Reportagen

Bericht über einen Besuch im Modemuseum Schloss Meyenburg

Modemuseum Schloss Meyenburg

Paris, London, New York, Berlin – Fashion Shows, Modezirkus, Glamour. Das ist nicht neu, aber jedes Jahr wieder das Neueste. Wer Mode macht, kreiert und trägt, wer Mode liebt und ihrer Regierung folgt, wird bejubelt oder belacht. Dazwischen gibt es nicht viel. Sie umwirbt, sie schmeichelt, sie verführt. Ob Frau oder Mann es will, in den Bann der Mode gerät jeder. Mode allein ist der Maßstab von modern oder antiquiert, chic, schön oder out of Fashion. Was schön ist, mag dabei immer etwas variieren und sich durch modische Ergänzungen ins rechte Licht setzen. Ein Gedanke, der sich bis in unsere heutige Zeit der individuellen Optimierung fortsetzt. Die Kombination von Schönheit und Mode bereitet die Bühne, auf der der Einzelne agiert und sich ebenso Politik, Kunst und Wissenschaft einer Epoche spiegeln. Geschichte wird lesbar anhand von Brokat, seidenen Stümpfen, gefärbter Baumwolle.

Historische Stoffe verraten viel über menschliches Zusammenleben. Was in der Vergangenheit geschaffen wurde, beeinflusst uns bis heute, formte unseren Sinn für Schönheit und begleitet uns mit Ritualen und Traditionen durchs Leben. Dabei wirkte Mode als Barometer des wirtschaftlichen wie sozialen Wandels und spiegelt zugleich Verhaltensweisen, Ideen und Kultur der Menschen. Marie von Ebner-Eschenbach hat das pointiert formuliert, als sie meinte: „Man darf anders denken als seine Zeit, aber man darf sich nicht anders kleiden.“
So erscheint das Betreten des auf drei Etagen eines Neorenaissanceschlosses präsentierten Modemuseums als eine Reise in die Vergangenheit. Josefine Edle von Krepl hätte für ihre Sammlung von Kleidern und Accessoires keinen passenderen Ort als diesen im brandenburgischen Meyenburg finden können. Elegant, stilvoll restauriert, geschichtsträchtig als einstiger Besitz der Adelsfamilie von Rohr, der im Übrigen auch Mathilde von Rohr angehörte, die eine vertraute Freundin von Theodor Fontane war. Lange hatte Josefine Edle von Krepl nach einem solchen Ort gesucht, um ihre Sammlung von mehr als 1000 Kleidern angemessen zu präsentieren. Ihre Sammelleidenschaft begann, als der Dreizehnjährigen von ihrer Großmutter Hedwig Pflug ein schwarzes Seidenkleid geschenkt wurde, das diese in ihrer Wiener Zeit in den 1930er Jahren getragen hatte. Hierzu kam das raffiniert geraffte Brautkleid ihrer Mutter aus Wien. Beide Kleider bestimmten zugleich stilistisch wie historisch die Idee, die der Sammlung fortan zu Grunde liegen sollte: der künstlerische Wert eines Kleidungsstückes und dessen Geschichte, die mit der Trägerin auf unlösbare Weise verknüpft ist. Somit sammelte die studierte Modedesignerin und Journalistin nicht allein kunstvolle Objekte der Handwerks- und Textilkunst, sondern ebenso Geschichten von Menschen, manchmal fassbar, manchmal verwoben, verweht, aber durch das Kleidungstück doch auch noch nicht gänzlich vergessen.
Dieses Prinzip der Wahrnehmung von Mode als einem flüchtigen Moment, der Sehnsüchte, Träume, Ängste und reale Bedingtheiten der menschlichen Existenz miteinschließt, folgt das Gestaltungskonzept des seit 2006 gezeigten Modemuseums. Wobei nur ein etwa 350 Kleidungsstücke umfassender Teil der gesamten Sammlung aus dem Zeitraum zwischen 1900 bis in die 1970er Jahre zu sehen ist.

Die Zeitreise beginnt im Kellergeschoss mit Kleidern aus der Zeit um 1900, wobei einzelne Exponate durchaus schon ein paar Jahre älter sein können, wie das Paar Hochzeitsschuhe mit geschwungenem Absatz und seitlicher Knopfreihe aus Ziegenleder und Stickerei mit Metallgarn und Stahlperlen. Manchem Stück sieht man die Nähe zu den aufwendig hergestellten Trachten auf den ersten Blick an, wie dem Kirchgangcape mit dem überaus dekorativen Kragen aus Kunstseide mit gesticktem Blumendekor (Bückeburger Tracht). Dieses Hinabsteigen in das Untergeschoss gestaltet sich für die Besucherinnen und Besucher in der Tat als ein Eintreten in eine vergangene Welt. Dezent erfüllen Melodien der Jahrhundertwende den langgestreckten Raum, die unmittelbar die Assoziation der Wiener Opernbälle herausbeschwören. Damenroben des Fin de Siècle mit Rüschen, Spitzen, dazu Hüte und Capes, Fächer und perlenbestickte Handtäschchen. Zwischen all den Kleidern hat die Modeenthusiastin Porzellan, Gläser und andere Alltagsgegenstände drapiert. An den Wänden und in der Mitte befinden sich gläserne Vitrinen, in denen elegant arrangierte Kleider zu sehen sind. Deutlich ist zu erkennen, wie die Sammlerin ihre Stücke sorgfältig ausgewählt und liebevoll all die Handtäschchen, Ketten, Broschen, Sonnenschirme, Stühle, Koffer oder Fotos hinzugefügt hat, die einst benutzt und geschätzt wurden. Vor dem inneren Auge spielen sich Szenen von gesellschaftlichen Zusammenkünften, dem Treffen zweier Freundinnen in einem Gartencafé oder flanierenden Grazien auf einem Boulevard ab. Das hat mal Menschen gekleidet und erfreut, Neid erzeugt oder zum Nachschneidern angeregt, schmückte am Beginn einer glücklichen oder einer tragisch verlaufenden Ehe seine Trägerin.

Unauffällig im unteren Außenbereich der Vitrinen ordnen Zahlen die jeweiligen Exponate, denen auf Augenhöre auf den Glasvitrinen die entsprechenden Informationen zur Entstehungszeit und Material sowie die mit den verschiedenen Kleidern verbunden Geschichten zu entnehmen sind. Immer wieder befinden sich auch Tafeln zwischen den Vitrinen, die historische Informationen zur jeweiligen Zeit und zur Entwicklung der Mode bieten. Manche Kleider werden einzeln in einer Vitrine gezeigt, sodass die Schönheit und Handwerkskunst von allen Seiten bewundert werden kann. Berührend sind besonders die Geschichten einzelner Stücke, die durch glückliche Umstände zusammen mit dem Kleid durch Josefine Edle von Krepl vor dem Vergessen gerettet werden konnten. Wie die jenes Hochzeitskleides aus feinem Baumwolltüll mit Perlenstickerei, welches eine junge Frau 1917 in Hannover mit einem gelben Unterrock zu ihrer Verlobung trug. Mit Weiß wollte sie es zu ihrer Hochzeit tragen, wozu es jedoch niemals kam, da ihr Verlobter nicht aus dem Weltkrieg zurückgekehrt war.
Immer tiefer schreiten die Besucher durch das langgestreckte Kellergewölbe hindurch, die Melodien wechseln, der Rhythmus wird flotter, die Kleider kürzer, voller Pailletten, kostbaren Stickereien und mit den Wilden Zwanzigern nähern sich Frau und Mann der eigenen Zeitepoche. Nicht allein durch die Tatsache, dass vor allem Frau das eine oder andere Perlenbestickte Tanzkleid heute durchaus mit Charme tragen könnte. Auch Familienerinnerungen können herausbeschworen werden. Ähnelt das eine oder andere Kleid nicht dem, das die eigene Großmutter auf ihrem Hochzeitsfoto trägt, das daheim in einer der alten Zigarrenschachteln ruht? Wo wird ihr Kleid geblieben sein? Manche Besucherin mag wohl zu Hause auf die Suche in Körben und Kisten gehen.

Vom Keller geht es in die erste Etage, wo im Museumscafé Sammeltassen auf den vielgestaltigen Tischchen stehen. Auch hier finden sich allerlei Accessoires. Weiter geht es in die zweite Etage, wo im einstigen Saal zu unterschiedlichen Zeiten Sonderausstellungen gezeigt werden. Derzeit begrüßt einen geradezu ein Reigen farbintensiver Kittelschürzen, die ohne Zweifel bei nahezu allen Betrachtern Erinnerungen wachrufen werden – welcher Art diese auch sein mögen.
Ist der Saal durchquert, beginnt eine Folge von Räumen, in den nun teilweise offen oder in Vitrinen Kleider, Accessoires sowie vielerlei Möbel und Alltagsgegenstände von den 1930er bis in die 1970er Jahren zu erleben sind. Natürlich wird die Präsentation wieder von den passenden Musikstücken begleitet, die das Betrachten und zunehmend das Erinnern zu einem vergnüglichen Erlebnis werden lassen. Wer sich für das Detail interessiert, wird durch die Dichte und die unmittelbare räumliche Nähe der Kleider, die ein halbes Jahrhundert Leben dokumentieren, die Bedeutungsveränderung von Kleidung registrieren. Was einst mühevoll hergestellt wurde, durch raffinierte Handwerkskunst kostbar und langlebig war, erlebt durch Kunstfasern, industriellen Technologien und dem Bedürfnis, einen Massengeschmack zu bedienen, einen Wandel, der sowohl die Mode wie das Körpererleben des Individuums nachhaltig prägt. Dass das Interesse der Sammlerin sich nur bis in die 1970er erstreckte, kann die Betrachterin, deren Kindheit in diese Zeit der Schlaghosen und Rüschenhemden fällt, leicht nachvollziehen. Denn was Josefine Edle von Krepl hier einem interessierten Publikum präsentiert, ist nicht von Nostalgie erfüllt, sondern lässt die hohe Wertschätzung gegenüber Materialen und ihren Herstellungsverfahren ebenso wie der Kunst, dem Handwerk und der Kreativität von Menschen als Erzeugern und Trägern von Kleidung erkennen. Auf diese Art mag der Besuch des Modemuseums durchaus inspirierend wirken, sich fantasievoller, sorgfältiger, witziger zu kleiden oder sich mit Textiltechniken zu beschäftigen, vielleicht nähen oder sticken zu lernen oder einfach mehr Freude an der Schönheit des Textilen im Alltag zu gewinnen. Schließlich heißt es in einer persischen Weisheit: „Die Außenseite eines Menschen ist das Titelblatt seines Inneren.“

Literatur:
Modemuseum Schloss Meyenburg. Damenmode des 20. Jahrhunderts. Sammlung Josefine Edle von Krepl, Meyenburg 2011.

Modemuseum
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Schloss 1
16945 Meyenburg
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