Portraits & Interviews

Interview mit der französischen Künstlerin Odile Mandrette

Odile Mandrette Portrait

Odile Mandrette ist eine ausgesprochen vielseitige Künstlerin: sie kreiert Skulpturen aus Keramik und/oder textilen Materialien und sie malt. In einem Blog sind mir ihre „Gorgonen“ aufgefallen. Ich wollte unbedingt mehr über die Künstlerin wissen und habe sie interviewt.

Hat die Kunst Sie schon von Kindheit an fasziniert?

Ja. Ich war fasziniert von der Kunst, denn sie war täglich und und ganz natürlich um mich herum. Mein Großvater war Maler, meine Mutter studierte an der Ecole des Beaux Arts und hat ihr ganzes Leben lang bildende Kunst unterrichtet, und so war es ganz natürlich, dass auch ich an die Ecole des Beaux Arts wollte, wo ich 6 Jahre blieb.
Ich habe mich entschieden, dort Bildhauerei und Keramik zu studieren. Ich hätte eigentlich gerne am Kurs für zeitgenössische Tapisserie teilgenommen, aber das war nicht möglich.
Nach dem Abschluss lernte ich parallel zu meiner Arbeit als Bildhauerin das Nähen, Sticken und Malen auf Stoff. Ich habe gerne Kleider für mich genäht und sie mit etwas Stickerei oder einem Hauch von Farbe nach meinem Geschmack gestaltet.

Es ist den „Art brut“-Künstlern zu verdanken, dass ich verstanden habe, dass alles erlaubt war. Diese Künstler erlaubten es mir, mich von der „akademischen“ Lehre zu lösen und größere Freiheit zu erlangen.

Hatten Sie Vorbilder unter den KünstlerInnen?

In meinem künstlerischen Pantheon sind Niki de Saint Phalle und Anselm Kiefer.
Die eine bewundere ich für ihre Arbeit für monumentale Keramik (der Tarot-Garten) und den anderen für seine Erinnerungsarbeit.

Dann habe ich die Textilkunst und die zeitgenössischen Textilkünstler entdeckt, die wie Forscher die Kunst auf unerforschten Wegen vorantreiben. Ich stelle fest, dass diese Kunst traditionell mehr von Frauen ausgeübt wird. Sheila Hicks, Judith Scott, Caroline Achaintre, Joana Vasconcelos, deren Arbeit ich bewundere, sind Künstlerinnen, deren große kreative Freiheit die Erforschung meines persönliche Weges beeinflusst.

Sie arbeiten mit ganz verschiedenen Materialien: Sie malen, erschaffen Skulpturen und textile Arbeiten. Gibt es ein Material, das sie bevorzugen?

Ich bevorzuge eigentlich keine speziellen Materialien, alle haben Eigenschaften für die Anwendungen, für die sie entworfen wurden und Qualitäten, die nicht vorgesehen sind. Ich schlage gern unbekannte Wege ein und recycle gern Müll. Jedes Material, auch das ärmste, kann durch ein paar Manipulationen bereichert werden.

Ich versuche in erster Linie, Bilder in zwei oder drei Dimensionen zu schaffen, und kann alle Materialien dazu verwenden: Keramik, Textil, Holz, Pappe, Papier, Plastik … Ich liebe es zu experimentieren. Meine Werkstatt ist ein kleines Labor, in dem ich Tests und Versuche mit allen Arten von Materialien durchführe.

Wann haben Sie ihre Leidenschaft für das Textile entdeckt?

Als ich die Möglichkeiten der Textilkunst entdeckte, fasste ich mir ein Herz und begann mutig, Stoff auf meine Skulpturen zu kleben; dann fing ich an, sie mit textilen Materialien zu bekleiden, und heute arbeite ich meine Stücke komplett aus Textil und integriere Keramik, Plastik etc.

Erzählen Sie uns von den Gorgonen, diesen Kreaturen der griechischen Mythologie. Haben sie  eine besondere Bedeutung für Sie?

Und was ich oben gesagt habe, ist der Fall bei den Gorgonen. Auf Wunsch der Galeristin Françoise Souchaud, die Künstlern den Auftrag gab, zum Thema „Entdecker und verlorene Gärten“ zu arbeiten, habe ich selbst an Gorgonen oder Korallen gearbeitet. So konnte ich mit allen Arten von synthetischen Fäden und Geweben und sowohl mit der Heißluftpistole als auch mit der Häkelnadel und der Nähnadel experimentieren.

Könnten Sie für uns den Prozess der Schaffung eines neuen Werks von der ersten Inspiration bis zur Fertigstellung beschreiben?

Im kreativen Prozess gibt es einen langen Weg mit mehreren Gabelungen. Auf dem Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Werk sind immer wieder Entscheidungen in Bezug auf Material und Farbe zu treffen. Ich habe keine Vision von der fertigen Arbeit, sie entsteht. Stunde um Stunde, Tag um Tag, entdecke ich sie nach und nach. Mir gefällt diese „Reise ins Unbekannte“, die sowohl meine Augen als auch die des Publikums überraschen soll.

Verwenden Sie ein Skizzenbuch?

Ich habe mehrere Skizzenbücher, die den verschiedenen Aspekten meiner Arbeit gewidmet sind, z.B. keramische oder textile Skulpturen, und in denen ich auch Ideen, Zitate und Wortspiele notiere.

Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kommt manchmal von den großen Mythen der Menschheit, manchmal auch von ein paar Worten, die ich gelesen oder gehört habe.

Alle Fotos wurde von Odile Mandrette zur Verfügung gestellt.
Die Website von Odile Mandrette ist: https://www.odile-mandrette.com