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Reportage über die NordArt in Rendsburg-Büdelsdorf

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Die NordArt in Rendsburg-Büdelsdorf im Kunstwerk Carlshütte ist eine sehr beeindruckende Schau von gut 200 (jungen) internationalen KünstlerInnen mit 1 000 Exponaten in der historischen Eisengießerei auf 2 200 Quadratmetern und in dem 80 000 Quadratmeter großen Skulpturenpark. Vieles ist monumental, zuweilen monströs: Trotzdem verlässt man die Ausstellung mit positiven Gefühlen. In bleibender Erinnerung sind für mich z.B. fantastische Schwarz-Weiß-Fotos.

Besonders auffallend ist die Hinwendung zum Figürlichem, dabei auch zu kunsthistorischen Vorbildern (vgl.: Leszek Piotrowski, Stillleben mit Maske) und zu Textilien, sowohl in der Darstellung als auch der Verwendung. Der schon vor Jahren behauptete Trend zur Akzeptanz des Textilen im Rahmen der großen, der wirklichen Kunst scheint allmählich Gestalt anzunehmen.

Die folgende Auflistung ist nicht komplett.
In einer der relativ wenigen Installationen der NordArt 2017 stellt Jette Gejl eine Dreschmaschine ihres Großvaters vor, eine von ihr kreierte riesige Stoffapplikation, in der sie Lebenskreise darstellt, um durch „Alt“ und „Neu“ die Generationen zu verbinden oder Familiengeschichte zu erzählen.

Im von ihr arrangierten dänischen Pavillon gibt es ein langes gehäkeltes Spruchband (Schal 2) von Anders Bonnesen.

Zwei überdimensionale Phönix-Figuren des chinesischen Künstlers XU Bing scheinen durch die Fabrikhalle zu fliegen, obwohl sie mehrheitlich aus metallischen Wrack-Teilen gebaut sind. Ihr Schweben wird unterstützt durch Plastikfahnen, die zumindest textil anmuten.

Masuma Khwaja aus Pakistan appliziert alte Stoffteile auf Wandteppiche (ungenau als gestickte Collage bezeichnet) zu Figuren zusammengesetzt.

Ebenfalls alte Teppiche hat der Iraner Ali Anvari mit Öl und Acryl bemalt.
Die Schweizerin Marion Linke gestaltet die Oberflächen ihrer Objekte mit Patronenhülsen; textil ist darunter („fette Beute Kinderkleid“).

Natasha von Braun aus Russland kleidet kleine dürre, sehr skurril wirkende Mädchenfiguren in diverse Materialien.

Die neue kapitolinische Wölfin von Pawel Wocial und Kamila Tuszyńska aus Polen ist mit „Kleidung“ und Schmuck ausgestattet, ihre Zitzen sind Babyschnuller. Diese Figur muss man nicht schön finden, sie ist aber bestimmt originell.

Die in Deutschland lebende Estin Inga Aru ist mit einem sechsteiligen Ölbild vertreten (Titel: Barfuß), indem sie die bloßen Beine der Frauenfiguren mit gemusterten Kleidungsstücken, Kopfputz und Schmuck kontrastiert.

Auch die Polin Aleksandra Kalisz betont den Gegensatz von dekorativen Stoffen (und Fliesen) und nackten Körperteilen in ihren Ölbildern.

Die chilenische Malerin Constanza Ragal umrahmt ihre Porträts mit ursprünglich seidengestickten Kränzen wie z.B. „Bruna in Ha Noi“.

Natalia Urnia aus Chile dokumentiert in Fotos die Rückführung von Kleidungsstücken in ihre Bestandteile.

Was im weitesten Sinne auch als Fiber Art gelten kann, ist das Werk, das mich wohl am meisten begeistert hat, „Bir-lik“ (Einheit) des türkischen Künstlers Varol Topac, der unterschiedlich lang zersägte Ästchen mit der Schnittfläche auf Leinwand geklebt hat, die durch einen Motor in Bewegung und Geräusch gesetzt werden. Man sieht auf einer riesigen Fläche wellenartig helle Brauntöne und Dunkelheiten (Schatten), ein abstraktes sehr stimmungsvolles Bild. Auch viele andere Besucher waren fasziniert.

Gar nicht textil, aber für mich als Scherben-Fetischistin von Interesse: Maria Ossandón: „Wiederaufbau I – VI“, kleine Bildchen, in denen sie um ein oder zwei Scherben herum das Muster darauf durch Zeichnungen erweitert.

Nebenbei: Chile ist ausnahmslos durch Frauen repräsentiert.

Die NordArt 2017 läuft noch bis zum 8. Oktober 2017.
Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags 11 Uhr bis 19 Uhr
Adresse: Vorwerksallee, 24782 Büdelsdorf