Portraits & Interviews

Interview mit der englischen Textilkünstlerin Cas Holmes

Nadelwelt Common Land Cas Holmes (1)

Cas Holmes hat mehrere in Textilkreisen hoch gelobte Bücher veröffentlicht, sie gibt Kurse unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Dänemark und Deutschland und sie ist auf zahlreichen Ausstellungen präsent. Als ich sie bei der Nadelwelt in Karlsruhe getroffen habe, habe ich sie um ein Interview gebeten.

Was ist Ihr Hintergrund in Sachen Textil? Haben Sie eine textile Ausbildung?

Ich habe eine Ausbildung in bildender Kunst absolviert und Anfang der achtziger Jahre meinen Abschluss in Malerei gemacht. Mein Interesse für Papier- und Textilmedien entwickelte sich durch zwei Langzeitstudien in Japan Mitte bis Ende der achtziger Jahre (unterstützt von der Japan Foundation und dem Winston Churchill Memorial Trust). In der Folge entwickelte sich mein Interesse an der Verwendung von Materialien, die ich finde. Ich erhielt vom Art Council England und dem British Council to Kanada eine Auszeichnung für Forschungsarbeiten, die sich mit Gruppen befassten, die gefundene Materialien in ihrer Kunstpraxis verwenden. Dies festigte mein Verständnis der Themen Nachhaltigkeit und Umwelt. In letzter Zeit habe ich in Europa, Indien und Australien studiert und gearbeitet.

Wie würden Sie Ihre Arbeiten beschreiben?

Ich arbeite mit Stoff, Papier und gefundenen Materialien, da dies am besten zu meiner Form mich auszudrücken passt. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass meine „Leinwand“ oder mein Papier ohne klar definierte Kanten geschnitten, gerissen, geschichtet und genäht wird, so dass die Form und Größe der Arbeit erst nach ihrer Fertigstellung bestimmt wird. Ich arbeite instinktiv, reagiere auf die Materialien und füge Texturen und Markierungen hinzu.
Meine Arbeit wurde beschrieben als Malen mit Stoff oder Stickskizzen.

Arbeiten Sie gern zu bestimmten Themen? Was inspiriert Sie?

Ein großer Teil meiner Arbeit ist die Beziehung, die wir Menschen mit der Landschaft und den Dingen des Alltags haben. Dies hat John Hopper  sehr gut beschrieben:
„Wir leben in einer Welt, in der die Grenze zwischen Mensch und Natur oft endgültig mit einem dicken schwarzen Marker gezogen wird. Wir haben unsere Welt und sie hat ihre. Es gibt die städtische Welt und es gibt die Wildnis, die menschliche Gesellschaft und das Fehlen davon, aber so ist es in Wirklichkeit selten. Die reale Welt ist voll von Komplexität, von einer festen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Cas findet diese Beziehung oft in der zerbrechlichen Welt des Dazwischen, buchstäblich an den Orten, an denen sich Natur und Stadt treffen, wie z.B. Dachrinnen, der Rand landwirtschaftlicher Felder, Hausgärten, alte Industrieflächen. Das sind die Orte, an denen das Unkraut wuchert und die Mensch-gemachten Lügen halb vergessen sind.“

Mit welchen Materialien und Medien arbeiten Sie am liebsten?

Viele der von mir verwendeten Textilien und Papiere sind schriftliche Zeugnisse von Familienerinnerungen, alte Betttücher und Kleidungsstücke. Mich interessiert die Geschichte dieser Stoffe, was wir mit ihnen machen und wie vertraut wir mit ihnen in unserem eigenen Leben sind. Das sind die Dinge, für die das japanische Konzept Wabi-Sabi* steht und die Dinge, die oft „übersehen“ werden. Materialien und Oberflächen mit Gebrauchsspuren.
„Wabi-Sabi  ist die Quintessenz der japanischen Ästhetik und kaum angemessen zu schätzen. Es geht um die Schönheit der Dinge, die unvollkommen, vergänglich und unvollständig sind. Es ist die Schönheit der Dinge, die schlicht und bescheiden sind. Es ist die Schönheit der unkonventionellen Dinge.“
* Englischer Text:  www.wabisabi.org.uk

Sie haben mehrere Bücher veröffentlicht. Würden Sie uns davon erzählen?

Das Redaktionsteam von Batsford hatte Vertrauen in mich und ermöglichte mir, mein erstes Buch The Found Object in Textile Art (2010) zu schreiben, in dem ich meine Stimme finden und über nachhaltige Praxis und die Freude an gefundenen Materialien sprechen konnte. Mein neuestes Buch Textile Landscape erscheint 2018 und reflektiert, wo ich jetzt stehe und wie das Thema Landschaft sowohl als Idee als auch als Thema erforscht werden kann.

In all meinen Veröffentlichungen bei Batsford geht es um unterschiedliche Aspekte der textilen Praxis und wie meine Arbeiten einzuordnen sind. Sie handeln eher vom „Warum“ als vom „Wie“ … aber Techniken und Ideen sind im Text enthalten. Ich werde dabei unterstützt durch die großzügigen Beiträge von vielen großen Künstlern und Machern auf diesem Gebiet und auch meine eigene Arbeit wird beschrieben. Batsford produziert ständig inspirierende Textilbücher.
Weitere Publikationen sind Connected Cloth (gemeinsam mit Anne Kelly) und Stitch Stories (2015).

Wie arbeiten Sie? Können Sie uns Schritt für Schritt erklären, wie Sie ein Stück schaffen?

Keines meiner Stücke ist sauber geplant. In Skizzenbüchern zeichne ich die Dinge auf, die ich sehe. Darin halte ich die Fortschritte und die Veränderung der Dinge fest, während ich arbeite. Diese „Visuals“ sind keine textilen Entwürfe oder Pläne von Arbeiten, die ich später mache, sondern Ausdruck der Denkprozesse, die zur Entwicklung von Ideen führen können. In meinen Stücken ist viel Intuition, eine Reaktion auf Materialien und die Umgebung oder Landschaft.
Ich sammle alle Elemente – Stoff, Kleister, Farben, Papiere usw. – und baue Schichten auf, wie es ein Maler in einem Gemälde tun würde. Dann schneide ich die Schichten auf, um zu sehen, was darunter ist. Dann bemale ich das Stück noch einmal und besticke es mit der Maschine.
Ich verwende meist Low-Tech-Techniken und viele Materialien stammen aus zugänglichen Quellen. Mein Vater war Maler und Dekorateur, deshalb benutze ich oft Haushaltsdispersionsfarben oder Acrylfarben zum Malen, da die in meinem Elternhaus vorhanden waren, als ich Kind war. Tinten und Kaltwasserfarbstoffe in Kombination mit Zeichenmaterialien erlauben es mir, verschiedene Markierungen auf den gefundenen Materialien und Papieren, die ich sammle oder bekomme, auszunutzen.
Mit der Nadel ganz unterschiedliche Teile zusammenzufügen und dann zu beschreiben, begeistert mich am meisten. Die Nadel ist vielleicht auch das einzige Werkzeug, das ich benutze und das die meisten Maler nicht benutzen und das mir erlaubt, meine Arbeit in viele Richtungen zu führen, sowohl konkret als auch konzeptionell.

Bitte erzählen Sie uns von den Workshops und Kursen, die Sie in Großbritannien und im Ausland geben.

Der Austausch mit anderen Menschen im Rahmen von Workshops und Unterricht ist ein sehr angenehmer Teil meiner Arbeit. Ich bin Senior Tutor am West Dean College und arbeite auch mit Colleges, Gilden und Gruppen zusammen. Es macht mir auch Spaß, mit anderen Künstlern und Künstlerinnen zusammenzuarbeiten. Es ist dieser Austausch, der mich herausfordert und ermutigt, Fragen zu meiner Arbeit zu stellen. Im Rahmen dieses Prozesses lerne ich auch.
Ich habe diesen Sommer mehrere Workshops in Europa, von Frankreich und Deutschland bis nach Dänemark. Ich freue mich auf ein neues Projekt mit Arts and Cultural Travel im Oktober, da gebe ich einen Workshop in Italien.
https://artsandculturaltravel.com/portfolio/found-stitch-paint-workshop-cas-holmes-italy/
Ich freue mich auch darauf, im Herbst 2019 wieder zur Quiltstar in Freiburg zu kommen.
Alle Informationen über Workshops und Ausstellungen sind in meinem Blog unter der entsprechenden Überschrift zu finden. http://casholmes.blogspot.co.uk

Sie erhalten auch Aufträge. Erzählen Sie uns von einigen der Auftragsarbeiten und wo sie gezeigt werden.

Es ist schwierig, hier einzelne Stücke aufzulisten. Meine Arbeiten befinden sich in mehreren Sammlungen, darunter dem Museum of Art and Design in New York, The Embroiderers Guild UK und Arts Council England (untergebracht im Hove Museum). Ein kürzlich für das Garden Museum in Auftrag gegebenes Werk, das sich mit der Gartenarbeit in Kriegszeiten beschäftigt, wurde später zum Titelbild von Stitch Stories. Es spiegelt den Ort wider, an dem ich aufgewachsen bin (Norwich) und soll die Themen Stoff und Garten verbinden. Männer an der Front schufen kleine Gärten und lauschten in der Stille zwischen dem Kanonendonner auf das Zwitschern der Vögel.
Ich stelle auf der Knitting and Stitching Show in London und Harrogate im Herbst aus und habe eine Einzelausstellung in Rochester Kent von März bis Mai 2019.

Sie waren oft in Deutschland für Ausstellungen und Kurse. Warum hat Textilkunst in Deutschland Ihrer Meinung nach nicht den gleichen Stellenwert wie z.B. in Großbritannien?

Ich habe keine Statistiken oder Beweise, um zu sagen, ob dies tatsächlich wahr ist oder ein allgemeines Gefühl unter den Künstlern. Ich kann nur über meine Erfahrungen in Großbritannien und meine Rezeption in Deutschland nachdenken. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Hunger nach mehr Ideen und das Interesse an der Entwicklung von Textilkunst in Deutschland wächst, vergleiche ich es mit der Zeit, als ich vor zwanzig Jahren auf Einladung von Dörte Bach gearbeitet habe. Dörte initiierte damals gute Projekte, die zusätzliche Ansätze für die Arbeit im Textilbereich brachten. Orte wie Quiltstar und Messen wie die Nadelwelt entwickeln und fördern Textiles in allen Formen. Ich war begeistert, einige schöne Werke von deutschen Künstlerinnen wie Isabelle Wiessler und Heide Stoll-Weber zu sehen. Das gilt auch für einige Arbeiten unter den Gruppenausstellungen und die anspruchsvolle Ausstellung Stuff for Thought von Heidi Drahota. Ich glaube, dass die Embroiderers‘ Guild, die Quilters‘ Guild und Gruppen wie die 62 Group of Textile Artists und Art Textiles Made in Britain hart dafür gearbeitet haben, das Konzept der ‚Art Textiles‘ zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Unser Bildungssystem ist anders und die bildenden Künste und der Unterricht in Textilkunst waren Fächer in unseren Schulen und Hochschulen (obwohl sich das mit der aktuellen Bildungspolitik leider ändern könnte).
Vielleicht haben wir gerade erst begonnen, das Konzept der „Textilkunst“ zu entwickeln, und ich spüre, dass ihr Status anderswo steigt. Es wird jedoch immer eine Herausforderung sein, die Textilkunst in den Köpfen von Individuen und Institutionen als Kunstform durchzusetzen.

Cas Holmes Website ist: http://www.casholmes.co.uk
Ihre Facebook-Seite hat die Adresse: https://www.facebook.com/casholmestextiles/

Alle Fotos wurde von Cas Holmes zur Verfügung gestellt.