Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Anne von Freyburg

Portait kleiner

Anne von Freyburg denkt das Textile und das Dekorative innerhalb der Tradition der Malerei neu. Historisch gesehen wurden Handwerk und Dekoration stets als weniger wert betrachtet als die „intellektuellen“ schönen Künste. Indem sie Beides kombiniert, stellt die Künstlerin diese Denkweise in Frage.

Wann sind Sie das erste Mal mit Textilien und Handarbeiten in Berührung gekommen?

Meine Mutter arbeitete als Stylistin, Designerin und Beraterin für mehrere deutsche Textilunternehmen. Sie hatte eine Menge Stoffmuster in ihrem Atelier hängen. Ich bin immer mit ihr zur Schneiderin gegangen, die ihre Entwürfe in Kleider umgesetzt hat. Textilien und Mode waren also fester Teil meiner Erziehung und meines täglichen Lebens. Ich habe das nie als etwas Interessantes gesehen, als ich jung war. Es war etwas, das meine Mutter machte und ich machte einfach mit. Meine Großmutter mochte lieber Stricken und Nähen und sie brachte mir das Nähen und Stricken bei. Ich mochte Stricken aber nie, ich war zu ungeduldig. Als Kind war ich in französische Bett-Quilts verliebt und irgendwann habe ich versucht, meine eigenen zu machen.

Wie hat Ihre Erziehung Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich komme aus einer kreativen und künstlerischen Familie. Mein verstorbener Vater war ein Modedesigner und meine Mutter arbeitete als Stylistin und Beraterin für deutsche Textilfirmen. Mein Stiefvater ist Maler und hat für diese Textilfirmen Requisiten für die Premiere Vision (eine Modetextilmesse) in Paris angefertigt. Bis ich 18 Jahre alt war, bin ich jedes Jahr mit ihnen zur Premiere Vision gefahren. Wir gingen auch in die Modetextil-Bibliotheken bei Promostyle, wo wir uns die neuesten Trends im Modetextil-Design anschauen durften. Ich fand die verschiedenen Stile, Muster, Texturen und Farben der Stoffe immer toll. Ich habe auch viel über Textilien und ihre Message gelernt, indem ich zu Trendprognosen und Vorträgen von Lideweij Edelkoort ging. Ich vermute, dass diese frühen Begegnungen mit Textilien und Mustern meine spätere Arbeit beeinflusst haben und mich auf die Idee gebracht haben, mit ihnen als Malpalette zu arbeiten.

Warum haben Sie Textilien als Medium gewählt?

Die Oberflächen und Texturen von Stoffen gehören zu den Gründen, warum ich Textilien als Medium gewählt habe. Sie kommunizieren auf eine andere Art und Weise mit den Menschen, als es Farbe tut. Außerdem haben Textilien eine weibliche Geschichte, die zu erforschen ich interessant finde.
Durch die Kleidung, die Menschen tragen, kann man viel über Kultur, Hintergrund und Status einer Person erzählen. Zum Beispiel haben Wandteppiche und Vorhangstoffe einen anderen Zweck und auch eine andere kulturelle Bedeutung als glänzende PVC- und Paillettenstoffe. Durch die Wiederverwendung von Modestoffen weise ich auf die Attraktivität und den kommerziellen Verkaufsaspekt dahinter hin.
Gemälde alter Meister aus glitzernden Materialien zu rekonstruieren und in moderne Kunst zu verwandeln, könnte als ironische Geste aufgefasst werden, und obwohl das Konzept eine gewisse Ironie beinhaltet, ist das Malen und Verarbeiten historischer Gemälde mit Pinselstrichen und komplizierten Textilstücken immer noch ein anregender Prozess für mich.

Haben Sie eine textilbezogene Ausbildung?

Ich habe einen BA in Modedesign von ArtEZ The Netherlands und einen Master in Fine Art von der Goldsmiths University London.

Mit welchen Materialien arbeiten Sie am liebsten?

Ich verwende verschiedene Modestoffe in meiner Arbeit, um über moderne Kultur zu kommunizieren. Daneben verwende ich auch alte Wandteppiche und Möbelstoffe in meinen Gemälden. Die Mischung von Stoffen in meiner Arbeit ist wichtig wegen ihres historischen sozialen Hintergrunds und wegen ihrer heutigen Bedeutung. Wandteppiche wurden ursprünglich als teure dekorative Wandbehänge hergestellt, die die Kälte aus den Schlössern fern halten sollten. Sie waren Repliken von Meistergemälden, die von Frauen angefertigt wurden und weniger wichtig waren als die Originale. Durch die Wiederverwendung von gefälschten, maschinell gewebten und kitschigen Wandteppichen aus den 70er Jahren mit übertriebener Maltechnik möchte ich einen Dialog zwischen Malerei und Wandteppich auslösen. Gleichzeitig ist es auch ironisch gemeint, denn die Wandteppiche, die ich in diesen Arbeiten verwende, sind billige Repliken von rustikalen, romantischen, frivolen und typischen Rokoko-Szenerien. Das Mischen verschiedener Materialien ist auch eine Art zu sagen: Alle Materialien sind gleichwertig. Außerdem bin ich daran interessiert, Ideen rund um Kitsch und Geschmack voranzutreiben. Mit Textilien kann ich andere Emotionen hervorrufen und den Tastsinn stärker ansprechen, als es meiner Meinung nach Farbe tut. Es ist sehr faszinierend, wie man mit Kleidung seine Identität und seinen Körper verändern und beeinflussen kann. Daher ist der performative und theatralische Aspekt von Mode und Textilien etwas, das ich auch als eine Form der Kommunikation nutze.

Können Sie Ihre Technik beschreiben?

Alle meine Arbeiten werden zuerst mit Acryltinten auf rohe Leinwand gemalt. Danach baue ich sie mit Stoffen und Stickereien auf.
In meinen neueren Bildern verwende ich eine Applikations- und eine Stepptechnik mit Polyestervlies, um den körperlichen und haptischen Aspekt der Arbeit zu verstärken. Das ist alles von Hand gemacht, nicht dass ich das Handwerk zum Fetisch machen möchte. Mich interessiert die Diskussion um die Frage von Hand oder mit Maschine gemacht nicht. Die Quilts sind einfach zu groß und schwer für die Bearbeitung mit der Nähmaschine. Ich habe mehr Kontrolle, wenn ich sie mit der Hand nähe. Die Fransen und Vorhangkordeln, die ich in einigen meiner Arbeiten verwende, sind alle mit Acrylfarben bemalt. Bei den silberbestickten Porträts habe ich eine Nähmaschine eingesetzt und die Technik der Freihandstickerei verwendet.

Würden Sie die Entstehung eines Objekts von der Idee bis zur Fertigstellung beschreiben?

Bei den Rokoko-Stücken beginne ich mit der Manipulation von Fotoreproduktionen von Gemälden alter Meister mit dem Programm Photoshop. Ich ändere die Farbe und Oberfläche des Originals in eine zeitgenössischere Farbpalette. Es ist wie das Malen mit digitalen Instrumenten auf Reproduktionen alter Meister. Danach übersetze ich die Digitaldrucke in Linienzeichnungen auf Acetatplatten. Diese Linien werden auf die Leinwand projiziert, die ich als Blaupause für das Gemälde verwende. Die digital bearbeiteten Drucke dienen auch als Farbreferenz für mein Gemälde. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, kann ich mit dem Malen auf der rohen Leinwand beginnen. Das geht recht schnell und dient als Untermalung, auf die ich mit verschiedenen Stoffen aufbauen kann.

Wenn ich eine neue Idee für eine Technik habe, mache ich einige Muster, aber meistens arbeite ich neue Ideen direkt auf einem Stück aus. Nachdem alle Stoffe auf die Leinwand geklebt sind, nehme ich sie mit nach Hause, wo ich sie auf einen Stickrahmen spanne und anfange, die Stücke darauf zu nähen. Wenn das fertig ist, füge ich Polyestervlies hinzu und verwende eine Stepptechnik, um einen bauschigen Effekt zu erzielen. Dann male ich die Fransen an, die das letzte Element sind, das hinzugefügt wird.
Bei den grauen Monochromen ist es ein ähnlicher Prozess. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Linien der Bemalung mit Metallgarn im Freihand-Flachstich ausgeführt werden.

Handarbeit wurde lange Zeit als weiblicher Zeitvertreib angesehen. Sie stellen diese Sichtweise in Frage, bitte erklären Sie.

Die Grenzen zwischen Machen und Denken und Kunst und Handwerk zu verwischen, ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Verzierungen wurden mit dem Weiblichen, Frivolen und Exzessiven assoziiert und daher in der Rhetorik des Modernismus unterdrückt. Verzierungen und Stoffe wurden als dekorative Extras betrachtet. Textilien, Dekoration und Muster wurden als Frauenhandwerk angesehen und daher verdrängt und marginalisiert.
Ich fordere diese Ideen zurück und stelle sie in Frage, indem ich tragbare Stoffe, dekorative Extras und alte Wandteppiche in moderne „Altmeister“-Gemälde verwandle. Gemälde sind immer noch das Wertvollste auf dem Kunstmarkt. Rokoko-Gemälde wurden jedoch aufgrund ihrer femininen und oppulenten Anmutung marginalisiert. Indem ich diese Gemälde mit Kitsch und dekorativen Stoffen umgestalte, möchte ich eine Aussage über die Konstruktionen des Weiblichen und der westlichen Ästhetik in der Kunst machen. Indem ich eine gemalte Oberfläche in Stoffe umgestalte, möchte ich auch sagen: Jedes Material ist gleichwertig.
Wie jedes Medium oder Handwerk hat auch Textil seine eigene Bedeutung und ästhetische Erscheinung. Wenn es verwendet wird, um das Konzept eines Kunstwerks zu unterstützen, ist es genauso gut und zulässig wie jedes andere Material, um damit Kunst zu machen.

In welcher Umgebung arbeiten Sie am liebsten?

Das Atelier ist für mich der beste Ort, um zu arbeiten. Es ist ein neutraler Ort und alle meine Materialien sind dort. Die Handnäharbeiten mache ich zu Hause, weil es dort wärmer ist und man still sitzen kann.

Was inspiriert Sie?

Alles kann mich inspirieren. Von den Büchern, die ich lese, von Menschen, die ich treffe, von Stoffen, Dekorationsmaterialien und von der Kunst, die ich in Museen und Galerien sehe. Meine Arbeit beginnt mit einer gewissen Recherche, dann suche ich nach Materialien, mit denen ich diese Idee umnsetzen kann.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für Sie als Künstlerin? Haben Sie es als Chance für kreative Arbeit betrachtet oder haben Sie Ausstellungen, den Austausch mit anderen Künstlern etc. vermisst?

Im praktischen Sinne hatte es keine großen Auswirkungen auf meine Praxis, da ich es mir ermöglicht habe, von zu Hause aus zu arbeiten.
Die Verzweiflung von Künstlern und Galerien wegen der Absage ihrer Ausstellungen war aber wirklich traurig zu sehen.
Die Ausstellungen, an denen ich gearbeitet habe, wurden ebenfalls abgesagt. Die nächste ist hier in London am 13. Mai in der James Freeman Gallery. Freeman wird die Stücke zeigen, die ich während der Pandemie geschaffen habe. Man sucht nach Gelegenheiten und versucht, positiv zu bleiben, aber es ist sehr anstrengend und nichts, was man schön reden kann. In ein Museum zu gehen, um zu recherchieren und Ateliergespräche mit Künstlerkollegen zu führen, gehört zur Künstlerpraxis. Das war nicht möglich.
Obwohl wir in einer Ein-Zimmer-Wohnung in London leben und es nicht ideal war, konnte ich mir zu Hause noch etwas Platz schaffen, um weiter zu arbeiten. In der ersten Hälfte der Pandemie habe ich viel skizziert und gelesen. Von September bis November konnte ich zeitweise in meinem Atelier arbeiten und die modernen Rokoko-Textilbilder fertigstellen. Die Handstickerei mache ich zu Hause. Ich habe also einige Arbeiten im Atelier vorproduziert und dann zu Hause fertig genäht. In London öffnen die Geschäfte und Galerien wieder, und ich hoffe, dass wir uns alle bald wieder sehen können.

@annevonfreyburg

Alle Fotos wurden von der Künstlerin zur Verfügung gestellt.