Portraits & Interviews

Interview mit Elisabeth Nacenta de la Croix

Bonnie McCaffery Photo of Elisabeth Nacenta de la Croix

Die Arbeiten von Elisabeth Nacenta de la Croix konnte ich bei der Biennale Internationale de l’Art Textile in Villefranche sur Saône bewundern. Ihre Art, Farben und Formen einzusetzen, fasziniert mich. Es hat mich gefreut, dass sie einem Interview zugestimmt hat.

Hat das textile Medium Sie seit Ihrer Kindheit fasziniert?

Ich kann nicht sagen, dass Textil mich seit meiner Kindheit fasziniert hat; nein, ich mochte vor allem Stickerei, Kreuzstich, und Stricken. Ich hatte viel Ausdauer bei Petit-Point-Stickereien. Ich habe auf einem Foto, das ich aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hatte, die Zeilen gezählt und die Farben der Wolle nur durch Betrachtung des Fotos ausgewählt.
Meine Großmutter hat mir das Stricken beigebracht. Ich habe lange gestrickt und z.B. für meine Kinder Pullover mit Figuren aus Comics oder Zeichentrickfilmen wie den Schlümpfen, Lucky Luke, Asterix und Obelix oder Superman gestrickt. Manchmal hatte ich mehr als 15 verschiedene Fäden. Aber das war sehr amüsant. Ich habe abends beim Fernsehen gestrickt.
Das Nähen kam viel später, als ich 20 war, und meine Mutter, die es nicht ertragen konnte, dass ich untätig zu Hause herumsaß, mich bei einem Nähkurs angemeldet hat. Der Altersdurchschnitt in diesem Kurs lag bei 50! Aber ich habe Spaß daran entwickelt. Jahre später habe ich als Geburtstagsgeschenk einen Gutschein über einen Patchwork-Anfängerkurs bekommen. Seitdem nähe ich Patchwork. Ich fand die Patchwork-Arbeiten so schön, dass ich Lust hatte, die Technik zu erlernen.

Haben Sie eine künstlerische Ausbildung?

In der Familie meiner Mutter waren alle entweder Ärzte oder Künstler (Maler, Fotograf, Musiker, Sängerin und Tänzerin) und bei mir zu Hause war die Kunst sehr präsent, z.B. in Teppichen, Gemälden, Portraits oder viel Nippes. Die Kunst war integraler Bestandteil unseres kulturellen Umfelds. Während meiner ganzen Kindheit war ich umgeben von Kunstgegenständen. Während meines Studiums in Italien bekam ich eine Einführung in die Kunstkritik, aber abgesehen davon kann ich nicht sagen, dass ich eine künstlerische Ausbildung erhalten habe, ich besaß lediglich große Neugier und durchlief eine Art Lehre durch viele Besuche in Museen und Kunstgalerien und bei verschiedenen Ausstellungen und Vorlesungen. Ich habe im Übrigen viele Jahre in einem professionellen Show Room für kostbare Möbelstoffe gearbeitet.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Patchwork entdeckt?

Ganz durch Zufall bin ich in einer Buchhandlung über eine Serie von Patchwork-Büchern gestolpert. Ich habe eines in französischer Sprache gekauft (das ich übrigens noch immer besitze), aber es gelang mir nicht nachzuvollziehen, wie die (eigentlich ziemlich einfachen) Muster zu nähen waren. Bei einem Anfängerkurs, den ich als Geburtstagsgeschenk bekommen habe, habe ich die Grundlagen gelernt und bin dann immer weiter gegangen. Das traditionelle Patchwork habe ich recht schnell hinter mir gelassen und persönlichere und modernere Arbeiten gestaltet, die aber immer noch auf der klassischen Methode beruhen.

Hatten sie Vorbilder unter den Textilkünstlerinnen?

1996 habe ich auf Bitten der Besitzerin von Patchparadis – dem größten Patchworkladen in Genf, den es leider nicht mehr gibt – dank meiner Englischkenntnisse bei 3- bis 4-tägigen Seminaren mit eingeladenen ausländischen Künstlerinnen gedolmetscht. So habe ich unter anderem bei den Kursen von Paula Nadelstern, Katie Pasquini, Judy Dale und Emiko Toda gedolmetscht. An anderen Kursen habe ich selber teilgenommen.
Bei allen diesen verschiedenen Kontakten, habe ich mir verschiedenste Kenntnisse angeeignet und einige Dinge mitgenommen, die sich in meiner Arbeit oder meiner Art zu arbeiten wiederfinden. Erst vor einigen Jahren war eine Begegnung wichtiger für meine Entwicklung: das Treffen mit Linda Colsh, aus dem eine Freundschaft geworden ist. Das Vertrauen, das wir ineinander haben, der Charakter von Linda und ihre Großzügigkeit haben meine Arbeit verändert, sie ist persönlicher geworden, vielleicht gelungener. Ich bin ihr dafür unendlich dankbar. Aber ich habe nicht eigentlich ein richtiges Vorbild.

Arbeiten Sie gern zu bestimmten Themen?

Ja, unbedingt. Seitdem ich eine Art zu arbeiten gefunden habe, die zu mir passt, habe ich auch gelernt, alles um mich herum wahrzunehmen. Ich wandere viel, jeden Tag, auch wenn es regnet. Ich habe auch das Glück, in einer schönen Region mit vielfältigen Landschaften zu wohnen (Genf). Ich schaue mich um und nehme viele Bilder, Farben oder Details in mich auf. Oft mache ich Fotos, um mich an bestimmte Farbschattierungen oder Einzelheiten von Formen zu erinnern.
Während der Krankheit meiner an Alzheimer leidenden Mutter und zur Vorbereitung einer großen Ausstellung für das Carrefour Européen du Patchwork im Elsass 2011 konnte ich Zorn und Frustration, Traurigkeit und Verzweiflung ausdrücken, indem ich aus meiner Erinnerung schöpfte, um Werke über den Ort, an dem ich lebe, zu schaffen. Die Natur und der Genfer See sind sehr präsent, selbst heute und ich werde ihrer auch nicht überdrüssig.

Was inspiriert Sie?

Der See und seine Lichtreflexe, seine Wellenbewegungen, das ist jeden Tag gleich und doch auch an jedem Tag anders: es ist Veränderung im Wandel. Ein riesiges Thema. Es bringt mich beständig zum Nachdenken und zum Staunen. Ich habe den See schon viele Male dargestellt, aber ich denke, ich habe zu diesem Thema noch viel zu sagen.
Die alten Bäume mit dem wechselnden Licht, das durch ihre Blätter scheint, sind ebenfalls ein wiederkehrendes Thema in meinen Arbeiten.
Meine Umgebung ist ein Teil von mir. Ich kann in jedem beliebigen Land leben (solange die Frauen dort menschenwürdig leben können), aber hier in Genf bin ich zu Hause.

Verwenden Sie ein Skizzenheft?

Da ich völlig intuitiv arbeite, habe ich ein Heft, in dem ich meine Ideen notiere, all diese „und wenn …“ und die „warum nicht …“, oder in das ich ein Foto einklebe, das ich aus einer Zeitschrift ausgeschnitten habe. Aber ich würde das kein Skizzenheft nennen, ich mache keine Skizzen. Ich lasse die Stoffe, die ich ausgewählt habe, zu mir sprechen (und ich nehme mir viel Zeit, eine Palette von Stoffen auszuwählen und zu montieren) und sich im Verhältnis zu den anderen in Szene setzen.

Könnten Sie den Prozess der Schaffung eines Werkes von der ersten Inspiration bis zur Fertigstellung beschreiben?

Alles beginnt mit der Auswahl des Stoffes, den ich verwenden will und um den herum ich eine Palette von Farben aussuche. Seit einiger Zeit benutze ich mehr und mehr gefärbte Stoffe (ich färbe nicht selbst) oder bemalte Stoffe (das mache ich selbst) für meine Arbeiten.
Steht einmal diese Palette fest (ich habe viel mehr Stoffe ausgewählt, als ich später benutzen werde), schneide ich den Hauptstoff willkürlich und lege ihn auf meine vertikale Arbeitswand. Dieser Stoff verleiht dem ganzen Werk die Bewegung. Dann wähle und schneide ich den folgenden Stoff, den ich neben den ersten lege und so weiter. Solange ich nicht zufrieden bin, mit dem was ich sehe, gehe ich nicht zum nächsten Stoff über.
Es kann vorkommen, dass ein Stoff ausgetauscht oder an eine andere Stelle gelegt wird, aber das ist ziemlich selten.
Dann bleibt nur noch das Nähen und das Quilting. Beides mache ich immer mit der Maschine.

Gibt es in der Schweiz eine sehr lebendige textile Szene?

Wir haben in der Schweiz zahlreiche Patchwork-Gruppen, die nationale Gilde PatChquilt, weitere Gilden und regionale Clubs. Alle sind sehr aktiv und jedes Jahr werden Veranstaltungen auf überregionaler Ebene organisiert, die Treffen und Austausch ermöglichen.
Dennoch ist es sehr schwierig, die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Textilkunst eine vollwertige Kunst ist, vor allem gegenüber den Galerien und Museen. Aber das wird sich ändern.

Welcher Preis hat sie besonders stolz gemacht?

Der Preis, über den ich mich ganz besonders gefreut habe, war der allererste. Ich habe ihn 1996 im Museum Léman in Nyon in der Schweiz erhalten.
Aber besonders stolz bin ich ohne Zweifel auf die „Honorable Mention“, die ich 2016 für meinen Quilt „Dawn Light“ beim Quilt Nihon Festival in Tokyo bekommen habe. Es gab über 1.000 TeilnehmerInnen aus aller Welt. Diesen Preis zu bekommen war wirklich „honorable“ – also eine Ehre!