Reportagen

Reportage über die Ausstellung ‚papier = kunst 9’ in Aschaffenburg

Arbeit von Heike Weber, Foto Birgit Ströbel

Auf einer Reise nach Franken traf ich in Aschaffenburg am Main auf eine sehenswerte Ausstellung: Im KunstLANDing, der über drei Stockwerke gehenden Galerie des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg in der Landingstraße im Zentrum der Stadt, wurde vom
24. September bis zum 19. November 2017 die Ausstellung ‚kunst = papier 9’ gezeigt. Die Vorgängerausstellungen, ‚papier = kunst 1’ bis ‚papier = kunst 8’, waren seit 1992 in einem Rhythmus von drei bis vier Jahren ausgerichtet worden.

Im einleitenden Vorwort des Kataloges schreibt Cornelia Wichtendahl: „Papier als Pulp, handgeschöpft, als Seiden-, China- oder Japanpapier, Karton, Pappe oder einfach Papier, weiß, gefärbt, bedruckt oder bemalt ist ein eigenständiges und vielfach verwendetes Medium in der zeitgenössischen Kunst. Es kann geformt, geschnitten oder gerissen sein.“ Die hier beschriebene Vielfalt des Werkstoffes Papier wurde in der Ausstellung aufs Schönste gezeigt: Es ist vor allem die Bandbreite der künstlerischen Arbeit mit Papier, die hier neben der Qualität der Werke ins Auge fiel.

Nie gefällt alles gleich gut oder begeistert gleichermaßen beim Gang durch eine Ausstellung. So stelle ich von den neun Künstlerinnen und Künstlern (vier Männer, fünf Frauen) fünf vor, die mich besonders in ihren Bann zogen.

Gleich im ersten Raum, den ich betrete, schwebt die Installation ‚Lapislazuli, Vivianit, Zinnober’ von Helmut Dirnaichner von der Decke, leicht und elegant. Sie verführt dazu, die lanzettförmigen, unterschiedlich großen, blauen und vereinzelten dunkelroten Blätter anzustoßen oder zumindest anzupusten. Die Farbe verlockt dazu ebenso wie die stumpfe, wellige Oberfläche. Man könnte auch hindurch tanzen.

Das wäre bei der Installation von Katharina Fischborn nicht möglich. Die fast deckenhohen dünnen Papierbahnen hängen zu je sechsen nebeneinander und zu dreien hintereinander, so dass eine raumfüllende Architektur entsteht. Die Abstände der Papierbahnen sind so bemessen, dass an keiner Stelle ein Durchgehen ohne Anstoßen möglich wäre – und doch wirkt das ganze Gebilde nicht eng, sondern leicht und luftig. Diese Luftigkeit wird von der feinen Qualität des Papiers transportiert und von den unterschiedlich großen geometrischen Ausschnitten aus den Papierbahnen. Auf jeder Papierbahn finden sich verschiedene geometrische Elemente in matten Farbtönen – gelb, terracotta, blau, schlamm -, aus denen schmale „Fenster“ herausgeschnitten wurden. Von allen Seiten ergeben sich so die verschiedensten Durchblicke und (Ein)Sichten, bei Sonne auch Licht- und Schatteneffekte.

Das Gegenprogramm dazu sind die naturhaften Skulpturen von Sabine Jacobs. Die aus feinen Drahtfäden und Seidenpapier gestalteten Gebilde erinnern an Blüten, an Schilfrohr oder an einen Vogel. Die Festigkeit des offenbar behandelten Seidenpapiers und die starren Konstruktionen der einzelnen Objekte abstrahieren jedoch auch von der Natur. Hier fällt kein Blütenblatt, keine Feder plustert sich. Die Farben sind Grau- und Beigetönen gewichen. Alles Leben ist schon entwichen.

Irmtraud Klug-Berninger entfaltet einen fast zwei Meter hohen mehrflügeligen Paravant – eine Hommage an Paul Celan und sein Gedicht ‚Nacht’, das mit folgenden Zeilen beginnt:

„Kies und Geröll. Und ein Scherbenton, dünn,
als Zuspruch der Stunde.“

Der gesamte Text des Gedichtes zieht sich ein- beziehungsweise zweizeilig am Fuße des Paravants entlang, während er im oberen Drittel von einer „Collage aus Kaltnadelradierungen“, wie es im Katalog heißt, bildlich gestaltet wird. Die Farben Weiß, Schwarz und (wenig) Rot stehen hier in starkem Kontrast zum naturweißen Untergrund, der an Pergament erinnert. Aus der Distanz könnte man eine Gebirgslandschaft vermuten, die sich aus der Nähe jedoch ganz in wilde Schraffuren auflöst. Das aufgefaltete ‚Raum-Buch’ lässt sich umrunden, man geht daran entlang oder steht einfach nur davor – der Eindruck ist intensiv und von einer gewissen Schwere. Ich konnte mich nicht ohne Weiteres wieder davon lösen.

In einen Zauberwald entführt der riesige Scherenschnitt von Heike Weber. Der Scherenschnitt ist nicht plan, wie man es üblicherweise kennt, sondern mehrere Schichten Fotokarton hintereinander lassen Plastizität und Dreidimensionalität entstehen. Die Farben Grün und Blau und wenig Gelb, die hinter viel Schwarz durchschimmern, verstärken den Märchencharakter. Zauberhaft!

Für die hier gezeigte Kunst bietet der KunstLANDing einen idealen Rahmen: Weiß getünchte Wände, hohe Decken, ein alter knarrender Dielenboden, die Fenster zum Hof mit Laub von wildem Wein umrankt. Die Fenster zur Straßenseite geben den Blick frei zur Ausstellungshalle Jesuitenkirche und dem derzeit neu entstehenden Christian-Schad-Museum. Entsteht hier gerade eine Museums-Meile?
Unabhängig davon: Auf die ‚papier = kunst 10’ darf man sich schon freuen!

Alle Fotos sind von Birgit Ströbel.