Portraits & Interviews

Interview mit Stefanie Gruber

Portrait Gruber

Stefanie Gruber ist gelernte Kostümschneiderin, fertigt in den letzten Jahren aber auch immer mehr textile Portraits. Man konnte diese Portraits in den letzten vier Jahren bei der TEXTILE ART bewundern und auch dieses Jahr wird Stefanie Gruber wieder eine Ausstellung präsentieren. Ich habe sie gefragt:

Wie ist es zu Ihrer Begeisterung fürs Textile gekommen?
Meine wahre Begeisterung für’s Textile ist mit der Zeit gewachsen. Als nach meinem Abitur die Frage aufkam, was ich machen wollte, wusste ich es schlichtweg nicht. Meine Mutter war zwar Schneidermeisterin und zu meiner Zeit gab es ja auch noch den Handarbeitsunterricht an der Schule, doch war das Textile nicht meine erste Wahl. Ich wollte Theologie studieren, aber da sich damals die Wartezeit auf einen Studienplatz hinzog, bewarb ich mich parallel an der Bekleidungsfachschule Aschaffenburg und dort sagte man mir umgehend zu. Heute bin ich über diese eher zufällig anmutende Entscheidung von Herzen dankbar, denn ein Handwerk erlernt zu haben, das mir ermöglicht, mit meinen Händen zu schaffen, ist für mich das Erfüllendste überhaupt.

Welche textilen Ausbildungen haben Sie durchlaufen?
Ich wurde, wie schon erwähnt, von der Bekleidungsfachschule Aschaffenburg aufgenommen, wo ich eine 3-jährige Ausbildung zur Bekleidungstechnischen Assistentin durchlief. Doch der industrielle Schwerpunkt dieser Ausbildung war nicht mein Endziel, auch wenn er in jedem Fall bereichernd war. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung wanderte ich nach Italien aus, denn ich hatte dort einen Praktikumsplatz an der “Casa d’Arte Fiore” in Mailand gefunden. Dies war/ist eine Theaterschneiderei, die damals hauptsächlich Kostüme für die Aufühungen der Arena di Verona herstellte. Nach dem dortigen Praktikum erhielt ich ein Stipendium an der renommierten Mailänder Skala und für die nächsten 2 Jahre erhielt ich den wohl qualitativ umfangreichsten und hochwertigsten Einblick in einen Theaterbetrieb. Ich arbeitete und lernte dort hauptsächlich im Bereich der Kostümmalerei/dekoration und entdeckte meine wahre Leidenschaft. Anschließend schrieb ich mich an der Mailänder Kunstakademie für den Studiengang Kostüm- und Bühnenbild ein. Während des 4-jährigen Studiums begann ich parallel in einer kleinen Mailänder Kostümwerkstatt zu arbeiten, deren Teilhaberin ich dann später wurde, und die ich 10 Jahre lang mit meiner Kollegin führte.

Sie haben inzwischen auch eine Zusatzausbildung in Grafik und Illustration gemacht, erzählen Sie uns davon.
Diese Zusatzausbildung an der “Scuola Castello di Milano” wählte ich in erster Linie, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Ahnung von dem Medium Computer hatte. Ich wollte die Möglichkeiten kennenlernen, die dieses Medium im grafisch-illustratorischen Bereich bietet, und es war eine gute Entscheidung. Ich lernte die verschiedenen Programme und darüber hinaus vertiefte ich meine zeichnerischen Fähigkeiten im Hauptfach “Illustration”, das eben auch noch viel “Handarbeit” verlangte.

Was hat Sie nach Mailand in Italien gebracht?
Wie schon vorher erwähnt, war er der Praktikumsplatz an der “Casa d’Arte Fiore”, der mich – wollen wir es Zufall nennen? – nach Mailand führte. Und es war Liebe auf den ersten Blick!

Sie schneidern sehr komplexe Gewänder fürs Theater und die Oper. Worauf kommt es da an?
Die Theaterschneiderei ist eine sehr spezielle Sparte der Schneiderei, da sie ganz anderen Anforderungen genügen muss als die herkömmliche Damenschneiderei. Meist steht an erster Stelle die historische Komponente, was vor allem die Schnitterstellung aber auch die Konfektion betrifft. Lassen Sie mich ein einfaches Beispiel nennen: als Schließelement ist der Reißverschluss eine sehr moderne Erfindung, sodass man in der historisierenden Konfektion auf Knöpfe, Haken, Ösen und Bänder angewiesen ist.
Dann geht es oft um Effekte, die zu erzielen es unzählige Möglichkeiten gibt, und die vor allem dergestalt sein sollten, dass auch der Zuschauer in der hintersten Reihe sie zu goutieren vermag. Dies ist ein besonders spannendes Terrain in der Kostümschneiderei. Und nicht zuletzt muss oft der enormen Beanspruchung von Theaterkostümen durch spezielle Maßnahmen in der Konfektion Rechnung getragen werden. Sie müssen zwar meist nur eine gewisse Anzahl an Vorstellungen “überstehen” (bei Wiederaufnahmen werden sie dann meist restauriert oder neu angepasst), aber die können es eben in sich haben …

Auf Ihrer Website ist mir ein voluminöser Patchwork-Umhang aufgefallen. War der für eine Person auf der Bühne? Wie und aus welchem Material ist er entstanden?
Dieser Umhang ist im Rahmen einer Produktion entstanden, die als Wettbewerb von der Kunstakademie Mailand ausgeschrieben wurde. Eine damalige Studentin, Valentina Caspani, gewann diesen und zeichnete die Kostüme für einen “Rigoletto” am Stadttheater Turin. Ich wurde als Kostümschneiderin verpflichtet und erstellte besagten Umhang für den Duca di Mantova im Rigoletto. Er entstand hauptsächlich aus Maschenware, die das Grundthema der gesamten Kostümkonzeption war, und ich benutzte zum Großteil Reste, entweder aus Second Hand Ware oder auch aus den Resten der anderen Kostüme, färbte diese ein und kombinierte sie frei nach meinem Gutdünken. Anschauen kann man sich die ganze Prozedur auf meinem Blog manufacta-est.blogspot.de unter dem Etikett “Rigoletto”.

Sticken Sie auch gerne?
Sticken ist eine der handwerklichen Tätigkeiten im Textilen, die mich mehr und mehr fasziniert und sich zu einem meiner bevorzugten Ausdrucksmittel mausert. Dabei meine ich nicht nur die verschiedenen Sticharten, sondern das im weitesten Sinne kontaminierte Sticken, wobei ich darunter eben auch Applizieren, Quilten etc. verstehe. Ein Beispiel hierfür ist ein Hochzeitsplaid, das ich für meinen /unseren 15-jährigen Hochzeitstag anfertigte (siehe Foto).
Darüber hinaus ist das Sticken für mich ein unerlässliches Ausdrucksmittel für mein aktuelles Projekt, was unmittelbar zu Ihrer nächsten Frage führt …

Womit beschäftigen Sie sich zurzeit vorwiegend?
Mein derzeitiges Projekt sind Textile Portraits. Es begann vor 4 Jahren mit einem plötzlichen Einfall kurz vor der Textilen Art. Ich wollte ein Gesicht textil herstellen und fing erstmal an zu zeichnen. Diese Zeichnung setzte ich dann um und zwar begann ich (und daran hat sich bis heute nichts geändert) mit dem Sticken der Augen. Auch beim Zeichnen beginne ich IMMER mit den Augen, weil der Blick und der Ausdruck desselben Richtlinie für das gesamte Antlitz sind.

Die ersten Portraits waren noch sehr rudimentär und doch beherbergen auch sie schon den für mich so wichtigen Blick, den der/die Abgebildete auf den Betrachter richtet. Mit den Jahren habe ich meine Techniken erweitert und verfeinert. Es kamen Schattierungen aus verschiedenfarbigem Tüll hinzu, die den Gesichtern eine Tiefendimension schenken. Auch sind die Stichrichtungen der einzelnen Sticharten ausschlaggebend für die Ausdrucksstärke der
Linienführungen, es ist ein wenig wie Malen. Vielleicht sollte ich es Textile Illustration nennen.

Was inspiriert Sie?
Inspirieren lasse ich mich für meine Portraits durch alles, was mir vor die Augen kommt. Dies können Fotos, Gemälde, aber auch Werbeplakate oder Bilder aus Zeitschriften sein. Ich sammle übers ganze Jahr verschiedenartigste Abbildungen. Auslöser für eine Inspiration ist aber immer die Qualität eines Augenausdruckes.

Kann man Ihre Gewänder auch einmal in einer Ausstellung sehen?
Wenn Sie mit “Gewändern” die Kostüme meinen, die ich im Laufe meines Berufsweges hergestellt habe, so sind diese ja meist Inhalt von Verträgen, die die Veräußerung derselben verlangen. Insofern sind diese Kostüme nicht in meinem Besitz und darüber hinaus in Gebrauch. Ausgestellt habe ich einige von mir handgefertigten Kostüme der “Commedia dell’Arte” die man meinem Charlottenburger Atelier in der Herderstrasse 11 sehen kann.
Was hingegen meine textilen Portraits anbetrifft, nehme ich jede Gelegenheit wahr, sie in der Öffentlichkeit zu zeigen, angefangen von der Textile Art, an der ich diese Jahr zum 5ten mal teilnehme …  Letztes Jahr bot sich mir dann noch eine Möglichkeit im Rahmen der Art Week Berlin, und es ist immer eine Emotion der ganz besonderen Art zu sehen, wie die eigenen Werke auf ein Publikum wirken.

Die Website von Stefanie Gruber ist: http://manufacta-est.blogspot.de/

Alle Fotos wurden von Stefanie Gruber zur Verfügung gestellt.