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Bericht über einen Besuch im Musée de l’impression sur étoffes in Mulhouse

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Das Musée de l’impression sur étoffes in Mulhouse im Elsass ist ein Stoffdruckmuseum. Zu sehen sind wunderbare alte bedruckte Baumwollstoffe, darunter ein Lebensbaum aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber auch Stoffe aus den folgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart. Jean-François KELLER, ein sehr kundiger Verantwortlicher des Museums,  führte mich liebenswürdig und in deutscher Sprache durch die Ausstellungen im Erdgeschoss und im ersten Stock. Im Erdgeschoss sind neben schönen alten Druckstoffen und Druckmodeln in einer Sonderausstellung auch außergewöhnliche neue Designerroben zu finden. Auch zur Industriegeschichte von Mulhouse finden sich interessante Informationen. Außerdem gibt eine Werkstatt, in der regelmäßig Kurse für Stoffdruck stattfinden. Im Obergeschoss sind unter anderem die ersten Druckmaschinen ausgestellt. Bis zum 1. November noch ist dort auch die Sonderausstellung: „Formes et couleurs dans les tissus imprimés du 18ème siècle à nos jours“ (Formen und Farben auf bedruckten Stoffen vom 18. Jahrhundert bis heute) zu sehen.

Erste Baumwollstoffe kommen aus Indien nach Europa

Die Menschen im 15. oder 16. Jahrhundert kannten nicht viele Stoffe. Es gab für die Reichen Seide und es gab Leinen und Wolle. Die Baumwolle war schon bekannt, aber sie wurde immer mit anderen Fasern gemischt. Sie wurde zwar als Futter benutzt, aber nicht für Kleidung. Im 16. Jahrhundert kamen auf einmal bedruckte Stoffe aus Indien. Die Stoffe waren leicht, man konnte sie waschen und die Farben liefen nicht aus. Die Portugiesen waren die ersten, die Baumwollstoffe aus Indien nach Europa gebracht haben. Eigentlich ging es ihnen um Gewürze, sie haben aber auch kleine Stücke Stoff mitgebracht. Diese Stoffe wurden sehr schnell bekannt und begehrt. Dann gründeten die Engländer die East India Company und importierten ebenfalls Stoffe. Die Leute waren so begeistert, dass die Stoffe sehr schnell zur Haupthandelsware wurden. Auch die holländische und die französische Handelsgesellschaft importierten diese Druckstoffe. Das Geheimnis der Inder war die Nutzung von Ätzfarben. Sie wussten auch, wie man Stoffe färbt. Das wusste man zwar auch in Europa, aber in Indien wusste man, wie man an bestimmten Stellen färbt. In Europa hat man nur den ganzen Stoff gefärbt. Da die bedruckten indischen Stoffe sehr beliebt waren und sich gut verkauft haben, wurde sehr schnell versucht, die Verfahren der Inder zu kopieren.

Armenische Händler aus der Türkei waren die wichtigsten Zwischenhändler für den Austausch mit Indien. Sie hatten die Drucktechnik schon in den Iran und die Türkei gebracht und auf dem weiteren Wege nach Marseille. Die Stoffe kamen direkt aus Indien, aber die Technik kam mit diesen Händlern nach Marseille. Man hat Spione nach Indien geschickt, meistens Priester oder Angestellte der Handelsgesellschaften. Sie haben sich angeschaut, wie die Inder ihre Stoffe bedruckten und haben das in Texten beschrieben. In England wurde die Technik erstmals gut kopiert. Anfangs waren die in Europa hergestellten Stoffe nicht hochwertig und die Farben nicht farbecht. Wenn man sie wusch, lösten sich die Farben heraus. Es gab aber große Nachfrage nach indischen Stoffen und nach Baumwolle.

Erste Stoffdruckereien

Überall in Europa, in Holland, Deutschland, der Schweiz und in London gab es bald Manufakturen. Nicht jedoch in Frankreich. Der damalige König, Ludwig XIV, mochte diese Stoffe nicht, denn er hatte seine eigenen Manufakturen und die Weber und Färber von Woll- oder Leinenstoffen haben sich beschwert, weil ihnen die Kunden wegliefen. Baumwolle war eine Demokratisierung der Kleidung. Es gab Baumwollstoffe und -kleidung in allen Preislagen. Bauern und Aristokraten konnten Stoffe aus Indien kaufen. Die anderen Länder haben nichts mehr in Frankreich gekauft und auch  Baumwollstoffe  benutzt. Es floss Geld aus Frankreich nach Indien, aber dort nicht zu den Indern, sondern zu den Handelsgesellschaften. Die Gesellschaften gehörten den Engländern und Holländern, also Frankreichs Feinden, die so profitierten.

Der König erließ deshalb 1686 ein Edikt, mit dem er Herstellung, Import und Tragen dieser Stoffe verbot. Dieses Edikt wurde erst 1759 wieder aufgehoben. Es wurde anfangs sehr streng umgesetzt. Man hat die Leute auf der Straße ausgezogen oder hat ihnen Geldstrafen auferlegt. Natürlich wurde trotzdem geschmuggelt, denn das war lukrativ. Das Edikt war streng, galt aber nicht für alle. Die Aristokratie war interessanterweise nicht von dem Verbot betroffen. Der Vetter des Königs hatte z.B. seine eigene Manufaktur in Chantilly. Madam de Maintenon, die Maitresse des Königs, trug in ihrer Garderobe die so genannten Indiennes, also Druckstoffe aus Baumwolle. In Frankreich musste die allgemeine Öffentlichkeit bis 1746 warten.

Stoffdruck in Mulhouse

Die erste Manufaktur der Stadt wurde 1746 von Samuel Koechlin, Jean-Jacques Schmaltzer, Jean-Henri Dolfus und Jean-Jacques Feer gegründet. Aus einer Manufaktur wurden viele und das kleine Städtchen mit 4 000 Einwohnern wuchs bis 1830 auf die stattliche Zahl von 60 000 Einwohnern. Auf Plänen aus der damaligen Zeit kann man sehen, dass die Stadt ganz von Stoffdruck und Stoffhandel geprägt war. Im 19. Jahrhundert wurde Mulhouse das französische Manchester genannt. Um 1870, mit dem Krieg gegen Preußen begann der Niedergang. Heute gibt es in der Stadt keine Manufaktur mehr. Im Elsass existiert nur in Ribeauvillé noch ein Unternehmen.

Das Museum wurde 1857 von den Zeichnern der Stadt gegründet und sollte ihnen als Inspirationsquelle dienen. In England wurde aus ähnlichen Beweggründen schon 1852 das Victoria- und Albert-Museum gegründet, es folgt das Musée des Tissus in Lyon und dann kam das Museum in Mulhouse. Das Mulhouser Museum wurde erst 1954 zu einem echten Museum. Die Sammlung umfasst etwa 6 Millionen Stoffe, die eine Hälfte ist im Museum selbst untergebracht, die andere Hälfte liegt in den Magazinen. Die Sammlung umfasst Stücke von 1770 bis heute. Das Museum erhält noch immer alle Stoffe, die herauskommen, bzw. es versucht, sie zu bekommen. Die Idee, dass die Zeichner dort lernen, gibt es noch immer.  Das Museum ist für Designer geöffnet. Sie können kommen, die Archive einsehen und Designs kaufen. Der beste Kunde des Museums, erzählt Herr Keller, ist Ikea. Die Zeichnungen für die Stoffe, die man heute bei Ikea kaufen kann, kommen zumeist aus dem Museum in Mulhouse.

Stoffdruck

Wer Stoff bedrucken will, benötigt zunächst eine Zeichnung. Sehr lange verfügte man über keine Zeichner, die diese Art der Zeichnung beherrschten. Es wurden deshalb große Maler eingestellt, die die Designs malten und sogar Platten gravierten. Die Graveure, die die Druckplatten herstellt haben, waren meist auch Zeichner der Manufakturen.

Verfahren: Model und Platten

Dann benötigt man Werkzeuge. Meist hat der Graveur die Farben im Muster gezählt und für jede Farbe wurde ein Model oder eine Kupferplatte hergestellt. Für einen Stoff mit fünf Farben brauchte man fünf Model oder Kupferplatten.  Man hat schon bald versucht, die manuellen Verfahren zu mechanisieren. Das geschah als erstes mit einer Blockdruckmaschine, genannt Perrotine. Die Maschine konnte schon vier Farben drucken. 1930 wurde der Siebdruck erfunden und 1950 ebenfalls mechanisiert. Das war dann der Rollensiebdruck. Diese beiden Verfahren werden noch heute für den Stoffdruck verwendet. Dabei gibt es natürlich eine Einschränkung. Wenn man eine Zeichnung mit 100 Farben hat, braucht man 100 Siebe oder 100 Platten und das ist sehr teuer. Heute kann man per Computer mit Inkjet-Verfahren direkt von der Zeichnung drucken. Man kann die Zeichnung scannen und direkt auf den Stoff drucken.  Damit sind auch kleine Auflagen möglich, während bei den älteren Verfahren 100 Meter Stoff am Stück bedruckt werden.

Farben

Neben den Werkzeugen brauchte man für den Stoffdruck Farbe. Anfangs hatte man noch nicht sehr viele Farben. Es waren meist Natur- oder Mineralfarben, also Krapp für Rot und Indigo für das Blau. Auch Waid wurde verwendet, aber Indigo war besser. Das Blau von Indigo war intensiver und farbechter als Waid. Als aber Indigo im 19. Jahrhundert sehr teuer wurde, hat man doch wieder auf Waid zurückgegriffen. Gelb hat man mit Safran oder Kurkuma gefärbt. 1857 wurde die erste chemische Farbe entdeckt, das Violett. Heute wird vor allem mit Chemiefarben gedruckt.

Vor dem Bedrucken musste der Stoff gebleicht werden. Auch nach jedem weiteren Schritt wurde der Stoff gebleicht. Er musste so weiß wie möglich sein, dann kamen die Farben besser heraus. In Europa wurden Stoffe auf den Feldern ausgebreitet, befeuchtet und durch die Sonneneinwirkung gebleicht. Dann wurde der Stoff in einer Kaltmangel geglättet.

Beizen

Anschließend wurden Eisenbeize oder Alaunbeize aufgetragen. In Indien wurden die Beizfarben aufgemalt, in Europa wurden sie mit Modeln aufgedruckt. Die Beize wurde mit Asche gemischt, damit der Drucker die Motive sehen konnte. Dann fixierte man diese Beizfarben mit Kuhdung, deshalb gab es in jeder Manufaktur auch einen Kuhstall. Der Stoff stank anschließend fürchterlich, man wusch ihn und bleichte ihn erneut. Die Beizfarben waren dann im Stoff fixiert. Das Geheimnis des Druckers war, dass er wusste, welche Beizen er verwenden musste, um eine bestimmte Farbe zu bekommen.

Dann wurde der Stoff gefärbt. Mit Krapp zum Beispiel konnte man Rot, Violett und Rosa, ja sogar Schwarz färben. Auch wie lange der Stoff in der Farblösung lag, um diese Farbe zu erzeugen, war wichtig. Wenn der Stoff aus dem Krapp-Farbbad genommen wurde, war alles rot. Dann wurde er wieder gewaschen und an den Stellen, an denen die Beizfarben waren, waren die Farben im Stoff fixiert. Wo die Beizfarben nicht aufgetragen worden waren, wurde der Stoff wieder weiß, denn da hielten die Farben nicht. Dann wurde der Stoff getrocknet, entweder auf Feldern oder im Gebäude, und dann wurden die Farben aufgetragen, mit denen man nicht drucken konnte.

Malen

Die Manufakturen stellten viele Frauen ein, die „Pinceauteuses“. Sie hatten bestimmte Aufgaben: sie trugen mit dem Pinsel, dem pinceau, Indigo auf die blauen Musterstellen auf. Indigo war die einzige Farbe, für die man keine Beize benötigte, denn Indigo fixiert sich direkt im Stoff.  Die Frauen pinselten auch Gelb auf Blau und erzeugten so das Grün. Das war allerdings nicht farbecht und wusch sich mit der Zeit aus dem Stoff heraus. Herr Keller zeigte einen alten Stoff, in dem die ursprünglich grünen Blätter einer Blume blau geworden waren. In einem letzten Schritt wurde der Stoff mit Wachs überzogen, damit er gut fiel und glänzte.

„Chef de pièce“

Die ersten Stoffe, die in Frankreich hergestellt wurden, waren nicht sehr hochwertig. Deshalb wurde ein Gesetz erlassen, dem zufolge der Drucker am Anfang und am Ende der 100 m langen Stoffbahn ein so genanntes „Chef de Pièce“ anbringen musste. Darauf musste der Name der Manufaktur stehen, manchmal stand da auch der Name des Stoffs. Wichtig war das kleine Wort „bon teint“, das hieß, man konnte den Stoff waschen und bis auf das Grün waren die Farben farbecht. Das war noch nicht „grand teint“, was bedeutete, dass alle Farben farbecht waren. Das Problem war immer das Grün, das war nur „bon teint“, denn es löste sich beim Waschen heraus. Die Drucker setzten im Übrigen auch ihre Initialen oder Namen dazu.

Sonderausstellung

In der Sonderausstellung „Formes et couleurs dans les tissus imprimés du 18ème siècle à nos jours“ will das Museum zeigen, dass die Zeichner die ersten waren, die Formen und Farben benutzt haben. Das beliebteste Motiv waren Blumen. Man brauchte  ständig neue Motive. Nach der 10. Rose wollten die Kundinnen etwas Neues sehen. Man hat zunächst die Natur imitiert und dann geometrische Formen genutzt. Dahinter steckte keine Ideologie. Das wurde gemacht, weil man neue Motive brauchte. In einem Raum sind Stoffe zu sehen, die an wilde Graffiti erinnern. Es handelt sich um Street-Art-Stoffe, also Stoffe, die Street-Art-Künstler entworfen haben.

Farbtheorien

Ein weiterer Raum ist den Farbtheorien gewidmet. Auf dem Boden ist Goethes Farbkreis aufgemalt. Besondere Erwähnung findet Michel Eugène Chevreul, denn, erklärt Herr Keller, er habe die Farben als erster wissenschaftlich klassifiziert. Er habe 1839 das Gesetz des simultanen Kontrasts der Farben (Loi du Contraste Simultané des Couleurs ) entwickelt und als Buch herausgegeben. Seine Theorie habe alle Zeichner, Maler, auch die Impressionisten beeinflusst. Das Gesetz könne überall benutzt werden, bei den Tapisserien, bei der Malerei etc. Es besagt: Sobald zwei Farben sich begegnen, wird eine der Farben stärker als die andere, eine verändert sich. Das ist immer der Fall, manchmal ist der Effekt sehr stark, manchmal etwas weniger. Die zweite Gesetzmäßigkeit ist: Hat man zwei Farbfelder nebeneinander und schaut erst eine der Farben lange an und blickt dann auf die andere, kommt eine dritte Farbe in der Mitte hinzu.

Ich bin mit vielen Eindrücken zurückgekommen und habe mir vorgenommen, das Museum bei nächster Gelegenheit wieder zu besuchen.

Alle Fotos: Claudia Eichert-Schäfer