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Bericht über die Online- Ausstellung: Fashion at Versailles

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Die 1755 geborene Marie-Antoinette war seit 1774 an der Seite ihres Mannes, König Louis XVI., zur Königin von Frankreich geworden und galt schon zu Lebzeiten als Stilikone einer selbstvergessenen Gesellschaft von Schäferin spielenden Fürstinnen. Wirkungsmächtig prägte sie ihre Zeit, was auf den zahlreichen erhaltenen Gemälden, Zeichnungen und Stichen erkennbar ist, während ihre Garderobe fast vollständig in den Wirren der Französischen Revolution verloren ging. Geboren als Erzherzogin Maria Antonia Josepha Johanna war sie das fünfzehnte Kind der Kaiserin Maria Theresia. Im Jahre 1770 kam sie im Alter von vierzehneinhalb Jahren als Braut des Thronfolgers an den französischen Hof und verwandelte sich in die französische Dauphine Marie Antoinette. Ihre Jugend, Schönheit, ihre Freude an Luxus und gutem Geschmack ließen sie zur geborenen Modeikone ihrer Epoche werden. Sie verfolgte das modische Geschehen in Paris und ließ sich vom Zeitgeschmack inspirieren bis sie selbst den Modegeschmack ihrer Zeit bestimme.

Auf bis heute faszinierende Weise verkörperte Marie-Antoinette als Königin und Frau in ihrer Mode, der Möblierung ihrer Refugien und in ihrer Gartengestaltung den Epochenumbruch vom Rokoko in etwas Neues. Zierlich, graziös, kultiviert war ihr Geschmack, der sich im Intimen, Zurückgezogenen entfaltete und trotz aller beißenden Kritik nachgeahmt und bewundert wurde. Sie versuchte Hof, Zeremoniell und Etikette zu entfliehen, konnte letztlich jedoch nicht der Realität des radikalen Umbruchs entfliehen.

Ihre Gegner warfen ihr vor, sie hätte für ihre extravagante Garderobe, ihre stillvoll eingerichteten Landhäuser und Gärten so viel Geld verschwendet, dass der französische Staat zusammengebrochen sei. Den Revolutionären galt „Madame Defizit “ebenso wie manchem nachgeborenen Betrachter als Zerstörerin der Königsherrschaft. Wie erstaunlich, einer modisch interessierten Königin eine solche weltpolitische Bedeutung zuzuerkennen? In Versailles bewahrte das liebevoll sanierte Schlösschens Petit Trianon und das nahe gelegene Hameau de La Reine den von Blumendekorationen geprägten Stil der Königin. Beinahe sieht es so aus, als sei die Königin auf einem Spaziergang und könnte jeden Augenblick zurückkehren.

Was in den 1780er Jahren am Hof von Versailles als chic galt, regte im 21. Jahrhundert eine Reihe von Designern zu extravaganten Kreationen an. Derzeit lässt sich in einer virtuellen Ausstellung des Schlosses von Versailles online erkunden, was die Königin und ihre hochadeligen Zeitgenossinnen am Hof zu Empfängen, Festen oder bei Spaziergängen im Garten, auf der Jagd und im Salon trugen oder wie sie sich malen ließen. Unter dem Titel Fashion at Versailles: „For Her“ können die virtuellen Besucher*innen die von Künstler*innen wie der Malerin Élisabeth Louise Vigée-Lebrun festgehaltenen Modeträume der Königin bewundern. Zahlreiche Exponate wie Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, eine Büste von Marie Antoinette und das Abbild der legendären Halskette, die die Königin begehrte und die schließlich die „Halsbandaffäre“ auslösen sollte, werden gezeigt. Dazu werden inhaltsreiche Kommentare in englischer Sprache eingeblendet, sodass in drei Kapiteln das modische Geschehen der Zeit farbenfroh und historisch-kritisch nachgezeichnet wird.

Das 1. Kapitel fungiert als Einführung und bietet einen Überblick über die führenden Modetrends der Zeit. Im 2. Kapitel werden die Garderoben bei Hofe zu den unterschiedlichen Anlässen präsentiert, gefolgt vom 3. Kapitel, das Innovationen und Neuheiten, wie die orientalischen oder englischen Modeeinflüsse dokumentiert. Anhand der ausgewählten Exponate zeigt sich, wie Mode im Prozess des tiefgreifenden Gesellschaftswandels, der diese Epoche erfasste, als ein wichtiger Indikator funktionierte.

Das erste Porträt der Königin zeigt gleich eines der berühmtesten Gemälde von ihr. Es ist das zweite Gemälde, das Élisabeth Louise Vigée-Lebrun 1783 von der Königin für die Präsentation in der Öffentlichkeit anfertigte. Bekannt geworden unter dem Titel „La reine en robe de Gaulle“ entstand zunächst ein erstes Gemälde, das die Königin in weißen Musselin gehüllt mit blauer Schärpe und Strohhut zeigte. Bei der Ausstellung im Louvre provozierte es einen Skandal, sodass es entfernt werden musste. Zugleich regte die von der Königin gepflegte Mode pastoraler Einfachheit unter dem Namen „chemise à la reine“ zur Nachahmung an.

Wer sich dafür interessiert, was die Herren bei Hofe oder unterwegs trugen, sei verwiesen auf den zweiten Teil der virtuellen Ausstellung unter dem Titel: „Fashion at Versailles: „‘For Him‘

Link: http://en.chateauversailles.fr/discover/resources/virtual-exhibitions#fashion-at-versailles

Literaturtipps:
Benedetta Craveri, Marie Antoinette und die Halsbandaffäre, Berlin 2015.
Kimberly Chrisman-Campbell, Fashion Victims. Dress at the Court of Louis XVI. and Marie Antoinette, New Haven and London 2015
Caroline Weber, Queen of Fashion: What Marie Antoinette Wore to the Revolution, New York 2006.
Lydia Edwards, How to Read a Dress. A Guide to Changing Fashion from the 16th to the 20th Century, London 2017.

Unter den Buchbesprechungen finden Sie eine ausführliche Vorstellung des Buches „Fürstinnen im Grünen – Spaziergänge durch Schlossgärten„, das ganz hervorragend zu der Online-Ausstellung passt.

Das Bild im Titel zeigt einen Ausschnitt aus: J.-B.-A. Gautier-Dagoty: Marie-Antoinette spielt die Harfe in ihrem Salon, 1777 (Schloss Versailles)