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Reportage über die Ausstellung „Seide – Textile Pracht aus 2000 Jahren“ im Deutschen Textilmuseum Krefeld

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Was hat Krefeld mit Seide zu tun? Dazu finden sich viele Informationen. Die Stadt bot Mennoniten Zuflucht, die in den benachbarten katholischen Regionen wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, darunter 1656 auch Adolf von der Leyen. Seine Söhne begründeten die Seidenweberei in Krefeld, die auch durch Monopole Friedrichs II. gefördert wurde. Das machte die „Samt- und Seidenstadt“ Krefeld sehr wohlhabend. Zeitweise arbeitete fast die Hälfte der Krefelder Bevölkerung in der Seidenindustrie. Hergestellt wurden Seiden- und Samtbänder, Paramente, Borten, Halstücher, Taschentücher und Seidenstrümpfe sowie Tuch in exklusiver Qualität. Um 1768 liefen allein für die Brüder von der Leyen über 700 Webstühle, die an angestellte Weber ausgeliehen waren und in Heimarbeit betrieben wurden.

Woher kam die Seide?  Da man erkannt hatte, dass mit Seide sehr viel Geld zu verdienen war, wurde viel experimentiert, aber in Deutschland hat es nicht richtig geklappt mit den Seidenraupen und den Maulbeerbäumen. Das Rohmaterial wurde aus China über Italien importiert und in Krefeld dann verarbeitet.
Durch den Wohlstand, der mit der Seidenproduktion verbunden war, ist die Stadt enorm aufgeblüht – bis ins 20. Jahrhundert. Noch bis in die 80er Jahre gab es Seidenproduktion. Heute gibt es fast nichts mehr. Es werden noch Krawatten produziert, aber nicht mehr in dem Umfang wie im frühen 20. Jahrhundert.

Das Deutsche Textilmuseum liegt in Linn, einem Stadtteil von Krefeld, in der Nähe der Burg Linn. Es ist ein ruhiger, eher beschaulicher Teil der 230.000 Bewohner umfassenden Großstadt Krefeld. Das Textilmuseum ist zur Hälfte ein moderner Neubau, zur anderen Hälfte ein repräsentatives Wohnhaus eines Linner Bürgermeisters aus dem 18. Jahrhundert. Auf zwei Etagen zeigt das Museum in Wechselausstellungen ausgewählte Schätze aus seinen Sammlungen.

Ich frage die Museumsleiterin Annette Schiek nach der Geschichte des Museums, sie erzählt mir:
„Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier eine Webschule gegründet, in der das Weberhandwerk schulisch unterrichtet wurde. Diese Schule wurde immer wieder reformiert, bis man dann in den 1870er Jahren ein neues Konzept entwickelt hat, zu dem gehörte, dass man eine Studiensammlung haben muss. Von Seiten der Stadt ist man losgezogen und hat die großen Seidentextilzentren aufgesucht, wie Lyon, Mühlhausen, Zürich usw., und hat sich inspirieren lassen, was haben die, was haben wir nicht. Wie können wir das Ganze verbessern? Sie kamen dann zurück mit einem Aufgabenkatalog – modernes Equipment, moderne Räume aber auch eine Studiensammlung, an der die Schüler an historischen Textilien Techniken lernen, studieren und sich auch motivisch inspirieren lassen konnten. Das ist heute die Hochschule Niederrhein – sie hat mehrfach den Namen gewechselt und das Konzept. Seit 1979/80 ist die Sammlung, die zur Schule gehörte, als eigenes Museum ausgebaut worden. Das ist der Moment, an dem diese Sammlung zum Museum wurde und diesen Standort hier in Linn bekommen hat. Deshalb gibt es uns – das Deutsche Textilmuseum – und die Verbindung ist die textile Tradition der Stadt.“

Sie fährt fort: „Unsere Textilsammlung wurde im Jahr 1880 hier in Krefeld begonnen. Man kaufte von einem Mannheimer Privatsammler, der eigentlich Bildhauer war, den Grundstock von 3.500 Textilien und seitdem ist die Sammlung bis heute immer erweitert worden und umfasst jetzt um die 30.000 Objekte. Es war von jeher der Anspruch, universell zu sammeln, sprich alle Kontinente, alle Perioden, alle Kulturen abzudecken, und das hat man auch konsequent fortgeführt, bis dann vor allem in den 80er Jahren noch der Schwerpunkt Mode dazu kam. Bis dahin ging es vor allem um Textiltechniken, Muster usw. und dann kam der Aspekt Mode mit kompletten Gewändern und Kostümen dazu.“

Das Museum zeigt nur temporäre Ausstellungen und hat keine Dauerausstellung. Das hat sowohl mit konservatorischen als auch baulichen Gegebenheiten zu tun. Auf der etwa 600 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche werden wechselnde Ausstellungen gezeigt, meist eine große Ausstellung im Jahr. Die Exponate der gerade laufenden Ausstellung „Seide“ stammen ausschließlich aus eigenen Beständen. Die Sammlung ist so vielfältig, dass sich das Museum Themen selber geben und dann Ausstellungen bestücken kann. Das Museum zeigt in der Regel jeweils eine große Ausstellung im Jahr und dann ein bis zwei kleinere von drei bis vier Monaten – je nachdem.

Zur nächsten Ausstellung verrät Frau Schiek: „Die nächste Ausstellung wird von einer Künstlergruppe aus Asien und Europa bestritten – AsiaEurope, von dieser Gruppe hatten wir sogar schon zwei Ausstellungen. Die Künstler arbeiten auf diesen Termin hin. Sie bekommen von einer Dame, die das Ganze koordiniert, sozusagen ein Stichwort und einen Termin. Dann produzieren sie Textilkunst, schicken uns das und wir zeigen das als Erste in Europa und geben dann die ganze Ausstellung weiter an andere Stationen. Und das wird dann im Herbst – Mitte Oktober – eröffnet.“

Ich frage Frau Schiek nach der aktuellen Ausstellung und sie erzählt mir: „Unsere eigentliche Ausstellung ist historisch ausgerichtet – wir sind in die Archive gegangen und haben 242 Objekte aus der eigenen Sammlung rausgeholt. Diese Dinge bestehen überwiegend aus Seide, es gibt auch Mischgewebe, aber die meisten sind Textilien aus reiner Seide. Wir haben Objekte ausgewählt, die entlang der Seidenstraße entstanden sind. Wir haben verschiedene Komponenten – einmal das Geografische, so ist auch die Ausstellung strukturiert – von Ost nach West, also von China bis letztlich Krefeld. Denn Krefeld ist der Meinung, es liegt auch an der Seidenstraße. In gewisser Weise tut es das ja auch. Wir zeigen einen zeitlichen Rahmen von Christi Geburt, Han-Dynastie bis in die 1960er Jahre. Das findet sich hier wieder in der Struktur der Ausstellung, wir haben auch sehr viel archäologisches Material dabei – bis hin zur Haute Couture. Von all diesen Gattungen auch immer nur Beispiele. Vertreten ist China-Mongolei, dann haben wir Ägypten, islamische, frühislamische Zeit aber auch Spätantike. Im Erdgeschoss haben wir Flachwaren, das ist dann eher etwas akademischer, wo man sich auch mit den Textiltechniken, Entwicklung der Techniken auseinander setzen kann.“

Die kostbaren Stücke im Erdgeschoss werden alle in Glaskästen präsentiert. Es wird darauf geachtet, Objekte maximal sechs Monate zu zeigen, da sie langfristig Schaden nehmen würden. Hier beispielsweise ein Medaillon, eine seidene Wirkerei des spätantiken Ägyptens, die extrem fein gearbeitet ist und 20 Kettfäden und 120-130 Schussfäden pro Zentimeter aufweist.

Ein weiteres Stück ist mir besonders  aufgefallen. Dazu erklärt die Museumsleiterin Annette Schiek: „Der 2. Sammlungskonservator Paul Schulze war von 1883 bis 1926 Sammlungsleiter und hat die Bestände konsequent erweitert und auch erforscht. Er war Entwerfer, ein großer und gefragter Kenner der Textilkunst, war mehrfach Jury-Mitglied bei Weltausstellungen, schrieb wissenschaftliche Aufsätze und betätigte sich auch als „Restaurator“. Seine Technik bestand darin, die fragmentierten Gewebe auf Pappe zu leimen und die fehlenden Partien in hervorragender Zeichenarbeit mit Aquarellmalerei zu ergänzen. Diese Ergänzungen sind sehr fundiert und durch Vergleichsstücke belegbar. Die Qualität der Malerei ist so hoch, dass man kaum zwischen Gewebe und Malerei unterscheiden kann – er hat sogar abstehende Fädchen gemalt. Man darf aber nicht verkennen, dass diese „Restaurierungstechnik“ heute verpönt ist und eigentlich für eine weitere Zerstörung der historischen Textilien gesorgt hat. Dennoch ist auch die Restaurierungswissenschaft eine junge Wissenschaft, die erst im späten 19. Jahrhundert geboren wurde und seither eine Entwicklung erlebt hat.“

Frau Schiek fährt fort: „Es sind alles Fragmente und das spricht dafür, dass diese Objekte schon früh in die Sammlung gekommen sind. Im frühen 19. und 20. Jahrhundert reichte es den Sammlern, Stücke zu besitzen. Man ist ganz radikal an vollständige Gewänder rangegangen, hat ganze Stücke ausgeschnitten und schön rechtwinklig zugeschnitten – das finden sie hier immer wieder.“

Auf meine Frage, ob das Museum Stücke ankaufe, antwortet Frau Schiek, das Museum besitze keinen Ankaufsetat und sei auf Spenden angewiesen. In besonderen Fällen springe der Förderverein ein. Umso dankbarer sei man, wenn Objekte gestiftet würden. 11 Objekte seien in den letzten 10 Jahren gestiftet und restauriert worden und würden bei dieser Ausstellung gezeigt.

Im 1. Stock sind vor allem prächtige Kleider zu sehen, Kostüme und Roben aus dem 17. und 18. Jahrhundert und Kleider aus Krefelder Privatbesitz. Ein Kleid kam in Stücken ins Museum und wurde in mühsamer Kleinarbeit von den Restauratoren wieder herstellt. Es hat eine extrem enge Taille, dafür eine umso umfangreichere Tournure. Ich frage mich, wie man darin noch atmen konnte! Auch die Ärmel sind sehr eng geschnitten. Des Weiteren sind Hochzeitskleider zu sehen, ein weißes Seidenkleid und erstaunlicherweise ein schwarzes. Während das weiße Kleid nur ein einziges Mal getragen  werden konnte, ließ sich das schwarze immer wieder je nach Anlass mit ein paar passenden Accessoires umfunktionieren.

Mein Lieblingsstück ist sicherlich das rote Kleid von Dior! Der Schnitt ist einfach hinreißend. Gleich danach kommt für mich aber das Kleid von Balmain mit den Rosen. Beide stammen aus den 50er / 60er Jahren.

Neben den Seidenkleidern gibt es auch Objekte aus Kunstseide, z.B. Fallschirmseide zu sehen. Hierzu erklärt Frau Schiek: „Wir zeigen auch 5 Objekte, die aus Kunstseide gefertigt wurden, was das 20. Jahrhundert bestimmt. Und dieses Kleid ist aus Fallschirmseide genäht worden. Und zwar Wehrmachtsbestand, das können wir anhand der Chemie sagen. Im 2. Weltkrieg besaßen die Amerikaner schon Nylon für ihre Fallschirme und dieses ist eine Regenerat-Faser (Regeneratfasern sind Fasern, die aus natürlich vorkommenden, nachwachsenden Rohstoffen über chemische Prozesse hergestellt werden. ) und somit ist klar, dass es ein deutscher Bestand war, der nach dem Krieg ausgegeben wurde. Dieses Kleid ist wohl 1947 getragen worden.“

Abschließend noch etwas zur Detektivarbeit, die Museumsleute leisten, denn wie wir oben erfahren haben, wurden größere Stücke gern zerschnitten und einzeln an Sammler verkauft.. Frau Schiek dazu: “Es gelingt immer wieder, Stücke zusammen zu finden. Ich hatte ja gesagt, dass man im 19. Jahrhundert die Stücke ziemlich radikal zerschnitten hat und es ging darum, möglichst viel, möglichst breit zu streuen. Das Spannende ist, wenn man weiß, welche Sammler oder Händler dahinter stecken, dann weiß man auch, mit wem sie alles korrespondiert haben und wo man anpassende Stücke möglicherweise finden könnte. Das ist schon einige Male gelungen in unterschiedlichen Zeiten. Bei den italienischen Objekten sowieso, aber auch bei den islamischen. Es gibt viele Parallelen in Berlin in den Museen, im Islamischen Museum, im Bodemuseum usw. Überall wo man guckt, findet man etwas. Man muss allerdings ein gutes Gedächtnis haben für Muster und Technik und dann die Dinge zusammenfinden.“

Ausstellung „Seide – Textile Pracht aus 2000 Jahren“ des Deutschen Textilmuseums Krefeld, 6. März bis 28. August
Öffnungszeiten.
1. April bis 31. Oktober:
dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr
1. November bis 31. März:
dienstags bis sonntags 11 bis 17 Uhr