Portraits & Interviews

Interview mit Elisabeth Paul

Portrait

Bei der TEXTILE ART BERLIN kam die Künstlerin Elisabeth Paul, die ihre Ausstellung direkt neben den ägyptischen Zeltmachern hatte, auf mich zu und fragte mich, ob sie mir ihre Arbeiten zeigen dürfe. Ich war ganz fasziniert von ihrer Kombination von Fotos und Filz und bat sie um ein Interview.

Haben sie eine künstlerische Ausbildung erhalten?

Ja, das habe ich. Ich habe in Reutlingen an der FH Dipl. Ing. Textildesign studiert.

Mit welchen Materialien arbeiten sie bevorzugt?

Ursprünglich habe ich eigentlich die entstehenden Textilien gezeichnet. Danach wurden sie gedruckt bzw. gewoben. So war meine Ausbildung angelegt. Irgendwann jedoch kam ich mit dem ursprünglichen Material Wolle in Kontakt. Der Schritt zum Filzen war dann quasi vorgegeben. Die Filzherstellung ist die älteste Form ein textiles Gebilde herzustellen. Ich brauche keine „Maschinen“, außer die Hände. Meine bevorzugten Materialien sind zum einen ganz feine Merinowollqualitäten und Wolle/Seidemischungen. Zum anderen grobe Schafwollen, die dem Filz eine vollkommen andere Oberfläche geben.

Welche Techniken setzen Sie ein?

Alle meine Filze entstehen in der Walktechnik, nass gefilzt. Alle Filze sind handgemacht.

Was reizt sie besonders am Medium Filz?

Wie bereits erwähnt, die Tatsache, dass es ausschließlich durch meine Hände entsteht. Ich brauche keine Maschinen oder andere Hilfsmittel. Ich kann es somit überall tun und bin nicht an einen „Fuhrpark“ gebunden. Ich spüre beim Herstellungsprozess die Materialveränderung. Beim Auslegen der Wolle, insbesondere bei großen Flächen, die Zartheit der Fasern, das Weiche, Flusige. Während des Filzprozesses verändert sich diese Haptik. Ich trete quasi mit meiner ganzen Kraft, mit meinem ganzen Körper in Dialog mit dem Material. Erst ganz am Schluss des Filzprozesses spürt man dann auf ganz andere Weise wieder die Feinheit, das wärmende der Wolle. Allerdings in Form der Fläche.

Bei den Arbeiten, die sie bei der TEXTILE ART BERLIN gezeigt haben, haben sie Fotografie und Filz kombiniert, was können sie uns dazu erzählen?

Seit vielen Jahren fotografiere ich. Strukturen, Linien, Flächen, die Spuren der Zeit aufzeigen. Das kann eine Hauswand sein, die sich in ihrer Oberfläche im Laufe der Zeit farblich verändert hat, kann aber auch eine Linie im Sand sein, die durch eine Welle vom abfließenden Meer stehen geblieben ist. Es sind eher unspektakuläre Motive, die durch Farbigkeit oder Struktur auf sich aufmerksam machen. Alle haben jedoch eines gemeinsam: sie faszinieren mich für einen kleinen Moment. Diesen Moment versuche ich, mit meiner Kamera einzufangen und festzuhalten. Ohne Nachkorrektur. Diesen Anspruch habe ich. Die Kombination mit dem Material Filz liegt wohl daran, dass ich beides liebe und ich somit die Möglichkeit habe, den fotografischen Moment in einem anderen Material noch einmal neu kennen zu lernen – nämlich im Medium Filz.

Wie haben sie ihre Ausstellung in Berlin und die Reaktionen des Publikums erlebt?

Ich hätte mir eine durchdachtere Anordnung der einzelnen Anbieter gewünscht. Mein Platz war eher unglücklich gewählt in Bezug auf meine Arbeiten, da ich von ägyptischen Patchworkteppichen (?) umgeben war, und eigentlich drohte, optisch unter zu gehen. Sie selbst wären ebenfalls an meinem Stand vorbeigelaufen, hätte ich sie nicht angesprochen. Bei manchem, was gezeigt wurde, fehlte mir die „Qualität“. Die Personen jedoch, die sich mit dem Material Filz auskennen, waren von meinen Arbeiten fasziniert. Das tat mir gut, und motiviert und bestätigt mich in meinem Tun.

Wie haben sich ihre Arbeiten verändert, seitdem Sie als Künstlerin arbeiten?

In Kombination mit Fotografie sind sie feiner geworden. Ich beschäftige mich intensiv mit den Farben im Foto, denn mein Ziel ist es, die Fotografie mit dem Material Filz zu erweitern. Das Auge des Betrachters soll das Gesamtbild als Einheit wahrnehmen, was bedeutet, dass die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Materialien in Farbe und Form stimmen müssen.

Würden Sie uns anhand einer Arbeit ihren Schaffensprozess von der Idee zum fertigen Werk beschreiben?

Ich habe das Glück, dass gerade die größeren Arbeiten Auftragswerke sind und somit in ganz bestimmte Räume passen müssen. Der erste Schritt ist also: welches Motiv passt in diesen Raum, zu den Menschen, die diesen Raum bespielen, welche Farbigkeit hat dieser Raum, welchen Charakter. Oder einfach auch nur das Kriterium, welches Motiv lohnt sich, mit dem Material Wolle / Filz zu erweitern. Nach diesen Kriterien wähle ich das Foto. Danach mache ich mehrere Materialproben, um die Farben auszutesten, denn ich mische die Farben durch Addition, das heißt, dass bestimmte Farben übereinander gelegt werden, danach gefilzt werden. Erst wenn sie trocken sind, kann ich die Farbigkeit überprüfen. Wenn der Farbaufbau passt beginne ich die zu filzenden Flächen auszulegen und zu filzen. Meine Filze sind sehr kompakt und fest gefilzt. In der Regel ist bei den gefilzten Flächen der letzte Arbeitsschritt das freie Sticken. Der meditativste Teil einer Arbeit, der noch mal viel Zeit kostet. Ich sticke pointillistisch. Durch das Verdichten von gestickten Punkten kann ich auf diese Weise filigrane Farbübergänge – gerade bei den Übergängen zum Foto- erreichen. Ich sticke ausschließlich mit Seide. Ganz zuletzt ziehe ich die gefilzte Fläche auf eine Platte auf.

Was inspiriert Sie?

Eigentlich ist immer die Natur mit im Spiel. Ich finde es auch spannend, die Filze mit anderen Materialien zu bereichern. Das kann ein interessantes Holz sein oder eine rostige Eisenplatte. Ich bin da experimentierfreudig.

Sie engagieren sich auch im Singener Kunstverein. Welchen Rat würden Sie jungen Textilkünstlerinnen geben?

Die Liebe zur Kunst öffnet innere Türen. Jeder Besuch in einem Museum, Theater oder auch Konzert erweitert unseren Horizont und schärft natürlich auch den eigenen Blick. Man lernt Flächen, Linien, Farben, Skulpturen mit ihren ganz eigenen Oberflächen zu erfassen und vielleicht auch zu empfinden. Jeder Künstler zeigt seinen Weg auf, und es ist spannend, diese Wege kennen zu lernen, eine Beziehung mit dem Werk eines Künstlers aufbauen. Kunst darf aufrütteln und hinterfragen. Sie darf bewegen und verbinden. Eine Welt ohne Kunst wäre farblos und arm. Gerade junge Künstler und Künstlerinnen kann man nur wünschen, dass sie sich auf die Suche nach der Kunst in den verschiedensten Ausdrucksformen machen. Neugierig bleiben. Deshalb engagiere ich mich auch im Kunstverein.