Portraits & Interviews

Portrait von Garance Arcadias

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Garance Arcadias habe ich bei der TEXTILE ART BERLIN 2015 kennengelernt. Sie präsentierte dort Textilien aus ihrem Projekt und ich konnte sie dazu befragen.

Würden Sie uns Ihr Projekt beschreiben?

Ich bin noch Studentin an der Kunstakademie von München. Mein Ding ist vor allem das Färben mit Pflanzenfarben. Ich habe vor etwa vier Jahren während eines Symposiums über Naturfarben Frauen aus Bangladesch in der Nähe von Dakka kennen gelernt. Ich habe im Gespräch mit diesen Frauen erfahren, dass sie über großes Wissen verfügen. Sie haben auf dem Symposium auch einige ihrer Schals ausgestellt. Ich hatte da die Idee, mit ihnen ein Projekt zu machen. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht was. Aber binnen zwei/drei Jahren ist die Idee gereift und jetzt arbeiten wir zusammen. Sie haben das Wissen um die Pflanzenfarben und Indigofarben und ich schlage neue Designs vor, vor allem für Mäntel und Westen. Die sind jetzt dort in Arbeit. Das interessiert mich sehr. Indigo ist eine der am schwierigsten zu färbenden Farben.

Auch das eigene Projekt der Frauen interessiert mich sehr. Die Organisation Care sucht überall im Norden von Bangladesch Kunsthandwerkerinnen, damit deren Wissen nicht verloren geht. Es wird versucht herauszufinden, wie die Alten gearbeitet haben, welche Motive sie eingesetzt haben und wie man diese heute interpretieren kann. Im Museum von Dakka werden die alten Motive erforscht und es wird versucht, sie zu reproduzieren. Die Arbeit jedes Kunsthandwerkers erfährt echte Wertschätzung. Jedes Stück ist einzigartig. Sie schreiben im Übrigen ihren Namen darauf.

Sie verkaufen diese Arbeiten hier?

Ja, ich verkaufe sie in einer Galerie in München. Sie heißt Ex-In-Out und liegt im Zentrum von München. Ich kaufe die gesamte Produktion auf und verkaufe sie dann in Deutschland. Ich trage das ganze Risiko.

Das ist aber ein großes Risiko für eine Studentin!

Bei diesem Projekt geht es auch darum, die zeitgenössische Kunst mit dem Kunsthandwerk zu verbinden. Denn die zeitgenössische Kunst ist gewissenmaßen eine in sich geschlossene Welt, ich sehe sie jeden Tag in der Kunstakademie und schließlich denkt man, das Kunsthandwerk ist etwas anderes. Ich würde gern beide in einen Dialog bringen. In der Galerie zeige ich wechselnde Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlern und daneben Arbeiten aus Bangladesch.

Garance Arcadias ist darüber hinaus eine renommierte Textilkünstlerin. Hier beschreibt sie ihre Techniken und Arbeiten:

„Inspiriert vom uralten Prozess natürlicher Färbung nutze ich deren Techniken, um die Stoffe zu testen. Ich verwende hauptsächlich Rohstoffe und fabrizierte Stoffe wie Asche, Knochen, Glas, Pflanzenextrakte, Erde und Rost, um Reaktionen zwischen ihnen anzustoßen und zu beobachten. In der Regel wird in meinen Installationen der gesamte Prozess gezeigt: Zerkleinern, Einweichen, Erhitzen und Aufhängen. Oft versuche ich, einen Prozess vor der Zerstörung zu stoppen. Ich sichere das Material meiner Aktionen, aber auch das der inneren Reaktionen.
Zu den natürlichen Färbetechniken gehört das traditionelle Wissen, aus Holzasche Seife herzustellen. Diese Seife wird dazu verwendet, Farben zu fixieren und alle Arten fabrizierter
Stoffe zu waschen.
Bei Performances und Installationen habe ich diese selbstgemachte Seife gefiltert und eine Sammlung alter gestickter weißer Laken damit gewaschen. Die Idee war, mit Asche bleichen, um schmutzig zu machen, sauber zu machen, um zu zerstören, zu sichern und zu kreieren…
In einem zweiten Schritt habe ich schnell Skulpturen wie etwa Totenköpfe aus dieser Aschenpaste modelliert. Dabei kam mir die Idee, aus Knochenasche diese Seife herzustellen.
Was macht man mit der Asche von Toten? Was ist mit einer Urne zu tun? Mit Andenken und Ängsten? Mir kam die Idee, mich diesem Material zu stellen und zu versuchen, es in einer Glasskulptur zu fangen. Da Pflanzenasche eine alte Komponente von Glas ist, schließt mein
Glasobjekt nicht nur gefangene Asche ein, es ist auch daraus gemacht.

Glas und Knochen, um sich unserer Eitelkeit zu stellen. Die Schaffung einer Art Amulett war nicht meine Absicht. Es mag Glück bringen oder ein Andenken aufbewahren, doch es ist
Kitsch und es ist beunruhigend! Nur der Gedanke, unserem Tod zu begegnen, der bleibt bestehen. Behalt es im Auge, behalt ein Auge auf dich selbst durch einen Spiegel aus Knochen. Schau auf das Material und frage dich, was dahinter steckt. Narzissmus, Eitelkeit, Zustimmung, Trauer.“  Garance Arcadias für Ernsting Stiftung Glasmuseum 04.2015

„Bei der abgebildeten Arbeit handelt es sich um eine von Garance Arcadias maßstabsgetreuen Cyanotypien, die sie im Hinblick auf ihre Herstellung mit Sonnenbrand betitelt. In diesem Beispiel hat sie die Ausstellungshalle im Städtischen Atelierhaus am Domagkpark kurzzeitig in eine Dunkelkammer verwandelt.

Stoffbahnen, die exakt den Maßen der Fensterfront entsprechen, tränkt sie in lichtempfindlichen Chemikalien, hängt diese vor der verdunkelten Fensterfront auf – alles in absoluter Dunkelheit – und lässt dann für etwa 20 Minuten die Stoffbahnen belichten. Anschließend werden die Textilien ausgewaschen und zum Trocken aufgehängt, wobei sich die lichtdurchlässigen Passagen auf dem Fenster in cyanblauer Färbung abzeichnen. Das Resultat dieser performativen Cyanotypie platziert Garance Arcadias auf der gegenüberliegenden Wand.“ Katrin Dillkofer, freie Kuratorin, Mai 2015.