Reportagen

Eine Landkarte getragener Kleidung

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Guido Nosaris textile Installation Ein Tallit für die Neue Synagoge in Berlin
Text und Fotos von Maja Peltzer

Der Besuch der Ausstellung beginnt mit der Sicherheitskontrolle am Eingang der Synagoge und ist gefolgt von dem Aufstieg zur Kuppel durch das historische Treppenhaus. Die Spuren der Schändung sind hier überall sichtbar und die Vergangenheit so präsent, dass einem die Knie weich werden. Es geht vorbei an dem Repräsentationssaal, in dem die Gottesdienste nach dem 9/10. November 1938 stattfanden, eine kleine steinerne Wendeltreppe hinauf in den Kuppelraum.

Der Blick öffnet sich auf ein Fensterpanorama, links der Fernsehturm am Alex, dort ein Kirchtürmchen, eine Dachschräge, ein Innenhof, die Chausseestrasse. Der lichtdurchflutete Raum atmet Berlingeschichte, sein Gewölbe ist von einer Art Baldachin aus Stofffetzen unterfangen. Die Geräusche sind gedämpft und die Aufmerksamkeit wird leise auf die textile Installation gelenkt.

Die konvexe Wölbung der textilen Fläche, die dem Betrachter entgegen kommt, erinnert an das Segment eines Globus oder an eine physische Landkarte. Sie hat einen Durchmesser von etwa 20 Metern. Ihre Einzelteile sind in einem ordentlichen Chaos aneinandergefügt, wie Felder oder die Grundstücke einer wild gewachsenen Vorstadt, die man von dem Blick aus dem Flugzeugfenster heraus kennt. Dabei ist die Materialität der einander angeordneten Teile unvererkennbar textil und widerstrebt auf eigenartige Art und Weise der Assoziation von Landschaft/Erde und Landkarte/Papier. Mehr noch, sie ruft ein Stofflager oder die Altkleidersammlung auf den Plan und schafft damit das Paradox einer Landkarte getragener Kleidung.

Wirkt die Komposition zunächst wild, beruhigt sie sich bei längerem Betrachten. Es werden Strukturen sichtbar, Linien treffen auf Farbfelder, durchkreuzen und verbinden sie. Das eine Textilfeld findet Halt an dem anderen. Man entdeckt, dass die Fläche von einem ganzen Fadennetz zusammengehalten und strukturiert ist. Wie Demarkationslinien zieht es sich über die gesamte Fläche. Die Stoffstücke unterschiedlichster Machart und Provinienz scheinen auf diesem Fadennetz zu liegen und bei genauerem Hinschauen wird sichtbar, dass sie mit unterschiedlich großen Stichen zusammengehalten werden. Die Installation wird durch das Tageslicht von unten beleuchtet, ein sanfter Wind bewegt einzeln herabhängende Fäden.

Die textilen Materialien des Kunstwerks evozieren den sehr intimen Bereich der physischen Erfahrung von Kleidung und von Stoff auf Haut, von Kleidung die bewohnt und gesehen wird, von Kleidung, durch die Identität behauptet wird. Die Fetzen getragener Kleidung konfrontieren den Betrachter so auch mit den Fragen: wer trug diesen Stoff und welche Geschichte steckt hinter jedem einzelnen Stück? Es sind bewegende Fragen, weil die Intimität, die sich durch das textile Medium in dieser Inszenierung einstellt, den Betrachter physisch einbindet und ihn auf die Suche nach den Welten schickt, die er mit den Farben, Strukturen, Mustern und Ornamenten assoziert. Doch reduziert sich die Betrachtung nicht auf die physischen und erinnernden Qualitäten des Textils. Die malerische Strukturiertheit hebt die Installation vielmehr aus dem Kontext des Gebrauchsgegenstands heraus und versetzt sie in einen neuen Kontext.

Mit dem Titel seiner Installation Ein Tallit für die Neue Synagoge bezieht sich Guido Nosari auf den Tallit, einen viereckigen Mantel mit Fransen, den sich jüdische Gläubige umlegen, um sich auf ihr Gebet zu konzentrieren. Die meist zu Quasten verknoteten Fransen an den Ecken (Zizijot) sind dabei das Charakteristikum des Tallit. Sie sollen die Gläubigen an die 613 Ver- und Gebote der Tora erinnern.

Anders als der mahnende und instruktive Charakter der streng zu Quasten verarbeiteten Fransen des Tallit, übernehmen die in der Installation verarbeiteten Fäden die Funktion, auszuschwärmen und die mannigfachen Texturen anzuordnen und zu systematisieren. Sie können als ein Plädoyer für die Veränderung von Regeln gelesen werden: Gebote sollen zugunsten einer neuen Ordnung modernisiert werden.

Mit der Installation wird das rituelle religiöse Gewand in eine heterogene textile Fläche, eine aus Flicken zusammengesetzte Komposition, die sich biegeschlaff nach unten wölbt, übertragen. In diesem Zuge wird der Kunstgegenstand vom Alltagsgegenstand abgegrenzt und erfährt eine neue Rahmung, die Raum zum Nachdenken über den Gebrauchsgegenstand hinaus schafft.

Die Verwendung des Textils in Ein Tallit für die Neue Synagoge öffnet dem Betrachter so auch nicht nur den Raum für das Nachdenken über religiöse Fragen. Vielmehr stehen die biegeschlaffen und performativen Eigenschaften des Mediums für eine Absage an traditionelle Hierarchien. Das betrifft sowohl traditionelle Gattungshierarchien der Künste wie religiöse Traditionen. Dabei ist es gerade das Oszillieren zwischen dem industriell hergestellten textilen Gegenstand und dessen Übertragung in eine fiktive Realität, das den Weg zu einem neuen Dialog ebnet.

Nosari schreibt sich mit seiner Arbeit in den Diskurs über die Verwendung von textilen Alltagsgegenständen als Material in der Kunst ein. Es ist ein Diskurs, der mit dem Tutu von Degas Balletttänzerin begann und durch Duchamps Readymades eine neue Wendung erfuhr. Andy Warhol, Yoko Ono, Joseph Beuys, Robert Norris, Christian Boltanski und Renée Green, um nur die bekannteren unter den Textiles nutzenden Konzeptkünstlern zu nennen, folgten. Künstler der Gegenwart, die das Textil als Material verwenden, wie Silke Radenhausen, Derek Sheil, Janet Echelmann, Ornelia Ridone, Ulrike Stolte und eben auch Guido Nosari experimentieren in den Grenzbereichen des Mediums. Sie entwickeln im Umgang mit dem Textil als künstlerisches Medium stets neue und andere Kippmomente zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstgegenstand.

Auffallend ist, dass sich gegenwärtige Künstler intensiver mit den Eigenheiten des Textilen selbst auseinandersetzen und sich in dieser Hinsicht von traditionellen Kunstkonzepten absetzen. Mit seiner Installation Ein Tallit für die Neue Synagoge leistet Guido Nosari einen relevanten Beitrag im Diskurs zu einem zeitgemäßen Umgang mit dem Textil als Material in der Kunst.

Die Ausstellung fand vom 1. April bis 28. Juni 2015 in der Kuppel der Neuen Synagoge Berlin an der Oranienburger Straße statt und wurde eigens für diesen Ort konzipiert. Das zum Konzept gehörende Aufstellen von Liegen war aufgrund der Sicherheitsstandards nicht möglich, weshalb die Arbeit bei Bedarf auf dem Boden liegend zu betrachten war.

Maja Peltzer ist Textiljournalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie machte ihren Magister in Romanistik und Kunstgeschichte mit Schwerpunkt auf postkolonialer Kulturkritik und ist Kostümbildnerin sowie Maßschneiderin.