Reportagen

‚Auf Freiheit zugeschnitten – Das Künstlerkleid um 1900 in Mode, Kunst und Gesellschaft’ – Ein Ausstellungsbesuch in Krefeld

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Die alte Seiden-, Samt- und Textilstadt Krefeld zeigt derzeit eine beeindruckende Ausstellung für alle an Modegeschichte, aber auch an der Kunstgeschichte der Jahrhundertwende Interessierten. Das Kaiser-Wilhelm-Museum hat diese Schau aus eigenen Beständen und privaten Leihgaben zusammengestellt und das ganze zweite Stockwerk des Museums dafür zur Verfügung gestellt. Dieses Haus aus der Kaiserzeit in historistischer Architektur überrascht mit großen, sehr hohen Räumen, die sich nach einer Sanierung zwischen 2013 und 2016 in durchgängig strahlendem Weiß zeigen. Ein idealer Ort für diese Ausstellung!

Die Ausstellung knüpft an die deutschlandweit erste Präsentation künstlerischer Reformkleider im August 1900 in Krefeld an. Zu verdanken war diese Initiative dem Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Museums, Friedrich Deneken, der damals Künstler wie Henry van de Velde, Peter Behrens, Richard Riemerschmid oder Margarete von Brauchitsch eingeladen hatte, ihre Entwürfe zum Thema ‚Moderne Damenkostüme nach Künstler-Entwürfen’ (so der damalige Ausstellungstitel) zu zeigen.

Im Schlepptau einer Entwicklung, die sich seit den 1890er Jahren dem Motto ‚Weg mit dem Korsett’ verschrieben hatte, begannen sich junge ArchitektInnen, DesignerInnen und KünstlerInnen für eine künstlerische Gestaltung der so genannten Reformkleider zu interessieren. Zugrunde lagen diesem Interesse die sich in dieser Zeit verbreitenden emanzipatorischen und gesundheitsorientierten Motive, denen sich die jungen KünstlerInnen verbunden fühlten: die Frauen sollten sich frei bewegen können und nicht mehr ihre inneren Organe mit einem Korsett aus Fischbein, Stahl oder Horn abschnüren. Das neue – gesunde – Gewand sollte jedoch nicht einfach ein formloser ‚Sack’ sein, sondern auch ästhetisch ansprechend und dem Aussehen zuträglich. Dem Gedanken des Gesamtkunstwerks verpflichtet, der sich von Anfang an im Jugendstil seit den 1890er Jahren manifestierte, sollte die Trägerin des Reformkleides auch perfekt in ihre häusliche ‚moderne’ Umgebung passen. Ein Künstler wie Henry van de Velde, der diese Tendenz so radikal verfolgte wie wenige andere Zeitgenossen, entwarf daher nicht nur sein Haus, die dazugehörige Einrichtung, das Geschirr, Gläser und Besteck, sondern auch das dazu passende Kleid für seine Frau Maria.

Dieses ‚Teekleid’ in Samt mit seidenkordelbestickten Besätzen ist in der Ausstellung zu sehen, allerdings in einer nachgearbeiteten Ausführung; nur die Besätze von Ärmeln, Ausschnitt und Saum sind im Original erhalten und auch ausgestellt. Bis auf wenige Ausnahmen sind auch die anderen gezeigten Kleider nach den Originalentwürfen und -schnitten nachgearbeitet. Viele der Originale sind verloren gegangen oder zerstört. Das wunderschöne Van-de-Velde-Kleid ist wie auch andere Ausstellungsobjekte in ein Arrangement eingebunden, das den zugehörigen künstlerischen Kontext öffnet. Hier ist es die passende Tapete, ein Stuhl aus van de Veldes Haus Bloemenwerf in Brüssel neben dem Schaukasten mit den Original-Besätzen des Kleides.

Diese Art der Präsentation – ein Kleid, Stoffe oder Accessoires in einem stilistisch passenden Ambiente – findet sich in verschiedenen Kapiteln der Ausstellung; so beispielweise bei der Wiener Werkstätte, bei Arts-and-Crafts, bei Anna Muthesius oder Heinrich Vogeler. Dabei sind als Hintergrund zum Teil auch lebensgroße Fotos auf die Wände gezogen, die nicht weniger eindrücklich sind als die Ausstellungsstücke.
Wie gut, dass es zu dieser Zeit schon ausgezeichnete Fotografen gab: In Fotos wurde vieles aus dem fragilen Bereich von Mode und Bekleidung dokumentiert, was sonst ganz verloren wäre. Ich denke hier beispielweise an die nicht wenigen Fotos von Martha Vogeler, Ehefrau des Jugendstilkünstlers Heinrich Vogeler, in märchenhaften Reformkleidern oder japanisch beeinflussten Gewändern. Sie ist als ‚Prinzessin’ oder als ‚Geisha’ auf den Fotos festgehalten – die jeweiligen Kleidungsstücke sind vermutlich schon lange zerfallen.

Auch das Medium Film ist in der Ausstellung vertreten: Ein Filmausschnitt zeigt die Amerikanerin Loïe Fuller bei ihrem damals in ganz Europa Aufsehen erregenden Schleiertanz, bei dem sie mit riesigen Stoffbahnen an Stäben zur Verlängerung der Arme traumhafte Gebilde auf die Bühne zauberte. In dieser Abteilung der Ausstellung zum Thema ‚Tanz’ werden auch Dias an die Wand geworfen mit Kostümen von Léon Bakst für die ‚Ballets Russes’, die sich an Gewänder der Antike anlehnten oder russische Volkskunst zum Vorbild hatten. Auch die antikisierenden Kostüme von Isadora Duncan, die so viel vom Körper zeigten und damit Skandal machten, werden mit einem großen Foto in Erinnerung gerufen.

Aus dieser sehr großen Ausstellung möchte ich drei Kleidungsstücke hervorheben, die ich besonders interessant und sehenswert fand:
Von Josef Hoffmann ein ‚Damenkleid für eine Redoute’ (also für eine Tanzveranstaltung) von 1910, entworfen für die Wiener Werkstätte, aus naturweißer Baumwolle mit schwarzer Applikationsstickerei, das so modern wirkt, dass es – vielleicht etwas gekürzt – noch heute getragen werden könnte.

Das gilt auch für den ‚Japanischen Mantel’ (vielleicht eher: Abendmantel?) der Badenerin Emmy Schoch, mit Posamenten und Applikationen auf blauer Seide von 1911, der glänzend neben Paul Poirets ‚Chinesischer Jacke’ aus dem Jahr 1905 bestehen kann.

Und schließlich, am Ende der Ausstellung, das ‚Simultankleid’ der in Frankreich verheirateten Russin Sonya Delaunay(-Terk), eine Patchworkarbeit aus verschiedenen Stoffen von 1913, und die dazugehörige ‚Simultanweste’ für Robert Delaunay, ihren Ehemann. Schon um diese beiden Raritäten aus Privatbesitz zu sehen, lohnt die weite Reise nach Krefeld!

Für diejenigen, die das nicht mehr schaffen (die Ausstellung geht noch bis zum 24. Februar 2019), gibt es den exzellenten Ausstellungskatalog auch im Buchhandel zu kaufen. Nicht nur die vielen Abbildungen, die mehr als das in der Ausstellung Gezeigte beisteuern, sondern auch die Aufsätze geben unter verschiedenen Aspekten einen vertieften Einblick in das Thema des Künstlerkleides um 1900.

In der Ausstellung ist das Fotografieren nicht gestattet; alle gezeigten Fotos wurden freundlicherweise von der Presseabteilung des Kaiser-Wilhelm-Museums in Krefeld zur Verfügung gestellt.

Bei dem Bild im Kopf handelt es sich um eine Zeichnung von Maximilian Snischek, Enwurf für einen Mantel, 1914 (Bleistift und Aquarell auf Papier)