Reportagen

Reportage über die Raumskulptur „it will be“ im Haus am Lützowplatz, Berlin

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It Will Be! setzt sich mit den Geschlechterrollen unterschiedlichster kultureller Hintergrunde und deren Bezug zum Handwerk des Nähens auseinander. Ziel ist, in einem gemeinsamen Prozess Veränderungspotentiale zu erkennen und auszuschöpfen.
Die Projektpräsentation im Haus am Lützowplatz wird gemeinsam mit dem Verein Mama Afrika e.V. und dem Kollaborativ ƒƒ e.V. organisiert und ist eine Weiterführung von Mathilde ter Heijnes Projekten Olacak! (DEPO, Istanbul 2010) und It Will Be! (Museum für Neue Kunst, Freiburg 2014).
In der zweiten Auflage von It Will Be! stellten die zahlreichen TeilnehmerInnen des Projektes, die von Flüchtlingsgemeinschaften bis zu Handarbeitsgruppen reichen, hunderte dreieckige Kissen und Sitzelemente her. Jedes Modul repräsentiert eine Stimme, eine eigenständige kreative Schöpfung mit einer persönlichen Textbotschaft, die in den Korpus einer großen, immer weiter wachsenden Raumskulptur eingearbeitet wird – eine veränderliche, fließende, zerfallende und sich wieder zusammensetzende Form. Sie bildet eine heterogene, vielfarbige, temporäre Gemeinschaft als eine autonome Zone ab.
Die begehbare Raumskulptur soll ein Ort sein, an dem sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft begegnen und miteinander verbinden können. Es findet ein Programm statt mit Gesprächen, Performances und anderen Veranstaltungen. U. a. entstand in Zusammenarbeit mit Chicks on Speed eine interaktive Audio- und Video-Installation.
Aus dem Flyer des Projekts „It will be“.

Am 17. März habe ich die Preview der Installation „It will be“ von Mathilde ter Heijne im Haus am Lützowplatz besucht. Über mehrere Räume ist eine Installation bestehend aus verbundenen dreieckigen Kissen aufgebaut. Mal wirkt die Installation wie ein Zelt, mal wie ein luftiges Dach. Die in hölzerne Rahmen eingefügten Kissen sind außen in den unterschiedlichsten Techniken mit Blumen bestickt worden, innen haben die Frauen in verschiedenen Sprachen ihre Wünsche aufgeschrieben oder aufgestickt. Von Raum zu Raum ändert sich die Farbe. Auf dem Boden liegen große und kleine Sitzkissen, die von den Besucherinnen gern angenommen werden.

Kurz nach mir kam eine Gruppe von sehr fröhlicher Berliner Kiezmütter, die an dem Projekt mitgearbeitet hat. Begleitet wurde sie von Ina Rieck, der Koordinatorin der Gruppe. Ina erzählte mir: „Mathilde kam zu uns. Sie suchte nach Projektpartnern für ihr „It will be“. Wir haben Kissen gemacht. Wir haben sechs/sieben Wochen mit Mathilde gearbeitet. Wir haben dreieckige Kissen und ein paar von den Puffs genäht. Die Kissen haben die Blumenapplikationen und auf der Rückseite auch Botschaften. Wir haben die Kiezmütter gefragt, was sie an ihrer Arbeit mögen, was ihnen wichtig ist. Das waren zum Beispiel: Freude, Helfen, Empathie, Selbstbewusstsein, Sprache, Wissen und Erfahrung.“

Ich frage, ob alle diejenigen, die mitgemacht haben, Erfahrungen mit textiler Arbeit haben.
„Erfahrungen haben alle, einige hatten besondere Freude daran und haben es ziemlich perfektioniert, andere haben einfach mitgemacht. Sie haben zum Beispiel Knöpfe genommen und sind so zu schönen Ergebnissen gekommen.“

Ina Riek bittet mich, um Spenden für die Arbeit der Kiezmütter zu werben:
https://www.betterplace.org/de/projects/40497-wir-helfen-als-beste-freundinnen

In einem weiteren Raum läuft ein Video, das sich mit dem Thema Genitalverstümmelung befasst. Das schreckliche Thema wird darin mit Musik, vielen Blumen, symbolisch für die Scham stehenden Dreiecken und großen Schriftzügen vermittelt. Mathilde ter Heijne verweist darauf, dass auch die Dreiecke und Blumen der Installation auf dieses Thema verweisen.

Ich frage sie, wie alles angefangen hat. Sie erzählt mir von dem Projekt Olacak! in dessen Rahmen sie gemeinsam mit 75 Frauen vom Kartal-Markt in Istanbul eine 30 Meter lange Schlange entwickelt hat.

„Als es fertig war, war es sehr schön und die Frauen haben gesagt, ja, wir tragen das ins Zentrum der Stadt und zeigen es. Dann habe ich Flyer gemacht und ein Logo für den Markt entworfen. Dann sind wir zum Zentrum gelaufen und ich dachte, wir brauchen ein Kampflied oder etwas, was wir sagen können. Ich hatte parallel Fragebögen gemacht, einfach um die Leute kennen zu lernen und einen Prozess des Hinterfragens anzuregen und dann haben wir mit den Aussagen aus den Fragebögen ein Lied komponiert und einen Rap-Song draus und ein Video zu dieser ganzen Aktion gemacht.“
Den Film dazu können Sie hier ansehen: https://vimeo.com/15642349

Mathile ter Heijne fährt fort:
„Ich fand diese Zusammenarbeit total toll. Die Arbeit ist ein paar Mal gezeigt worden und dann kam ein Museum in Freiburg und hat gefragt, ob ich ein ähnliches Projekt machen möchte. Ich dachte, die gleiche Schlange noch einmal machen, das ist ein bisschen langweilig. Das Museum wollte gern auch mit einer Gruppe in der Stadt arbeiten, mit Emigranten, keiner homogenen Gruppe. Das bedeutet, es ist eine ganz andere Konstellation und so kam es zu diesem fliegenden Teppich.“

Ich sage ihr, dass ich beim ersten Anblick an Zelte dachte.

„Ja, das kann es auch sein. Es eigentlich ganz egal, was es ist. Es geht darum, aus diesen Quilts, diesen kleinen Teilen entsteht etwas ganz Großes. Die Idee des fliegenden Teppichs finde ich sehr schön, weil es eine Art von Freiheit symbolisiert, eine Freiheit von Grenzen.“

Die Module, bestehend aus Kissen mit einem Bezug, sind alle hervorragend genäht. Wer hat sie gemacht?

„Ich habe der Freiburger Gruppe habe den Auftrag gegeben, die Dreiecke zu nähen. Dazu habe ich Prototypen mit Reißverschluss und Füllung entwickelt. Ich fragte mich, was kann man da gestalten. Das Einfachste, was jeder machen kann, ist eine Blume. Das Typische an diesem Handwerk ist auch dieses Dekorieren, das Blumige, das größte Klischee überhaupt und ich finde genau interessant, das noch einmal umzudrehen. Es geht auch darum, diese Handarbeiten, das Traditionelle anders, subversiv zu denken. Es geht darum, das Handwerk hinzusetzen, wo man es gar nicht erwartet und damit andere Botschaften zu generieren.“

Wann und wie wurde das in Verbindung gebracht mit weiblicher Genitalbeschneidung?

„Das Dreieck stand schon immer symbolisch für die weibliche Scham. In der letzten Version des Projektes habe ich die Gruppe Mama Afrika kontaktiert und die Gruppe wollte gern mitmachen. Die Zusammenarbeit wurde immer enger und auf diese Art und Weise kam das Thema bei mir langsam in den Kopf und ich habe realisiert, dass diese Blume und dieses Dreieck eigentlich ganz eng beieinander sind. Eigentlich ist alles das gleiche Thema. Das war mir gar nicht so klar. Erst in dieser Runde des Projekts wurde mir klar, wie wichtig das eigentlich ist. Und wie alles zusammen negativ besetzt ist. Handwerk, dieses Blumige, das ist immer kitschig oder camp. Aber Frauen lieben es, diese Blumen zu machen, zu häkeln, diese Blumenmotive. Ich sehe das überall um mich herum, aber es gilt immer als Kitsch. Und eine komplexe Blume ähnelt natürlich einer Vagina, mit den Schamlippen, dem ganzen Geflecht. Wir wussten gar ja gar nicht, wie komplex die weibliche Sexualität ist. Das ist in den letzten Jahren immer klarer geworden. Ich dachte, dieses Geflecht, das hier entsteht, dieses Rhizom, das sich ausbreitet, das sind eigentlich wir, unsere Verbindungen zueinander, die Brücken, die wir zueinander schlagen, wie unterschiedlich wir auch sind, wie schwierig es zum Teil auch ist, und wie befangen man auch ist, wenn es um bestimmte Themen, wie Sexualität geht. Die Genitalbeschneidung zerstört das Leben von Frauen. Da wollte ich eine Art von Zusammenhang kreieren und visualisieren. Ob es mir gelingt oder nicht, ist ein Zweites. Das ist gelebte Realität. Gelebte Realität ist auch, ob es etwas ändert bei den Besuchern oder Teilnehmern.“

Zu guter Letzt noch eine wunderbare Applikationsarbeit der Berlinerin Stefanie Gruber.