Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin und Autorin Ursula Niehaus

Portrait

Ursula Niehaus kreiert textile Collagen und sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin historischer Romane. Mich interessierten vor allem ihre textilen Collagen und ich fragte sie:

Wann sind sie erstmals mit textilen Arbeiten in Berührung gekommen?

Meine Mutter  – der Kriegsgeneration entsprungen – nähte gern und viel. Als Kind war ihre Flickenkiste mein liebstes Spielzeug. Seit der Zeit üben Stoffe auf mich eine ungeheure Faszination aus. Wobei es nicht nur ihre Farbigkeit, sondern vor allem ihre haptischen Eigenschaften sind, die mich reizen, ihre Oberfläche, ihre Struktur.

Haben Sie eine textile Ausbildung?

Nein. In der Schule klebten wir aus Stoffresten Collagen auf Putzlappen. Später brachte ich mir das Nähen selbst bei und fertigte Kleidung für mich. Wirklich und wahrhaftig war es um mich geschehen als ich in einer Zeitschrift einen Quilt sah. Jahrelang wurde das Entwerfen und Nähen von Quilts meine Leidenschaft. Waren es zunächst traditionelle Muster, wandte ich mich bald konkreten Darstellungen zu und entwarf Bilderquilts.
Ich gab Kurse, nahm an Ausstellungen teil, und nach dem Studium eröffnete ich einen Quiltshop, zeitweise der größte deutschlandweit.
Im Jahr 2000 verkaufte ich mein Geschäft aufgrund einer beruflichen Veränderung meines Mannes, zog mit ihm in ein kleines Winzerstädtchen am Rhein und begann zu schreiben. Neben den Stoffen sind Bücher und geschichtliche Themen meine zweite Leidenschaft, was kaum verwundern mag, wenn man weiß, dass meine Großeltern und acht von neun Geschwistern meiner Mutter Buchhändler waren. Im Jahr 2007 erschien der Bestseller „Die Seidenweberin“. In meinen ersten historischen Roman hatte ich all meine Liebe zu Stoffen und mein Heimweh nach meiner Heimatstadt Köln hineingeschrieben.

Es folgten weitere Romane, doch über dem Schreiben fehlten mir Farben und Stoffe immer mehr. So griff ich eines Tages zu Leinwand und Pinsel. Doch Farbe und Stifte waren kein würdiger Ersatz. Ihnen fehlte die Haptik, die ich an Stoffen so liebe. Ich verfiel auf den Gedanken, man müsse doch auch mit Stoffen malen können.
Über Jahre entwickelte und verbesserte ich meine Technik: Womit klebe ich die Stoffe? Auf welchen Untergrund? In welchen Formaten, in welchen Rahmen kommen die Motive am besten zur Geltung?
So machte ich Stoffe zu meinen Farben.

Wie drücken Sie sich bevorzugt aus?

Ich schätze abstrakte Darstellungen in der Kunst, für mich persönlich wähle ich jedoch eine konkrete, nur wenig abstrahierte Darstellungsweise. Meine Bilder sind keine Portraits von speziellen Personen, obschon meist Fotos von einzelnen Menschen die Grundlage bilden. Sie sind Darstellungen von Figuren, was sich auch in den Titeln wiederspiegelt. Es ist nicht „Paul isst einen Burger“ sondern „Der Burgeresser“. Ein beliebiger. Irgendeiner.

Hatten bzw. haben Sie Vorbilder in der Textilkunst?

Konkrete Vorbilder nicht. Aber ich liebe die Arbeiten von Claes Oldenburg und Joana Vasconcelos.

Arbeiten Sie in Ihren textilen Arbeiten zu bestimmten Themen?  Erzählen Ihre textilen Werke Geschichten wie Ihre historischen Romane?

Es sind Alltagsdinge die ich in meinen Arbeiten thematisiere. Beispielsweise die Serie “Eat”, eine kritische Auseinandersetzung mit der Fast-Food-Esskultur, „Lucky Years“, die glückliche Menschen zeigt mit der sanften Erinnerung daran, das Leben auch zu genießen, und natürlich mein liebstes Thema „Lück wie ich und du“ – kölnisch für „Leute wie ich und du“ – gewöhnliche Menschen die ich bei ihrem alltäglichen Tun darstelle. Eine Frau mit Lockenwicklern die Sushi isst, ein Mann der sich rasiert, ein anderer der herzhaft in einen Burger beißt…

Wie arbeiten Sie? Könnten Sie anhand eines textilen Werkes die Arbeit vom Entwurf bis zum fertigen Werk beschreiben?

Zunächst ist da die Idee für ein Bild, beispielsweise eine Frau die mit ihrem Hund auf dem Sofa sitzt, und ich mache ein paar grobe Skizzen vom Bildaufbau. Ich fotografiere gern Freunde und Bekannte. Die größte Freude bereitet mir die Auswahl der Stoffe. Ich besitze kistenweise Stoffe, alle nach Farben sortiert. Meist verwende ich Altkleider oder Reststoffe. Die zugeschnittenen Stoffstücke klebe ich auf Leinwand, manches Mal in mehreren Lagen übereinander.

Was inspiriert Sie?

Da ich recht ländlich lebe, gibt es für mich keine größere Inspiration als in meiner Heimatstadt Köln (oder jeder anderen Großstadt) Menschen zu beobachten: in Cafés, auf der Straße, beim Einkaufen. Sie liefern mir die Ideen für meine Bilder.

Wann und wo kann man ihre Arbeiten in der nächsten Zeit sehen?

Ab dem 29. 8. im MVB-Forum, Mainz

Alle Fotos wurden von Ursula Niehaus zur Verfügung gestellt.