Portraits & Interviews

Interview mit der englischen Textilkünstlerin Rosie Logan

Portrait

Die Arbeiten von Rosie Logan (BSc C&G) sind mir immer wieder auf Pinterest begegnet. Mir gefielen die kräftigen Farben und ungewöhnlichen Texturen ausnehmend gut. Ich konnte Rosie kontaktieren und um ein Interview bitten.

Was fasziniert Sie an dem Medium Textil?

Ich habe die Texturen in der Natur immer geliebt und flache Gemälde finde ich ein bisschen langweilig. Es ist schwer, die natürlichen Texturen ohne etwas Haptisches und 3D nachzuahmen. Ich betrachte Farbe und Textur, wenn ich Steine oder Wolken oder Wasser sehe, und Texturen und Textilien konnte ich eher mit einer Nähmaschine formen, als auf Papier zeichnen.

Haben sie die grundlegenden Techniken zu Hause oder in der Schule gelernt?

Ich habe zuerst einen Abschluss in Landwirtschaft gemacht! Nachdem ich einige Monate in Neuseeland auf Farmen gearbeitet hatte, die ich liebte, wurde mir klar, dass ich mich eigentlich mehr für Textilkunst interessierte, die immer schon eine meiner Interessen war.

Haben Sie eine textilbezogene Ausbildung ?

Ich habe dann vier Jahre in Teilzeit eine City and Guilds Ausbildung in kreativem Design und Stickerei absolviert, es war eine großartige Einführung in Oberflächendesign/Textilien und erlaubte mir, meine Ideen weiterzuentwickeln und ein kleines Unternehmen zu gründen.

Wofür stehen die Abkürzungen BSc C&G?

Ich habe beide Abschlüsse in Edinburgh gemacht. BSc ist Bachelor in Naturwissenschaften, mein erster Abschluss in Landwirtschaft, und C&G ist City and Guilds, ein britischer Abschluss, das war der kreative Design- und Stickkurs. Ich erhielt eine „Bronzemedaille für hervorragende Leistungen“ für ganz Großbritannien für den ersten Teil, die ersten 2 Jahre; und für den zweiten Teil, die letzten 2 Jahre, erhielt ich den „Best of Show Award“ bei der Ausstellung am Ende des Jahres.

Wie arbeiten Sie? Welche Techniken bevorzugen Sie?

Ich habe normalerweise eine Vorstellung vom Endergebnis, aber zuerst färbe ich die Stoffe und dann füge ich die Oberflächentextur hinzu. Also sobald die Farbstoffe trocken sind, ändern sie sich und manchmal ist das Endergebnis ganz anders als das, was ich im Sinn hatte, es entwickelt sich im Laufe der Zeit und der Trick ist zu wissen, wann man aufhören muss und nicht weiter darüber nähen darf. Anderfalls ist es wirklich schwer aufzutrennen oder etwas wieder zu entfernen. Man kann es nicht ausradieren! Man kann auch nicht immer weiter darüber nähen, da alle Fehler schlimmer werden! Ich benutze meine Maschine gerne für die Textur, genieße aber auch das Handnähen, es dauert zwar sehr lange, aber man kann am Ende kleine Details hinzufügen.

Wenn ich mich nicht irre, trägt Ihr Mann manchmal etwas bei?

Mein Partner Allan ist Bildhauer, er ist fantastisch und hat mir geholfen, immer mehr 3D-Arbeiten zu schaffen. Er sieht in 3D, und wenn ich ein Problem mit Formen habe, beschreibe ich ehrlich, was ich versuche zu erreichen, und er zeichnet es genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wir arbeiten oft an großen Teilen zusammen, und können so seine Fähigkeiten in Sachen Form und meine in Sachen Farbe am besten nutzen. Wir haben Glück, da wir unterschiedliche Stärken haben.

Welche Art von Stoffen bevorzugen Sie?

Ich genieße das Gefühl von Seidenviskosesamt, er lässt sich ausgezeichnet färben, die Farben sind intensiv und er hat einen leichten Glanz.

Färben Sie die Stoffe selbst?

Ich färbe alle Stoffe selbst, da gibt es wenig Geheimnisse, aber ich mag gute kräftige Farben. Wenn die Farbe nicht nach dem ersten Färben richtig ist, färbe ich noch einmal, um die Farbe intensiver zu machen. Die Färbemittel sind farbecht. Es ist fast wie bei der Aquarellmalerei, mit flüssigen Farbstoffen auf dem Gewebe zu beginnen.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre entwickelt?

Im Laufe der Jahre habe ich versucht, immer mehr dicke Texturen mit industriellen Nähmaschinen zu nähen. Es gibt Grenzen bei der Dicke der Gewebe und Vliese, die man verwenden kann, also gehe ich an die Grenzen. Ich habe auch Stücke mit einer Länge von mehr als 3 Metern geschaffen, das ist eine Herausforderung, aber möglich. Meine Idee ist, dass die Textilien so gestaltet sind, dass sie berührt werden können, sie sind nicht nur zum Anschauen da. Meine Wandpaneele sind so gestaltet, dass sie in mehr als eine Richtung hängen können. Wenn man vorbeigeht und das Gefühl hat, dass man eine Veränderung will, dreht man sie um, die Farben ändern sich mit dem Licht und das gibt dem Paneel ein neues Gesicht, je nachdem, in welcher Stimmung man ist.  Sie sind interaktiv, so dass sie im Gegensatz zu einem Gemälde nicht einfach jahrelang an einem Ort hängen. Ich beziehe jetzt alte Stühle oder gestalte die Setzstufen, also die senkrechten Teile einer Treppe, aus Samt. Ich verwende die Textilien gerne für praktische Zwecke, nicht nur als Wandpaneel oder Kissen. Unsere eigene Wohnzimmergalerie erlaubt uns zu experimentieren. Ich habe ein paar geschwungene Stühle, die darauf warten, neu gepolstert zu werden. Sie sind weit über 100 Jahre alt. Ich will auch runde Paneele in einer Metallballustrade fertigstellen. Es gibt also viele Ideen, die darauf warten, verwirklicht zu werden.

Ist es für Sie als Mutter von zwei kleinen Kindern schwierig, die Zeit zu finden, an einem Stück zu arbeiten?

Es ist in der Tat nicht einfach mit Schulen etc. Ich unterrichte außerdem in Teilzeit Kunst und Englisch in französischen Grundschulen, was großartig ist, da die Kinder keine echte Kunst in der Schule haben und sie Spaß an kreativer Arbeit haben. Die gute Sache bei meiner künstlerischen Arbeit ist, dass ich zu jedem Zeitpunkt weitermachen kann. Nur das Färben muss in einem Arbeitsgang gemacht werden. Nähen kann ich jederzeit und dann unterbrechen. Aber wenn ich einmal im Schwung bin, will ich weitermachen. Da ich selbstständig bin, kann ich früh an Tag oder spät in der Nacht arbeiten. Dann habe ich die Zeit, die ich brauche.

Haben Sie einen eigenen Arbeitsbereich?

Ich habe ein Studio in unserer umgebauten Scheune, es ist ca. 30 Quadratmeter groß, vollgestopft mit Zeug!  Allan hat ein Skulpturen-/Keramikstudio neben mir und im Obergeschoss befindet sich ein 80 Quadratmeter großer Galerie-Wohnraum, in dem viel von unserer Arbeit ausgestellt ist. Es ist gleichzeitg ein Airbnb-Zimmer für Urlauber. Es ist ein tolles Gebäude. Gegenüber ist  unser 700 Jahre altes, renoviertes Haus.

Was inspiriert Sie?

Ich genieße es, Satellitenfotos oder Ansichten vom Himmel und auch Fotos von Mikroskopbildern zu betrachten, es ist alles da und es braucht nicht viel, um eine Idee auszulösen, Zeit ist für mich die einzige Grenze.

Könnten Sie den Prozess der Entstehung eines Stückes von der ersten Inspiration bis zur Fertigstellung beschreiben?

Ich habe normalerweise eine Idee von etwas, das ich sehe. Ich kann ein wenig skizzieren oder es einfach in meinem Kopf haben. Ich färbe die Farben/Formen, zeichne grob, wo ich nähen werde. Es gibt eine Menge Wattierung hinter dem Samt, den ich verwende, also ist die erste Naht hart und es geht vor allem darum, alles an seinem Platz zu halten, bevor ich mich an irgendwelche feinen Details mache. Es gibt eine Menge Nähte, durchschnittlich wahrscheinlich 2.000 Meter Faden in einem kleinen Paneel oder Kissen. In einem großen Paneel habe ich mehr als 12.000 Meter vernäht. Ich wechsle die Fäden oft, während ich arbeite, um subtile Nuancen zu erreichen, und ich zähle hinterher die leeren Spulen!

Ihre Arbeit wird weithin geteilt und bewundert, zum Beispiel bei Pinterest. Hatten Sie Ausstellungen in Frankreich oder Schottland?

Seit ich 1998 mein Textilunternehmen gegründet habe, hatte ich viele Ausstellungen in Großbritannien, bei Interior Design Ausstellungen und Kunsthandwerksmärkten in Edinburgh. Ich habe im Olympia, Hamdon Court, bei den Designs Show in Islington, London, und bei einigen Messen in Frankreich, aber in kleineren Veranstaltungsorten ausgestellt. Ich verkaufe mehr in Großbritannien als in Frankreich, da die Menschen in Großbritannien mehr für die Innenausstattung ihrer Häuser kaufen. Kulturell bedingt wechseln sie die Farben, machen das Haus gemütlich, denn sie verbringen mehr Zeit im Haus. In Frankreich geben die Menschen nicht so viel für Inneneinrichtungen aus. Ich nehme auch Aufträge für Sonderflächen und Werbegeschenke an.

Werden Sie in naher Zukunft Ihre Arbeiten in einer Ausstellung zeigen?

Im Moment habe ich keine Ausstellungen geplant, da ich gern selbst dabei bin. Da die Kinder noch in die Schule gehen, ist es nicht so einfach, nur für Ausstellungen eben mal nach Großbritannien zu fahren. Aber in Zukunft möchte ich wieder in London bei den großen Innenausstellungen und auch in Paris bei „maison et objet“ ausstellen. Meine neuen Arbeiten stelle ich immer in unserer Scheunengalerie aus.

Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?

Ich möchte mit Innenarchitekten zusammenarbeiten und Einzelstücke für Kunden auf der ganzen Welt kreieren. Gutes Marketing für meine Arbeiten wäre wichtig. Wenn man etwas schafft, ist es nicht einfach, Zeit zu finden, auch das Marketing zu machen. Also würde die Zusammenarbeit mit Innenarchitekten dieses Problem lösen und es mir ermöglichen, die richtigen Kunden zu treffen. Ich fand es toll, das Kopfteil des Eichenbetts zu gestalten. Allan hat das Bett aus einem alten Webstuhl gemacht, die 4 Pfosten sind Hunderte von Jahren alt! Solche Ideen haben wir viele. Interessante Stücke, bei denen Textilien mit Holz, Metall oder Glas kombiniert werden und die gleichzeitig praktisch für den Einsatz in einem Heim sind, das finde ich befriedigend.
Meine Website ist: www.tactileinteriors.com

Alle Fotos wurden von Rosie Logan zur Verfügung gestellt.