Reportagen

Rainer Maria Rilke – eine textile Interpretation von Magda Goldbach und Veronika Schlüsselburg

Top Thema

Zu Besuch bei den Orthenauer Textiltagen in Rheinau-Freistett am 23. September 2017 hat mich die Vielfalt qualitativ hochwertigen textilen Kunsthandwerks beeindruckt. Begeistert haben mich die gefilzten und gepatchten Arbeiten von Magda Goldbach und Veronika Schlüsselburg.

Die Faszination von Worten, Gedanken und Reimen von Rainer Maria Rilke haben die Textilkünstlerinnen inspiriert, sich mit einer Auswahl seiner lyrischen Texte auseinanderzusetzen, um mit Stoff, Papier, Filz und Farben eine eigene Poesie zeitgenössischer Quilts zu kreieren. Zunächst zeige ich Ihnen vier gefilzte Arbeiten von Magda Goldbach mit dem dazugehörigen Gedicht.

Blendender Weg, der sich vor Licht verlor

Blendender Weg, der sich vor Licht verlor, Und auf einmal, wie im Traum:
ein Tor, breit eingebaut in unsichtbare Wände.
Der Türen Holz ist lang im Tag verbrannt; doch trotzig dauert auf dem Bogenrand
das Wappen und das Fürstendiadem.
Und wenn du eintrittst, bist du Gast. – Bei wem? Und schauernd schaust du in das wilde Land.

Am Strande
Vorüber die Flut. Noch braust es fern. Wild Wasser und oben Stern an Stern?
Wer sah es wohl, O selig Land, Wie dich die Welle Überwand.
Noch braust es fern. Der Nachtwind bringt? Erinnerung und eine Welle Verlief im Sand.

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

Wenns Frühling wird
Die ersten Keime sind, die zarten, im goldnen Schimmer aufgesprossen;
schon sind die ersten der Karossen                                      im Baumgarten.
Die Wandervögel wieder scharten zusamm sich an der alten Stelle,
und bald stimmt ein auch die Kapelle                                  im Baumgarten.
Der Lenzwind plauscht in neuen Arten die alten, wundersamen Märchen,
und draußen träumt das erste Pärchen                                im Baumgarten.

Nun vier Arbeiten von Veronika Schlüsselburg, ebenfalls mit dem zugehörigen Gedicht.

Herbsttag
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

In einem fremden Park
Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin. Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine
dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl; aber auf einmal bist du im Rondel
alleingelassen wieder mit dem Steine und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
Brite Sophie – und wieder mit dem Finger abfühlend die zerfallne Jahreszahl -,
warum wird dieses Finden nicht geringer?
Was zögerst du ganz wie zum ersten Mal erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
der feucht und dunkel ist und nie betreten?
Und was verlockt dich für ein Gegensatz, etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,
als wärs der Name eines Rosenstocks?
Was stehst du oft? Was hören deine Ohren? Und warum siehst du schließlich, wie verloren,
die Falter flimmern um den hohen Phlox.

Spätherbst in Venedig
Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder, der alle aufgetauchten Tage fängt.
Die gläsernen Paläste klingen spröder an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt
der Sommer wie ein Haufen Marionetten kopfüber, müde, umgebracht.
Aber vom Grund aus alten Waldskeletten steigt Willen auf: als sollte über Nacht
der General des Meeres die Galeeren verdoppeln in dem wachen Arsenal,
um schon die nächste Morgenluft zu teeren mit einer Flotte, welche ruderschlagend
sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend, den großen Wind hat, strahlend und fatal.

Wilder Rosenbusch
Wie steht er da vor den Verdunkelungen des Regenabends, jung und rein;
in seinen Ranken schenkend ausgeschwungen und doch versunken in sein Rose-sein;
die flachen Blüten, da und dort schon offen, jegliche ungewollt und ungepflegt:
so, von sich selbst unendlich übertroffen und unbeschreiblich aus sich selbst erregt,
ruft er den Wandrer, der in abendlicher Nachdenklichkeit den Weg vorüberkommt:
Oh sieh mich stehn, sieh her, was bin ich sicher und unbeschützt und habe was mir frommt.

Die beiden Damen haben darüber hinaus auch noch andere Arbeiten präsentiert, die mir sehr gut gefallen haben.