Portraits & Interviews

Kleidergeschichten Teil 8 – die Geschichte von Ronald

Porträt

Ich bin Ronald und komme zu diesem Thema über Martina, eine Freundin meiner Frau Uta. Alleine wäre ich wohl auch nicht auf den Gedanken gekommen, über „Klamotten“ zu schreiben.
Ich bin 1961 im Krankenhaus Friedrichshain geboren und habe bis knapp vor der Wende in Köpenick und Friedrichshagen gelebt, danach zum Teil auch wieder und nun seit fünfzehn Jahren mit Uta in Konradshöhe. Ich war Lehrer zumeist im Sonderschulbereich im Bezirk Mitte und arbeite seit zweieinhalb Jahren vor allem als Diagnostiker für Kinder mit Lernproblemen.

Meine beiden Großmütter hatten beide beruflich mit Kleidung zu tun. Die eine musste als frühzeitige Witwe sich und ihre drei Kinder als ungelernte Näherin durchbringen, zunächst in Heimarbeit, nach 1945 im VEB Fortschritt Herrenbekleidung bis zur Rente. Meine andere Oma hatte sogar Schneiderin gelernt, arbeitete später aber in einer Zigarrenfirma und dann noch bis über die Rente hinaus als Beiköchin im Lehrerbildungsinstitut Eisenach. Beide haben immer irgend etwas genäht, solange die Augen und die Finger mitmachten. Natürlich hat auch meine Mutter genäht, gestrickt, gehäkelt und gestopft. Trotzdem wurde bei uns zuhause schon das Meiste im Laden gekauft, natürlich sparsam, haltbar und nicht zu teuer. Cousine, Cousin und mein jüngerer Bruder sollten es gegebenfalls noch weiter nutzen. Das ging natürlich bei den eigenartigen Strumpfhosen nicht, von denen schon andere berichteten und die ich als Vorschulkind auch sehr ungerne getragen habe, weil sie so lang ausleierten, bis überall die Falten vom Hochziehen drückten und sie glücklicherweise irgendwann so fadenscheinig wurden, dass sie beim besten Willen nicht mehr zu stopfen waren.  Meine Mutter hat mir zum dritten Geburtstag auch einen grünen Pullover mit angedeutetem gelben Norwegermuster gestrickt, den ich sehr liebte und der irgendwie mit mir bis in die Mitte der Schulzeit mitgewachsen ist.

Sehr geliebt habe ich als Vorschulkind meine kurze Lederhose mit ihrem Hosenträgergeschirr, die ich ärgerlicherweise nur im Sommer anziehen konnte und die leider nicht mitwuchs und nie mehr adäquat ersetzt werden konnte. Stattdessen gab es im Winter schnell ausbeulende und nach dem Waschen immer zu kurze lange Unterwäsche und eine blaue Dederon-Skihose, die ich auch gar nicht mochte, weil sie mir steif und grob vorkam.

Im höheren Schulalter wurde es immer deutlicher, dass wir keine Westpakete mit den entsprechenden Anziehsachen bekamen. Dies spielte unter den Kindern und Jugendlichen eine immer größere Rolle und nur mit „Ostklamotten“ fühlte man sich zunehmend deklassiert. Was sollte man dem entgegensetzen? Mit Dreizehn nötigte ich meine Mutter einmal, mir einen langen Wollmantel zu kaufen. Den trug ich dann mit dem abgelegten Hut meines Vaters voller Stolz und kam mir wie Hans Albers vor, den meine Eisenacher Oma so gerne in den Rumpelkammer-Filmen sah. Allerdings lachten mich zwei Männer auf der Straße schon gleich beim ersten oder zweiten Herumstolzieren aus, so dass ich mich in Grund und Boden schämte und der für unsere Verhältnisse sehr teure Mantel nie wieder getragen wurde.

Glücklicherweise kam dann die „Blueser-und-Tramper“-Zeit, in der die uniformierte Jugendkleidung aus einer (allerdings gefälligst echten) superengen Jeans, einem ausgewaschenen und undefinierbar gefärbten Shirt oder verschossenen Rollkragenpullover und – je nach Jahreszeit – Jesus-Latschen oder Trampern (halbhohen braunen Wildlederschuhen mit sehr dünner Sohle) bestehen musste, dazu Jeansjacke und „echter“ (also NATO-)Parka. Kurz vor dem Abitur hatte ich dieses Outfit dann auch endlich zusammengebracht und konnte all die „hässlichen DDR-Ersatzprodukte, über die alle nur die Nase rümpften“ weglassen. In dieser Uniform habe ich mich mit meiner jugendlichen Figur am wohlsten gefühlt. Für einige Jahre bekam ich dann aber eine andere …

Ich war ja immer schon von der Vergangenheit fasziniert, die ich mir entsprechend romantisierte. So war ein bekleidungstechnischer Höhepunkt meiner späteren Schulzeit der Erwerb eines Smokings, den ein Mitschüler mir für fünfzig Mark verkaufte, weil sein Vater, der sich den schneidern lassen hatte, im Laufe der Jahre „herausgewachsen“ war. Als besondere Freude fand ich danach in einer Innentasche sogar noch ein Zwanzig-Mark-Stück, das ich natürlich stillschweigend behalten habe. Diesen Smoking gibt es heute noch und ich würde ihn immer noch tragen, wenn ich nicht inzwischen auch „herausgewachsen“ wäre. Seit seiner Konfirmation hat ihn mein Sohn. Das ist nun auch schon etliche Jahre her.

Meine u.a. wegen meiner „Ostklamotten“ seit der mittleren Schulzeit empfundene Demütigung habe ich in der darauffolgenden Zeit voll auf die „Popper“-Kultur übertragen. Diese gestylten und quietschebunten Disco-Leute habe ich geradezu fanatisch verachtet. Allerdings hatte ich dann eine Freundin und spätere Ehefrau, die mir hin und wieder aus Westpaketen ihrer Familie oder bei Ungarn-Reisen das eine oder andere Kleidungsstück aussuchte, das meine Dogmatik zunehmend unterwanderte. Dieser habe ich sogar einmal aus schwarzem Fahnentuch nach einem BURDA-Schnittmusterbogen eine Pluderhose genäht, worauf ich sehr stolz war, vor allem, als sie diese dann auch ein paar Mal angezogen hat. Als ich 1990 in Westberlin ins Referendariat an einer Realschule in Grunewald-Nähe kam, trug ich dann tatsächlich sogar selbst zeitweilig Stoffhosen von Peek & Cloppenburg, weil einzig der Gewerkschaftsaktivist der Schule in Jeans zu erscheinen wagte. Diese Phase habe ich glücklicherweise bald wieder hinter mir gelassen.

Jugend- und Wendezeit liegen nun mittlerweile wieder dreißig Jahre auch hinter mir. Ich trage weiterhin draußen Jeans und zuhause Jogginghosen, was ich nach der Wende in Anbetracht der damit bekleideten bierbüchsen-schwingenden Ost-Nazis der 90er-Jahre auch lange nicht über mich bringen konnte. In meiner kleinen Auswahl von Hemden und sonstiger Oberbekleidung – ich weiß gar nicht, wie man die heutzutage korrekt bezeichnen müsste – finden sich immer noch einige Stücke aus den ersten Nachwendejahren. Ich trage das alles, bis es nicht mehr hält. Spätestens, wenn Uta mich auf diesen Umstand hinweist, versuche ich den Abfall möglichst im selben Umfang auszugleichen. Wenn ich meine Bekleidungsfächer zu eng fülle, komme ich an die unteren Stücke nicht mehr heran und vergesse sie einfach. Mein Unterwäsche- und Strumpfausstatter war vor CORONA eigentlich nur Woolworth. Im letzten Jahr fand da ein Wechsel zum Versandhandel statt, wie auch bei den Shirts. Meine Jeans, die normalerweise von C&A kommen, halten inzwischen durch die häusliche Isolation so lange, dass ich noch keine Alternativen benötigt habe.

Was ich an der Vergangenheit auch immer sehr geschätzt habe, war die uniformierte Bekleidung, bei Frauen in Abhängigkeit zur gesellschaftlichen Stellung mehr oder weniger, aber bei Männern ganz ausgeprägt. Je nach dem Stand des Trägers war sein Bekleidungsrepertoire vorgegeben und man musste sich darum keine weiteren Gedanken machen. Hauptsache, alles war irgendwie sauber und ordentlich. So hat es mir eigentlich am besten gefallen. Nun ist da immer wieder Verunsicherung.