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Bericht über einen Besuch bei der documenta 14 in Kassel

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Die documenta 14, so ist in zahlreichen Zeitungsartikeln zu lesen, ist eine sehr politische Schau. Diese Einschätzung kann ich – zurückgekehrt von einem Besuch in Kassel – nur bestätigen. Viele Kunstwerke beschäftigen sich mit Krieg, den Folgen von Krieg, Kolonialismus, Globalisierung etc.

Mein Interesse galt in erster Linie den textilen Kunstwerken. Ich war begeistert von der Fülle der Ausstellungen und vielen textilen Entdeckungen.

Zwei mit Jutesäcken verhüllte Torhäuser sind mir schon bei der Fahrt vom Hotel zum Stadtzentrum aufgefallen. Es handelt sich um eine Aktion des Ghanaers Ibrahim Mahama, die er mit Studenten der Kunsthochschule Kassel umgesetzt hat.

DER Blickfang der documenta 14 ist der begehbare Büchertempel auf dem großen Platz vor dem Fridericianum. Er hat die exakten Abmessungen des Athener Parthenons. In die Säulen sind Bücher eingeschweißt, die verboten waren oder noch verboten sind. Wann und durch wen „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe, „The Catcher in the Rye“ von Salinger, „Der tägliche Kram“ von Kästner, „Jeder stirbt für sich allein“ von Fallada, „Der kleine Prinz“ von St. Exupery oder „Glanz und Elend der Kurtisanen“ von Balzac verboten waren, erschließt sich mir nicht.

Gut gefallen hat mir das Kunstwerk der Künstlerin Janine Antoni mit dem Titel „Slumber“, das im Fridericianum gezeigt wird. Es ist eine Anspielung an den Webstuhl der Penelope. Während Penelope aber jede Nacht ihr Gewebtes wieder auftrennt, hat die Künstlerin eine 40 Meter lange Decke gewebt. Sie hat ihre nächtlichen REM-Werte auf Papier gedruckt und die Linien dann mit Fetzen ihrer Nachhemden in die Decke eingeflochten. Einer der Ausdrucke steht auf dem Webstuhl.

Evenfalls im Fridericianum zu sehen: die Segel der griechischen Künstlerin Bia Davou, die bereits 1996 verstorben ist. In jedes Segel sind mittig Streifen mit Buchstaben eingearbeitet.

An die Knoten von Sheila Hicks erinnerte mich der „Quipu Gut“ der chilenischen Künstlerin Cecilia Vicuna in der Documenta-Halle. Purpurrot gefärbte Stränge ungesponnener Wolle hängen von der sehr hohen Decke. Vielleicht ganz interessant, dass ein Quipu eine Knotenschrift der ursprünglichen südamerikanischen Bevölkerung ist.

Im selben Raum eine knapp 24 m lange und 39 cm hohe Arbeit der Künstlerin Britta Marakatt-Labba vom Volk der Sami in Norschweden, die mir außerordentlich gut gefallen hat: mit Wolle auf Leinen hat sie Geschichten der Sami gestickt, appliziert und gedruckt. In ganzer Länge kann man die Arbeit natürlich nicht fotografieren, die bezaubernden Details würden völlig verloren gehen. Deshalb hier nur zwei Details.

Aboubakar Fofana aus Mali hat Textilien aus Naturfasern mit organischem Indigo gefärbt. Mit seiner Arbeit betrachtet er die bisher unbekannten Aspekte dieses Färbemittels. Die Arbeit trägt den Titel Fundi (Aufstand). 1859 kam es in Bengalen zum Aufstand gegen den jahrelangen Monokulturanbau, der den örtlichen Bauern von den britischen Kolonialherren aufgezwungen worden war.
Mit ihrer „Sewing Machine Gun“ bearbeitet Bonita Ely aus Australien die Auswirkungen  posttraumatischer Belastungsstörungen auf Familien, hier die Frauen.

Als Einschub zwei nicht textile Kunstwerke, die aber mit Textilem zu tun haben: In dem Druck von  Gauri Gill aus Indien sitzt eine Frau mit einer Maske und quiltet eine Decke mit großen Stichen.
Woran denkt jede Quilterin sofort bei diesen Keramiken von Nevin Aladag aus der Türkei? Richtig! Muster, wie sie auch in einem „Dear Jane“-Quilt vorkommen.

Dieser raumfüllende Paravent von Nilima Sheikh mit dem Titel „Terrain: Carrying Across, Leaving Behind“ wirkt warm und behaglich, die Geschichten, die er erzählt, sind es nicht. Auf 16 Leinwandrollen geht es beispielsweise um eine Tochter, der der Ehre der Familie wegen der Kopf abgeschlagen wird, oder um einen Studenten, der sich selbst verbrennt, um damit gegen die Ausgrenzung zu protestieren, die er als Dalit erfahren hat. Darüber hinaus sind zahlreiche Gedichte auf den Bahnen zu lesen.

Maria Lai aus Italien hat einen Webstuhl aus Holzstäbchen geschaffen, der Titel des Werks ist „telaio“. Die zweite Arbeit von ihr heißt „tela cucita“ (Gewebte Leinwand).

Auch sorbische Stickerei lag in einer Vitrine. Diese Schultertücher stammen vom Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Koreanerin  Kimsooja hat 1992 während einer Künstlerresidenz begonnen, Bündel (Bottari) zu binden. Traditionell wurden in Korea die wichtigsten Besitztümer in ein Stück Tuch eingewickelt, oft wenn die betreffende Person ihren Geburtsort verlassen musste. Die Künstlerin hat hier Kleidungssstücke aus Athen und weitere getragene Kleidung aus Kassel eingewickelt.

1994 erhielt die Navajo-Weberin Marilou Schultz von der Firma Intel den Auftrag, eine Schalttafel nachzuweben. Navajo-Arbeiten werden traditionell von Hand auf einem aufrechten Webstuhl gewebt. Das Muster fertigte Marilou Schultz beim Weben.

Es waren zwei anstrengende, aber spannende Tage in Kassel. Wenn in fünf Jahren die documenta 15 stattfindet, will ich wieder dabei sein!

Alle Fotos: Claudia Eichert-Schäfer