Reportagen

Bericht über die Ausstellung „Poesie des Nähens – Konflikt-Textilien“ in Freiburg

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Bis vor wenigen Jahren hatte ich von Arpilleras noch nie gehört. Eine Arpillera – das spanische Wort bedeutet Sackleinen – ist eine farbenfrohe Applikationsarbeit. Das ist keine alte Technik, sondern verglichen mit Weben oder Sticken relativ neu. Zum ersten Mal habe ich Arpilleras 2015 beim Markt der Kontinente im Dahlemer Museum gesehen. Die Arbeiten damals zeigten Szenen des täglichen Lebens in Peru. Der Ursprung der Arpilleras liegt aber in Chile.

Die Ausstellung „Poesie des Nähens“, die in der Volkshochschule in Freiburg zu sehen war, präsentierte Konflikt-Textilien, eben Arpilleras, aber auch genähte, gewebte und applizierte Arbeiten.

Die Arpillera „Frauen, die allein tanzen“ zeigt Frauen, die Chiles traditionellen Volkstanz Cueca aufführen. Der Tanz wird eigentlich von Paaren in bunten Gewändern getanzt. Hier tanzen die Frauen allein. Sie sind schwarz-weiß gekleidet und tragen Fotos der „verschwundenen“ Partner auf dem Herzen. Damit prangerten sie im öffentlichen Raum die Verbrechen der Regierung Pinochet an.

Das Nähen von Arpilleras wurde in Chile während der Militärdiktatur (1973-90) von Augusto Pinochet populär. Sie wurden in Workshops hergestellt, die von einem Komitee der chilenischen katholischen Kirche organisiert wurden. Die Arpilleras wurden dann über die Menschenrechtsgruppen der Kirche heimlich im Ausland verteilt. Das Nähen von Arpilleras war eine wichtige Einkommensquelle für die Frauen, von denen viele aufgrund der weit verbreiteten Arbeitslosigkeit und des Verschwindens ihrer Ehemänner und Kinder in großer finanzieller Not lebten.

Arpilleras werden in der Regel aus einfachen Materialien wie Sackleinen und Stoffresten genäht. Sie stellten meist politische Themen dar, die elenden Lebensbedingungen und die staatliche Repression. Diese Szenen dienten dazu, die Menschenrechtsverletzungen des Pinochet-Regimes anzuprangern. Als Reaktion darauf versuchte die chilenische Regierung, die zu bestrafen, die Arpilleras nähten. Aber auch, wer die Hestellung von Arpilleras unterstützte, wurde zur Zielscheibe des Regimes. Die zeitgenössischen Arpilleras zeigen jedoch weniger politische Themen als das idealisierte Landleben.

Mich beeindruckt, mit welch einfachen Mitteln in Arpilleras politische Botschaften vermittelt werden. Dieses Püppchen zum Beispiel ist eher simpel gefertigt und doch sehr ausdrucksstark.

In der Ankündigung der Ausstellung „Poesie des Nähens – Konflikt-Textilien“ in Freiburg war zu lesen: „Die Ausstellung zeigt eine Auswahl textiler Bilder aus verschiedenen Ländern, in denen Konflikte dargestellt und/oder verarbeitet werden. Je nach Herkunftsland und Situation sind die Werke in unterschiedlichen Techniken wie Arpilleras, Quilts und Wandteppichen gefertigt worden. Sowohl die gezeigten als auch noch viele weitere Werke sind im Archiv für Conflict Textiles an der Ulster University in Nordirland erfasst.“

Zwei Arbeiten aus Deutschland beziehen sich auf den Holocaust.
Heidi Drahota schrieb zu dem Wandbild mit dem Titel „Blutspur“, es stelle ganz eindeutig die Gleise dar, die sich über ganz Europa erstreckten und die Menschen unumkehrbar zu den Toten der Vernichtungslager brachten, hier stellvertretend dargestellt duch Auschwitz.
Die Arbeit „75 Jahre Befreiung von Auschwitz“ hat Heidi Drahota mit Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse des Gymnasiums des Montessori-Zentrums ANGELL in Freiburg hergestellt. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben dabei frei ihre Assoziationen zum Holocaust auf einzelnen Stoffquadraten umgesetzt.

Eine eher traditionelle Applikationsarbeit aus Nordirland trägt den Titel: „Wird es Mohnblumen, Gänseblümchen und Äpfel geben, wenn ich groß bin?“ Die Arbeit von Irene MacWilliam drückt ihre Sorge um ihre Enkel aus und benennt die Last der Verantwortung, die die Generation der Großeltern für den Klimawandel trägt.

Aus Peru stammt die Arpillera „Wer trägt die Auslandsschulden?“
Aus Kolumbien kommt die Arbeit mit dem Titel „Vertreibung“.  Sie wurde von 15 Frauen genäht, die ein Massaker in zwei kolumbianischen Gemeinden durch rechte paramilitärische Gruppen überlebten. Ziel war die Vertreibung der Bewohner.

Bedrückend ist für mich dieser Teppich, der von Weberinnen aus Belutschistan gefertigt wurde. Die Belutschen sind ein Volk, das im Grenzgebiet zwischen Afghanistan, Iran und Pakistan lebt. Der Teppich zeigt neben traditionellen Symbolen wie Wasserkannen und Lebensbäumen auch Panzer, Hubschrauber, Flugzeuge und Maschinengewehre. In einem Interview sagte der Teppichknüpfer Safer Ali: „Allgemein knüpfe ich alles, was ich im Krieg gesehen und erlebt habe.“

Englischen Ursprungs sind die beiden nächsten Arbeiten.
Janet Wilkinson und Susan Beck haben die Arpillera „Die Menschen bilden die Stadt“ 2011 im Rahmen eines Workshops genäht. Sie zeigt bekannte Gebäude von Liverpool und den Fluß Mersey. Aber, wie die Künstlerinnen betonen: „Es sind die Menschen, die in der Stadt leben, die die Stadt bilden und in ihrem Herzen sind.“ Püppchen aller Haut- und Haarfarben mit unterschiedlichen Kleidern und Gewändern wurden wie in Arpilleras üblich auf der Arbeit befestigt.
In „Unsere Dame der Worte“ stellt Linda Adams das Leben der chilenischen Dichterin Gebriela Mistral dar, die 1945 als erste weibliche Dichtern Lateinamerikas den Nobelpreis für Literatur gewann.

Aus Nigera und Zimbabwe stammen die beiden nächsten Arbeiten.
Der Afrika-Quilt von Roland Agbage aus Nigeria und Polly Eaton aus Großbritannien soll den verheerenden Einfluss der Ausbeutung natürlicher Ressourcen des afrikanischen Kontinents auf seine Menschen und seine Natur zeigen. So wurden z.B. die Kriege in Sierra Leone mit Diamantengeld angeheizt und im Osten des Kongo sind die Profite aus der Plünderung der Rohstoffe ein Hauptauslöser für die anhaltenden kriegerischen Konflikte.

„Waiting for Food“ heißt diese Arbeit von Martha Moyo aus Zimbabwe. Sie will uns ihre Welt zeigen, in der hungernde Menschen im ländlichen Simbabwe auf Essen des World Food Programms warten. Sie hoffen daruf, Orangen, Brot und Bananen zu bekommen.

Diese Installation bettet Stickquadrate, die von Mädchen in Afghanistan genäht wurden, in einen Rahmen ein, der von 11- und 12-jährigen Mädchen der Hauptschule Kiderlinstraße in Fürth genäht wurde. Bei diesem Projekt unter der Leitung der Textilkünstlerin Heidi Drahota  konnte in der Klasse Toleranz geübt werden und über unterschiedliche kulturelle Herkunft gesprochen werden. Außerdem wurden durch den Verkauf weiterer Stickquadrate Bildungsprojekte in Afghanistan unterstützt.

Sowohl diese als auch viele weitere Werke sind im Archiv für Conflict Textiles an der Ulster University in Nordirland erfasst. Weitere Informationen finden sie hier:
www.cain.ulster.ac.uk/conflicttextiles