Portraits & Interviews

Kleidergeschichten – Teil 3 – die Geschichte von Susanne

Bild 13 - Lieblingsstück – Solitär aus dem Restpostenmarkt

Ich bin ein DDR-Kind und 1966 geboren. Mein erlernter Beruf ist Gärtnerin und nach meinem Studium wurde ich Garten- und Landschaftsarchitektin. Diesen Beruf übe ich mittlerweile seit über 30 Jahren aus.

Meine grundlegende Verbindung zu Stoffen und Bekleidung
Meine Grundeinstellung: Viel Interesse und besonders auch Hochachtung für alle Berufe, die sich mit der Gestaltung und Herstellung von Objekten aus natürlichen Ausgangsstoffen wie Kleidung, Schuhe, Taschen etc., beschäftigen, und besonders in individueller Handarbeit. Eine besondere Vorliebe habe ich noch immer für klassische Stoffe aus Seide, Wolle, Leinen, Baumwolle in ornamentalen und floralen Mustern und warmen Farben.
Eigene Fähigkeit: Sticken in der Kinderzeit und erste Nähversuche durch Handarbeitsunterricht in der Schule, später erfolgloser Nähkurs in einer Arbeitsgemeinschaft in der Schule. Das Stricken lernte ich dagegen sehr früh von meiner schlesischen Urgroßmutter sowie von meiner Mutter.

Inspiration: Ich war mit 2 Damen im Alter meiner Großmütter befreundet, die mir viel aus der Vor- und Kriegszeit erzählten. Eine der beiden Frauen reparierte Laufmaschen in Nylonstrümpfen für andere Frauen, da diese sehr wertvoll waren. Sie bediente dafür eine faszinierende, kleine Maschine mit Fußpedal – was ich gern gelernt hätte. Des Weiteren umhäkelte sie Taschentücher mit filigranen Rändern wie aus Spitze – das konnte ich leider auch nicht. So lernte ich wohl, wie gute Stücke repariert oder einfache Dinge veredelt werden konnten.

Textile Lieblingsstücke: Die von Hand gehäkelte Decke meiner Urgroßmutter, die bestickten Taschentücher mit gehäkelten Rändern sowie Bettwäsche und Tischwäsche mit Monogrammen aus Weißstickerei. Kleidungsstücke sind die Woll-Mäntel und Jacketts aus meiner SECOND HAND Kollektion.

Besondere Leidenschaften: Meine besondere Leidenschaft waren (und sind noch ein bisschen) Schuhe – vermutlich bereits früh durch meine Mutter geprägt. Sie legte sehr viel Wert darauf und ich bekam bereits während meiner Schulzeit auch immer mal ein paar „gute“ Exemplare (SALAMANDER, Bata…) aus dem teuren EXQUISIT-Laden. Die eigene Kaufleidenschaft begann mit den Urlaubsreisen während der Lehrzeit und danach mit dem eigenen, verdienten Geld. Im sogenannten „sozialistischen Ausland“ (gemeint sind hier Ungarn, die ČSSR, Polen und Bulgarien) war das Angebot viel kreativer – in Budapest gab es beispielsweise viele kleine Boutiquen. In diesen Läden wie auch auf den Märkten in Bulgarien kaufte ich die ersten verrückten Schuhpaare wie auch die schönen geschnürten Ledersandalen. Davon sind leider keine mehr erhalten.

Die wahre „Sucht“ begann mit dem Mauerfall, den Reisen, den Wohnungen in kleinen und großen Städten. Schuhgeschäfte waren meine großen Leidenschaft – sie zogen mich magisch an und manchmal fühlte ich mich schon krank. Ich kaufte Schuhe – je verrückter und ausgefallener, desto besser – manchmal auch 2 bis 3 Paar auf einmal! (Neben Büchern für eine lange Zeit die größte Geldausgabe für meinen ewig kleinen Geldbeutel!). Seit 1997 verfüge ich auch noch über unendlich viel Platz zum Lagern!! Nachdem ich vorwiegend auf dem Land und freiberuflich zu Hause arbeite, brauche ich nur noch selten „Stadtgarderobe“ und elegante Schuhe. Seit einigen Jahren ist der Konsum gemäßigt oder besser gesagt konzentriert sich mehr auf Arbeitsschuhe (habe aber mittlerweile auch schon 5 Paar Gummistiefel?!).

Herkunft: Zumeist aus „pfiffigen“, preisintensiveren Schuhläden mit einer besonderen Vielfalt, Erbstücke, Flohmärkte, Ausverkauf, Second Hand, Geschenke … unglaublich viele und alle wurden getragen und keines, welches noch passte, wurde weggeworfen. Außerdem waren die Schuhe viel haltbarer und richtig wertig gearbeitet. Meine ältesten Exemplare wurden getragen, vererbt und ich habe sie vielfach weitergenutzt und noch immer sind sie tragbar und bestimmt schon 50 Jahre alt.

Lieblingsstücke: Die bequemen, italienischen geschnürten und perfekt hohen Lederstiefel wurden 1995 erworben und bis heute getragen – es war immer ein Erlebnis für meine Tochter, bis alle Ösen eingebunden waren, vergingen schon mal 5 Minuten … ein ‚Sohlenbruch‘ ist nun leider nicht mehr reparierbar.

Die Schuhe aus Leder, vollständig bezogen mit geflochtenem Strohbesatz und die französischen Samtschuhe vom Berliner Flohmarkt – noch viel getragen und leider schon arg mitgenommen.

Es ist auffällig, dass viele der in den letzten 10 Jahren hergestellten und neu gekauften Schuhe bereits repariert werden mussten oder doch schon in die Mülltonne gewandert sind, da diese leider nicht so haltbar waren.

Meine Modegeschichte(n)
Aufgrund der sogenannten „West“-Verwandtschaft und Bekanntschaft, bekam ich bereits früh eine regelmäßige Ausstattung mit neuen, hochwertigen Kleidungsstücken durch meine Urgroßmutter.

Später kamen dann die spannenden Stücke aus dem Second Hand Fundus der jüngeren Verwandtschaft zu uns. Dazu gehörten Jeans und Sweat-Shirts, klassische Mäntel, Jacken, Batik- oder Seidenblusen. Diese freuten mich sehr, da sie meinem jugendlichen Geschmack entsprachen und damit viele langjährige Lieblingsstücke lieferten.

Als junges Kind, mit Schulbeginn, wurden mir diese „besonderen“ (Kleidungs-)Stücke eher zum Verhängnis und brachten mir – auch noch Einzelkind – vorwiegend Ausgrenzung ein. Wenig selbstbewusst und ziemlich dünnhäutig, wollte ich lieber nicht auffallen und habe z.B. die wunderschöne rote Lederschultasche, ein Geschenk meiner Urgroßmutter zur Einschulung, dann lieber gleich mit der Durchschnitts-langweilig-braunen Schultasche – dem Geschenk meines Opas, eingetauscht. Die rote Tasche habe ich dann mit 15 endlich (wieder)entdeckt und sie noch zu meinen Lehr- und Studienzeiten und noch darüber hinaus geliebt, bis sie nicht mehr zu retten war.

Während meiner Schulzeit hatte ich wohl häufig sogenannte „Hochwasser-Hosen“ an. Lange Beine, ein relativ flottes Wachstum, ließen mich schnell auch aus meinen Lieblingshosen herauswachsen. Demzufolge wurde die Mode mit umgeschlagenem Hosensaum bereits zu dieser Zeit konsequent und unbewusst umgesetzt. Ich erinnere mich aber sehr gern auch an die Cord-oder ‚Manchester Hosen‘ – wie mein Vater sagte. Diese praktischen Dinger wurden mir zuallererst von meiner herzensguten Urgroßmutter in einem wunderbar leuchtendem ‚rostrot‘ geschenkt. Später wurden diese nach Maß und in dunkelblau von vietnamesischen NäherInnen des Cottbusser Textilkombinates in Feierabendtätigkeit gefertigt. Eine Freundin meiner Mutter war Ausbilderin in diesem Werk und hatte demnach gute „Beziehungen“. Gern hätte ich diese virtuosen MitarbeiterInnen näher kennenglernt, aber das war wiederum nicht möglich.
Dazu kam die von meiner Urgroßmutter erlernte Fähigkeit zu stricken. Gelieferte Wollreste der Verwandtschaft wurden zu abenteuerlichen, zumeist auch „sackähnlichen“ Objekten verarbeitet und mehr oder weniger lange getragen.

Alle nicht den Körpermaßen entsprechenden Geschenke aus dem ‚nichtsozialistischen Ausland‘ wurden von einer virtuosen Schneiderin ganz in unserer Nähe geändert und angepasst. Die etwas altertümlich anmutende Dame mit dem großen Dutt, konnte fast alles in die gewünschte Form bringen. (Ich bewunderte sie sehr dafür, denn meine Versuche auf unserer Nähmaschine misslangen mir konstant und regelmäßig).

Eine dauerhafte Liebe zu besonderen Kleidungsstücken, entdeckte ich vermutlich so richtig mit ca. 20 Jahren, indem ich die klassischen Wildlederjacken meiner Eltern übernahm. Diese passten zu dieser Zeit ziemlich genau und begleiteten mich, bis sie „vom Leib fielen“ und nicht mehr zu reparieren waren.

Ob Männer- oder Frauenkleidung, Hauptsache besonders. Die wunderschöne Frau meines Onkels, zu dieser Zeit bereits lange befasst mit dem Nähen von Kleidungsstücken und dem Modeln, überzeugte mich, ein sandfarbenes Yves Saint Laurent-Jackett mit goldenen Knöpfen meines Vaters zu tragen.

Es passte tadellos und kombiniert mit schwarzen, hautengen Leggins und spitzen, schwarzen Schuhen mit goldenen Perlen, gefiel ich mir richtig gut.
Mit neuen Freundinnen kamen in dieser Zeit auch immer wieder diese wunderbaren ‚Solitärs‘ zu mir und erfreuten mich wie auch die Besitzerinnen, dass sie es weitergeben konnten.

Keine Lieblingsstücke
In der DDR gab es Frauen, die über Strickmaschinen verfügten, die sie in ihrer privaten Wohnung bedienten. Sie fertigten Strickwaren auf Wunsch und verkauften die „Früchte“ ihrer Arbeit im Bekanntenkreis. So kam ich zu einem auffallend froschgrünen (!) Strickmaschinenoverall und ich denke immer noch fest, dass dieses Teil nicht mein Wunsch war. Es war keine Wolle, sondern synthetisches Material – mit senfgelben Streifen an den Schlaghosenbeinen, also in den 70igern. Es war ein Wintermodell und man trug darunter auch noch die unglaublich kratzenden Strumpfhosen, die mich schier verzweifeln ließen.
Alle anderen „verschossenen“ Kreationen, hat vermutlich die Außenwelt an mir bemerkt, ich dagegen meistens (leider) nicht.

Kreatives
Nähen konnte ich nie wirklich, aber ausbessern und verändern, das konnte und wollte ich, und zwar alles mit der Hand. Nähkästen waren schon in Kinderzeiten „Schatzkisten“ und die Verbundenheit mit Knöpfen, Garnen, Spitzen, Ösen etc. damit in jungen Jahren entwickelt. Berliner Flohmärkte hatten ebenfalls ein großes Potential und so wurden Jacken, Mäntel, Blusen gleich nach dem Kauf mit Ersatzknöpfen aus Naturmaterialien, wie Perlmutt, Holz, Horn, Seiden- oder Leinenstoff, vor allem aber auch aus Metall benäht. Die Kunststoffknöpfe waren nur bei besonderer Schönheit erlaubt.

In Städten waren elegante, experimentelle Kleidungsstücke besonders von Bedeutung – hier konnte man bspw. auch auffällig gemusterte Strümpfe kaufen und tragen

Das Landleben erfordert vorwiegend Praktisches und vor allem Robustes, denn die guten Stücke sind viel zu schade für die Arbeit im häuslichen Büro oder Garten. Leider achte ich dann häufig nicht mehr so sehr darauf, ob das Outfit vorteilhaft und passend ist. Das ärgert mich schon, denn auch Arbeitskleidung sollte meiner Ansicht nach schön, aus guten Materialien, passend und Figur freundlich sein.

Besondere Kleidung, mit klassischen Mustern und Farben, hochwertig verarbeitet und aus wundervollen Stoffen wie Seide, Wolle, Leinen, Baumwolle, Leder sind mir noch immer wichtig. So lieferte mir bspw. der Second Hand Laden einer Freundin langzeitig die vermissten und bis heute heißgeliebten Stücke, in die ich mich auch immer wieder „hineinhungern“ würde, weil sie mir immer noch Spaß machen.

Kaufverhalten
In den vergangenen 15 Jahren kaufte ich gern in Läden mit Einzelstücken, Restposten, SECOND HAND und ging davon aus, dass die Bekleidung aufgrund ihres Alters noch in den angegebenen Herstellerländern (wie bspw. Italien, Frankreich, dem eigenen Land) oder zumindest in europäischen Textilfabriken hergestellt wurde.

Seitdem mir bewusst ist, unter welchen menschenverachtenden Bedingungen Stoffe und Bekleidung in vielen Ländern der Welt hergestellt werden, vergeht mir die Freude am Neu-Kauf. Es interessieren mich vorwiegend nachhaltige, unter gesunden Bedingungen und von erwachsenen Menschen produzierte und fair gehandelte Bekleidungsstücke. Viel lieber würde ich beim Produzenten direkt kaufen.

Die CORONA-Zeit hält mich noch viel mehr auf dem Land und ich benötige fast ausschließlich die bequeme Haus- und Gartenbekleidung. Die Online-Bestellung ist für mich keine wirkliche Option, da ich Bekleidung vorwiegend in kleinen Läden kaufe, die Kleidung fühlen und anschauen möchte oder auch die Kommunikation mag – und dafür gibt es ja leider aktuell keine Möglichkeit. So komme ich mit meinem Bestand gut aus, lasse mir das eine oder andere Stück nähen oder prüfe, was noch reparierbar oder änderbar ist. Für die Zukunft wünsche ich mir wieder mehr Hinwendung zur Nachhaltigkeit und Qualität in der Auswahl und Produktion der Materialien sowie eine höhere Wertschätzung für die mit der Herstellung befassten Berufe und Tätigkeiten.