Portraits & Interviews

Interview mit der Weberin Helga Höhne

Portrait

„Ich will Teppiche machen, die wie ein einziger Webfehler aussehen. Ins Ungewisse arbeiten und der Ahnung der Idee folgen; versuchen, richtig zu schließen“, hat Helga Höhne einmal von sich gesagt. Ich habe genauer nachfragt:

Wie haben Sie Ihre Begeisterung für’s Textile entdeckt?

Eine solche bestand nicht bzw. siehe die dritte Frage.

Haben Sie eine textile Ausbildung?

1990/91 nahm ich an einem Textilkurs von Beate Flierl/Weberin und Gunda Oelmann/Restauratorin teil. In Batik, Quilt und Ikatweberei/Baumwolle entstanden Arbeiten. (Das Ikatweben, 4 Tücher ca. 130 x 50 cm, wurde wegen Filigranität des Materials nicht weitergeführt.)

Wie sind Sie zum Weben gekommen?

1983, nach einem Verlust eine Zeit der Unruhe und Suche nach adäquater Ausdrucksmöglichkeit. Das Sehen einer simpel gewirkten, archaisch anmutenden Stoffweberei bewirkte eine Art Vision. Aus Bettgestellen wurden Webrahmen gebaut, das Material ausschließlich Stoffe. Ein Hochwebstuhl, Webbreite 125 cm, folgte 5 Jahre später. In 20 Jahren 11 Umzüge in verschiedene Arbeitsräume.

Wie gehen Sie an das Weben eines neuen Stücks heran? Machen Sie einen Karton?

Die beiden Texte von 1986 und 1994 (hier verlinkt) sind noch heute ausschlaggebend. Anbei 2 Ideenskizzen zu den Yogateppichen (hier verlinkt).

Sie sagen, Sie möchten der Natur folgen, was bedeutet das für Sie?

Inspirationen aus Eindrücken aller Art, Beispiele:


Bälle, 1992, 176 x 113 cm – nach Fenstergestaltung einer Eingangstür


a 84, Gänsekopf visionär – Das Gatter, 1999, 221 x 121 cm – nach Schatten von Papieren (134 Std.)


a 107, Ampelserie 2005, ca. 174 x 31 cm – Vorlage Kaffeelöffel


a 121, Kippe, 2006, 57 x 28 cm – Vorlage echte Kippe


a 189, Irrwisch, 2014, 150 x 118 cm – Vorlage Fundstück, h 8 cm


a 129, Insektenmann, 2007, 138 x 75 cm – nach Schattenwurf


a 154, House of Jim Jarmusch, 2009, 170 x 86 cm – nach Filmbild


a 204, signal bottle, 2016, ca.340 x 200(85) x 20 cm – Silberfischchen geträumt


a 90, Großes Gitter, 2001, 277 x 102 cm – Vorlage Tonbandaufkleber

Könnten Sie uns am Beispiel eines Werks Ihre Arbeitsweise, angefangen von der ersten Inspiration, schildern?

Zu dieser Arbeit inspirierte mich ein Stoffstück, das jahrelang an der Wand hing (Abb.1).

Ich suchte nach einer Vorlage für räumliche Umsetzung. Es sollte eine große Arbeit werden, also: Skizze nach der textilen Vorlage, in Photoshop die Größe verändert (d.h.: 1cm=b. Weben 10cm), Ausdruck des Blattes (Abb.2), in dem Fall räumliches Modell angefertigt wegen Vermessens der Wölbung (Abb.3), dann später nach Zentimeterangaben der Skizze am Webstuhl (Arbeit unten aufrollend) hochgearbeitet (Abb.4).

Kettgröße bestimmt, zugeschnitten über zwei Schraubzwingen. Auf dem Webstuhl Kette oben befestigt und aufgerollt, unten befestigt. Vorarbeiten waren seitliche Pappschablonen, dass die Weberei nicht verrutscht. Gearbeitet wurde das Stück rücklings, also das obere Ende unten beginnend. (Die seitlichen Bahnen unten zuerst gewebt, hätten sonst die Kettspannung für das Hauptteil beeinträchtigt. Dieses muß ich immer bedenken, auch bei offenen Binnenstellen.) Das Nicht-Vermessen ist sehr wichtig, Textilwölbung im Maß bedenken, kleine „Sehbrüche“, (die offene Stelle). Zu bedenken: ich sehe meistens nur 20-30 cm des Gewebes, ein Aufrollen der bereits fertigen Arbeit aber möglich. Bei Farben der Stoffe auf deren Wiederkehr achten, z. B. bei 3m Höhe. – Abketteln. Verstechen der Kettfäden. Befestigungsarten auf der Rückseite. Fertig Abb.5.


a205 Raket, 2017, 290x81x15 cm

Die Stoffstreifen werden beim Weben längs eingeschnitten, verknotet, an der Stelle einmal um den Kettfaden gewickelt, beim Weben die Stoffe drehen. Auf Bodenteppichen werden die Knoten rückseitig mit Latex pur fixiert.

Auch wenn diese Frage viel zu oft gestellt wird: wie lange arbeiten Sie an einem großen Stück?


Allerleirauh sitzt am Brunnen, 1995/96, 128 x 345 cm: 184 Stunden


Das Haus des Schwertfischfängers, 2000, 283(340) x 103 cm: 150 Stunden

Die Zeiten beziehen sich ausschließlich auf das Weben am Stück. Vorarbeiten wie Stoffbearbeitungen, Zerkleinern ect. fallen nicht in diese Zeiten. Teppiche aus breiten Stoffstreifen, wie z.Bsp. Yogateppiche, gehen natürlich schneller, ca. 35-45 Std.

Sie fertigen auch textile Objekte, was können Sie uns darüber erzählen?

Um 2000/02 beendete sich absolut der Bildteppich. Ich hatte zu Fotografieren begonnen, meistens „Verfall“, und Fundstücke zu sammeln. Materialdrucke nach diesen Vorlagen in einer Druckwerkstatt herzustellen. Dieses Weben/Inspirationen nach Fundstücken ist seither so geblieben. Ab 2012 wurden die Arbeiten auch räumlich sowie im Raum stehend.


a 198 Objekt, Pelzkasten, 2013/15, 105 x 44 x 23 cm, Vorlage Fundstück, h 13cm


a 169, Große Tasche, 2010/11, 231 x 115 cm – Vorlage Fundstück, h 28,5cm


a 188, Schweber, 2014, 123 x 37 cm / 60 cm – Vorlage Samenkapsel

Wie würden Sie selbst Ihre künstlerische Entwicklung der letzten Jahre beschreiben?

Sie war wohl kontinuierlich innerhalb meiner Möglichkeiten. Neue Techniken werden nicht erschlossen. Mit Yoga-/Meditationsteppichen, die den Bildteppich wieder beleben, wird eine Verkaufsmöglichkeit angestrebt.

Kugel auf Braun, 2018, 80 x 81 cm, Meditationsteppich

Berg Sonne Feld, 2018, 156 x 56 cm, Yogateppich

Aus Platzmangel wendete ich mich dem Scherenschnitt und daraus hervorgehend zeichnerischen Arbeiten zu. Der Umgang mit Farben ist ein neues Feld.

In Ihrem Lebenslauf ist auch von kultureller Projektarbeit die Rede. Für was für Projekte engagieren Sie sich zur Zeit?

Diese Bezeichnung betraf eher meinen Lebensunterhalt, ABM-Stellen etc. Habe mich nie als Künstlerin eingetragen. Als „kulturelle Projektarbeit“ wären nur zwei durch mich kuratierte Ausstellungen mit je 6 Künstlern im projektraum alte feuerwache zu nennen, 2007/2018. Ich arbeite ansonsten ausschließlich allein, ohne „textile“ Kontakte.

Helga Höhne wird auf der „TEXTILE ART BERLIN“ 2019 Yoga- und Meditationsteppiche anbieten. Ihre Website ist: www.teppichbild.de