Buchbesprechungen

Dress in the Age of Jane Austen. Regency Fashion

Dress in the Age - 300

Jane Austen (16. Dezember 1775 – 18. Juli 1817), die für viele bis heute die große Lady der romantischen Literatur ist, war eine begnadete Beobachterin. Wenn auch manche ihrer Kritiker der Ansicht waren, sie hätte sich statt mit den Herzen der Menschen, vielmehr mit ihren Augen, Mündern, Händen und Füßen beschäftigt, so zeugen ihre Schriften von einem scharfen Verstand und einer sicheren Urteilskraft. Als junge Frau tanzte sie gerne auf Bällen, lustwandelte mit großer Leidenschaft durch Gärten und liebte feine Spitze, schöne Kleider und Hüte. Von all ihren Vorlieben lesen wir in ihren Briefen und erzählen uns ihre Romanheldinnen. Denn all das, was die Pfarrerstochter aus der englischen Provinz über die größeren und kleineren Anwesen und das, was dort getragen und wie sich dort präsentiert wurde, zu berichten weiß, war weit mehr als modisches Beiwerk. Stoffe, Juwelen, Perlen, Möbel, Teppiche symbolisierten Macht und Besitz, sodass Stoffe und Schnitte der Kleidung viel über das menschliche Zusammenleben in ihrer Zeitepoche verraten können. Nicht zuletzt beflügelten ihre Darstellungen die Fantasie zahlreicher Filmemacher, deren Werke von eleganten Empire-Schönheiten bevölkert werden.

Die Textilwissenschaftlerin und Kuratorin Hilary Davidson hat sich in ihrem Buch „Dress in the Age of Jane Austen. Regency Fashion“ historisch kritisch mit der Epoche Jane Austens beschäftigt, einem spannenden Moment menschlicher Geschichte. Dieser Zeitraum kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution bis zur endgültigen Niederlage Napoleons ist gekennzeichnet durch einen tiefgreifenden Wandel, der alle Lebensbereiche erfasste. Geschichte wird in ihrem Buch lesbar anhand von Musselin, Unterhemden, gefärbter Baumwolle. Mode ist ein Phänomen, das die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Eroberung der Natur, das Verständnis der Gesetze der Physik ebenso wie die Erfindung der Dampfmaschine in sich vereint.

Die Romanautorin und Briefeschreiberin Jane Austen wird für Hilary Davidson zu einer Kommentatorin des sozialen Lebens, wenn sie über Kleider, Hüte und Spitzen schreibt. Zumal dieser Mikrokosmos von Stoffen, Gewändern und Accessoires einerseits Einkommen, Heiratsmöglichkeiten und Geschmack bestimmter sozialer Gruppen darlegt sowie andererseits auf die Orte von Produktion und Handel verweist. Hilary Davidson fragt danach, wo Frauen und Männer ihre Stoffe und ihre Kleidung kauften. Welche Handelsnetzwerke existierten? Welche technologischen Methoden wurden bei der Herstellung von Kleidung angewandt? Wer produzierte Kleidung? Dabei definiert sie ihren Untersuchungszeitraum von 1795, als die Taille-Linie in den Bereich unter der Brust aufstiegt, bis etwa um das Jahr 1825, als der vormalige Regent bereits als König Georg IV. regierte.

Um diese Fragen zu beantworten, beginnt die Autorin mit dem Körper des Individuums, der natürlich auch in der Regency Zeit täglich zu den unterschiedlichen Anlässen bedeckt werden musste. Neben dem Anlass definierten die soziale Position, aber auch das Wetter die Bekleidung. Wie dieser Körper nun entsprechend der Umstände bedeckt wurde, zeigt die Autorin in den folgenden Kapiteln, wobei sie nicht chronologisch vorgeht, sondern den geografischen wie sozialen Raum betrachtet, in dem sich der jeweilige Körper präsentierte. Von Sphäre zu Sphäre betrachtet die Autorin, wie Frauen und Männer sich kleideten: zu Hause, im Dorf, auf dem Lande, in der Stadt bis hin zu den beiden äußeren Bereichen der Nation und der Welt. Es ist überaus faszinierend zu lesen, wie Hilary Davidson, indem sie Jane Austens Äußerungen mit weiteren zeitgenössischen Quellen vergleicht und anhand der neuesten Forschungen interpretiert, den Wandel im Weltgeschehen in allmählichen Veränderungen der Bekleidungsgewohnheiten und Normen reflektieren kann. Der Makrokosmos der Napoleonischen Kriege wie der weltumspannenden Handelsmacht der Briten korrespondiert mit dem Mikrokosmos von Kleidern, Shawls und Regenschirmen.

Man könnte meinen, dass über Jane Austen schon alles gesagt und geschrieben wäre. Doch Hilary Davidson gelingt es, zum einen durch ihre eigenen praktischen Fähigkeiten in der Herstellung von Kleidung und Schuhen und zum anderen durch ihre tiefgründige wissenschaftliche Analyse, die Leser auf die Details sowohl in den Sätzen von Jane Austen wie beim Blick auf Stoffe und Schnitte aufmerksam zu machen. Es ist diese detaillierte Betrachtung, die die Fähigkeiten der berühmten Romanautorin Austen, die Geschichte ihrer Zeit in Worte zu fassen, würdigt und der Nachwelt verständlich macht. Zum Beispiel, wenn Hilary Davidson eine auf den ersten Blick nebensächliche Äußerung von Lydia Bennet über eine neu erworbene Haube sorgfältig erörtert und in einen modisch-ökonomischen Zusammenhang einordnet (S. 114). Wie deutlich wird hier, wie raffiniert und für ihr Lesepublikum verständlich Jane Austen ihre Figur aus „Pride and Prejudice“ (1813) charakterisiert, die die ganze Familie in große Schwierigkeiten bringt und zugleich die Geschichte dramatisch vorantreibt.

Durch die gut verständlichen Ausführungen und die pointierte Auswahl der Austen-Textbespiele werden sicher nicht allein Jane-Austen-Fans sich freuen, wenn sie Romanfiguren wie Elisabeth Bennet und Mr. Darcy oder den Bingley Schwestern begegnen. Bereits das Cover des Buches nimmt im übrigen Bezug auf eine Vorliebe Jane Austens, auf Besuchen von diversen Ausstellungen die vermeintlichen Porträts ihrer fiktionalen Heldinnen zu entdecken. Zu sehen ist hier das vermeintliche Porträt der wohl schönsten Romanheldin, der lieblichen Mrs. Bingle, geborene Jane Bennet (Näheres dazu S. 54). Im ausführlichen Anhang finden sich neben einem Anmerkungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis samt Index auch Informationen zur Familie von Jane Austen, ihren Romanen sowie ein Glossar zur textilen Fachsprache nebst einer Tabelle zum spezifischen Wandel der Damenbekleidung zwischen 1790 – 1820. Die erkenntnistheoretischen Ausführungen sind mit sorgfältig ausgewählten und beschrifteten Abbildungen kombiniert, sodass die Lektüre dieses 336 Seiten umfassenden Werkes zu einem reich illustrierten Lesevergnügen wird.

Dress in the Age of Jane Austen. Regency Fashion
Hilary Davidson
ISBN: 9780300218725
Yale University Press
336 pages: 254 x 190mm
Illustrations: 180 color illus.