Portraits & Interviews

Interview mit Alena Macmillan von Dilians zu Blaudruck

Portrait

Auf der TEXTILE ART BERLIN 2019 bin ich lange am Stand von Alena Macmillan stehen geblieben, wo es neben wunderbaren Taschen aus Blaudruckstoffen auch viele Informationen über den Blaudruck gab. Nun konnte ich sie ausführlicher dazu befragen.

Wie ist es zu Ihrer Begeisterung für Blaudruck gekommen?

Leider relativ spät, erst in der zweiten Hälfte meines Lebens. In den ganzen Jahren meiner Jugend in Prag war der Blaudruck in der Stadt omnipresent. Es gab mehrere Geschäfte in den besten Stadtlagen, die neben Meterware alles mögliche aus Blaudruck angeboten haben. Es gab sogar ein ganzes Kaufhaus mit Folklore-Produkten und mit ganz viel Blaudruck. Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefallen hätte, die Sachen waren fast alle schön, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, so etwas zu kaufen, geschweige denn zu tragen. Weil es immer da war, hat es mich einfach gelangweilt und ich sehnte mich nach T-Shirts und Levis-Jeans aus dem Westen. Heute verstehe ich meine damalige Abneigung überhaupt nicht und die ganze Sache hat sich umgedreht. Nun langweilen mich die westlichen Klamotten, in jeder Großstadt der Welt die gleichen Fußgängerzonen mit den gleichen Firmen und Marken. Wie individuell und einmalig im Vergleich dazu der Blaudruck ist …

In München 1981 angekommen habe ich viele Jahre ganz vergessen, dass es jemals irgendeine Blaudruck-Tradition gegeben hat. Erst viele Jahre nach der Wende, etwa vor
10 Jahren, habe ich mich auf einem Spaziergang durch Prag daran erinnert. Im Angesicht allerlei kitschiger Souvenirs kam mir plötzlich die Frage – wo ist eigentlich der Blaudruck? Warum sieht man ihn nirgendwo mehr?
Und so hat alles angefangen. Nach und nach bin ich in diese Materie reingerutscht, habe die ersten (letzten) tschechischen Blaudrucker besucht und kennengelernt, die ersten Stoffe bei ihnen gekauft. Sie haben mir auch sehr viel über ihr Handwerk erzählt und je mehr ich darüber erfahre, desto mehr begeistert mich dieses Thema. Ich bin fasziniert über diese Kreativität unserer Vorfahren, diesen guten Geschmack und die Schönheit der alten Muster. Natürlich weiß ich eigentlich immer noch viel zu wenig und lerne weiter dazu.

Erzählen Sie uns etwas über die Geschichte des Blaudrucks.

Der Blaudruck hat eine sehr lange und interessante Geschichte. Man könnte sagen, dass er fast von Anfang an die Menscheit begleitet. Gerade habe ich in einem Buch über Blaudruck gelesen, dass sogar schon die alten Ägypter dieses Verfahren benutzt haben, man hat Reste von einer Blaudruck-Kinder-Tunika irgendwo in Ägypten ausgegraben.
Die Hauptrolle bei der Massenausbreitung des Blaudrucks haben aber wohl die Inder gespielt, denn in Indien wächst nicht nur Baumwolle, sondern es wachsen auch viele Färberpflanzen. Auch in Persien und überhaupt in Asien hat man sehr lange vor unserer Zeit schon Stoffe gefärbt und später auch bedruckt. Die Entdeckung des Seewegs nach Indien war natürlich für die Verbreitung der indischen Textilien in Europa sehr hilfreich. Etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts kam erstmalig ein roh- und mehrfarbiges Baumwollgewebe, sogenannter „Kattun“ aus Indien nach Europa. Damit fängt die Geschichte des Blaudrucks in Europa an, denn Baumwollgewebe lässt sich am einfachsten bedrucken. Die erste Textildruckerei ist höchstwahrscheinlich in Holland im Jahre 1627 entstanden, hier hat man allerdings noch mit Ölfarben direkt gedruckt. Im Jahre 1678 wurde in Holland schließlich eine Kattundruckerei gegründet, diese hat als erste in „Oostindische manier“ (Blaudruck ähnlich) gearbeitet. Und hier zitiere ich aus einem Buch (Mit Model, Krapp und Indigo): „So wurde in den Niederlanden und damit auf dem europäischen Kontinent erstmalig 1678 das moderne Drucken von Stoffen eingeführt.“
Rasch hat sich dieses Verfahren auch in andere europäische Länder ausgebreitet, vor allem nach Frankreich, England und Deutschland. Vermutlich um das Jahr 1690 herum wurde das erste Stück Stoff mit Hilfe einer Handdruckform in Augsburg bedruckt. Zuerst hat man zum Färben allerdings kein Indigo benutzt, sondern das einheimische Waid.

Irgendwann später hat man aber auch in Europa angefangen, die kräftigere blaue Indigo-Farbe aus Indien zu importieren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat dieses Handwerk wohl das goldene Zeitalter erlebt, mit der späteren Erfindung der mechanischen Perrotine und anderen Textildruck-Maschinen kam eine, von den Handwerkern unerwünschte, billigere Konkurenz auf den Markt (so ist es eigentlich bis heute).
Und die Anzahl der Blaudruck-Kunstwerkstätten ist seitdem kontinuerlich gesunken.
Ein kleines Beispiel wäre Augsburg – eine ehemalige Textil- und Blaudruck-Hochburg. Nach fast 300 Jahren des Blaudrucks in Mitteleuropa existiert dort heute keine einzige Blaudruck-Werkstatt mehr.

In welchen Ländern wurden früher bzw. werden heute Blaudruckstoffe hergestellt?

Wie bereits erwähnt in Asien, vor allem in Indien, aber auch in China und Japan. Neulich habe ich auch Fotos aus irgendeinem Land in Afrika gesehen. In Europa ist der Blaudruck eine mitteleuropäische Angelegenheit: Deutschland (ca. 26 Werkstätten), Österreich (2), Tschechische Republik (2), Slowakei (2) und Ungarn (5).

Welche Färbestoffe wurden früher verwendet, was wird heute verwendet?

Früher hat man sich über viele Jahrhunderte „nur“ mit Pflanzenfarben begnügen müssen.
Dies war aber kein Nachteil, denn manche Pflanzenfarben sind ganz schön stark, ich kann mir kein kräftigeres und schöneres Blau als das Indigoblau vorstellen. Da Indigo aber bekannterweise aus Indien kommt, war es in Europa zuerst unbekannt, dann schwer erreichbar und so hat man in den Anfangsjahren des Blaudrucks mit dem einheimischen Waid blau gefärbt. Man hat mit dieser Pflanze früher wohl viel Handel getrieben, denn der Ausdruck „Waidhaus“ ist bis heute allgemein bekannt.

Die meisten Blaudrucker, die ich persönlich kenne, färben bis heute noch mit dem echten Indigo aus Indien, leider wird dieser Farbstoff immer teurer. In der Erfurter Werksattt wird vor allem auch Indigo benutzt, aber auch der einheimische Waid, wohl die einzige Ausnahme! Der Unterschied zwischen Waid und Indigo ist auf den ersten Blick sichtbar – die blaue Indigo-Farbe ist viel kräftiger und die Waid-Farbe ist heller. Ansonsten färben heute einige Blaudrucker nicht mehr mit Indigo, sondern mit der synthetischen blauen Indanthren-Farbe. Dieses synthetische Blau geht aber immer ein wenig Richtung taubenblau, das ist für mich ein kleiner Nachteil, ist aber für den Blaudrucker wahrscheinlich einfacher zu handhaben.

Würden Sie die Färbeverfahren erklären?

Der Name Blaudruck ist eigentlich irreführend. Es wird nämlich gar nicht blau, sondern hellgrün gedruckt. Der Blaudrucker bereitet seinen eigenen speziellen wachsähnlichen sogenannten „Papp“zu und lässt ihn für eine bestimmte Zeit ruhen.
Er breitet ein Stück weissen Baumwoll- oder Leinen-Stoff auf seinem großen Arbeitstisch aus, taucht die Holzform mit dem Muster immer wieder in diesen „Papp“ und bedruckt damit nach und nach die ganze Stoffläche.
Nach solchem aufwendigen Bedrucken bleibt der Stoff weiß, mit hellgrünem Muster drauf. Der Blaudrucker hängt nun die fertige Stoffbahn auf und lässt den Papp längere Zeit an der Luft trocknen.
Nun kommt endlich die blaue Farbe ins Spiel. In jeder Blaudruckerei gibt es einen Bottich, der etwa einen Meter breit und bis zu 3 Meter tief ist. Darin befindet sich eine Farbflüssigkeit, die sogenannte „Küppe“. Die Küppe beinhaltet in den meisten Werkstätten das echte Indigo aus Indien oder aber auch die anderen oben erwähnten Farblösungen.
Nun wird der Stoff mehrere Male in diese Küppe getaucht und jetzt passiert das Interessante: Auf den kleinen Stellen, wo der Papp vorher aufgedruckt worden ist, schirmt er sozusagen den ursprünglichen weißen Stoff vor der Indigo Farbe ab. Diese Stellen bleiben dadurch weiß, während der übrige Stoff kräftig blau gefärbt wird.

Zum Schluss wird der Papp im klaren, warmen Wasser mit etwas Essig oder Säure aus dem Stoff sorgfältig ausgewaschen und das weiße Muster erstrahlt auf blauem Untergrund! Endlich ist es geschafft und ich kann mir gut vorstellen, dass jeder Blaudrucker in dem Moment in den meisten Fällen ein tolles Gefühl der Zufriedenheit mit seiner Arbeit verspürt.
Weil man beim Blaudruck nicht mit einer weißen Farbe einen blauen Stoff bedruckt, sondern die weiße Farbe auf dem Stoff mit dem Papp sozusagen „reserviert“, nennt man das Blaudruckverfahren auch „Reversdruck“. Wenn man aber eine Farbe (statt Papp) auf einen bereits gefärbten Stoff druckt, handelt es sich um ein Direktdruck.

Können Sie uns etwas über die Muster erzählen?

Die Blaudruck Muster sind für mich die wahren Schätze und ich bin immer wieder von deren Vielfalt fasziniert. Jede Blaudruckerei hat eine meist große Sammlung an Druckformen (Modeln) aus verschiedenen Zeiten, von den ganz alten (z.B. in Erfurt: ein Druckstock mit Blumen von 1798) bis zu denjenigen aus den fünfziger und sechziger Jahren, oder noch etwas jünger.
Und jeder Blaudrucker hat eigene Spezialitäten und meistens auch ein Muster, das sehr typisch für seine Werkstatt ist und das man eben nirgendwo sonst findet. Das eine oder andere Muster findet man aber sogar in verschiedenen Werkstätten, denn früher sind die
Blaudrucker auf Wanderschaft gegangen, um von den Kollegen etwas zu lernen und sie tauschten oft untereinander die eine oder andere Druckform aus.
Es gibt aber nicht nur alle möglichen graphischen Muster und Blumenmuster, sondern auch Motive und Bordüren, mit denen man zum Beispiel eine Tischdecke umranden kann. Eins schöner als das andere, Hut ab vor so viel Kreativität unserer Vorfahren! Sie waren künstlerisch sehr begabt, hatten so viele gute Ideen, konnten wunderschön zeichnen und hatten allesamt auch noch einen sehr guten Geschmack. Interessanterweise sind die Blaudruck-Muster, -Motive und -Bordüren irgendwie auch zeitlos, man sieht ihnen das Alter überhaupt nicht an.
Die Druckformen für den Blaudruck sind etwa 25×25 cm groß und immer aus Holz.
Die größeren, gröberen Muster sind meistens auch aus Holz geschnitzt, für die feineren, filigranen Muster benutzt der Formschneider (Formstecher oder Modelstecher) Stifte aus Metall. Seine Arbeit ist enorm wichtig, denn ohne seine anspruchsvolle Handarbeit – ohne die Druckformen – gäbe es keinen Blaudruck. Er überträgt sozusagen die Zeichnungen der Muster vom Papier auf die Druckformen und muss dabei sehr genau arbeiten. Leider ist auch dieser Beruf akut vom Aussterben bedroht, denn es gibt nur noch ganz wenige, eher ältere Meister, die die traditionellen Druckformen neu machen, oder reparieren können.

Die Tölzer Rose ist ein ganz besonderes Muster, was hat es damit auf sich?

Dieses herrliche Muster aus Bayern kommt aus Bad Tölz und hat einen historischen Hintergrund, ist aber heute in dieser Stadt leider gänzlich unbekannt. Es heißt zwar Tölzer Rose, in der Wirklichkeit handelt es sich aber um eine Pfingstrose. Bei meiner Recherche im Stadtmuseum Bad Tölz habe ich es auf den meisten dort ausgestellen Bauernschränken entdeckt, ferner auf vielen Heiligenbildern. Die alltäglichen Artefakte haben damals sicher als Inspiration für den Autor der Tölzer Rose gedient.
Das Muster gehört zu der Mustersammlung der Wallach-Brüder, einer jüdischen Familie, die in Dachau bei München um die 1900 eine Textildruckerei betrieben hat. Diese Werkstatt existiert leider nicht mehr und so kamen etwa neunzig Jahre später die Wallach-Muster in die Textildruckerei Josef Fromholzer nach Ruhmannsfelden im Bayerischen Wald. Herr Fromholzer ist nun 93 Jahre alt, steht Gott sei Dank immer noch in seiner Werkstatt und er ist der einzige in ganz Deutschland, der neben dem echten Blaudruck auch mehrfarbig Stoffe bedrucken kann. Seine und die ganze Geschichte der Familie Wallach ist sehr interessant, würde ganze Bücher füllen und so ist es aus Kapazitätsgründen leider gar nicht möglich, hier mehr zu erzählen.

Wo wurde Blaudruck auch in Trachten eingesetzt?

In den ganzen Jahrhunderten bis zum Zweiten Weltkrieg hat man die Bekleidung aus Blaudruck auf dem Land praktisch täglich, auch als Arbeitskleidung auf dem Feld und im Hof getragen. Die festliche Tracht für den Sonntag war meistens farbig und handbestickt. Die o.g. Firma Wallach hat nach dem Ersten Weltkrieg die ersten, bis heute in Bayern so populären Dirndl quasi erfunden und in München im eigenen Laden auch selber verkauft.
Ob da auch viel Blaudruck dabei war, kann ich leider nicht sagen, denn die Wallach-Brüder hatten vor allem farbige Stoffe im Sortiment.
Sicher gab es aber nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern auch echte Blaudruck-Dirndl, neben der Textildruckerei Fromholzer gibt es in Bayern bis heute auch eine traditionelle Blaudruckerei in Bad Aibling. Heute kann man viele echte Blaudruck-Dirndl aber vor allem in Gutau in Österreich auf dem Färbermarkt erleben, denn da werden die Original-Blaudruck-Stoffe noch sehr hoch geschätzt. Die Damen dort geben gerne auch etwas mehr Geld für ein Blaudruck-Dirndl aus. Wie genau es in Deutschland ist, wieviele Damen hierzulande eines besitzen, kann ich leider nicht sagen.

Die UNESCO hat Blaudruck zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt, was bedeutet das?

Für mich und meine Firma Dilians bedeutet es, dass ich damit werben kann, dass ich darüber den Kunden erzählen kann. Ich kann erklären, warum meine Produkte etwas Besonderes sind und womit sie sich von der Fast Fashion in den Fußgängerzonen  unterscheiden. Für die Blaudrucker selber bedeutet es, (dies ist meine persönliche Hoffnung), dass sie für die Erhaltung dieses Kunstwerks auch z. B. finanzielle Zuschüsse für Reparaturen der alten Druckformen beantragen können. Sie erfahren so auch viel mehr Interesse und Publicity in der Öffentlichkeit. Über diese Auszeichnung freue ich mich persönlich sehr, denn meiner Meinung nach hat das wunderbare Kunsthandwerk, der Blaudruck, sie schon längst verdient.
Ich hoffe, dass sie dazu beiträgt, dass uns die kostbaren Werkstätten auch in Zukunft erhalten bleiben und das textile Erbe unserer Vorfahren nicht gänzlich verloren geht.

Alle Fotos wurden von Alena Macmillan zur Verfügung gestellt.

Dillians ist im Internet wie folgt zu finden:
Internet: http://www.dilians-taschen.de
Blog: www.dilians-blaudruck.de
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