Portraits & Interviews

Interview mit der Textilkünstlerin und Sammlerin Helle Eggebrecht

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Was wird aus privaten textilen Sammlungen? Diese Frage stelle ich mir seit einer ganzen Weile. Deshalb habe ich Sammlerinnen gefragt. Die erste ist die Textilkünstlerin Helle Eggebrecht.

Du hast eine große Sammlung kunsthandwerklicher textiler Stücke.

Ja, ich habe eine Sammlung Textilien aus 35 Ländern. Aber um meinen Sammlertrieb einzugrenzen, habe ich ganz früh beschlossen, nur Textilien einer bestimmten Kategorie zu sammeln. Da ich mich seit 40 Jahren in meinen eigenen Arbeiten und in meinen Unterrichtstätigkeiten hauptsächlich mit  Gestaltung, Patchwork, Applikation und Quilten beschäftigt habe, war es für mich natürlich, diese Art von Textilien zu sammeln. Und daran halte ich mich bis heute. So eingegrenzt macht für mich auch eine Sammlung Sinn.

Seit wann sammelst Du?

Das erste Stück in meiner Sammlung war eine Mola-Bluse von den Guna-Indianern auf den San Blas Inseln bei Panama. Ich entdeckte die Bluse vor mehr als 30 Jahren auf einer Reise-Messe in Hannover. Die Wände eines Messestandes waren mit eben dieser Bluse und vielen bunten Molakana (plural von Mola) dekoriert. Beim Abbau des Messestandes konnte ich die Bluse und weitere Molaka erwerben. Die farbenfrohen Reverse-Applikationen und die fantasievollen Motive, alles unsichtbar mit der Hand genäht, machten mich sprachlos. Nun besaß ich eine originale Bluse, wie ich sie sonst nur aus den Büchern kannte. Als ich zuhause die Bluse begutachtete, fand ich auf der Halskante zierlich gestickt die Initialen H E. Das waren dieselben wie Meine! Zufall? Meine Freude und Begeisterung waren durch diese Entdeckung umso größer!

Von da an war mein Interesse für Patchwork aus anderen Kulturen geweckt. Ich hatte viele offene Fragen: In welchen Ländern beschäftigt man sich mit dieser Technik? Welche Quilt- und Nähtechniken werden benutzt? Welche Gegenstände werden hergestellt? Da Patchwork, Applikation und Quilten oft zusammen in einer Arbeit benutzt werden, sind diese drei Techniken eng miteinander verbunden. Das schließt aber nicht aus, dass auch Textilien hergestellt werden, bei denen nur Eine oder Zwei der drei Techniken benutzt werden.

Wesentliche Informationen suche ich in der Literatur. Es gibt deutsche und englische Bücher über Patchwork in anderen Kulturen. Aber jedes Buch hat seine Stärken und seine Schwächen. Die Autoren legen oft das Hauptgewicht auf bestimmte Erdteile, während andere Gebiete vernachlässigt werden. So muss man sich also umfassend in verschiedenen Büchern informieren, wenn man einen guten Überblick haben möchte. Aber auch im Internet stöbere ich gerne herum.

Ging es Dir gezielt um eine Sammlung oder wurde Dir erst nach und nach klar, dass daraus eine größere Sammlung wird?

Mein Sammlertrieb ist legendär, und meine Familie staunt, wie schnell ich Schränke und Kellerregale füllen kann. Als meine Jagd auf  fremde Patchworkarbeiten einsetzte, war es mir allerdings nicht klar, wie viele interessante Textilien aus fremden Kulturen ich am Ende haben werde. Nun, nach ca. 30 Jahren, habe ich in drei großen Wäschekörben, wie zu Großmutters Zeiten aus Weide geflochten, alles untergebracht. Nein, dass daraus eines Tages  eine Sammlung werden sollte, habe ich damals nicht geahnt.

Ich habe aber von Anfang an Wert darauf gelegt, dass alle Exponate authentisch sind. Damit meine ich, dass sie ethnisch sind, dass sie aus einem bestimmten begrenzten Kulturraum stammen, und dass die Gegenstände von der eigenen Bevölkerung und für ihren Bewohner hergestellt werden. Ich wollte keine Touristensouvenirs dabei haben. Es ist gar nicht so einfach, wenn man mit Reisegruppen unterwegs ist, an solchen Sachen zu kommen. Die Menschen heben ihre Textilien in ihren Wohnungen auf oder tragen sie am Körper, und ein Flohmarktbesuch ist auf Reisen meistens nicht vorgesehen. Leider steht Textil selten auf dem Kulturprogram der Reiseveranstalter.

Hast Du vor allem bei Reisen gesammelt?

Fünf Jahre habe ich Religionspädagogik an der Uni Hannover studiert. Das war eine reiselustige Fakultät, und die jährlichen Reisen führten mich in viele fremde Länder. Wie ich schon erwähnte, war es auf diesen Reisen nicht einfach, ethnische Textilien zu erwerben. Doch einige Ausnahmen gab es: In der syrischen Wüste bei Palmyra konnte ich von Nomaden eine große Bettdecke kaufen. Sie ist abenteuerlich bunt und schlecht genäht, aber authentisch. In Kosovo kaufte ich auf einem Bauernmarkt an einem Stand einen Latz und ein Bolero, passend zu den Trachten der christlichen Frauen in diesen Dörfern, und beide sind mit Patchwork dekoriert. In einer Schneiderwerkstatt direkt an der Straße in Izmir in der Türkei bestellte ich eine kleine gequiltete Kinderdecke mit türkischer Baumwolle gefüllt. In der Zeltmacherstraße in Kairo kaufte ich nach langen Preisverhandlungen eine große Kissenplatte mit den typischen applizierten Arabesken geschmückt. Auch in  Tokio auf einem Antikmarkt gab es verschiedene Möglichkeiten, indigoblauen Textilien mit weißen Sashiko-Stickereien zu kaufen.

Aber sogar auf dem Flohmarkt in Hannover fand ich kleinste thailändische Kragen, und auf dem Wochenmarkt in Burgdorf tauchten an einem Marktstand unerwartet ägyptische Kissen neben leeren Straußeneiern auf. Sonst musste ich manche schöne Exponate in Antiquitätsgeschäften, in Dritte-Welt-Läden oder auf Teppichmessen kaufen. Freunde haben mir von ihren Reisen Schönes mitgebracht, und manche Menschen haben mir aus ihren Vorräten etwas geschenkt.

Woher stammen die Stücke?

In meiner Sammlung sind Kleidungsstücke, Wohntextilien und Alltagsgegenstände aus Europa, dem Vorderen Orient,  Kaukasus, aus Asien, Hawaii, Mittel- und Nordamerika. Es ist eben „eine textile Reise um die Welt“! Nur Afrika ist schlecht repräsentiert, weil meine Reisen mich nie dorthin geführt haben. Aus Island, wo sie mit gegerbtem Fischleder arbeiten, ist es mir leider auch noch nicht gelungen, eine kleine Applikationsarbeit zu bekommen.

Könntest Du exemplarisch zwei oder drei besonders schöne Stücke beschreiben?

Die meisten Stücke in meiner Sammlung sind nicht in unserem Sinne schön. Hier werden mit anderen Maßen gemessen: Oft sind sie schlecht genäht, weil es den Menschen in erster Linie auf die Symbolik der Farben oder den geometrischen Formen ankommt. Manche Teile haben Gebrauchsspuren und sind trotzdem für die Sammlung wertvoll, weil sie alt oder selten sind. Verwaschene  oder von der Sonne ausgeblichene Farben sind ein weiteres Manko. Es zeigt aber zugleich, dass die Stücke authentisch sind. Ich möchte aber hier drei ganz unterschiedliche Textilien kurz beschreiben, die nicht durch ihre Schönheit bestechen, sondern weil sie ihre ganz besondere Stellung in den jeweiligen Kulturen gehabt haben.

Ein Ägyptischer Fries, Größe 42 x 200 cm. Eine dänische Patchworkerin hat ihn mir geschenkt.

Die Urgroßmutter der Patchworkerin arbeitete um 1900 als Hebamme  im Karen-Blixen-Hospital in Nairobi. Später verbrachte sie oft mit ihrem Mann den Winter in Kenia, weil das Klima dort wärmer war als in Dänemark. Einmal unterwegs kaufte sie in der Zeltmacherstraße in Kairo einen langen applizierten Fries. Die Farben sind ausgeblichen, aber Pflanzen und Tiere und nicht zuletzt die verschleierten Frauen machten neugierig auf die dargestellte Geschichte. Im Gespräch mit einem Ägyptologen kamen wir zu dem Schluss, dass vielleicht eine Hochzeitsgeschichte dargestellt wird. Die Braut wird von dem Bräutigam und seiner Mutter in Empfang genommen, Geschenke werden ausgetauscht, und das Ganze findet in der Wüste vor den Toren einer Stadt statt. Der Fries könnte ca. 90 Jahre alt sein.

Ein Korak aus Usbekistan, Größe 50 x 50 cm. Ich kaufte ihn vor 25 Jahren in einem Antiquitätengeschäft.

Koraks wurden von Nomadenfrauen grenzüberschreitend in Usbekistan, Turkmenistan und Afghanistan hergestellt. Koraks hatten im Nomadenalltag ganz unterschiedliche Verwendungen: Zudecken von Speisen, Abdecken von Spiegeln und Einschlagen von wichtigen Gegenständen. Mein 75 Jahre alter Korak ist mit vielen Schutzsymbolen versehen. So sollen zum Beispiel die Quadrate, umrahmt von feinen Dreiecksborten, der Nomadenfrau Glück bringen. Dreiecke und Fransen halten böse Geister fern, und bestimmte Farben schützen vor Dämonen. Die grüne Farbe ist dem Propheten Mohammed gewidmet.

Aber das Interessanteste befindet sich auf der Rückseite meines Koraks. Hier klebt eine vertrocknete Schicht Lehm. Der Korak stammt nämlich aus einer Zeit, wo die Halbnomaden den Winter in Lehmhütten verbrachten. Dort wurden die Wände mittels feuchtem Lehm mit Koraks geschmückt. Der Wandschmuck wurde im Frühjahr beim Verlassen der Hütte abgenommen und aufbewahrt. Diese Art von Nomadenleben ist schon lange Vergangenheit.

BORO-Mantel aus Japan, um die 200 Jahre alt. Er wurde auf einem Antikmarkt in Tokio gekauft und mir zum Geburtstag geschenkt.

Japans Norden ist kalt und unwirtlich. Er wird nicht ohne Grund „Snow country“ genannt. Hier führten die Menschen schon immer ein hartes Leben und kämpften gegen Armut und Hunger. Für Baumwolle und Seide war das Klima zu kalt, und nur Hanf wurde angebaut. Die harten, aber haltbaren Hanffaser fanden Verwendung für sämtliche Textilien für Alt und Jung. Da Hanfstoffe nicht besonders warm sind, wurden sie schon früher in mehreren Schichten mit langen linearen Stichreihen zusammengefügt. Die Sticktechnik wurde später als Sashiko bekannt.

Aus der bitteren Armut wurde eine Tugend gemacht. Alle Kleidungsstücke und Bettsachen wurden endlos, von Generationen zu Generation geflickt. Kleinste Stoffreste und Flicken wurden dafür aufgehoben. Das Wort BORO bedeutet „alter gebrauchter Stoff“. Um 1960 wurde ein junger Ethnologe auf diese besondere Textilkultur, aus der Not geboren, aufmerksam. Er fing an, die Textilien von der Bevölkerung aufzukaufen. Bis zu seinem Tod sammelte er 20.000 Teile. Ein Zehntel davon befindet sich in dem neuen „Amuse Museum“ in Tokio. Die übrigen Teile sind in Museen überall auf der Welt zu sehen. Denn diese ganz eigene Ausdrucksform ist einmalig

Hast Du für jedes Stück erfasst, woher es stammt, aus welchem Material es ist und welche Traditionen damit verbunden sind?

Von den meisten Exponaten kenne ich das Alter, den Entstehungsort, das Material und die Kulturgeschichte, in der sie eingebettet sind. Doch manche Stücke geben auch Rätsel auf, die ich so schnell nicht lösen kann. Zum Beispiel besitze ich aus Nepal eine über 100 Jahre alte Applikationsarbeit, von der ich so gut wie nichts weiß. Freunde haben den sehr großen Wandbehang am Straßenrand einem alten Mann abgekauft, um ihm zu helfen. Krieger, Pferde und Elefanten sind auf rotem Untergrundstoff  aufgereiht. Es ist kein religiöses Motiv, denn die Größe und die Bildinhalte deuten eher auf einen prächtigen Wandschmuck einer höher gestellten Familie hin. Ich bin aber neugierig und möchte mehr darüber in Erfahrung bringen.

Über einzelne Stücke hast Du Artikel geschrieben?

In knapp fünf Jahren habe ich 19 Artikel für das Mitglieds-Magazin der  Patchwork Gilde Deutschland geschrieben und Fotos zugefügt. Nach und nach übersetze ich diese Artikel ins Dänisch, meine Muttersprache, und Norwegisch. Die Redakteure in den beiden Ländern machen dann ihr eigenes Lay out für die Patchwork-Magazine dort.

Stellst Du gelegentlich Teile Deiner Sammlung selbst aus?

Nein, es gab kaum Gelegenheit, Teile der Sammlung auszustellen. Aber ich bemühe mich bei großen Textiltreffs einen Termin zu bekommen, um einen Vortrag über ausgewählte Sammlerstücke zu halten. Ich nenne meinen Vortrag „Eine textile Reise um die Welt“. Dort können die Zuschauer alle Teile anfassen, weil gerade bei Textilien ist das Haptische so wichtig. Nicht zuletzt werden die Rückseiten der Teile eifrig studiert. Dort erkennt man oft die wahre Nähtechnik, und ob es wirklich per Hand oder mit Maschine genäht wurde.

Was soll einmal aus Deiner Sammlung werden? Gibt es Personen in Deiner Familie oder im Freundeskreis, die sie weiterführen bzw. pflegen würden?

Was aus meiner Sammlung wird, wenn ich sie selbst nicht mehr betreuen kann, macht mir etwas Kopfzerbrechen. Manche Exponate stammen aus Kulturen, wo Textilarbeit in dieser Form nicht mehr hergestellt wird. Deshalb ist es wichtig, sie für die Nachwelt zu bewahren. Auch antike Teile sind es wert, dass man sie für die Nachwelt aufhebt.

Hast Du schon mit Museen gesprochen, und bestünde da Interesse?

Museen habe ich nicht direkt angesprochen. Vom Hörensagen weiß ich, dass manche Schätze in den Museen in Magazinen landen und kaum in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Auch das Aufbewahren von Textilien ist eine schwierige und teure Geschichte, weil sie ständig vor Ungeziefer und schädlichen Einflüssen von Licht und Luftfeuchtigkeit geschützt werden müssen.

Welche Möglichkeiten siehst Du sonst?

Viele Möglichkeit sind nicht in Sicht. Vielleicht wäre es etwas für die Sammlung der Deutschen Patchwork Gilde. Ich möchte, dass auch in Zukunft möglichst viele textilbegeisterte Menschen die interessanten und seltenen Stücke in die Hand nehmen können, sie anfühlen und sich wie ich darüber erfreuen, was Frauenhände weltweit als Kulturschatz uns in die Hände geben.

Welchen Rat würdest Du Sammlern/Sammlerinnen textiler Kunstwerke geben?

Zu Allererst muss man die Teile registrieren. Fremde können oft nicht so viel damit anfangen, wenn nicht die Geschichte dahinter festgehalten ist. Dann muss man Sorge tragen, dass Alles textilgerecht aufbewahrt wird. Und schließlich sollte man  sich irgendwie darum kümmern, dass eine Sammlung zusammenbleibt.  Sie sollte nicht in aller Welt verstreut werden, wo Einzelteile eventuell nur einen dekorativen Zweck erfüllt, und sonst keine große Bedeutung finden. Das haben sie nicht verdient!

 

Alle Fotos stamen von Helle Eggebrecht