Portraits & Interviews

Interview mit Nathalie Cassee

Franklin Zielinski Fotografie_Portrait

Ich habe Nathalie Cassee gebeten, mir etwas über sich und ihren Werdegang, sowie den Chintz, den sie herstellen lässt und verkauft, zu erzählen.

Nathalie Cassee: „Unterschiedliche Richtungen und Interessen haben mich durch unterschiedliche Welten und Erfahrungen gelenkt. Ich bin als Tochter eines Grafikers und Psychologen in Amsterdam aufgewachsen. Vor diesem idealen Hintergrund konnte ich guten Geschmack entwickeln und meinen Leidenschaften folgen. Meine Großmutter war Schneiderin und auch meine Mutter nähte all unsere Bekleidung selbst. Von meinem Vater lernte ich, Kunst zu betrachten und zu schätzen. Meine Ausbildung als Bibliothekarin hat mir das Wissen vermittelt, wie ich  Informationen finde. Nach langen Jahren beruflicher Tätigkeit im Kulturmanagement und in der Kulturpädagogik habe ich auf das Management des kulturellen Erbes umgesattelt. Meine Liebe für die erlesenen, farbenfrohen und außerordentlich reichen handwerklichen Traditionen Indiens begann mit der Entdeckung der Stickereien aus Kaschmir in Nordindien. Schon vor meinem letzten Projekt zur Entwicklung einer Welterbestätte habe ich mein eigenes Unternehmen für den Import und die Herstellung indischer kunsthandwerklicher Textilien gegründet.

Ich bin zwei/drei Mal im Jahr nach Indien gereist und habe ausgehend von Kaschmir immer mehr Schätze gefunden. Meine Wertschätzung für den unendlichen kulturellen Reichtum Indiens ist immer weiter gewachsen. Ich habe darüber gelesen und geschrieben und festgestellt, dass ich nur die Spitze des Eisbergs kannte. In Indien gehören zur Tradition der Verschönerung von Textilien die Stickerei, das Abbinden, das Färben mit natürlichen Farbstoffen, das Bedrucken und Weben und all dies ist von Region zu Region und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft anders. In meiner Sammlung habe ich eine Vielzahl von Stücken mit unterschiedlichen indischen Stick-Techniken  wie: Sozni, Ari, Chikan und Kantha.

Außerdem begann ich mich für Bandhani (Schnürbatik), die Kunst des Färbens mit Naturfarbstoffen und ab 2012 für den Blockdruck zu interessieren. Seit 2009 schreibe und veröffentliche ich regelmäßig Artikel über indische Textilien für niederländische und englische Zeitschriften. Ich verkaufe meine Kollektion auf verschiedenen ausgewählten Kunst- und Textilmessen in ganz Europa.

Dann begann ich mich ab 2012 für den Blockdruck zu interessieren. Ich verkaufe nicht nur zahlreiche fein gearbeitete Druckmodel, ich habe in Indien und England auch gelernt, selber Blockdruckstoffe herzustellen. Es gibt keine Berufsausbildung dafür, deshalb habe ich verschiedene Kunsthandwerker besucht, die unterschiedliche Techniken nutzen, um mehr darüber zu lernen. Ich lasse seitdem bei zwei Werkstätten Holzstempel machen, drucke damit und lehre andere, damit zu arbeiten. Die Liebe der grafischen Techniken habe ich schon seit der Kindheit.

Im März reiste ich nach Jaipur in Westindien, um mehr über die Kunst des feinen Dabu- und Bagru-Blockdrucks zu erfahren. Die Kunsthandwerker in Indien verfügen über enormes Wissen über diese jahrhundertealten Techniken und das Arbeiten mit Naturfarbstoffen. Seit 2013 unterrichte ich Interessenten in der aufregenden Technik des Blockdrucks. Ich gebe Workshops und Masterclasses für Studenten, Gruppen in Museen, in Craft Councils und auf Kunsthandwerksmessen.

Da ich mit Blockdruck zu tun hatte, kam ich auch mit der Herstellung von Chintz in Berührung, einer der vergessenen Techniken zur Bemalung von Stoff mit Reserve- und Beiztechniken. Die Kunsthandwerker in Indien verfügen über enormes Wissen über diese jahrhundertealten Techniken. Viele dieser Handwerke sind unter Druck geraten, weil es billigere und weniger zeitaufwändige Methoden zur Verschönerung von Stoffen gibt. Ich dachte deshalb, dass ich einen Beitrag zum Erhalt dieser Techniken leisten könnte, indem ich über die Feinheit und den Hintergrund der edlen handgefertigten Textilien aus Indien informiere. Durch mein Netzwerk habe ich von einer Werkstatt erfahren, in der Reproduktionen alter Chintz-Designs mit traditionellen Reserve- und Beiztechniken hergestellt werden. Gleichzeitig wusste ich, dass eine meiner Kundinnen einen alten Quilt aus dem 18. Jahrhundert hatte, und eventuell Interesse daran hätte, ihn reproduzieren zu lassen, vor allem, weil sich der Zustand des Quilts verschlechterte. Sie war bereit, für Ihr Anliegen Geld in die Hand zu nehmen und bat mich, das ursprüngliche Mittelstück des Quilts – einen Baum mit einem Schnurmäander – reproduzieren zu lassen.“

Bis zum 10. September 2017 sind im Fries Museum in Leeunwarden/Niederlande die originalen Chintzdrucke aus dem 18. Jahrhundert und deren Reproduktionen in einer Ausstellung zu sehen: ‚Chintz: cotton in bloom‘  .
https://www.friesmuseum.nl/en/see-and-do/exhibitions/chintz/

Am 14. Mai gibt Nathalie Casse im Fries Museum in Leeuwarden Blockprint-Kurse.

 

Alle Fotos stellte Nathalie Cassee zur Verfügung.