Portraits & Interviews

Kleidergeschichten Teil 7, die Geschichte von Martina

Portrait

Alles Masche – die Geschichte meiner Pullover

Meinen Vornamen Martina verdanke ich einer älteren Freundin meiner Mutter, die sie aus ihrer Heimat in der Altmark kannte. Meine Eltern kamen als Flüchtlinge nach dem Krieg nach Berlin, lernten sich hier kennen und bauten sich eine gemeinsame Existenz auf. Wir lebten in Westberlin in Lichterfelde, arbeiten gingen beide aber bis zum Mauerbau in Karlshorst in Ostberlin. 1956 wurde ich geboren, zwei Jahre später meine Schwester. Seit unserer frühen Kindheit in den 60er Jahren stellte meine Mutter unsere Kleidung selbst her. Sie nähte und strickte und manchmal liefen wir als Trio herum, ausstaffiert mit demselben Stoff oder Wollgarn für Mutter und Kind.

Meine Mutter besaß eine riesige mechanische Strickmaschine, die nachmittags und abends nach ihrer Arbeit als Buchhalterin unermüdlich ratterte und viel Platz in unserem Wohnzimmer einnahm. An das Geräusch des Wagens, der über die Reihen hin- und hergeschoben wurde, einem langgezogenen Schnarren ähnlich, kann ich mich gut erinnern. Auch die schweren Gewichte, die an den Strickteilen hingen, und die vielen Nadeln und Ösen, die man hin- und herschieben konnte wie bei einem Spiel, bleiben mir im Gedächtnis. Währenddessen spielten wir im Zimmer neben der strickenden Mutter. Es waren durchaus schöne Pullover in tollen farbenfrohen Mustern, die da entstanden, … wenn die Produkte nicht ein für mich alles entscheidenden Nachteil hatten: Fast alle Wolle kratzte entsetzlich auf der Haut, ich habe es kaum ausgehalten. Ich war die Einzige in der Familie, die so extrem überempfindlich reagierte.

Widerstand war zwecklos, zum einen wollte ich meine Mutter nicht enttäuschen, da sie so viele Stunden mit Freude an den Pullovern arbeitete, zum anderen gab es schlichtweg keine Alternative. Ich musste sie anziehen. Erfinderisch war ich zuhause in den Schadensbegrenzungsstrategien, heimlich habe ich langärmelige Blusen untergezogen oder sogar Halstücher meiner Mutter aus Kunstseide darunter um die Arme gewickelt. Richtig geholfen hat das nicht.

Besonders schlimme Erinnerungen an das kratzige Pullovertragen verbinde ich mit einem vierwöchigen Aufenthalt in einem Kinderheim im Schwarzwald. Meine Schwester und ich wurden 1964 im Zuge der Kinderwohlfahrt von der Inneren Stadtmission Berlin „verschickt“. Erklärtes Hauptziel dieser Verschickungskuren war das Wohl der Kinder, das sich fast ausschließlich in der Zunahme des Körpergewichts manifestierte. Essen war oberstes Gebot, verbunden damit, dass kein Essen abgelehnt werden durfte und man in dem riesigen Speisesaal solange sitzen bleiben musste, bis man alles aufgegessen hatte, manchmal stundenlang, ohne Gnade, oft mit Würgegefühl. Im Speisesaal fand alle paar Tage öffentliches Wiegen vor allen anderen Kindern statt, um die Erfolge zu präsentieren und zu dokumentieren.

Und doch war dieser Speiseraum in ganz anderer Hinsicht auch eine Zufluchtsstätte für mich. Wenn ich morgens die kratzigen Pullover anziehen musste, es war Winter, und die Wolle auf der Haut überhaupt nicht ertragen konnte, schlich ich mich ganz früh vor allen anderen in den leeren Speiseraum und umrundete die Tische Reihe für Reihe, immer am Pullover reibend, solange, bis ich mich ins Leid halbwegs erträglich gefügt hatte.

Eine überraschende Wende in meinem Wolldrama trat Ostern wenige Jahre später ein. Als Ostergeschenk bekamen meine Schwester und ich – natürlich identische – lachsfarbene Pullover aus dem weichen Wundergarn Dralon. Fortan wurden der erschwingliche Pullover bei Brenningmeyer (später C&A) in der Schlossstraße in Steglitz gekauft, dafür fuhren wir oft mit dem Bus 17 von Lichterfelde Ost „in die Stadt“. Die Strickmaschine entschwand für alle Zeiten im Keller.

Eigentlich hätten diese Pullover-Erfahrungen für immer meine Ablehnung gegen Wolle prägen müssen, aber in den 70- und 80er Jahren war das Stricken eine Lebenseinstellung, jeder strickte in den Unis, ich in den Hörsälen der Pädagogischen Hochschule Berlin. Auch während der ersten Jahre meiner Schulzeit als Lehrerin in Neukölln untermalte das leise Klappern der Stricknadeln etlicher Strickender die Lehrerkonferenzen.

Stricken gelernt hatte ich natürlich im Handarbeitsunterricht beim obligatorischen Sockenstricken. Ich zog 1979 mit meinem ersten Mann nach Steglitz und genau zu dieser Zeit eröffnete ein Strickladen an unserer Straßenecke: „Frau Wolle“, die junge Inhaberin in meinem Alter verkaufte Wolle und ihr Partner Wein. Dieser Laden hat bis heute alle Strickflauten überstanden, die Ladenbesitzerin ist mit mir über die Jahre gealtert, aber wir erinnern uns immer noch an diese Anfänge. In diesem Laden war ich Dauergast, das Stricken machte mir großen Spaß, natürlich kaufte und verstrickte ich nur Garne, die nach langem Testen im Laden die Kratzprobe bestanden, und ich wurde immer wagemutiger. Ich entwarf sogar eigene Pullover mit Zopfmusterm, Ajourmustern und bunten Designermustern. Auch die Qualität wurde immer kostspieliger, reine Seidengarne, superweiches Angoragarn und andere erlesene Garne.

Einen solchen Pullover strickte und schenkte ich auch einmal meiner Schwester, die ihn ohne nachzudenken versehentlich beim ersten Mal Waschen in die Waschmaschine tat und er dann völlig, wie man sich schaudernd vorstellen kann, zerstört war. Weitere Geschenke dieser Art habe ich danach nicht mehr in die Tat umgesetzt.

Meine Pullover waren zudem auch immer „literarische Pullover“. Mein Mann liebte Bücher und klassische Literatur über alles und so verbrachten wir viele Abende nicht vor dem Fernseher, sondern gemütlich bei einem Buch, das er mir vorlas und dessen Inhalt ich strickend zuhörte. Wenn ich die fertigen Pullover aus dem Schrank holte, hatte ich sofort auch das Buch im Hinterkopf. So waren in den Pullovern u.a. Werke von Dostojewski, Dickens, Verne oder Fontane verstrickt. In einem schwarzen Pullover aus Baumwolle mit höchst kompliziertem Ajourmuster waren die „Elenden“ von Victor Hugo verarbeitet, ein langes Strickprojekt passend zu den einzelnen Bänden des Romanzyklus. In einem schönen beigefarbenen Pullunder mit Zopfmuster, den ich sehr liebte, steckte ein Roman von Franz Werfel.

Anfang der 90er scheiterte die Ehe und damit auch die Zweisamkeit der Lese-Strickabende, ich hatte auch keine Lust mehr am Stricken, und so verschwanden die vielen schönen Pullover aus meinem Kleiderschrank bis auf zwei, drei wenige, die ich noch lange aufbewahrte. Von diesen habe ich mich dann getrennt, weil sie schlichtweg nicht mehr passten.

Merkwürdigerweise ist aber trotzdem bis heute ein Modell übrig geblieben, versteckt ganz hinten im Kleiderschrank (neben einer Schlaghose aus grünem Cord, aus den siebziger Jahren, natürlich enger genäht an den Beinen), das nicht einmal zu meinen Lieblingspullovern gehörte, ein pinkfarbener stacheliger Pulli aus Effektgarn, der so kratzig aussah, dass mich Kollegen amüsiert fragten, warum ich denn einen Topfkratzer tragen würde. Er kratzt aber nicht!

Heute ziehe ich am liebsten kurz- und langärmelige Shirts aus Baumwollgemischen an, sie dürfen immer recht farbenfroh sein. Ich besitze auch eine kleine Auswahl wirklich qualitativ hochwertiger Pullover aus feinster Baumwolle oder Seide. Diese edlen und teuren Stücke habe ich ausschließlich in Naturbekleidungsläden gekauft, wenn sie durch Rabattaktionen erschwinglich wurden. Selbstverständlich kommen sie nicht in die Waschmaschine!