Reportagen

Bericht über die Ausstellung „Talents“ in Straßburg

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Die gut besuchte Stickereikunst-Ausstellung „Talents“ in Straßburg empfing mich mit kunsthandwerklich gefertiger Schokolade rechts neben dem Eingang zur Salle de la Bourse. Auf der linken Seite gab es feine Törtchen und in der Mitte über dem Eingang zum Ausstellungsraum hingen lange glänzende Seidenstränge.

Schon am ersten Stand wunderte ich mich über den stickenden Mann und musste mir sagen lassen, dass in Frankreich viele Männer sticken, ja, dass im 18. Jahrhundert das Sticken eine reine Männersache war. Die Sticker waren in einer Gilde zusammengeschlossen. Hier arbeitet zum Beispiel Jean Luc Neth an einer Goldborte für eine Haube, wie sie im Elsaß zur Tracht getragen wird.  Die goldenen Fäden werden über der Papiervorlage verschlungen. Rechts neben der Arbeit liegt eine Haube mit einer solchen Borte.

An der Wand seines Standes hing auch ein Schultertuch mit prachtvoller farbiger Blumenstickerei.

Manon Colaiacovo arbeitete am Stickrahmen mit vielen Perlen, schwarz auf Schwarz. Sie hat einen französischen CAP-Abschluss in Stickereikunst erworben und dann zwei Jahre lang eine Lehre in den Ateliers Lesage gemacht. Dadurch konnte sie das nötige Know-how für das Sticken für die Haute-Couture erwerben. Heute stickt sie sowohl mit der Nadel als auch dem Luneville-Haken außergewöhnlichen Schmuck und Bilder.

Ise Cellier ist eine alte Bekannte, ich habe sie im Oktober 2014 für diese Seiten interviewt. Das Interview können Sie hier nachlesen. Umso mehr freute mich, eine Ausstellung mit ihren Arbeiten zu sehen. Sie sagte mir damals, sie erzähle gern Geschichten, ohne ein Wort zu sagen. Diese beiden Arbeiten heißen „Korb“ und „Flüchtlinge“.

Marie Pouchot ist usprünglich Malerin und „diversifizierte“ ihre künstlerischen Ambitionen nach dem Studium der Ethnologie. Sie zeigte unter anderem eine Arbeit aus ihrem Projekt „Kimonoshima“. Der Ursprung des Projekts ist das Bedürfnis, das Erdbeben und den Tsunami 2011 in Japan zu reflektieren.

Die schönen Boutis-Arbeiten hat ein  weiterer Mann gestickt: Hubert Valeri. Während der Veranstaltung wurden auch Kurse in dieser Technik gegeben. Am Stand konnte man Vorlagen kaufen.

Sylvie Lezziero stickte Zartes weiß auf weiß am Stickrahmen. Diese Form der Stickerei heißt „Broderie de Touraine“. Die Hauben der Damen im Loire-Tal wurden auf diese Weise verziert.

Stolz zeigte sie mir ihre Medaille, die sie als beste Kunsthandwerkerin Frankreichs (Meilleur Ouvrier de France) auszeichnet.

Isabelle Thelen verwendet als Ausgangsmaterial für ihre Kreationen Textilien, vor allem alte Laken, in denen sie nach allen möglichen Spuren sucht. Sie mischt, wie sie selber sagt, die Textur der Stoffe mit der Poesie der Worte. Hier zwei schöne Beispiele. Auf dem Bild rechts steht aufgestickt: „Alors la mer vint la chercher – 55 degrées de latitude Nord et 35 de longitude Ouest“ (Dann holte sie das Meer – 55 Grad nördliche Breite und 35 Grad westliche Länge). Auf dem Bild links steht gestickt: „Il pestera la mer“ (Er wird das Meer verpesten).

Wie kleine Mandalas wirkten die Quadrate in Schwarzstickerei von Bernadette Baldelli auf mich. Sie sagte mir, sie habe sich von Henna-Tattoos inspirieren lassen.

Caroline Gamb präsentierte neben gerahmten Stickereien mit Goldfäden auch diese zwei Skulpturen. Links eine sogenannte Mördermuschel, von der es fälschlicherweise heißt, sie halte unvorsichtige Taucher fest. Ich habe selbst schon beim Schnorcheln solche Muscheln und ihre unglaublich intensiven Farben bewundern können. Rechts ein Lotusgarten.

Filetstickerei zeigte Christine Gatelier an ihrem Stand. Sie war selbst gerade dabei, ein  Netz mit einem Schiffchen zu knüpfen. In die Maschen dieses Netzes wurden dann die Muster eingestickt. Die Technik ist uralt. Der Krieg von 1914 bis 1918 war die Ursache für den ersten Rückgang der bestickten Netze, da Frauen die im Krieg mobilisierten Männer ersetzen mussten. Der 2. Weltkrieg und die darauf folgende Zeit gaben dieser Stickerei beinahe den Todesstoß. Heute bemühen sich Vereine wie „L’Arbre aux Fouletots“ um die Sammlung, Förderung und Entwicklung dieser Kunst.

Wer mich kennt, weiß, dass mich diese Arbeiten begeistert haben: alles in Rot! Christine Fayon schafft Kompositionen aus einer Vielzahl verschlungener Elemente und inszeniert Stoffe und Objekte mit Geschichte. Von ihren Reise nach Indien, Mittelamerika und Asien hat sie Extravagantes in Fülle zurückgebracht und zu diesen Bildern geformt.

Goldstickereien mit Perlen habe ich von Carole Magne fotografiert. Sie ist ausgebildete Meisterin der Stickerei und bietet Kurse und Praktika in den unterschiedlichsten Stickereitechniken in Paris an.

Und hier noch ein stickender Mann und ein sehr charmanter dazu: Dimitri Vontzos. Sein Werk links muss man genau betrachten. Unter den Löchern der farbigen ersten Schicht erkennt man eine weietre Schicht mit Linien. Ein wunderbares intensives Blau haben die kleinen Quadrate rechts. Seine Stickereien seien ein Spiegelbild seiner mediterranen Kultur, verwoben zwischen der traumhaften und der visuellen Welt. Die Komposition seiner Bilder sei gebildet durch eine markante Struktur aus Linien, die sich im Raum verflechten und aus denen sich die Formen durch das Spiel des Lichts, die Textur und die Farben ergeben.

Die Arbeiten von Cécile Meraglia haben mich begeistert. Sie sagt auf ihrer Website von sich: „Meine Kreationen sind oft das Ergebnis von Begegnungen, Recherchen, Entdeckungen. Meine Arbeit wird spontan mit Sorgfalt und ohne Raffinesse ausgeführt. Ich spiele mit Techniken, Materialien, Texturen, Formen, Farben nach meiner Vorstellung und der Stimmung des Augenblicks.“

Claudie Duperrier ist eine junge Stickerin und Textildesignerin. Nach einer Modeausbildung, einem Kunstgewerbe-Diplom und praktischen Erfahrungen in Werkstätten entschied sie sich für die Gründung ihrer eigenen Stickereimarke: Clare. Mit ihrer Arbeit als Designerin will sie zeigen, dass die Stickerei immense kreative Möglichkeiten bietet. Sie arbeitet mit recycelten Materialien und stickt sie zu schönen Gemälden. Dabei lässt sie sich von den Materialien leiten.

Bei den Arbeiten von Julie Sarloutte war ich erst völlig auf der falschen Fährte. Ich dachte, diese gestickten Gemälde seien mit feinsten Fäden ausgeführt. Aber weit gefehlt, wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sie ganz dicken Faden verwendet und damit die erstaunlichsten Effekte erzielt.

Véronique Coiffard liebt es, mehrere Techniken zu kombinieren und mit Überlagerung und Kontrast zu spielen.  Sie häkelt Perlenspitze, nutzt altes gelacktes und geflochtenes Stroh, Makrameeknoten auf Leder, Rocaille-Perlen, facettierte Perlen, Cuvetten und kleine Strass-Steine. Auf der Ausstellung trug sie ein besonders schönes Collier.

Diese Halsketten fand ich besonders schön! Virginie Dumas schafft sie aus feinsten Perlen. Sie stammt aus dem Stadtvietel „Canuts“ in Lyon, dem Viertel der Seidenweber. 2011 gründete sie das Unternehmen PerlonZ’en mit dem Ziel, das Know-how und die Leidenschaft für das Handwerk weiterzugeben. Es geht um Perlenkreationen, Kunststickerei, Perlenstickerei, Schmuck. Perlenweberei existiert seit Jahrtausenden, sagt sie auf ihrer Website.

Gegen Ende meines Rundgangs traf ich auf diesen jungen Mann: Mathias Ouvrard. Seinen Pullover hat er selbst mit Goldfaden bestickt und er lässt sich auch gern fotografieren. Er stammt aus Quimper in der Bretagne und begann mit 14 Jahren zu sticken. Seine Großmutter zeigte ihm Teile von alten Trachten aus der Familie und weckte so sein Interesse  an Trachten und Stickereien. Er hat eine atemberaubende Karriere gemacht. So arbeitete er im Jahr 2012  mit an der Herbst/Winter-Kollektion des Studios Alexander McQueen.

Zum Abschluss noch ein stickender Mann. Er heißt Joop, erfuhr ich und ist einer der Ehrenamtlichen, die an der Ausstellung mitgewirkt haben. Er bestickt eine Schürze, die zu einer Tracht gehört.