Portraits & Interviews

Kleidergeschichten Teil 6 – die Geschichte von Renate

Renate

Ich bin in Berlin-Pankow 1941 geboren, als sogenanntes Kriegskind und heute eine  “Zeitzeugin” von Umständen, die mehr oder weniger meinen Lebensstil prägten.

Bis zum Ende des Krieges herrschte für mich und meine beiden Geschwister eine unruhige Kindheit, zwischen Spielen in der Wohnung, Aufregung und Stillsein im Keller. Was meine Mutter uns in dieser Zeit anziehen konnte, daran erinnere ich mich nicht, aber falls ich weinte, bestimmt nicht wegen der Kleidung. Später mussten wir Kinder unbequeme Baumwoll – Leibchen tragen, mit Strumpfhaltern, die lange, kratzende Strümpfe halten sollten.

Zwischen Strumpf und Metallöse wurden Wäscheknöpfe “geklemmt”, ständig verloren wir die Dinger. Als Ersatz benutzen wir Pfennigstücke.  Sehnsüchtig warteten wir auf den Frühling und Sommer, um die Monster-Leibchen loszuwerden. Ostern kam die erste Gelegenheit, egal ob es noch zu kühl war. Wir bestanden darauf, was unsere Mutter versprach: “Ostern dürft Ihr Kniestrümpfe anziehen”. Es klappte! Fröhlich trafen wir uns mit anderen Kindern in unserer Straße, zugleich neugierig, wer wohl die hübschesten weißen Strümpfe und neuen Schuhe anhatte. Meine Schwester und ich bekamen neue Schuhe. Zur Einschulung im Sommer ´47 putzte mich meine Mutter nach ihren Möglichkeiten besonders heraus. Ich bekam ein weißes Kleid mit Stickerei und eine grüne selbstgestrickte Jacke.

Ich war glücklich. Nicht so über meine Frisur. Das obere Haar wurde über einen Kamm gewickelt und f e s t gesteckt. Abends musste die Tolle, so nannten wir sie, wieder gelöst werden, das ziepte furchtbar. Jeden Tag die gleiche Prozedur, während fast alle Mütter ihre Töchter mit fantasievolleren Frisuren in die Schule schickten. Nicht nur die Haare meiner Mitschülerinnen interessierten mich, ich achtete auch darauf, wie sie gekleidet sind. Christel A. trug aus dem “Westen” einen bunten, wollenen Bleyle-Pullover, der mir sehr gefiel.

Freude! Irgendwann bekam ich einen Bleyle-Rock, auch bunt und wollig. Seitdem war ich mit Christel viele Jahre befreundet. Wir mussten als Schüler mithelfen, den Sozialismus aufzubauen, indem wir zum Steineklopfen “abkommandiert” wurden. Mit schlechten Schnürstiefeln, ollen Socken, Trainingshose mit Rock und abgelegter Jacke sollten wir den Mörtel von den Ziegelsteinen abschlagen. An den andauernden “Sound” erinnere ich sehr gut. Bald merkte man, wir waren untauglich, wir machten zu viel kaputt, meistens aus Protest. Es passierten auch Unfälle beim Verladen in eiserne Loren auf Schienen. So durften wir zurück in die Schule, ohne diese “Arbeitsklamotten”. Eine Tante nähte uns Kleidchen und Mäntel für meine Schwester und mich nach gleichem Schnitt und selbem Stoff.

Ein Kleid mochte ich besonders: Dunkelrot mit weißen Punkten und mit aufgesetzter Rüsche als Carmen-Ausschnitt. Es wäre heute noch modern. Die Stoffe besorgte meine Mutter von “Drüben”. Zur Konfirmationsprüfung sollte ich im lila Kleid erscheinen. Ich musste zum Saumabstecken auf einem Tisch stehen. Mir wurde schwindelig und ich fiel aufs Gesicht. Nasenbein gebrochen! So blieb mir wenigstens die Prüfung erspart.

An der Konfirmation konnte ich teilnehmen. Ich trug einen schwarzen Taftrock, Samtjacke und schwarze Lackschuhe, alles passend, nur nicht der Kopf mit geschwollener Nase und Dauerwellenfrisur. Ich fand mich schrecklich!

Mein Bruder dekorierte Schaufenster bei Boeldicke, in einem Bekleidungs-Geschäft in West-Berlin. Für die Gestaltung der Wände und Böden verwendete er Molton, einen flauschigen Stoff in schönen Farben. Daraus kreierte, nähte mir seine Frau, die im Modehaus Uli Richter Schneiderin war, tolle Pullover mit Rollkragen, welche hinten per Reißverschluss gerafft wurden. Leider litten die Farbigkeit und die Qualität durch das Waschen. Aber ich bekam eine Zeit lang neue Pullover.

Irgendwann hatte ich Lust, für mich selbst zu nähen, u.a. einen weiten Rock aus Piqué-Stoff in gelb mit großen schwarzen Blumen. Kleider, meist figurbetont, nach Schnittmustern von Burda. Es gelang mir nicht immer auf der alten fußbetriebenen Singer-Nähmaschine. Die Schwägerin musste oft meine Fehler korrigieren.

Die Teenie-Zeit begann. Ich gab mir Mühe, modisch mitzuhalten. Um die Wirkung eines Petticoats hinzukriegen, tauchte ich Baumwollstoff in Wasser mit Mehl angerührt. Beim Bügeln bildeten sich Klümpchen durch die Wärme. Der Stoff wurde so steif, man konnte den Rock hinstellen, nicht leicht zu ( er) tragen, aber mit den Röcken oder Kleidern drüber fand ich mich toll. Besonders gefiel mir mein Kleid aus rose-weiß kariertem Vichy- Stoff, typisch für die Rock and Roll-Zeit. Es wurde mein Lieblingskleid in dieser Zeit.

Ich wohnte noch immer in Ostberlin und ging dort zur Schule. Mein Kleidungsstil und die Frisur: lange blonde Haare wie Marina Vlady im Film “Die blonde Hexe”,

erregten Aufsehen bei den Lehrer*innen und waren oft mit Repressalien verbunden. Als ich mit Petticoat unter dem Rock im Unterricht erschien, bekam ich im Fach: „Gesellschaftliches Verhalten“ eine “5” und ein ausdrückliches Verbot, nochmals  s o  zu erscheinen.

Eine Freundin, deren Mutter als “100 %tiges” SED – Mitglied in der Justiz tätig war, hatte im Keller “kapitalistisch aussehende” Kleidung versteckt, und sich heimlich umgezogen, wenn wir drüben in Westberlin ausgingen. Sollte sie von ihrer Mutter dabei erwischt werden, musste sie mit Maßnahmen rechnen, die nicht nur mit einer Rüge erledigt gewesen wären.

Während meiner Ausbildung als Gebrauchsgrafikerin, immer noch in Ostberlin, zog es mich mit gleichgesinnten Studierenden heimlich nach West-Berlin. Drei Tage durften wir uns in der Hochschule der Künste beim “Zinnober” Fasching f r e i  amüsieren. Unsere Kostüme konnten nicht mit den West-Studentinnen konkurrieren. Ich, u.a., mit Bananen-Röckchen als Hawaii-Mädchen. Egal, wir hatten riesigen Spaß. Damit war es am nächsten Morgen beim Erscheinen am Malbrett vorbei, bis wir abends erneut loszogen. Unsere “Ausflüge” sind nie bemerkt worden. Trotz politisch vorgeschriebenem Verhalten konnte ich meinen eigenen Kleidungsstil durchsetzen. Mir blieb es erspart, ein Pioniertuch oder ein FDJ-Hemd zu tragen. Dafür durfte ich nicht das Abitur machen. Auch aus einer anderen Tatsache:

Mein Vater arbeitete seit den dreißiger Jahren im Süden Berlins, dieser Bezirk befand sich nach der Teilung 1949 politisch in Westberlin. Seinen unverschuldeten Umstand akzeptierte die DDR-Regierung, und er bekam den Status eines anerkannten Grenzgängers. Das hieß, er erhielt seinen Lohn in Ost- und Westmark. Folglich orientierte sich unsere Familie in der Politik, Kultur und Kleidung “gen Westen ”. Unsere Lebensweise passte dem sozialistischen Staat natürlich nicht.

Erwachsen wurde ich nach der Trennung von meiner Familie durch den Mauerbau am 13. August 1961 zwischen Ost- und Westdeutschland. Nach einer illegalen Reise nach Griechenland im Juli davor, musste ich in Westberlin bleiben. Mein Glück! Ich arbeitete in Werbeabteilungen und später in der FU-Berlin bis 2004. Ich war für mich verantwortlich und konnte eigene Entscheidungen treffen, auch für meinen Modestil. Ein sehr damenhafter Stil …

Auch in wärmerer Jahreszeit trug man Nylon-Strümpfe und Handschuhe. Ich erinnere mich an einen hellblauen Bouclé-Mantel, ergänzt mit schwarzer Handtasche und Handschuhen. Leider kopierte ich eine Zeit lang diesen Stil einer gleichaltrigen Ver-wandten, die immer “chic” aussah. Merkte aber, ich sah so viel älter aus, als ich war. So wechselte ich zum angesagtem, manchmal ausgefallenem, Stil der 70er / 80er.

Capri-Hosen, selbstgestrickte Pullover oder Bikinis, während der Arbeitszeit mit der Hand selbstgenäht, für den Strand mit buntem Kopftuch als Turban gebunden, waren d i e   Mode – Hits. Ich wollte auch eine Veränderung der Frisur. Vom schwarz gefärbtem Haar, einst nachgeahmt dem Stil von der französischen Sängerin Mirelle Mathieu, versuchte der Friseur, mich erblonden zu lassen. Oh Schreck, es sah grünlich aus. Nach fünf Versuchen hatte ich endlich helles Haar! Seitdem verdienen Friseure*innen durch mich so gut wie gar nichts. Ich style mich mit einigen Ausnahmen selber.

Jeansstoffe wurden “in” und nicht nur als Hosen. Ich hatte einen tollen Jeans-Latz-Rock und einen schicken Blazer. Heute noch bedauere ich, dass ich mich von diesen Kleidungsstücken trennte, nicht vorausschauend, dass sich Mode auch wiederholt. Das betraf so einige andere Sachen

Eine langjährige Freundin bewunderte ich wegen ihrer Konsequenz, wenige aber wertvolle Kleidung zu erwerben, dafür auch zu sparen, um etwas zu besitzen, was geschmackvoll, zeitlos und wertvoll bleibt. Ich war zu interessiert am Neuesten um mich herum.

Besonders gefielen mir Schuhe, so dass ich im Ski-Urlaub in Italien fünf Paar kaufte, u.a. Winterstiefel aus Fell, ich glaube vom Fuchs. Heute unvorstellbar für mich mit meiner Einstellung zur Tierquälerei! Schicke Schuhe wollte ich immer als Hingucker für mein Aussehen haben. Es gelang mir meistens.

Ich sah gerne französische Filme auch wegen der Schauspieler, mit ihrer stilvollen Kleidung. Einen Trenchcoat wie Catherine Deneuve im Film “ Le Choc” mit Alain Delon wollte ich irgendwann auch besitzen.

Dazu flog ich mit einer Freundin extra nach London, leider blieb der Wunsch finanziell unerfüllbar. Mit einer preiswerteren Variante war ich dann zufrieden.

Die Zeit als Reprotechnikerin, inmitten von Studies an der FU, prägte meine Kleidung zu lässigerem Stil. Manchmal zu sexy? Ich denke an eine Situation, als ein Professor mir am Zeichentisch gegenübersaß und das Lied von Roland Kaiser pfiff: “Manchmal möchte ich schon mit dir … ” Damals schon ein Grund für die “Me too” Bewegung.

Wenn ich an Exkursionen teilnehmen durfte, musste meine Kleidung zweckmäßig sein, schwere Lederschuhe, Sandwich-Kleidung aus Baumwolle und Knickerbocker.

T-Shirts wurden auch für mich zum praktischen und modisch unverzichtbaren Kleidungsstück bis heute.

Bei Malerei-Grafik-Foto-Arbeiten – meine hauptsächliche Beschäftigung – spielt  Kleidung eine Nebenrolle, höchstens zum Schutz. Jedoch, da bin ich ziemlich schlampig (?), fühle mich irgendwie frei, mich mal nicht um mein Äußeres kümmern

zu müssen. Umziehen bedeutet, Zeit zu verlieren und da bin ich zu ungeduldig, gespannt auf das Resultat meiner Ideen. Manchmal geht diese Rechnung nicht auf, wenn ich mühsam unvermeidliche Flecken entfernen muss.

Zum Rausgehen, Gesehenwerden bevorzuge ich gedeckte Farben wie schwarz, grau, oliv, dunkelblau oder diese Farben als Mixton, meist weite Oberteile mit schmaler Hose oder Rock / Kleid, ergänzt mit schwarzen Strumpfhosen. Gerne mit besonderem Silberschmuck oder Schals als Accessoires. In warmen Jahreszeiten fühle ich mich in Leinenstoffen am wohlsten und an den Füßen mit sogenannten Zehentretern. Frühling oder Sommer flüstern mir manchmal zu: “Greif doch mal zu etwas Farbigem”. Okay, ausgesucht und gekauft, bleiben sie meistens nur in meinem Kleiderschrank, mit einzelnen weißen Stücken. Pullover, Hosen, Kleider, Röcke sind überwiegend im Casual Style und damit unkompliziert kombinierbar. Es ist mir wichtiger, meine Ideen in Kunst zu investieren, um mich damit darzustellen.

Faszinierende Blicke durfte ich hinter die Kulissen der Filmbranche werfen, in den Bereich der Kostümgestaltung. Barbara Baum, mehrfach prämierte Kostümbildnerin, gab mir die Möglichkeit, mit einer Fotoarbeit Eindrücke ihrer Kreationen, Entwürfe, Schnitte und fertigen Kostüme mit kostbaren Stoffen für internationale Schauspieler*innen zu bekommen. Mich machte sie stolz, wenn sie mal meinen Kleidungsstil lobte. Manchmal bat ich sie um ihre Meinung, speziell wegen einer Bluse “ ivory colored”  mit floralem Reliefdruck, durchsichtig und mit ziemlich tiefem Dekolleté. Wie kann ich am besten wirken, ob mehr oder weniger zugeknöpft? Letzterer Vorschlag von ihr überzeugte mich. Die Bluse behalte ich als Erinnerung und weil sie mir noch gefällt, aber leider inzwischen für mich zu eng ist.

Eine Freundin, die gerne etwas Neues, Teures kaufte, überließ mir mehrmals schicke Oberteile. Zur Freude meinem Stil entsprechend: Schwarz oder grau, wollig weit zum Wohlfühlen. Ich trage sie noch oft zu unterschiedlichen Anlässen.

Maßgebend bei allen Anschaffungen bin ich um Nachhaltigkeit von Produkten bemüht. Mich ärgert, dass dieses Bewusstsein global nur halbherzig vermittelt, geschweige denn umgesetzt wird. Andererseits fasziniert mich die Phantasie vieler Start Up’s beim Recyceln von Rohstoffen und Abfällen. Beispiel: Aus Kaffeesatz tragbare Schuhe zu machen!

Hoffnungsvolle Ansätze zeigen Mode-Designer auch zur Fashion Week in Berlin unter dem Aspekt: “Attraktive Mode durch Innovation”. Sinnvoll wäre, die Ergebnisse in die preislich erschwingliche Konfektion zu übertragen und unter menschlichen, lohn-gerechten Bedingungen fertigen zu lassen.

Die Corona-Zeit bestärkt noch mehr meine Erkenntnis, ich brauche wenig zum Anziehen, um mich wohlzufühlen! Für alle Gesellschaften wünsche ich mir diese Schlussfolgerung als Chance zu positiven Veränderungen und nicht nur für die Kleidungsbranche. Ich nutze immer mehr die Herausforderung, mich mit meinem vorhandenem Kleidungs-Fundus zu begnügen, tragbare Sachen zu spenden und notwendig Neues in Secondhand Shops zu finden. Auf Flohmärkten Kleidung anzubieten oder für mich zu entdecken, bringt gegenseitig viel Freude mit viel Sinn.

Eigentlich möchte ich Minimalismus praktizieren, leben ohne Ballast…
Im nächsten Leben bestimmt!