Portraits & Interviews

Interview mit dem Plumassier Yannick Delplace

Yannick-Delplace

Was ist ein Plumassier, werden Sie sich fragen. Es ist ein Künstler, der Kunstwerke aus Federn schafft. Ich habe den Kunst-Handwerker Yannick Delplace bei der Ausstellung „Talents“ in Straßburg getroffen und ihm Fragen gestellt.

Interessieren Sie sich seit Ihrer Kindheit für die Arbeit mit Federn?

Die Plumasserie war keine Leidenschaft seit Kindertagen. Ich wusste lange gar nichts davon.  Erst im Alter von 28 Jahren habe ich diesen Beruf entdeckt. Wie oft bei mir brachte eine entscheidende Begegnung mich dazu, in die Welt der Federn zu wechseln und Profi zu werden. Die Welt der Mode und insbesondere die Arbeit für die Haute-Couture-Shows faszinieren mich seit meiner Jugend. Einige große Modedesigner haben meine Karriere entscheidend geprägt.

Könnten Sie uns Ihre künstlerische Ausbildung beschreiben?

Wie oben schon gesagt dominieren spezielle Begegnungen meine Entscheidungen, ob virtuell oder real. Ich habe mich fürs Zeichnen begeistert und war gar nicht schlecht darin. Deshalb ermutigte mich mein Mathelehrer in der 6. Klasse, Zeichenunterricht zu nehmen und eine Berufsschule mit dem Ziel zu besuchen, Landschaftsgärtner zu werden und Parks und Gärten zu schaffen. Nachdem ich Bäume, Blumen, Böden und andere Landschaftselemente studiert hatte, traf ich einen Floristik-Lehrer, der seine Leidenschaft an mich weitergab. 25 Jahre lang arbeitete ich als Florist. Während dieser Zeit verschlang ich Kunstbücher, ich studierte die verschiedenen Architektur- und Möbelkunstrichtungen, Kunstgeschichte, Szenografie und japanische Kunst. Schließlich kam es zu einer neuen Begegnung, die  genauso entscheidend war wie die vorherigen, denn sie machte mich zu dem, was ich heute bin: ein Plumassier.

Was ist das, ein Plumassier, was genau macht er?

Früher war die Aufgabe des Plumassiers die Dekoration von Hüten, Fächern, Vorhängen, Baldachinen und Federboas. Die Federn, ihre Farben und Schönheit wurden in Szene gesetzt.  Heute ist ein Plumassier ein Kunsthandwerker, der sich weiterentwickeln muss, um den immer selteneren Anforderungen von Enthusiasten, Amateuren und Profis aus allen Lebensbereichen gerecht zu werden.

Könnten Sie uns etwas über die Geschichte dieses Kunsthandwerks erzählen?

Es war von Alters her eine Kunst, durch die Männer geschmückt wurden, Kriegsherren, große Prälaten oder hochrangige Personen. In der Natur sind es die Männchen, die das schönste Federkleid tragen.
In Frankreich war es vor allem Königin Marie-Antoinette, die die Federn in Mode brachte. Die Adligen, Höflinge, Kurtisanen und schließlich die leichten Mädchen ahmten sie nach.
Nach den beiden Weltkriegen verschwanden die Federn allmählich aus den Kleiderschränken. Die Zeiten änderten sich, die Federn waren nicht mehr in Mode  und nur noch im Kabarett zu sehen.
In Haute-Couture-Kollektionen tauchten sie dann wieder auf, wie bei Mugler in den 90er Jahren, später bei John Galliano für Dior, Jean-Paul Gaultier, Chanel erst vor kurzem und vor allem bei meinem liebsten Designer: Alexander McQueen. All diese Designer waren nötig, um die Plumasserie aus dem Schatten zu holen.
Heute gibt es nur noch eine Tür, die durch die die Plumasserie gehen muss, um sich eine neue Zukunft zu sichern, die der Kunstgalerien; diese Richtung möchte ich zielstrebig einschlagen, um mich anders ausdrücken zu können.

Verwenden Sie natürliche Federn?

Es gibt es zwei Arten von Federn: gefärbte Federn, die man en gros oder in Tüten für kreative Hobbys oder Stücke, für die eine bestimmte Menge an Material benötigt wird, kaufen kann. Und es gibt natürliche Federn aus dem Gefiederwechsel von Vögeln, die ihre eigenen Eigenschaften behalten.

Was verzieren Sie mit Federn: Hüte, Kleider, Schmuck?

Die Feder kann überall verwendet werden, solange sie diskret, schick und tragbar ist. Ihr Aussehen ist sowohl ihr Vorteil als auch ihr Nachteil, aber wir haben viele Techniken, die es uns leicht machen, mit Federn zu leben. Gut eingesetzt können sie in Schmuck, Hüten, Lederwaren, Kleidung und sogar auf Schuhen verwendet werden.

Arbeiten Sie für die Haute-Couture?

Nicolas Jover haben schon für große Labels gearbeitet. Die Namen werde ich nicht verraten. Wir arbeiten auch für Dekorateure und Innenarchitekten, Sammler, Amateure oder Enthusiasten. Für jedes Projekt wird eine Studie angefertigt, um den Wünschen unserer Kunden so nah wie möglich zu kommen.

Verwenden Sie ein Skizzenbuch, um Ihre Ideen festzuhalten?

Wenn man das Zeichnen liebt, ist das Skizzenbuch ein Alltagsgegenstand; wir verwenden es für jedes unserer Projekte, zuerst für uns selbst, um unsere Ideen in Bilder umzusetzen, und dann für Präsentationen vor Kunden.

Was inspiriert Sie?

Kurz gesagt Alles, aber vor allem die Natur, weil sie so reich und voller Schönheit ist, dass man gar nicht anders kann, als auf Ideen zu kommen!

Könnten Sie und den Prozess der Schaffung eines neuen Werkes von der ersten Inspiration bis zur Fertigstellung schildern?

Die Kreativitätsprozesse sind oft zufällig und kapriziös, in unserem Fall können sie sogar überraschend sein, denn das kleinste Detail kann zum Gegenstand einer erfolgreichen Arbeit werden. Nehmen wir ein Projekt, an dem wir gerade arbeiten, nämlich eine Glyzinie. Ich besuche regelmäßig eine berühmte Buchhandlung und schaue mir die Kunstbücher an (immer wieder !!!!!). Da sind meine Augen an einem wunderschönen Cover mit zwei komplexen Glyzinien-Clustern hängen geblieben; der Titel war: „Meiji, les splendeurs du japon impérial“. Ich habe das wunderbare Buch gekauft und verschlungen, sobald ich zurück war. Mit meinem Skizzenbuch in der Nähe lasse ich meinen Geist wandern und meine Hände zeichnen die ersten Kurven. Ich radiere, ich denke nach, dann zeige ich Nicolas Jover meine Ideen und vertraue ihm die notwendigen Änderungen an. Er soll es umsetzbar machen. Es gibt weitere Korrekturen nach seinen Ratschlägen, weil ich oft zu weit gehe. Ich fange an, nach Materialien und Techniken, die ich verenden kann, zu suchen. Dann stelle ich die endgültigen Skizzen und die Muster her. Dann kann die Arbeit auf  einem Untergrund beginnen. Manchmal arbeiten wir Tag und Nacht und machen nur einen Ärmel oder einen Kragen fertig. Aber wir stellen sicher, dass es unseren Erwartungen entspricht.

Sehr oft experimentieren wir vorher, denn jede Anfrage oder Kreation ist einzigartig und wurde nie gemacht. Es ist unmöglich, im Voraus zu wissen, wie lange es dauern wird, ein Paar Pumps mit einer solchen Feder oder Stickerei herzustellen. Ein Bild wird mehr oder weniger Geduld erfordern, je nach den genauen Abmessungen und abhängig von den verwendeten Federn … Truthahn- oder Gänsefedern? Auch hier ist unser Notizbuch für uns ein unverzichtbarer Begleiter, denn wir erfassen Arbeitszeiten und heben auch Referenzmuster auf.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Kunsthandwerks?

Ich war ziemlich pessimistisch, was die Zukunft unseres Berufsstands angeht, denn obwohl sich die Zeiten und mit ihnen unsere Lebensweise radikal verändert haben, hat sich der Beruf kaum verändert. Wir tragen keine Federn mehr, die Arbeitskosten sind exorbitant, was einen großen Einfluss auf den Preis eines Federobjekts hat. Um die geringste Kreation fertig zu stellen, benötigt man mindestens fünf Stunden Arbeit. Dabei ist der Preis der Federn noch gar nicht eingerechnet. Federn können den Preis von reinem Gold erreichen oder überschreiten. Glücklicherweise können wir mit diesem Material, das seit mehr als tausend Jahren nur für die Mode verwendet wird, experimentieren und es transformieren. Wir entwickeln Techniken, die es uns ermöglichen, die Grenzen zu erweitern. Die Tage der Parurier sind vorbei, jetzt muss sich unser Handwerk zur reinen Kunst entwickeln, um noch ein paar Jahrzehnte zu überleben.

Alle Bilder wurden von Yannick Delpace zur Verfügung gestellt.
Die Adresse seiner Website lautet: http://www.soiephemere.com/