Portraits & Interviews

Interview mit Katharina Thomas

Portrait

Bitte schildern Sie uns Ihren Werdegang.

Als ausgebildete Textil-Designerin arbeite ich künstlerisch seit 35 Jahren. Meine Laufbahn begann mit einer Schneiderlehre. Das war für mich ganz wichtig. Das Handwerk ist für mich der Boden, auf dem ich starten konnte. Der Boden, der einem vieles klar macht, für einen Start mit Stabilität. Aber ich bin von Naturell her Künstlerin und so bin ich dann einfach weiter gegangen. Das Textile ist für mich lebensnotwendig. Ich hätte nie ein anderes Material nehmen können als ein textiles Material, um mich auszudrücken. Das wurde mir zum wiederholten Male deutlich klar, als ich am Anfang meiner Laufbahn, in Ungarn war. In Pécs gibt es ein sehr schönes Vasarely-Museum Er war Ungar und hat in Paris gelebt. Durch seine Op Art Kunst wurde er berühmt. In Pécs sieht man seine Plakatkunst umgesetzt in Knüpfteppiche. Da kommt dieses dreidimensionale des Textilen heraus. Dieses Spiel zwischen Licht, den Farben und dem Dreidimensionalen, das ist es einfach für mich.

Als Textildesignerin wird man ja ganz klar zum Textildruck ausgebildet zusätzlich kam die Weberei hinzu. Noch während meines Studiums 1978 an der Folkwang Universität der Künste in Essen, kam mir der Filz in die Hände. Der Filz war noch einmal so ein ganz neues Medium, das mich dann eigentlich nicht mehr losgelassen hat. Es waren viele Ereignisse, die mich dann an den Filz gebunden haben. Auch für den Filz ist das Handwerk wichtig. Der erste Schritt ist natürlich, es zu beherrschen. Für mich war es das Rollfeld zum Abflug als Künstlerin. Aber die Bodenhaftung habe ich nie verloren. Das wurde später noch einmal wichtig für mich.

Der Filz ist so etwas Erdverbundenes und ich brauchte einfach als Ausdrucksform den Himmel dazu. Inge Evers aus Holland brachte eine Technik in den Raum, der Papier herstellen lässt, ohne dass die Faser zerstört werden musste. Das war es! So habe ich mich als Künstlerin ausgedrückt – hauptsächlich durch Filz, durch Papier und die Farben.

Dann haben sie nicht nur eines, sondern mehrere Bücher geschrieben?

Ja, ich habe im Jahr 2000 die erste europäische Filzausstellung kreiert und initiiert, weil ich fand, es wurde Zeit, dem wirklich einen Rahmen zu geben und auch zu zeigen, was in der Zwischenzeit entstanden war. Also dieser moderne Filz – Filz hat ja eine ganz alte Tradition, weil die Nomaden schon vor vielen tausend Jahren Filz gemacht haben. Aber dieser Sprung in die Moderne, etwa 1984 angefangen, musste als Überblick der Öffentlichkeit gezeigt werden. Ich wollte zeigen, welche Vielfältigkeit in der Zwischenzeit entstanden war. Mein guter Kontakt zum Badisches Landesmuseum in Karlsruhe half dabei, meine Idee zu verwirklichen. Diese Filzausstellung startete in Karlsruhe, wurde dann eine Wanderausstellung, die in Dresden im Japanischen Palais, dem Textilmuseum in Krefeld und in Finnland zu sehen war. Zur Ausstellung erschien der   Katalog mit dem Titel „Filz“ den ich als Herausgeberin verantwortete .Der Schuber des Buches bestand aus Filz. Das war schon ein Hingucker. Dieses Buch ging ziemlich um die Welt, denn es war zum ersten Mal, dass so ein reichhaltiger Überblick über das moderne Filzschaffen veröffentlicht wurde.

Das neue Buch: Gewebe -Tapestry of Life beschreibt meine Gedanken als Künstlerin. Mich interessiert das Leben, mich beschäftigen die sichtbaren und die unsichtbaren Verbindungen. Mein eigenes Lebensgewebe biete ich als Beispiel wie eine Geschichtenerzählerin an. Ich initiiere mit meinen künstlerischen Arbeiten, ebenso wie mit meinem Buch Gefühle, Aha-Erlebnisse, Erkennen und Staunen. Meine Themen kreisen um so vermeintliche Gegensätze wie: Geborgenheit und Freiheit, Sicherheit und Kreativität, Staunen und Wissen. „Erkennen und Kunde geben, auf Kundschaft gehen“, so beschrieb der Bildhauer Rudolf Wachter seinen künstlerischen Auftrag. Er spricht mir damit aus der Seele, für mich füge ich allerdings noch hinzu: verknüpfen, „Gewebe“ herstellen und ordnen. Ich gehöre zu der Generation der Künstler, die mit dem modernen Filz begannen. Es machen ja jetzt viele Menschen Filz. Es geht in der Zwischenzeit nicht die Technik, sondern Wissen verloren. Zu beleuchten, wie hat es denn angefangen in Europa, auch das wollte ich aufzuschreiben.

In meinem Buch beschreibe ich auch, die so von mir genannte “Zwischenräume“. Ich denke, es ist richtig, sich im Laufe seines Lebens Zeit zu nehmen und zu schauen, wo will ich denn eigentlich hin. Und auch immer mal wieder inne zu halten. So habe ich vor etwa 12 Jahren inne gehalten, weil mir ein Traum sagte, dass meine Lebensreise eine unerwartete Wendung nehmen würde. Ich konnte plötzlich heilen. Das fiel mir so vom Himmel und ich musste erst einmal damit umzugehen lernen. Ich lernte damit umzugehen, indem ich auch da als Künstlerin agiert habe. Das war für mich schon ein ganz neues Medium, mit der ich umgehen musste und umgehen wollte.

Darf ich fragen: Mit den Händen heilen im Sinne von Reiki ganz konkret?

Ich habe da keine Technik gelernt. Ich stehe vor dem Nichts und plötzlich weiß ich, was ich machen soll. Es geht um innere Bilder, die unser Leben entscheiden. Das ist eigentlich ein bisschen so, wie wenn ich ein Kunstwerk beginne. Ich lasse mich immer durch meine Intuition führen. Es ist nicht so ein großer Unterschied. Wenn ich ein Kunstwerk geschehen lasse und das wächst, dann habe ich vielleicht eine Intuition, eine Intention, einen Wunsch, etwas auszudrücken. Aber oft weiß ich dann nicht, wo es hin geht und wie das Ende ausschaut, sondern es entsteht – und so war das mit dem Heilen auch. Innere Lebens-Bilder lassen sich verändern, die Führung hat die Intuition und das innere Wissen.
Im Moment sind es Seiden- und Leinenfasern mit deren Hilfe ich mich künstlerisch ausdrücke. Es entstehen Papierobjekte, da ist immer eine Dreidimensionalität in meinen Arbeiten. Die nächste Ausstellung ist im Frühjahr in München. Außerdem freue mich, wenn ich im Rahmen meiner Buchpräsentation zu einem Künstlergespräche eingeladen werde weil ich gerne über künstlerische Konzepte diskutiere.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Textilkunst in der Kunst heute?

Ich denke, die Textilkunst hat nach wie vor nicht den Stellenwert, der ihr zukommen sollte. Es ist schon eine ziemlich weibliche Angelegenheit – das Textile. Vielleicht auch deshalb nicht so anerkannt. Trotzdem glaube ich, dass das Textile etwas Besonderes hat, was die Menschen brauchen. Weil es einer bestimmten Sensibilität bedarf, es an sich herankommen zu lassen, es zu erfassen oder es zu lieben. Das Textile ist uns verwandt. Ich glaube aber auch, dass das Textile an Stellenwert gewonnen hat, ganz stark in den letzten 30 Jahren. Denn auch Künstler, die eigentlich von der Malerei kommen – oder meistens Künstlerinnen – benutzen das Textile.

Heide Nixdorf, Professorin für die Kulturgeschichte der Textilien von der Uni Dortmund, habe ich dieselbe Frage gestellt. Sie sagte mir, das Textile ist vergänglich.

Das stimmt, das ist eine spannende Frage, die mir auch schon gestellt worden ist: „Macht es Ihnen nichts aus, dass Ihre Kunst vergänglich ist?“ Ich denke, dass ist ein sehr weiblicher Aspekt der Textilkunst und wahrscheinlich auch ein weiblicher Aspekt, dass uns Frauen das nicht so wichtig ist. Wir wissen einfach von diesem Lebenslauf von Vergänglichkeit und Werden und von diesem Lebenslauf von Wiederentstehen. Oder sagen wir ganz weiblich, von Wiedergebären. Insofern haben wir da nicht so viel Angst, das gehört zur Weiblichkeit dazu. Wir wissen, dass das Leben mit dem Gewebe verbunden ist.

Die Vergänglichkeit bekümmert Sie also nicht?

Nein, ich gucke nach vorne – dann ist das einfach die Zeit gewesen, die dieses Werk hatte. Und es hat mit Sicherheit in dieser Zeit seine Wirkung getan. Und dann gibt es etwas Neues. Die Vergänglichkeit gehört für mich dazu – sie gehört zum Textilen dazu. Natürlich ist es  schon wahnsinnig schön, wenn man ganz alten Filz sieht – in der Hauptstadt der Mongolei habe ich alte Filze gesehen, die in Gräbern gefunden  worden sind und durch das Eis konserviert wurden. Das berührt mich schon, dass ist toll, das ist wunderschön. Es ist die Tradition, auf der wir stehen. Aber für meine eigene Kunst würde ich sagen, das Werk hat seine Zeit und das ist in Ordnung für mich. Also ich muss nichts schaffen, wo ich denke, in 200 Jahren gucken die Menschen auch noch darauf. Mein Ziel ist, jetzt Bewusstsein schaffen.

Im August steht ein wichtiges Ereignis für die Filz-Szene an?

Am 27. August wird in Berlin zu einem Filz-Festival geladen. Unter anderem gibt es eine Podiumsdiskussion mit zwei weiteren Filz-Pionierinnen. Wir erzählen, wie es mit dem Filz angefangen hat: Die Zeit für Filz  >   Der Sprung aus der Tradition in die Moderne. Ich erwarte eine interessante Diskussion.

http://www.tapestry-of-life.com
https://www.youtube.com/watch?v=8PBp1FRva0Q
http://www.filz-festival.de