Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Annett Andersch

Portrait

„Für mich ist das Haptische extrem wichtig“, sagte mir Annett Andersch im Interview.
Sie ist 1970 geboren und in der DDR aufgewachsen. Alle Frauen in ihrer Familie haben genäht, gestrickt und gehäkelt. Im riesigen Garten ihrer Familie hat sie ihre Liebe für Pflanzen entdeckt und dann Landwirtschaft studiert und in Halle über Pflanzenkrankheiten promoviert. Das Textile lag brach, bis sie nach dem Umzug nach Straßburg zufällig eine Ausstellung mit modernen Quilts entdeckte. Es waren die Quilts aus der Ausschreibung von Ste. Marie aux Mines. „Ich hatte überhaupt keinen Schimmer. Ich wusste nicht einmal, was Quilts sind. Ich hatte nicht einmal mehr eine richtige Nähmaschine zu dem Zeitpunkt. Dann habe ich diese Ausstellung gesehen, die war sehr modern, wie man das heutzutage kennt und das war wie ein Schock für mich. Ich habe gedacht, das ist ja unglaublich.“

Sie hat sich daraufhin erst einmal eine Nähmaschine gekauft und in dem Nähmaschinenladen einen Kurs für den Umgang mit dem Rollschneider gemacht. Das war aber überhaupt nicht ihr Ding. Immerhin wusste sie jetzt, wie es geht. Bei der nächsten Gelegenheit fuhr sie nach Ste. Marie aux Mines und belegte dort einen Kurs bei Britta Ankenbauer. „Es war wie eine Offenbarung für mich.“ Sie besuchte dann Britta Ankenbauers erste Masterclass und fuhr alle zwei Monate nach Leipzig. „Da sitzt man nicht und alle machen das Gleiche, da macht jeder sein Projekt. Ich glaube, in Deutschland war sie die erste, die das überhaupt gemacht hat, so zu arbeiten und das hat mich komplett infiziert.“

Annett hat dann entschieden, die Textilkunst ernsthaft zu betreiben. Sie hat sich ein kleines Studio gemietet. „Ich habe am Anfang gemerkt, dass es nicht so gut war, zu Hause zu arbeiten, da ist man immer mit allem möglichen beschäftigt, aber nicht konzentriert und fokussiert aufs Arbeiten.“

Ich frage sie, womit sie am liebsten arbeitet, mit Stoff oder durchaus auch Mixed Media?

Bei Britta Ankenbauer hat sie alles gelernt, erzählt sie mir: Färben, Drucken, Bemalen, Mark-Making, Maschinensticken, alles was man auf Stoff machen kann. In den letzten Jahren stickt sie mehr und mehr von Hand. Sie hat sich auch verstärkt nach England orientiert, z.B. Cas Holmes. Bei Monika Schiwy im Quiltstar in Freiburg hat sie Kurse besucht, die sie sehr beeindruckt haben, z.B. bei Jan Beaney und Jean Littlejohn.

Annett arbeitet gern mit alten Stoffen. „Wir haben in Straßburg einen Laden, der heißt Emmaüs, da gibt es lauter altes Gerümpel und ganz viele alte Klamotten. Und da versorge ich mich auch immer mit alten Jacken, am liebsten alten Jacketts von Männern, das ist ein schöner Wollstoff. Und jetzt nähe ich sehr viel mit diesen alten Stoffen. Ich sticke hauptsächlich mit Hand, aber auch mit Maschine.“

„Wie arbeiten Sie? Sie haben eine Idee und wie geht’s dann weiter“, möchte ich wissen.

„Meistens habe ich irgendeine Idee, meistens irgendwas, was ich höre oder lese. Ich höre zum Beispiel sehr viel Radio und dann höre ich abends eine Sendung im Radio, gestern Abend auch wieder darüber, wie wir erinnern, wie unterschiedlich wir Sachen erinnern. So etwas beschäftigt mich dann. … Dann habe ich meine Stoffe rundherum, fange mit irgendetwas an und dann ergibt eines so ein bisschen das andere. Es ist irgendwie prozesshaft.
Ich male auf den Stoff und sticke das. Manchmal sticke ich auch frei. Was ich gerade auch wieder gern mache wie früher, das ist Paper Piecing, um mir eine Grundlage zu schaffen, das als Basis zu nehmen und darauf zu sticken. Bei einer der letzten Arbeiten habe ich ganz viel mit Kreuzstich gearbeitet, denn diese alte Technik finde ich so schön. Aber ich habe das ganz frei gemacht, das ist ganz schief und krumm, aber ich habe trotzdem diese alte Technik verwendet und habe viel Text in Kreuzstich drauf gearbeitet. Bei dem Text ging es um Pflanzen. Es geht bei mir ganz oft um Pflanzen.

Annett arbeitet in Straßburg in einem sogenannten „Repair-Café“. Da kommen Studenten und junge Leute hin, die ihre Sachen reparieren und nicht soviel wegwerfen wollen. Da werden die tollsten Sachen repariert und das macht allen Spaß. Annett setzt dabei auch Boro-Techniken ein.

Annett macht mit ihrer Freundin Claudia Treffert, einer Weberin, gelegentlich Straßenaktionen mit einem einfachen Webstuhl. „Wir wollen die Leute damit konfrontieren, dass es textile Sachen gibt, die Spaß machen, die kreativ sind. Die Techniken, das Reinweben, das Knüpfen, all das. Dann erleben wir, dass Leute allen Alters kommen.“

Sie erzählt: „Letztens in der Galerie hatten wir eine kleine Kindergartengruppe. Und als die Kinder die drei Kisten Material gesehen haben, haben sie sich sofort drauf gestürzt. Wir haben gelacht und gedacht, das ist besser als alles Spielzeug. Das weckt sofort irgendwelche Ideen, wenn sie Zeug in den Kisten finden und ganz ungehemmt haben sie alles da rein gefummelt und rein gewebt und waren ganz offen dafür. Das war richtig schön. So was machen wir eigentlich ganz gerne, um ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit für das Material und die Techniken zu machen.“

„Werden Sie hier in nächster Zeit eine Ausstellung machen“, möchte ich wissen?

Sie plant, mit Bekannten aus Straßburg ein Projekt in einer Synagoge zu machen. Im Elsass gibt es fast in jedem Dorf eine alte Synagoge. Sie sind alle leer und verlassen und zum Teil verfallen und baufällig. In einer dieser Synagogen soll es eine Ausstellung mit anderen Künstlern geben. Ein konkretes Datum dafür gibt es noch nicht.

Ich frage sie: „Fühlen Sie sich als Textilkünstlerin als Künstlerin geschätzt? Jeder Maler kann sich Künstler nennen, aber machen Sie ein Textilkunstwerk, sind sie immer noch eine, die handarbeitet.“

„So ist es. Es gibt Leute, die offener dafür sind, z.B. Freunde aus Straßburg, die selbst Künstler sind und meine Arbeiten interessant finden, mich zum Beispiel einladen, bei dem Synagogenprojekt mitzumachen. Sie finden Textiles interessant als Medium, als Material.
Ich habe mal Kontakt mit der Kunstschule in Offenburg aufgenommen. Ich wollte Flyer auslegen für eine Ausstellung. Da war die erste Frage, ob man überhaupt ein richtiger Künstler sei. Was ist ein richtiger Künstler? Jemand der Kunst studiert hat. Damit ist das Thema gleich abgebrochen. So kann man das sehen, muss man aber nicht.“

Die Website von Annett Andersch ist: https://www.annettandersch.com