Portraits & Interviews

Interview mit der Filzkünstlerin Susanne Weber

Portrait

Susanne Weber liebt das Spiel mit Licht, Fasern und Geheimnissen. Bei der diesjährigen TEXTILE ART BERLIN zeigt sie eine Ausstellung ihrer gefilzten Werke. Ich konnte sie im Vorfeld interviewen.

Wann sind sie erstmals mit textilen Arbeiten in Berührung gekommen?

Ich komme aus einer Wiener Familie, in der traditionell viel genäht wurde, meine Mutter hat z.B. alle unsere Ballkleider selbst gefertigt. Meine Domäne war von Kindheit an Sticken, Stricken und Häkeln, ich betätigte mich gerne als Modedesigner für meine Puppen. Unsere alte Nähmaschine hat mir eher traumatische Erlebnisse beschert!

Pullover während der Studentenzeit und Babysachen für meine Tochter bildeten einen gewissen Abschluss – aufgrund vieler anderer Interessen hat sich im textilen Bereich bei mir jahrzehntelang wenig abgespielt. In den 2000ern entdeckte ich wieder meine alte Liebe, die Gobelinstickerei, und versuchte mich auch an anspruchsvollen Bildmotiven mit gezähltem Kreuzstich. Rückblickend wies das schon in die richtige Richtung, war mir aber letztendlich zu wenig kreativ.

Durch die Beschäftigung mit Wolle hat sich jetzt wieder eine große Bandbreite ergeben, mittlerweile besitze ich drei Spinnräder und zwei Webstühle, es wird wieder gestrickt und gehäkelt – und wer weiß, vielleicht kommen ja auch mal Schafe in den Garten?

Hat das Filzen Sie schon früh fasziniert?

Keineswegs! Bis 2014 wusste ich nicht mal, was das ist und habe es nur mit verfilzten Wollsachen in der Waschmaschine in Verbindung gebracht, höchstens noch mit dem Walken von Loden. Ich finde es ja schade, dass „Filz“ in der deutschen Sprache eher negativ konnotiert ist – er wird mit einem undurchdringlichen Dickicht aus Korruption und Seilschaften in Verbindung gebracht (was sich ja wiederum von der ursächlichen Eigenschaft der kaum trennbaren Filzfasern herleitet) oder, wie es mir ging, mit Waschkatastrophen. Als eine Freundin von ihrem Filzhobby sprach, habe ich verblüfft gefragt „Ist das was Gutes?“ Im Englischen ist „felt“ viel schöner besetzt und in der Wahrnehmung mit „Fühlen“ verknüpft, das zeigen auch Künstlernamen wie z. B. „heartfelt“.

Im Winter 2014 besorgte ich mir jedenfalls, inspiriert von meiner filzenden Freundin, die erste Wolle – Bergschafvlies in mehreren Farben. Aus Angst vor Überschwemmungen und neugierigen Kommentaren hing ich um 5 Uhr früh über der Badewanne und brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Filzprozess in Gang. Dabei hatte ich, so melodramatisch das jetzt klingen mag, ein ganz intensives Gefühl, den brennenden Wunsch, es möge funktionieren und mir Spaß machen, und dass sich andernfalls eine große Leere und Enttäuschung breitmachen würde. Es hat funktioniert. Ich habe dieses erste Stück Filz noch, das mein Schicksal besiegelt hat, und es zeigt tatsächlich schon Farbverläufe. Heute kann ich sagen, dass ich mein ganzes Leben auf der Suche nach einer Tätigkeit war, die meine volle Kreativität erschließt, und genau dies habe ich im Filzen gefunden.

Wie haben Sie die nötigen Kenntnisse erworben?

Ich bin ein Mensch der Schrift (dieser wunderbare Satz stammt von Barbara Frischmuth) und muss mir zu allem erstmal Bücher beschaffen. Filzen lässt sich – im Gegensatz zum Spinnen, wo es viel auf Bewegung und Koordination ankommt – wunderbar aus guten Büchern lernen. Bereits nach kurzer Zeit hatte ich ein relativ umfangreiches Wissen über Filztechniken, Woll- und andere Faserarten erworben und kann bis heute nicht aufhören, alles auszuprobieren. Sich zeitlebens nur auf feinen Merino-Kammzug zu beschränken, kann ich mir nicht vorstellen.

Zu Beginn habe ich fast alles nass- und nadelgefilzt: Filzpatschen, Taschen und Hüte nach Bruno Bujack, Schals, Handyhüllen, Blümchen, natürlich auch Feen. Das eine oder andere Sitzfell filze ich immer noch gerne. Nur für das Filzen von Kleidung bin ich extrem unbegabt.

Nach etwa einem Jahr habe ich zum ersten Mal Filzbilder von Moy Mackay und Susan Mulcock-Turner gesehen und das war wieder so ein schicksalhafter Punkt, denn ab da war klar, wo meine Filzreise hingeht. Weitere Bücher wurden erworben und Kurse bei Corinna Nitschmann, Galina Titova, Bridget Bernadette Carn und Sandra Struck-Germann absolviert. Extrem weitergebracht haben mich schließlich Mixed-Media- und Mal-Workshops bei Jane Davenport, Juna Biagioni, Ida Andersen-Lang und Nina Squire, welche ich weiterhin begeistert besuche. Derzeit ist Pastellmalerei mein Favorit, allerdings muss ich auch auf diesem Gebiet wie beim Filzen alles ausprobieren.

Welches ist Ihr bevorzugtes Material?

Mein bevorzugtes Material ist Wollvlies, da es sich leicht formen lässt und auch schöne runde Konturen ergibt. Aus diesem Grund arbeite ich Motive niemals mit Kammzug. Für die „Leinwand“ verwende ich den so genannten Atelierkammzug aus mulesingfreier Merinowolle, der aussieht wie ein hauchfeines Vlies, oder auch Finnschaf-Vlies. Nassgefilzt wird mit Finnschaf und Bergschaf und für‘s Nadelfilzen bevorzuge ich ebenfalls Bergschafwolle, seit neuestem auch Maoriwolle. Zusätzlich verwende ich am liebsten Tussahseide in Form von „Noils“ und Kügelchen, auch Viskose und Firestar und verschiedene Pflanzenfasern wie Minze, Hanf und Leinen.

Ab und zu verarbeite ich auch gerne Rohwolle von bunten Schafvliesen, die sich sehr gut für monochrome Bilder eignen, und Stoffreste.

Mit welcher Filztechnik arbeiten Sie?

Ich bin eine eingeschworene Nassfilzerin, denn die Haptik und die Verwandlung von der Faser zur Fläche ist unvergleichlich und jedes Mal wieder eine Freude. Außerdem lassen sich wie beim Aquarellieren farbliche Übergänge sehr harmonisch gestalten.

Gerne nadle ich aber Details. Um mich in diesem Bereich zu verbessern, besuche ich gerade eine intensive Online-Fortbildung bei Sophie Wheatley.

Wie weiter unten beschrieben, filze ich zuerst nass, dann mit der Nadel. In meine Collagenbilder wie „Summertime“ und „Wild Garden“ werden auch ganz intuitiv Stoffe eingefilzt, die dann die Bildgestaltung mitbestimmen.

Färben Sie auch selbst?

Ich färbe Wolle und Seide mit Säure- und Pflanzenfarben zum Spinnen und auch wenn ich einen bestimmten Farbton für ein Bild im Kopf habe, dabei fehlen mit meist sehr zarte Zwischentöne. Seit ich mich intensiv mit Malen und Zeichnen beschäftige, kardiere ich allerdings immer häufiger verschiedenfarbige Vliese zusammen – das funktioniert ähnlich wie das Mischen von Aquarellfarben – und erziele damit die gewünschte Farbe.

Arbeiten Sie gern zu bestimmten Themen? 

Ich weiß nie, was mich als nächstes inspirieren wird, da lasse ich mich überraschen. Durchgängig haben meine Bilder aber immer etwas Märchenhaftes oder Geheimnisvolles und liebevolle kleine Details. Die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen vermeide ich. Der Alltag ist fordernd genug und meiner Ansicht nach haben wir alle uns ab und zu eine Auszeit verdient. Es gibt wunderbare Kunst, die betroffen machen und aufrütteln soll, meine Kunst ist der Gegenpol dazu. Ich möchte beim Filzen selbst gerne abschalten und die Realität kurze Zeit hinter mir lassen, und das wünsche ich auch meinen Mitmenschen. Wer meine Bilder betrachtet, kann sie entspannt genießen und sich daran erfreuen, ohne nach Kontext oder Interpretationen suchen zu müssen. Allenfalls nach einer versteckten kleinen Elfe da und dort…

Wie arbeiten Sie? Fertigen Sie zum Beispiel Zeichnungen an, bevor Sie beginnen?

Wenn mir eine Idee in den Kopf kommt, suche ich gerne in der App Unsplash gezielt nach passenden Motiven. Manchmal verwende ich sie sofort, manchmal kommt die Orakel-Methode zum Einsatz, bei der wie bei einem Kartenspiel einige Bilder verdeckt ausgewählt werden und ich mich von den entstehenden Kombinationen inspirieren lasse. Mit einem Fotobearbeitungsprogramm schneide ich dann die Motive dieser ausgewählten Bilder provisorisch so aus und zusammen, dass ich ein Gefühl für das Bild bekomme. Bleistiftskizzen fertige ich meist für Portraits an, um die Proportionen richtig hinzukriegen.

Dann betrachte ich das Bild, ordne im Geist den verschiedenen Bereichen die passenden Farben bzw. Materialien zu, und lege sie bereit. Diese vorbereitende Auseinandersetzung mit dem Bildaufbau ist sehr wichtig für mich.

Bei meinen monochromen „Vliesbildern“ sortiere ich die Wolle nebeneinander nach Farbtönen.

Könnten Sie anhand eines Werkes die Arbeit vom Entwurf bis zum fertigen Werk beschreiben?

„Lumos!“ beschreibt ganz gut, wie ich im Moment arbeite.

Zuerst wird der Untergrund ausgelegt und angefilzt, dann werden die Motive mit Wolle, weiteren Fasern (in diesem Fall Leinen und Tussahseide) in Nassfilztechnik in mehreren Lagen nicht zu dünn aufgebaut und relativ fest fertiggefilzt. Nach dem Trocknen erfolgen weitere Bearbeitungen mit der Filznadel, die durchaus noch umfangreich ausfallen können.

Was inspiriert Sie?

Sehr oft inspirieren mich Farben oder bestimmte Lichtverhältnisse, die ich unbedingt nachempfinden möchte. Das kann eine neblige Landschaft sein, ein Gewitter, ein interessant beleuchtetes Gesicht oder ein Tiffany-Glasfenster.

Etwas Besonderes sind manche Vliese, die von starken und glücklichen Schaf-Persönlichkeiten stammen. Wenn ich so ein Vlies in der Hand halte, entsteht meist spontan ein Bild vor meinen Augen. Das Bild „Frelsi“ ist aus der Rohwolle eines freien, unabhängigen Islandschafs entstanden, und laut seiner Besitzerin habe ich die Seele von Island darin eingefangen. Die Bilder „Heron’s Mistress“ und „Swan“ sind aus dem Vlies meines Patenschafs „Storm“ (Jacob-Mix) gefilzt, und offensichtlich entsteht dabei immer ein Vogelmotiv.

Wie erleben Sie diese Zeit der Pandemie? Ist das für Sie eine Zeit der Kreativität oder vermissen Sie den persönlichen Austausch mit anderen KünstlerInnen und dem Publikum?

Für mich hat sich nicht viel geändert. Ich arbeite als selbstständige medizinische Übersetzerin zu Hause und lebe auch meine Kreativität fast nur im stillen Kämmerlein aus. Sehr nette internationale künstlerische Kontakte habe ich über Facebook und Instagram, wo ich auch unter einer Fülle von Weiterbildungskursen und Online-Ausstellungsmöglichkeiten wählen kann. Das war schon vor 2020 so und ist noch besser geworden.

Die TAB wäre mein erstes richtig großes Live-Event gewesen, und ich hatte mich auf den Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern und auf das Feedback des Publikums sehr gefreut. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Ein Anfang wird vom 22. bis 26. Juni gemacht, wenn meine Künstlerkollegin Sawatou Mouratidou und ich in Wien (Galerie Kabllo, 1010, Postgasse 11) Werke ausstellen, die bei der TAB nur virtuell zu sehen sind. Wir werden sogar je eines unserer Werke verlosen!

Die Website von Susanne Weber ist: https://www.susifilzt.at