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Frauen und Männer sind wie die Fäden eines gewebten Stoffes

Virginia Postrel 2

Dieser hochinteressante Artikel der Schriftstellerin Virgina Postrel ist erstmals in The New York Times veröffentlicht worden. Lin Maslow hat uns darauf aufmerksam gemacht. Ich fand den Artikel so spannend, dass ich die Autorin angeschrieben habe und um die Genehmigung gebeten habe, den Artikel für das Textile Art Magazine zu übersetzen. Die Bilder habe ich hinzugefügt.

„Die von Frauen produzierten Textilien haben unsere Zivilisation zu dem gemacht, was sie ist.

Wir alle stammen sowohl von Frauen als auch von Männern ab, sowohl kulturell als auch biologisch. Warum also feiern wir im März den Women’s History Month separat?

Die historischen Errungenschaften und Erfahrungen von Frauen und Männern sind wie die miteinander verwobenen Kett- und Schussfäden eines gewebten Stoffes. Entfernt man einen der beiden Fäden, bleibt nur ein Bündel von Schnüren übrig. Die Erforschung der vergangenen Erfahrungen von Frauen ist deshalb so wertvoll, weil sie Fäden wiederherstellt, die verloren gegangen sind, und nicht weil sie ein neues und separates historisches Gewebe webt.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in der Geschichte einer der wichtigsten und einflussreichsten Technologien der Menschheit: Textilien. Trotz der entscheidenden Rolle, die Männer vom antiken Wollhandel bis zur Erfindung des Nylons gespielt haben, neigen wir dazu, Textilien als weiblich zu betrachten – und als unwichtig.

Dabei waren Textilien schon immer zentral für das Leben von Frauen und die geschlechtsspezifische Aufteilung der Hausarbeit. „Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?“ lautet ein altes englisches Sprichwort. „Männer pflügen, Frauen weben“, ist die chinesische Version. Wie ein Großteil der materiellen Kultur haben auch Textilien erst in den letzten Jahrzehnten die Aufmerksamkeit von Historikern und Archäologen auf sich gezogen, was zum Teil auf den Einfluss von Wissenschaftlerinnen zurückzuführen ist.

Nehmen Sie die Wikinger. Populäre feministische Nacherzählungen wie die fiktive Saga „Vikings“ des History Channel betonen die Rolle der Frauen als Kriegerinnen und Häuptlinge. Aber sie deuten kaum an, wie wichtig die Arbeit von Frauen für die Schiffe war, die diese Krieger zu fernen Ufern brachten.

Eine der Hauptfiguren in „Vikings“ ist ein genialer Schiffsbauer. Aber seine Schiffe bekommen ihre Segel offenbar von der Stange. Der Stoff ist einfach da, wie die Textilien, die wir in unserem Leben im 21. Jahrhundert als selbstverständlich ansehen. Die Frauen, die die Wolle aufbereitet, zu Garn gesponnen, den Stoff gewebt und die Segel genäht haben, sind unsichtbar.

In Wirklichkeit dauerte die Herstellung eines Wikinger-Segels länger als der Bau eines Wikingerschiffs. Ein Segel war so kostbar, dass in einer der isländischen Sagas berichtet wird, wie ein Held weinte, als sein Segel gestohlen wurde. Allein das Spinnen von Wolle zu genügend Garn, um ein einziges Segel zu weben, erforderte mehr als ein Jahr Arbeit, was etwa 385 Arbeitstagen mit je 8 Stunden entspricht. König Canute, der im 11. Jahrhundert ein Reich an der Nordsee regierte, hatte eine Flotte von Schiffen, mit etwa einer Million Quadratmeter Segeltuch. Allein für die Spinnerei entsprachen diese Segel dem Gegenwert von 10.000 Arbeitsjahren.

Wer Textilien ignoriert, schreibt die Arbeit von Frauen aus der Geschichte heraus. Und wie die britische Archäologin und Historikerin Mary Harlow warnte, macht es die Wissenschaftler blind für einige der wichtigsten wirtschaftlichen, politischen und organisatorischen Herausforderungen vormoderner Gesellschaften. Textilien sind sowohl für das private als auch für das öffentliche Leben lebenswichtig. Sie sind Kleidung und Heimtextilien, Zelte und Verbandszeug, Säcke und Segel. Textilien gehörten zu den frühesten Waren, die über große Entfernungen gehandelt wurden. Die römische Armee verbrauchte Tonnen von Stoffen. Um ihre Soldaten zu kleiden, verlangten chinesische Kaiser Textilien als Steuern.

„Der Bau einer Flotte erforderte langfristige Planung, da die Herstellung von gewebten Segeln große Mengen an Rohstoffen und Zeit benötigte“, schrieb Dr. Harlow in einem Artikel von 2016. „Die Tiere mussten gezüchtet, geweidet und geschoren, die Pflanzen angebaut, geerntet und verarbeitet werden, bevor sie die Spinner erreichten. Die Textilproduktion für den heimischen und weiteren Bedarf erforderte Zeit und Planung.“ Das Spinnen und Weben der Wolle für eine einzige Toga, so rechnet sie vor, hätten eine römische Matrone 1.000 bis 1.200 Stunden beschäftigt.

Die Darstellung historischer Frauen als Produzentinnen erfordert eine Änderung der Einstellung. Selbst heute, nach Jahrzehnten des feministischen Einflusses, gehen wir zu oft davon aus, dass das Herstellen wichtiger Dinge eine männliche Domäne ist. Frauen dekorieren und konsumieren stereotypisch. Sie beschäftigen sich mit Menschen. Sie stellen keine wichtigen Güter her.

Doch von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert stellte die europäische Kunst die Idee der „Industrie“ nicht mit Schornsteinen, sondern mit spinnenden Frauen dar. Jeder verstand, dass ihre unermüdliche Arbeit essenziell war. Es brauchte mindestens 20 Spinnerinnen, um genügend Faden für einen einzigen Webstuhl herzustellen. „Die Spinnerinnen sind nie müßig, weil ihnen die Arbeit fehlt; sie haben immer Arbeit, wenn sie wollen; aber die Weber sind manchmal untätig, weil ihnen das Garn fehlt“, schrieb der Agrarwissenschaftler und Reiseschriftsteller Arthur Young, der 1768 Nordengland bereiste.

Kurz darauf befreiten die Spinnmaschinen der industriellen Revolution die Frauen von ihren Spindeln und Spinnrocken und leiteten einen jahrhundertelangen Prozess ein, der selbst den ärmsten Menschen der Welt einen Lebensstandard brachte, den sich unsere Vorfahren nicht hätten vorstellen können. Aber diese „große Bereicherung“ hatte einen unglücklichen Nebeneffekt. Der textile Überfluss löschte die Erinnerung an den wichtigen historischen Beitrag der Frauen. Er verwandelte das Gewerbe in Unterhaltung. „Im Westen“, schrieb Dr. Harlow, „hat sich die Herstellung von Textilien von einem grundlegenden, ja essenziellen Teil der industriellen Wirtschaft zu einer vorwiegend weiblichen Handarbeit gewandelt.“

Als Beweis für diese tiefgreifende Amnesie brauchen wir nicht weiter zu schauen als auf die in Leder gekleideten Amazonen in Hollywoods Wonder-Woman-Filmen. Sie leben in einer Welt, in der die einzigen Textilien musterlose Anzeichen für den minderwertigen Status der Zuschauer sind.

Im antiken Griechenland hingegen war das Weben eine der bestimmenden Praktiken der Kultur, die in Ritualen und Kunst gefeiert wurde. Siebenundzwanzig Passagen bei Homer beziehen sich darauf, darunter die berühmte Geschichte von Penelope, die ihre Freier abwehrt, indem sie das Leichentuch, das sie für Laertes anfertigt, webt und wieder auflöst. Platons „Staatsmann“ setzt den idealen Herrscher mit einem Weber gleich, der mutige und gemäßigte Bürger vereint, so wie der Webstuhl die starke Kette und den weichen Schuss zusammenführt.

In der vermeintlich feministischen Mythologie der Wonder-Woman-Filme fehlt eine Gottheit auffallend. Das ist Athene, die Spenderin der Schiffe und der Webstühle, die „Weberin“ der Pläne mit Odysseus, die kluge Göttin des nützlichen Handwerks. Die Griechen nannten ihre Domäne „techne“, ein Wort, das eine Wurzel sowohl mit Technik als auch mit Textil teilt.

Wenn wir ihre Gaben geringschätzen, entgeht uns der wichtige Beitrag der Frauen zum reich verwobenen Gewebe der Zivilisation.“

Virginia Postrel, vp@vpostrel.com
Columnist, Bloomberg Opinion
Author, The Fabric of Civilization, The Power of Glamour, The Substance of Style, and The Future and Its Enemies
vpostrel.com | @vpostrel

Originally published in The New York Times
https://www.nytimes.com/2021/03/26/opinion/women-weaving-history.html?referringSource=articleShare

Übersetzung: Claudia Eichert-Schäfer