Portraits & Interviews

Interview mit Tatiana Samsonova, der Mitbegründerin der russischen Quilt-Gilde

Portrait Tatiana

Tatiana Samsonova habe ich beim Carrefour Européen du Patchwork kennengelernt. Sie hat so Interessantes über die Quilts erzählt, die in der Ausstellung „Material Culture“ hingen, dass ich unbedingt mehr wissen und zeigen wollte.

Wann wurde die russische Quilt-Gilde gegründet und wieviele Mitglieder hat sie?

Die russische Quilt-Gilde wurde erst vor zwei Jahren in Russland eingetragen. Das bedeutet nicht, dass es in Russland keine Internet-Communities oder Clubs gibt, die von staatlichen und kommerziellen Festivals unterstützt werden. Es gibt viele, sie leisten großartige Arbeit und sie beziehen Hunderte von Quilterinnen in ihre Aktivitäten ein. Wir sind aber die erste nichtkommerzielle Organisation, die finanziell von den Mitgliedern unterstützt wird. Sie zahlen jedes Jahr einen kleinen Mitgliedsbeitrag. Jedes europäische Land hat eine solche Gilde und einige von ihnen sind ziemlich groß mit Tausenden von Mitgliedern. In ihnen sind Amateure und Profis zusammengeschlossen. Sie organisieren Festivals, Ausstellungen und viele andere Veranstaltungen für ihre Mitglieder.

Die russische Quilt-Gilde hat die gleichen Ziele: die Förderung von Patchwork und Quilten, die Beeinflussung von Trends und die Zusammenführung des gesamten technischen und künstlerischen Wissens auf nichtkommerzieller Basis. Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, unseren Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, technisch und künstlerisch zu wachsen und zu lernen sowie die Standards ihrer traditionellen und zeitgenössischen Werke zu heben. Im Vergleich zu anderen europäischen Gilden sind wir eine kleine Organisation, wir haben derzeit etwa 80 Mitglieder, aber wir überreden niemand beizutreten. Wir wollen, dass diese Entscheidung bewusst getroffen wird.

Die auf der Carrefour Européen du Patchwork ausgestellten Quilts wurden im Rahmen eines Projekts erstellt. Würden Sie uns etwas über dieses Projekt erzählen?

Unser erstes Projekt „Material Culture“ wurde gleich nach der Gründung der Quilt-Gilde im Jahr 2017 angekündigt. Wir haben die Arbeiten auf unserer ersten Ausstellung im Oktober 2018 gezeigt. Das Thema „Material Culture“ umfasste alle Objekte, die von der Menschheit im Laufe der Geschichte geschaffen wurden. Die Quiterinnen sollten jeweils ein spezielles „Objekt“ auswählen. Wir schlugen vor, sich mit der Geschichte des ausgewählten Objekts, der Verwendung, dem Material, aus dem es geschaffen worden war, seiner Verzierung und der Form auseinanderzusetzen.

Warum haben wir dieses sehr breite und komplizierte Thema gewählt? Auch die Quilterinnen leisten einen Beitrag zur materiellen Kultur. Durch die Untersuchung aller Facetten eines ausgewählten Objekts würden sie den Platz des Quilts in der materiellen Welt besser verstehen. Zumindest hofften wir das.

Im Rahmen des Projekts wurden mehrere Themen vorgeschlagen: „Keramikregal“ für die Quilterinnen, die nicht sicher genug sind, um ein großes Werk für die Ausstellung zu schaffen, „Leiter“ für die Quilterinnen, die den sogenannten „Modern Quilt“ bevorzugen, und schließlich „Ausgrabungen“.  Letzteres war das Thema der Kunstquilts.

Mit all unseren Projekten lernen wir dazu. Das Thema „Keramikregal“ führte zu vielen Quilts, deren Inspiration unterschiedliche Keramikstile waren. Es gab auch einen Workshop zum Thema „Keramikregal“, bei dem die Teilnehmer verschiedene Beispiele historischer Vasen mit textilen Materialien nachbildeten.

Um unsere Mitglieder dazu zu bewegen, Quilts zum Thema „Leiter“ zu kreieren und um das Potenzial dieses Themas zu zeigen, haben wir einige Designkurse organisiert.

Für das Thema „Ausgrabungen“ haben wir einen Kurs vorbereitet, bei dem die Möglichkeiten des Transfers von Bildern auf Textilien mittels Linolschnitt demonstriert wurden. Traditionelle Techniken wie Applique und Hand-Quilten. Auch mit unterschiedlichen Formen des Binding haben haben wir uns befasst. Sie wurden im ersten Jahr mehrmals gezeigt.

Als fruchtbarster und interessantester Teil des Projekts erwies sich erwartungsgemäß das Thema „Ausgrabungen“. Unter den Arbeiten, die wir bein Carrefour Européen du Patchwork gezeigt haben, waren viele erstklassige Quilts. So sind sieben Werke über slawischen mittelalterlichen Schmuck ein gutes Beispiel dafür, wie man mit einem Thema arbeiten sollte. Die Quilts wurden sorgfältig geplant, das gewählte Objekt wurde bis ins kleinste Detail gezeigt, alles wurde berücksichtigt: Form, Material, Technik, Art der Anwendung. Kleine Hintergrunddetails wurden zum Verständnis der Herkunft des Objekts hinzugefügt. Die Farbgebung zeigte die Einstellung der Quilterin zum antiken Schmuckstück und gab eine Vorstellung von dessen Alter.

Irina Voronina interpretiert in ihren Quilts das gewählte Objekt (in diesem Fall ein Labyrinth) und stellt einen Bezug zur Neuzeit her. Anstatt nur das Labyrinth darzustellen, bietet sie dem Betrachter eine unerwartete Metapher. In einem ihrer Quilts verwendet sie Zeitungsartikel, die die Idee unterstreichen, dass man durch ein Labyrinth mit seinen Fallen und Sackgassen gehen muss, um die Wahrheit in den Nachrichten und Interpretationen zu finden, die uns von den Massenmedien aufgezwungen wurden. Ihr Labyrinth von Knossos zeigt die Weite des Innenraumes dieser vom Menschen geschaffenen Struktur, über die man bis heute staunt.

Die Frauenfiguren von Tatiana Samsonova basierten auf den prähistorischen Figuren, die auf dem Gebiet Russlands in der Nähe eines kleinen Dorfes Kostenki gefunden wurden. Die Figuren sind mit rotem ockerfarbenem Naturpigment bemalt, das in dieser Zeit weit verbreitet war.

Dank der hellen und warmen Farben, der Bewegung, die durch ihr Design und stilisierte Figuren von Tieren und Jägern geschaffen wurde, war the“ Mysteries of Ancient Caves“ von Natalia Terekhova zweifellos eine der am meisten bewunderten Arbeiten beim Carrefour Européen du Patchwork.

Trotz der Tatsache, dass nach der ersten Ausstellung der Gilde im Oktober 2018 ein neues Thema angekündigt wurde, befassen sich viele Künstlerinnen weiterhin mit dem Thema Ausgrabungen und machen neue Arbeiten. Das bedeutet, dass das Thema Erfolg hatte und in vielen etwas ausgelöst hat.

Unser aktuelles Projekt „Lace. Interlacing“ gibt sowohl denen, die traditionelle Quilts schaffen, als auch denen, die Kunst-Quilts kreieren, die Möglichkeit, sich auszudrücken und ihre Handwerkskunst zu zeigen. Das Projekt ist nicht so „groß“ wie die materielle Kultur, weil wir nicht geplant hatten, 2019 eine Gildenausstellung zu veranstalten. Es wird erstmals auf einem der russischen Quiltfestivals im April 2020 gezeigt.

Das nächste große Projekt legen wir im Januar 2020 auf, wir hoffen, dass es so erfolgreich sein wird wie „Material Culture“ und dass wir es in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 sowohl in Russland als auch im Ausland zeigen können. Ich möchte den Titel des Projekts lieber nicht nennen, weil es noch allerhand Änderungen geben könnte und weil wir nicht wollen, dass sich unsere Mitglieder von neuen Themen mitreißen lassen und aufhören, an „Lace. Verflechtung.“ zu arbeiten.

Sind Sie selbst Quilterin?

Ich habe das Nähen immer geliebt, meinen ersten Quilt habe ich als Studentin Ende der 70er Jahre genäht. Viele Jahre lang habe ich das Quilten als Hobby und zur Erholung vom Stress des Berufslebens betrieben. Ich machte Quilts und gab sie an meine Freunde weiter. Ich liebe es immer noch, gelegentlich Quilts zu nähen. Sehr bald wurde mir klar, dass ich nicht daran interessiert bin, die Muster anderer Quilterinnen zu kopieren und begann zu experimentieren.  Ich hatte keine künstlerische Ausbildung und keinen Kontakt zu anderen Quiltern, so dass der Fortschritt sehr langsam war. Mit dem Internet, das einen massiven Informationsaustausch initiierte, änderte sich dies. Heute bin ich Mitbegründerin der Quilt-Gilde Russland, zertifizierte Jurorin und Kursleiterin. Die größte Befriedigung bereitet mir die Organisation von Ausstellungen, die Förderung von Künstlerinnen, die Ausbildung und der Unterricht.

Erzählen Sie uns etwas über die russische Tradition des Quiltens und Patchwork.

Patchwork als Möglichkeit, Stoffe zu verwenden, gibt es seit Jahrhunderten in allen Kulturen, aber der Patchwork-Quilt, wie wir ihn heute kennen, konnte erst, als Baumwollstoffe leicht erhältlich und billig wurden, hergestellt werden. In Russland begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die industrielle Massenproduktion von Baumwolle. Ich sehe oft alte Patchworkdecken mit komplizierten Mustern in privaten Sammlungen und Museen, aber die ganze Geschichte des russischen Patchworkquilts wartet noch auf eine gründliche Untersuchung und Systematisierung. Patchworkdecken wurden sehr oft im 20. Jahrhundert hergestellt und wurden zum Symbol eines russischen Dorfhauses. In den 80er Jahren, als die ersten Patchwork-Magazine nach Russland kamen, wurde der amerikanische Einfluss bei der Auswahl von Stoffen und Mustern stärker, aber es gibt immer noch viele Quilterinnen, die lieber mit traditionellen „russischen“ Farben und Chintzen aus der Sowjetunion nähen. Als „russische“ Farben gelten  meist Blau und Rot, obwohl in vielen alten Steppdecken eine breite Palette anderer Farben verwendet wurde. Die Lieblingsblöcke der russischen Quilterinnen waren „square in a square“, „half square triangles“, „pineapples“ und „log cabin“.

Hier zeige ich Ihnen  zwei Beispiele für eine moderne Interpretation des traditionellen russischen Patchworkquilts von Olga Borodina. Zum einen das „square in a square“-Muster, zum anderen das „half square triangle“. Beide Quilts sind aus Vintage-Stoffen gefertigt.

Auch zwei Fotos von den Quilts des frühen 20. Jahrhunderts kann ich Ihnen zeigen. Der Tauf-Blockhouse-Quilt von 1929 stammt aus der Sammlung Olga Shakhova. Die Quilterin kennt man nicht. Der Quilt mit dem Ananas-Block ist von Christina Zernova (1931). Das sind gute Beispiele für russisches Patchwork.

Auch Whole Cloth Quilts haben Tradition in Russland. Ich erinnere mich noch daran, dass ich einen im Haus meiner Eltern hatte. Sie waren dicker als europäische Whole Cloth Quilts, mit einer Füllung aus Baumwolle oder Wolle, schön gesteppt mit komplizierten, aber nicht sehr dichten Mustern. In einigen Regionen wurde das Quilten auf eine ganz besondere Weise durchgeführt. Es war eine Kombination aus Quilten und Sticken. Es wurde eine große Anzahl von Stichen verwendet und jedes Muster hatte einen Namen.
Einige dieser Quilts habe ich in meinem Blog veröffentlicht. Das erste Foto ist ein Quilt vom Quilt Festival in Birmingham, er ist ähnlich bestickt und ich fand es interessant, ihn zusammen zu zeigen. Einer der Quilts, der in Rosa, ist alt, die anderen wurden von einer Gruppe von Quilterinnen in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Museum vor sechs Jahren hergestellt.
http://humutana.blogspot.com/2016/02/blog-post_11.html

Ale Fotos wurde von Tatiana Samsonova zur Verfügung gestellt.