Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Gudrun Leitner

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Die Bilder von Gudrun Leitner habe ich zum ersten Mal 2014 bei der Textile Art in Berlin gesehen. Inzwischen war sie mehrfach auf der Messe vertreten, auch 2021 wird sie wieder dabei sein. Ich wollte von ihr wissen:

Wie haben Sie Ihre Technik entwickelt?

Es gab kein Vorbild oder ein*e Lehrer*in in dem Sinne, sondern es ist eher ein Zufall gewesen. Ich besuchte vor gut 13 Jahren das MACHmit! Museum für Kinder in Berlin.
Dort beobachtete ich einen Workshop, in dem einfache  Motive aus einem Stoff ausgeschnitten wurden, um diese dann wieder auf einen anderen Stoff aufzukleben. So entstand ein Muster und in mir das erste mal der Gedanke, dass man ja auch Bilder aus dem Material erstellen könnte.
So machte ich mich auf die Suche nach dem passenden Motiv, eines, dass mir einfach genug erschien, um daraus ein Bild aus Stoff zu erstellen.  Es war mir von Anfang an klar, dass ich meine eigenen Motive umsetzen möchte und da ich schon immer gerne fotografierte, habe ich meinen Fundus durchkramt und wählte das Bild der Kuh Alma.
Eine schwarz weiße Kuh, hellgrüne Wiese und dunkelgrüner Wald.
Ich nahm das Foto  als Vorlage und schnitt die einzelnen Farben als Schnittteile aus, legte diese auf und schnitt sie aus dem Stoff, um sie dann wieder als Applikation zusammenzufügen.
Beim Nähen des Bildes kam mir die Idee, diese vier Farben so oft zu tauschen, wie es möglich ist. So entstand ein Bild aus 24 völlig eigenständigen Bildern und meine Leidenschaft für die Gestaltung von Bildern mit dem Material Stoff.

Sie wollten gerne ein Bild machen, das aussieht, wie eine Malerei?

Genau das war das Ziel oder der Antrieb von Anfang an: Ein Bild aus Stoff zu nähen, das in einer Reihe mit einem gemalten Bild oder einer Fotografie steht. Das Material wird nicht mehr in Frage gestellt. Das Bild wird so präzise bearbeitet und genäht, dass nicht die Technik, sondern das Motiv im Vordergrund steht.

Woran arbeiten sie gerade?

An der Walze einer MS70. Das ist ein Mähdrescher, den meine Eltern seit 40 Jahren zum Dreschen des Korns auf ihrem Feld benutzen. Ein Oldtimer, eine wunderschöne Landmaschine. Im Sommer 2012 habe ich Fotos von der Frontwalze gemacht und mich sofort in das Motiv verliebt.
Beim Bearbeiten des Bildes kam mir die Idee, es in 36 Einzelteile zu zerlegen. Es sollte abstrakt wirken, jedes einzelne Teil sollte in einer wirkungsvollen Größe von 97x67cm  erstellt werden. Die kräftige Farbkomposition in Kombination mit tiefschwarzen Schatten faszinierte mich von Anfang an. Urspünglich wollte ich nur 3 Teile des Ganzen in der Art eines Tryptichon  bearbeiten. Doch als ich die ersten Teile fertiggestellt habe, bemerkte ich schnell, das die Neugier, doch noch mehr Teile zu bearbeiten, wuchs.  Ich habe mir zum Ziel gesetzt, 22 Teile zu fertigen, davon sind in den letzten sechs Jahren 19 Teile fertiggestellt worden.

Von 9. bis 13. September 2020 findet in Berlin die Art Week statt und in dieser Zeit wird auch meine Werkstatt offen sein und die MS70 präsentiert.
Auch auf der Textile Art Berlin im Juni 2021 wird mit Hilfe und Unterstützung von Frau Wolters und dem TAB-Team erstmals das gesamte Bild der MS 70 zu sehen sein.

Ein großes Problem der Textilkunst im Vergleich zu Gemälden ist ja die Haltbarkeit und die Empfindlichkeit der Textilkunst gegenüber Licht, Staub, Feuchtigkeit etc.

…das trifft doch auf alle Bilder zu.
Ein guter Rahmen macht viel aus und wertvolle Gemälde stellt man nicht ins direkte Sonnenlicht. Der Schutz vor Feuchtigkeit ist selbstverständlich. Zum Entstauben benutze ich einen guten Handstaubsauger.
Es gibt ja auch beeindruckende Eisskulpturen genauso wie großartige Graffitis, es wäre schade, wenn man diese nicht machen würde, weil es Probleme mit der Haltbarkeit gibt.

Ihnen war immer wichtig, nach Ihren eigenen Vorstellungen zu arbeiten.

Das stimmt. Ich gestalte gerne und vor allem so, wie ich es mir vorstelle. Ich sträube mich gegen das Erfüllen und die Erwartung Anderer und ziehe meine sture Eigenwilligkeit vor und durch. Es gibt mir ein Gefühl von Erfolg und Selbstbestimmung  sowie Sicherheit und Verantwortung, die ich gerne trage. Das macht mich glücklich.



Gudrun Leitner
genähte bilder
auguststr. 71
10117 berlin
0049 / 170 / 91 91 076
www.gudrunleitner.com

facebook.com/gutggok

YouTube-Video „Wie es sein kann, dass es sein kann: Gudrun Leitner at TEDxSalzburg 2012“