Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin Sawatou Mouratidou

Portrait

Die Textuilkünstlerin Sawatou Mouratidou ist in Griechenland aufgewachsen. Sie lebt zur Zeit in Wien. Ihre liebste Technik ist das Nuno-Filzen. Hier erzählt sie mehr über sich und ihre Projekte.

Haben Sie schon in Ihrer Kindheit in Griechenland textile Handwerke gelernt?

Ich bin in einem Drei-Generationen-Haushalt groß geworden, und textiles Werken war ein großer Teil unseres Lebens, vor allem in den Wintermonaten, und ich war natürlich immer mittendrin.

Meine Kindheit verbrachte ich auf einem Bauernhof, in einem kleinen Bergdorf in Griechenland. Da wir auch Schafe hatten, war ich vom Prozess der Schur über die Kardierung der Wolle bis hin zum Spinnen, Weben oder Stricken immer dabei. Meine Oma hat meistens die Wolle gesponnen und meine Mutter hat sie verwebt. Sie war eine wahre Künstlerin am Webstuhl! Ich habe so viele schöne Erinnerungen, in denen ich neben ihr sitze und mithelfe. Flickenteppiche durfte ich sogar selbst weben, ich war so stolz! Schätze der Handwerkskunst entstanden, auch wenn es Gebrauchsgegenstände für den Alltag waren.

Was hat Ihnen da am besten gefallen?

Recht früh bekam ich mein erstes Stickbild, und eine Leidenschaft wurde entfacht. Anfangs stickte ich kleine Bilder und Kissenhüllen, mit aufgedruckten Motiven im Kreuzstich. Später kamen viele andere Stiche dazu und eher freie Motive. Einiges ist entstanden … Was ich aber tatsächlich wie einen Schatz hüte, sind die Stickarbeiten meiner Mutter.

Würden Sie Ihre Ausbildung beschreiben?

Meine berufliche Ausbildung hatte nichts mit meiner heutigen Arbeit zu tun. Mit 14 zog ich nach Deutschland, machte Abitur und eine Ausbildung als Zahntechnikerin.
Das textile Werken war ziemlich in den Hintergrund geraten. Erst mit Ende 30 kam ich wieder darauf zurück.

Die erste Begegnung mit Filz machte ich bei einer Freundin in Ulm. Bis dahin kannte ich das Material gar nicht, denn das Filzen in der Form, wie wir es im restlichen Europa und Asien betreiben, war bis zu der Zeit in Griechenland nicht üblich. Schon bei unserer ersten Begegnung hat mich die Wolle um den Finger gewickelt!
Es folgten diverse Weiterbildungen bei namenhaften Künstlerinnen. Bei Karen Betty Tobias habe ich den Anfang gemacht, da ich damals im Kölner Raum lebte. Es folgten: Ricarda Aßmann, Nina Demidova, Marjolein Dallinga, Gladys Paulus, Annette Quentin Stoll, Maria Friese, Ariane Mariane, Annemie Koenen, Regula Zaehner, Sandra Struck German, Dagmar Binder, Franziska Ebner …
Zudem hat die Absolvierung eines einjährigen Zertifikatprogramms an der University of Washington/USA meine Ausbildung im textilen Bereich auf ein anderes Niveau gebracht.

Welches ist Ihr bevorzugtes Material und wie verarbeiten Sie es am liebsten?

Merino-Wolle ist meine liebste Wolle, ich mag ihre Zartheit und Weichheit, und in Kombination mit Seide ist sie unschlagbar! Mit diesem Duo habe ich einige Jahre hauptsächlich große Stolas und Schals kreiert. Nunofilzen ist nach wie vor meine liebste Technik.

Sie schaffen viele verschiedene Dinge. Bitte beschreiben Sie einige davon.

Ich habe mit Gebrauchsgegenständen angefangen, mein Repertoire war breit gefächert. Die Wolle und ihre unzähligen Möglichkeiten verführten mich dazu …
„Auf vielen Hochzeiten zu tanzen“, ist aber nicht immer lustig, so konzentriere ich mich heute meistens für eine bestimmte Zeit auf ein konkretes Thema. Dadurch entstehen kleine Projekte, die wirklich Spaß machen.
Für bestimmte Events kreiere ich kleine Serien zu einem Thema, wobei kein Stück dem anderen gleicht – Fischskulpturen, skulpturaler Schmuck, Wandbehänge und Raumteiler, Taschen und Gefäße mit besonderer Oberflächenstruktur, Westen, die aus einem Kreis entstehen, um nur ein paar zu nennen.

Können Sie die Entstehung eines Objekts von der Idee bis zur Fertigstellung beschreiben?

Die Psychologie des Menschen und die Auseinandersetzung damit dienen oft meinen Arbeiten als Ausgangspunkt.
Den Versuch, innere Zustände in textilen Arbeiten zu visualisieren, finde ich sehr spannend und gleichzeitig herausfordernd. Wenn ich ein Thema habe, fange ich an zu recherchieren, lese viel darüber und unterhalte mich mit Freunden. Langsam fängt dann vor meinem inneren Auge ein Film abzulaufen an, Ideen entstehen. Die schreibe ich auf und mache kleine Skizzen, aber nicht immer! Erst wenn diese Ideen innerlich gereift sind, fange ich an, daran zu arbeiten. Während des Entstehungsprozesses ändert sich oft das anfängliche Design, denn meine Hände haben ihren eigenen Kopf! Ich arbeite sehr intuitiv und erst wenn sich innerlich nichts mehr sträubt, bin ich fertig mit einem Werk.

Sie haben ihr eigenes Label gegründet. Bitte erzählen Sie uns davon.

Mein Label habe ich aus einem tiefen Bedürfnis heraus gegründet, mich beruflich zu verändern und selbständig zu machen. Ich war mit Ende 30 an dem Punkt angekommen, an dem mein bisheriges berufliches Wirken nicht mehr erfüllend war. Zudem war der Spagat zwischen Mutter-Sein und Arbeit immer größer geworden, und ich bin aus der Balance geraten.
Die Wolle kreuzte meinen Weg und zeigte mir neue Möglichkeiten und neue Perspektiven! Ich möchte nicht leugnen, dass meine Vorstellungen von der Selbstständigkeit am Anfang etwas naiv waren. Am liebsten hätte ich mich nur auf den Schaffensprozess konzentriert, aber der administrative Teil hat genauso viel Raum eingenommen. Da ich zunächst von Büroarbeit, Buchhaltung, Werbung, Akquise, sozialen Medien usw. nur sehr wenig Ahnung hatte, war es learning by doing. Seit 2006 habe ich in jeder Hinsicht viel dazugelernt. Gerade das ist aber spannend, denn jetzt gebe ich in allem selbst die Richtung und das Maß an. Langeweile ist mir ein Fremdwort!

Mittlerweile erstreckt sich meine Arbeit über das künstlerische Schaffen hinaus. Als Mitgründerin des Vereins Wollmodus und der Maurer Werkstätten bemühe ich mich um weitreichende Vernetzung, professionellen Austausch und qualitativ hochwertige Weiterbildungen.
Als Kuratorin des Kunstprojekts „Craft-Art Fusion“ und als Organisatorin von „Kunst im Handwerk“ setze ich meine Bemühungen fort, die textile Kunst und das Handwerk zu fördern.

Sie geben auch Kurse?

Ja, Unterrichten ist auch Teil meiner Arbeit. Know-how weiterzugeben wie auch Interessierten Raum zu geben, sich zu entfalten und zu wachsen, ist mir sehr wichtig.

Seit vielen Jahren unterrichte ich mit besonderer Freude im Rahmen einer Sommerakademie, 2 bis 3 Wochen im Jahr auf der Insel Zakynthos/Griechenland. Außerdem bin ich Dozentin in der Kunstfabrik Wien und gebe auch individuelle Kurse in meinem Atelier in Wien.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Kunst und Ihr Label ausgewirkt?
Was planen Sie für die unmittelbare Zukunft?

Die Pandemie hat mich anfangs gelähmt. Ich habe mich eher damit beschäftigt aufzuräumen und zu sortieren. Wenn um mich herum das Chaos ausbricht, brauche ich Ordnung in meiner kleinen Welt.
Das Projekt „Frieden und Freundschaft“ war der Weg heraus aus dieser Ohnmacht. Einige Handwerkerinnen und Künstlerinnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich haben sich beteiligt, und das „Tor der Hoffnung“ ist entstanden, das wir dann verlost haben (http://wollmodus.at/tor-der-hoffnung/ ). Wir konnten mit dem Erlös durch die Pandemie besonders betroffene Künstlerinnen ein wenig unterstützen, ein zwar kleiner, aber für alle Beteiligte wichtiger Beitrag.

Durch die Pandemie sind einige meiner Projekte, die schon fertig geplant waren, leider ausgefallen, andere haben doch stattfinden können. Finanziell ist es ein Einbruch, und emotional ein Auf und Ab. Wir leben in Zeiten, in denen sich die Prioritäten verändern, und „Normalität“, wie wir sie kannten, nicht mehr existiert. Wenn man das einmal begriffen und akzeptiert hat, kann erst etwas Neues beginnen!

Im Moment konzentriere ich mich auf meine Einzelausstellung in der Textile Art Berlin. Meine Serie „Anthropos-Menschsein“ nimmt langsam Gestalt an.

Einige Kurse stehen auch schon fest, und ich freue mich darauf, wieder aktiv zu werden.
Aber wenn ich etwas gelernt habe im letzten Jahr, ist es die Fähigkeit, sehr flexibel zu bleiben und einen Tag nach dem anderen zu leben!