Reportagen

Bericht über das Textiel Plus Festival Online

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Wir alle sind ausgehungert nach Ausstellungen und Messen. Nichts findet statt! Oder doch? Die Niederländer machen es vor. Sie hatten vom 11. bis 15. November eine riesige Veranstaltung rein online aufgezogen. Für 5 Euro konnte man sich registrieren und bekam ein Passwort für den Zugang. Geboten wurden Ausstellungen mit Textilkunst und Quilts, Demonstrationen, Vorträge, Produktpräsentationen und Zoom-Meetings.  Es gab Workshops zu Filzen, Makramee, Patchwork, Punch-Nadelstickerei und zum Thema kreatives Selbstbewusstsein. Es gab Vorführungen zu Strass, Perlensticken, Hütefilzen, Sticken, Eco-Print, Häkeln mit einer Häkelnadel mit einem Haken vorn und einem Haken hinten, Blockdruck, Cyanotypie, wasserlöslichem Vlies, Makramee, Stoffdruck etc.

Ich habe mich an Wouter de Vries von der Zeitschrift Textiel Plus gewendet und ihn gebeten, mir zu erzählen, wie das Festival zustande kam.

„Für das Festival arbeiten wir (d.h. Textiel Plus) mit Anouk Zoer und Rob Terwisse zusammen. Vor etwa fünf Jahren haben wir uns getroffen und die Idee diskutiert, mehrere ihrer Messen zu einem großen Festival zusammenzuführen, das den Namen unseres Magazins trägt: Textiel Plus. Das Festival wird von Anouk und Rob auf ihre Kosten und eigenes Risiko organisiert. Als TxP (Textiel Plus) leihen wir ihnen unseren Namen, organisieren zusammen mit ihnen einen Textilkunstwettbewerb (Textiel Plus Wedstrijd), helfen ihnen beim Programm und machen die PR für das Festival auf unseren Online-Kanälen und in unserer Zeitschrift. Für uns ist das eine gute Möglichkeit, den Namen Textiel Plus bekannter zu machen und mit unseren Lesern und einem interessierten Publikum in Kontakt zu treten.“

„Dieses Jahr lief alles wegen des Coronavirus etwas anders. Anouk bemerkte, dass aus Angst sich anzustecken, zu wenige Menschen zum Textiel Plus Festival in Den Bosch reisen wollten. Also sagte sie das Live-Festival ab und startete eine Online-Ausgabe des Festivals mit mehr als hundert Helfern und ein paar tausend Besuchern. Es war Neuland für alle Beteiligten, aber glücklicherweise können wir von einer erfolgreichen Veranstaltung sprechen!“

Am Donnerstag, den 11. Oktober habe ich mich zum ersten Mal auf https://textielplusfestival-online.nl/ eingeloggt und bin bis Sonntag dann immer wieder gekommen, es gab so viel zu entdecken. Die einführenden Texte auf der Website hat mir Google problemlos und meist verständlich ins Deutsche übersetzt. Bei den Vorführungen oder Vorträgen ging das leider nicht und ich hätte mir manches Mal gewünscht, Niederländisch zu verstehen.

Aber es gab ungemein viel für die Augen. Als erstes habe ich mir die 112 Quilts aus der Ausstellung der niederländischen Quiltersgilde gegönnt. Als ich durch die Ausstellung geblättert habe, wurde ich von Rose-Ann de Haan online freundlich angesprochen: Ob ich Fragen hätte?  Sie konnte mir sagen, dass in dieser Ausstellung 112 Quilt versammelt waren, die bereits in der Zeitschrift der Quiltersgilde vom September und Oktober abgebildet worden waren. Die Quiltersgilde hat mir auf Anfrage freundlicherweise drei Fotos von Quilts überlassen, die ich hier zeigen kann.

Die Online-Ausstellung mit Beiträgen zum Textile-Plus-Wettbewerb 2020 – Thema: „Ode an die Natur: Upcycle!“ – hat mich sehr beeindruckt. Auch hier bekam ich auf meine Anfrage umgehend Antwort und kann die folgenden Arbeiten zeigen. Sie können die Werke im übrigen noch immer auf https://www.textielplus.nl/inzendingen-textiel-plus-wedstrijd-2020/ betrachten.

Wouter de Vries schrieb mir zum Wettbewerb: Jedes Jahr organisieren wir einen Textilkunstwettbewerb mit einem Thema – in diesem Jahr war es das Thema: „Ode an die Natur: upcycle!“. Normalerweise wird eine Auswahl der eingereichten Arbeiten während des Festivals ausgestellt. Wir geben den Jury-Gewinner und zwei ehrenvolle Erwähnungen bekannt, und am Ende des Festivals den Gewinner, der die meisten Stimmen des Festivalpublikums erhalten hat. Von dem Moment an, als klar war, dass das Festival online gehen würde, versuchten wir, Museen zu erreichen, um die Kontext-Ausstellung zu veranstalten – damit die Leute die eingereichten Werke sehen konnten und die Jury den Jury-Gewinner sorgfältig auswählen konnte. Leider sind dies harte Zeiten für Museen, und wir haben nicht rechtzeitig einen Ausstellungsraum gefunden. Das ist der Grund, warum wir die Online-Ausstellung für den Wettbewerb organisiert haben. Hoffentlich können wir die Gewinner nächstes Jahr während der Wettbewerbsausstellung auf dem Textiel Plus Festival in Den Bosch bekannt geben.“

Textiel Plus hat des Weiteren eine Ausstellung zum Thema „Textilkunst in Zeiten von Corona“ angeboten.  Auch sie ist nach wie vor im Netz zu sehen: https://www.textielplus.nl/textielkunst-in-tijden-van-corona-online-expositie/

Wouter de Vries schrieb mir dazu: „Wir begannen die Corona-Ausstellung im März 2020 während der ersten Welle des Coronavirus in den Niederlanden. Als TxP wollten wir unseren Lesern und Anhängern etwas bieten, und so sind wir auf diese Idee gekommen. Viele von ihnen fühlten sich thematisch von Corona betroffen (zu Hause bleiben, Angst vor Ansteckung, Wertschätzung für Krankenschwestern) und brachten das in ihren textilen Werken zum Ausdruck. Mit 170 eingereichten Arbeiten ist die Ausstellung ein Zeitdokument jener besonderen Periode, in der wenig über das Virus bekannt war und es viel Angst auslöste.“

Eine ganze Reihe von Textilkünstlerinnen zeigte Arbeiten und oft auch Videos mit Aufnahmen ihrer Studios oder ihren Arbeiten. Diese Videos sind in der Regel auf YouTube weiterhin zu sehen.

Ich habe zahlreiche Künstlerinnen angeschrieben und prompt auch Antwort und die Genehmigung bekommen, Arbeiten zu zeigen.

Flox den Hartog Jager schickte mir sogar ein viel besseres Bild als das, das ich selbst gespeichert hatte. Zu ihrer Arbeit sagte sie: „Titel dieses Werkes ist ‚Sieben bis Zwölf‘. Es handelt von der Apokalypse, dem Ende der Geschichte und dem Kommen des neuen Jerusalem. Ich habe es in der Zeit gemacht, als ISIS die Welt und das Hier und Jetzt terrorisierte. Darin spielen die Zahlen Sieben und Zwölf eine besondere Rolle: Sieben ist die Zahl für das Werden, zwölf die Zahl, in der die Zeit zu Ewigkeit/Raum/zum neuen Jerusalem wird.“ Das Foto ist von John Drop.

Ein Ausschnitt von Rita Dijkstras wunderbarer Arbeit ist auch im Titel zu sehen. Hier noch einmal komplett. Sie sagt dazu:  „Farbe und Form sind sehr wichtig in meiner Arbeit. Es ist immer eine Herausforderung, sich zu verbessern und neue Techniken auszuprobieren. Bei Überlegungen für ein Thema versuche ich immer, einen originellen Winkel zu finden und das bedeutet, dass ich manchmal viel Zeit damit verbringe, vorher zu recherchieren. Sobald die Idee da ist, arbeite ich lieber an einem Stück, bis der Quilt fertig ist.“

Francisca Henneman fertigt einzigartigen Schmuck mit Industriekautschuk und Silikon unter dem Label Difranci. In einem Video stellt sie ihre Objekte vor: https://youtu.be/QhYx9s4fXtk
Es sind überraschende Formen und Strukturen, die oft an Organismen aus der Tiefsee erinnern. Das Video wurde von Piet Dees von der Galerie „de Tuinkamer“ erstellt.

Hanneke van Broekhoven fertigt Skulpturen aus Textilien und Stahl. Ihre Arbeit ist arbeitsintensiv und sie fängt den Anfang gerne mit Dutzenden von Fotos ein, die sie in sozialen Medien teilt. In Hannekes Werk kommen scheinbare Widersprüche zusammen, wie Schönheit und Verfall, Hart und Weich, Lebenskraft und Verletzlichkeit, Schuld und Unschuld.

José van Loons Arbeit zeigt deutlich eine Faszination für Textilien. Sie arbeitet mit Filz- und Spitzenstoffen, die hauptsächlich aus Wolle, Seide und Nähgarn bestehen. Das Werk sieht sehr poetisch aus, hat aber eine tiefere Bedeutung, die zum Nachdenken bringt. Der Alltag ist ihr Ausgangspunkt in all seiner scheinbaren Einfachheit: die Erinnerungen, das Gefühl und die Verletzlichkeit des Augenblicks. Auch sie bietet ein Video: https://youtu.be/Gx3j2DgMxc0

Die Textilkünstlerin Mary Poppelier lebt und arbeitet in Rotterdam. Sie schafft Wandteppiche und textile Gemälde.  Die „Gemälde“ bestehen aus mehreren Stücken recycelter Textilien, die mit Nadel und Faden zusammengehalten werden. Alles ist Handarbeit aus recyceltem Material. Auch sie hat ein Video erstellt: https://youtu.be/XbTOta5tmF8
Ihre rosa Wasserlilie fiel mir sofort ins Auge.

Marian Kastelein sagte zu ihrer Arbeit: „Es begann mit einer Reihe von sphärischen Formen von Filz. Einige schienen „gescheitert“ zu sein. Gerade diese Misserfolge waren ein Schritt in Richtung einer neuen Entwicklung, die für mich mit der heutigen Zeit im Einklang steht; auf der Suche nach einem neuen „Normal“. Dies führte zu einer Reihe von „wackeligen Gleichgewichten“ und einer Reihe von Lichtobjekten. Ihr Video: https://youtu.be/6jt3CLThnww

Marjolein Burbank schafft Bilder in einer Vielzahl von Formen, von skulptural bis flach. Ihre  Materialien sind hauptsächlich Textilien und Papier. Auf ihrer Website sagte sie:
Ich habe immer gern mit der weichen Textur von Stoff gearbeitet. Ich lieb es, wie Stoff sich verändert, wenn ich ihn auseinander schneide und rekonstruiere. Fäden haben eine doppelte Aufgabe, sie halten das Material zusammen und fügen gleichzeitig reiche visuelle Details hinzu.
Das Video ohne Worte, in dem sie eine Briefmarke zu einem Kunstwerk gestaltet, ist unbedingt sehenswert: https://youtu.be/aj3RZPwtukY

Mariëlle van den Bergh erklärte: „In den letzten Jahren habe ich zunehmend mit Textilien und oft in Kombination mit Keramik gearbeitet. Ein gutes Beispiel dafür ist die große Installation Oernatuur (Primal Nature), die vor einem Jahr in der gleichnamigen Einzelausstellung im Museum Rijswijk zu sehen war.“  Die Künstlerin stellte mir freundlicherweise ausgezeichnete Bilder von ihrer riesigen Arbeit zur Verfügung.

Die Künstlerin Marijke Schurink arbeitete vier Jahre lang an dem Projekt, das von ‚1001 Women of Dutch History‘ inspiriert wurde. Ihre Serie „101 Women Decorated“ besteht nicht nur aus Ölgemälden aus dem 15. Jahrhundert von Jacoba von Bayern und Margarete von Österreich, sondern umfasst auch Schwarz-Weiß-Fotografien von Etty Hillesum, Ien van den Heuvel und eine Farbfotografie von Mathilde Willink aus den 1970er Jahren. Schurink druckte die Porträts aus dem Buch als Foto und bearbeitete sie mit collageähnlichen Techniken. Sie schnitt, bestickte, zerkratzte, flechtete oder fügte dem eigentlichen Bild ein Objekt hinzu. So schuf sie ein autonomes, neues Bild.

Marjan van Holthe bezeichnet sich selbst als kreative Allrounderin. Sie gehe ständig neue Wege. Zu Malerei und Textilarbeiten, vor allem Porträts, komme nun das Skulpturenweben hinzu. Hier ein Portrait aus einer ganzen Reihe von Arbeiten. Sie sagt dazu ihrer Website: „Wen siehst du, wenn du in den Spiegel schaust? In meinen Porträts halte ich Platz für das Unerwartete. Durch den freien Einsatz von Material und Technik ist noch Raum für Spontaneität. Wie im wirklichen Leben entstehen unerwartete Dinge. Diese Serie ist mit Tinte und Stickerei auf textilen Hintergründen hergestellt. Durchsetzt ist sie mit zusätzlichen Techniken wie Siebdruck, Cyanoprint oder Transfers.“

Zu guter Letzt noch ein Video, auf das während des Festivals hingewiesen wurde, dieses wird allerdings in englischer Sprache kommentiert. Ich kann nur empfehlen es anzusehen: ‚Entangled: Threads & Making‘ –  Female Artists and Relationships with Material – Turner Contemporary. Diese Ausstellung war vom 28. Januar 2017 bis 7. Mai 2017 in dem Kunstmuseum Turner Contemporary zu sehen, das im April 2011 in England eröffnet wurde.

Hier zum Herunterladen eine Liste der Websites der Textil-Künstlerinnen.