eines Festivals aus schottischen Zeitungen ein verdauendes Organ und lud die Besucher dazu ein auf weißen Papierstreifen etwas über ihre Verdauung zu schreiben – eher die mentale als die körperliche. Diese Streifen rollte ich vor deren Augen ein, so dass das Geheimnis der Texte gewahrt blieb, sie aber Bestandteil des Organs wurden. Zugleich setzen sie sich von der Zeitung ab, die  sowieso keiner mehr lesen würde.

Was mich sehr beeindruckt hat, waren ihre bemalten Kleidungsstücke – jetzt im Künstlerhof „Roofensee“ in Menz in einer Ausstellung zu sehen, wie ist diese Idee entstanden?

Die Idee ist entstanden, weil ich nach einem Anlass zu malen gesucht habe, aber nicht einfach Bilder malen kann. Ich habe immer empfunden, dass ich Installationen im Raum besser kann. So habe ich seit Jahren mit Frottagen gearbeitet und doch nach einem Anlass gesucht, wieder zu malen. Da Leinwände aber einfach nicht in Frage kamen, hatte ich die Idee, meine alten Kleidungsstücke in Malgründe zu verwandeln und auf beiden Seiten meine Geschichte zu erzählen – zu einem Zeitpunkt, an dem ein Lebensabschnitt endet und ein neuer beginnt.

Die hängen da sehr schön, schwebend in der Luft, eine sehr schöne Installation.

Ich hatte zuerst die Vorstellung, die Stücke aneinander zu binden. Doch als ich das auf einer großen Wiese ausprobiert habe, funktionierte das nicht. Jetzt ist jedes Stück einzeln und über Kopfhöhe gehängt, einige Stücke so, dass man still auf eine Seite schaut, und die andere Seite dann einen anderen Blick bietet. Aber es gibt auch die kleineren Stücke, die sich im Raum drehen können, Socken und kleinen Hemdchen, die sozusagen das Gesamtbild beweglich halten. Abgesehen davon, dass die anderen ja auch schwanken, schweben, sich leise hin und her bewegen.

Die Installation ist wirklich sehr schön. Den Künstlerhof kenne ich schon länger und habe dort alle möglichen Ausstellungen gesehen – es ist wirklich ganz besonders schön da.

Das kann ich nur bestätigen – der Raum hat mich auch sofort angesprochen. Ich war ein Jahr zuvor im Frühjahr dort zu einer Ausstellungseröffnung von Gudrun und Kuno Lomas. Sie hatten mich für den Sommer zu einer Residenz zum Thema Moor eingeladen. Dort auf dem Feld, fand ich zwei T-Shirts, die ich in Kleister tauchte, auf zwei angebotene Leinwände klebte und so lange bearbeitete, bis sie wie die Moorleichen aussahen, die ich kurz zuvor in Dublin gesehen hatte. (Moor war ein Kindheitstrauma für mich.) Aus diesem Versuch ist dann die Idee entstanden, dass ich ja auch ohne Leinwand Kleidungsstücke bemalen kann.

Haben Sie schon früher gern mit Textilien gearbeitet?

Nein, aber ich habe Materialien immer als Stoff betrachtet, als etwas Wandelbares. Ich habe viele mehr oder weniger gebrauchte Papiere und andere Materialien gesammelt und daraus ganze Rauminstallationen gemacht. Mit Textilien hatte ich bisher nicht gearbeitet. Es ist mir auch ganz wichtig, dass die flach und hart sind, so dass niemand auf die Idee kommen kann, sie zu tragen oder als Mode zu betrachten, auch wenn sich einige wieder plastisch wölben. Es bleiben aber abgelegte Stücke, die sich mehrfach verwandelt haben. Die Art und Weise, wie sie bearbeitet sind, zeigt meine Zusammenarbeit mit dem Material. Es gibt zumeist auf der einen Seite Wölbungen und auf der anderen Seite Furchen. Darauf beziehe ich mich mit den Acrylfarben und dem Pinsel. Anhand der Frottagen hatte ich ja die Kommunikation mit dem Untergrund unter meinen Händen studiert. Doch auch in ganz vielen anderen Zusammenhängen ist mir Zusammenarbeite wichtig. So habe ich in verschiedenen Projekten weltweit kollaboriert. Schon durch das Mail-Art-Netzwerk hatte ich ja Kontakte in alle Himmelsrichtungen geknüpft, von denen manche bis heute Bestand haben. Und wo immer ich arbeite, versuche ich die Leute vor Ort einzubeziehen.
Da fällt mir ein, dass ich in den 90er-Jahren drei Kleidungsstücke hergestellt habe. Sie sind aus postkartengroßen Laminaten zusammengesetzt. Das Kleid aus laminierten Pflanzenteilen entstand in der Provence und ist mit einer Liebeserklärung von Kopf bis Fuß beschriftet. Für das Hemd habe ich tote Insekten laminiert und deren Lautäußerungen (als sie noch lebten) dazu geschrieben: noch kann ich / noch will ich mit euch summen, surren, schnarren usw. Das dritte Stück ist eine Hose. Dafür habe ich in Thailand Zettel von der Straße aufgesammelt und mit transparenten Fotos von geköpften Buddha-Figuren verbunden: „Ich kann mich leichter ertragen, wenn ich über mich lache.“

Würden Sie uns erklären, was Mail-Art ist?

Mail-Art ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden. Zu Anfang waren das nur wenige Leute, über die ganze Welt verstreut, die Kunst nicht länger ‚für das Museum’ herstellen wollten, sondern für die direkte Kommunikation mit allem, was die Post transportiert. Für uns in der DDR war das wie ein kleines Fenster in die Welt. Einige Mail-Partner sind auch gekommen, um zu sehen, was wir so treiben. Die Beteiligten aus dem Osten waren politisch zum Teil viel deutlicher als andere, so dass das Interesse an uns groß genug war. Wir waren aber auch doppeldeutig vorsichtig …
Auch Ausstellungseröffnungen haben der Kommunikation gedient, haben ein Stück andere Öffentlichkeit geschaffen. Ich habe außerdem in der Zeit mehrere Zeichenzirkel geleitet (das was heute Abendschule heißt), wo natürlich immer jemand dabei saß, der uns ausgespäht, unsere Diskussionen verfolgt hat. Aber wir haben nie geplant, Flugblätter auf der Straße zu verteilen, sondern nur das Recht beansprucht, staatliche Verlautbarungen und Realität zu vergleichen …
Meine ersten Bauzäune waren ebenfalls so ein Spiel mit der Öffentlichkeit. Zwischen der amerikanischen und der russischen Botschaft, nicht weit vom Brandenburger Tor entfernt habe ich eine Kollage geklebt: „Wohin in Berlin“ – so der Titel einer kleinen Broschüre zu den Kulturereignissen Ostberlins – ich konnte also meine Hände in Unschuld waschen. Es sind auch täglich die Kontrolleure mit dem Täschchen am Handgelenk vorbeigekommen. Sie hatten aber nie die Geduld, alles zu lesen, was ich da aus Zeitungen und Plakaten zusammengeschnipselt hatte. Das war dennoch alles sehr vorsichtig, ich würde mich niemals als Widerstandskämpferin betrachten. Aber wir haben schon versucht, am Stachel zu löcken.

Da war doch bestimmt vieles gar nicht verständlich für die Leute von der Straße?

Das stimmt so nicht. Die Hälfte der 3 Wochen Arbeitszeit auf der Straße habe ich für Gespräche gebraucht. Die Leute waren viel intensiver mit doppelbödigen Botschaften vertraut, hatten geradezu einen siebten Sinn dafür. Deshalb waren auch die Postkarten von meinem Mann Joseph W. Huber sehr begehrt, weil sie in der Tasche getragen werden konnten und zum Weitergeben bestimmt waren.

Was sind Ihre Pläne für die unmittelbare Zukunft?

Die Arbeiten aus dem Künstlerhof Roofensee wandern zunächst nach Dänemark, wo ich am 13. Dezember eine kleine Ausstellung eröffne.
Dann fliege ich von Januar bis März nach Chile zur Frau meines wichtigsten Arbeitspartners Guillermo Deisler. Er hat ins Exil mir (und vielen anderen) sozusagen die Visuelle Poesie aus Lateinamerika mitgebracht. Leider ist er viel zu früh gestorben. Jetzt kann ich vielleicht die Chance nutzen, eine kleine Publikation über unsere Zusammenarbeit herzustellen und dafür auch das Archiv nutzen, das seine Frau betreut.
Zu meinem 66. Geburtstag gibt es eine große Ausstellung in Berlin. Im Ausstellungsraum des Prenzlauer-Berg-Museums verbinde ich erstmals alle geflochtenen Objekte zu einer Installation. Und einige, mit denen ich in der Vergangenheit eng zusammengearbeitet habe, lade ich ein, erneut anzuknüpfen und das Bild universell zu erweitern.
Kurz danach fliege ich nach Island, wo ich zur Teilnahme an einer Ausstellung eingeladen bin. Vorerst wird es also keine Langeweile geben.

Vielen Dank für das Interview!

Die Ausstellung von Karla Sachse und Joseph W. Huber mit dem Titel „Nähe“ läuft noch bis zum 6. November im Künstlerhof Roofensee, Berliner Straße 9, 16775 Stechlin/OT Menz